Freitag, 20. Juli 2012

50 Shades of Grey

Ja, ich hab es endlich getan, bin fertig, mit dem Buch, den Nerven und wie mir mein Freund prophezeit hat, werde ich heute abend mit einer Reitgerte im Maul auf allen Vieren an seiner Haustüre kratzen und um Bestrafung bitten :D


Doch erst ein Vorwort: Die beste Musik für dies Rezesion ist Jonas Myrins "Day of the battle" Sat1 hat ja schon immer ein Händchen für gute Trailermusik gehabt, aus deren Künstlern leider nix wird, obwohl sie gut sind (Sven van Thom!), aber diesen Song fand ich sogar so schön (zumindest in der Werbung), dass ich ihn mir sogar (völlig überteuert, aber naja) legal runtergeladen hab! Ich finde, der Song passt gut, weil er am Anfang dieses verspielte Pfeifen hat, denn im ganzen Buch geht es um Spielen - Ana spielt mit Chris, obwohl Chris mit Ana spielen will. Dazwischen Jonas' kräftige Stimme, die todernst vom Kampf singt, den die beiden mit jedem Wort fechten. Und schlussendlich die flehende Bridge (I'll cover you/you cover me/through this fire storm/I'll fight for you/you fight for me/we'll keep marching on), die ich bei Wolf Gang schon so geliebt hab, eine Prophezeiung, die sich vorläufig nicht erfüllen wird.

Zum Buch:

Ich hab auf amazon gelesen, dass manche das Buch an einem Tag gelesen haben - das kann ich bei Harry Potter - große Schrift, kindgerechte Handlung, wenig, über das man nachdenken muss - aber nich bei diesem Buch; ich hab dafür ne Woche gebraucht und auch wenn ich manchmal am liebsten den ganzen Tag gelesen hätte,war es besser so - denn irgendwann geht einem die Ich-Perspektive, die ich bei Tweileid so verabscheut habe - auf den Keks, das ewige Geschwanke, die Beobachtungen seines Blickes usw. Und gerade am Ende hab ich manches einfach überlesen. Einerseits, weil ich kurz vor Schluss immer wissen will, wie es ausgeht :D Aber auch, wenn es nervt, dass sich jeder Orgasmus gleich anfühlt - es pocht, es zieht, sie wird überflutet usw. Lässt sich vlt. bei ca. 15 Sexszenen nich vermeiden, aber genau darin liegt die Schwäche: sie vögeln. Sie vögeln überall, er ist immer total horny, blablalba. An sich nich schlimm - aber für Ana ist jeder Sex ein Hochgenuss, Mondlandung, Atombombe, Geburtstag-Weihnachten-Ostenhase-und-Sylvester zusammen! Jeder verfickte Fick muss in allen Einzelheiten beschrieben und gelobt werden!

Die Figuren an sich sind gut: auch wenn Chris Grey mit seinen roten Haaren nich meinem Schönheitsideal entspricht - und allein schon die Idee mit dem Verlagschef, der ihm rein zufällig extrem ähnlich sieht, ist billig - hat er ne Menge Chrisma. Ja, ich möchte mit ihm Kaffee trinken gehen, ich möchte sein animalisches Wesen spüren, er ist - leider - der ideale Chara für so eine Geschichte. Ja, ich möchte auch mal auf einem Flügel, einem Schreibtisch und in einer Gartenlaube flachgelegt werden, von der Dusche ganz zu schweigen (aber nich so wie im Buch), ich will einen Kerl, der jederzeit bereit ist, mich genial geistreich zu verführen, der sich Mühe gibt. Ich glaube, das bewundern wir am meisten an ihm: er ist, auch wenn er nur fickt, niemals ein Kerl, der nur vögelt, für ihn ist jeder Akt ein Erlebnis, er ist kein sperma-abspritzender Routinier, sondern ein Mann mit Hang zum Außergewöhlichen - und sei es nur Blümchensex.

Und gleichzeitig ist er ein Gentleman, dem das Wohlergehen seiner Partnerin über alles geht - und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: man nimmt ihm seine grimmigen Blicke, seine Wut nicht ab. Er scheint immer nur zu spielen. Ähnlich wie Edward Cullen wirkt er wie ein trotziges Kind, das seine Grenze austestet und bei dem die Heldin triumphieren kann, wenn sie ihn scheinbar aus der Fassung bringt.

Ana Steele (ich finde, Ana sollte man mit Doppel-N schreiben, auch wenn es nur ne Abkürzung ist) ist nicht das kleine, unschuldige Mädchen, das ich erwartet habe, sondern ein Mensch, der sich seines geringen Selbstbewusstseins bewusst ist und immer versucht, es hinter Trotz zu verstecken. Hat für LeserINNEN den Vorteil, das wir uns super mit ihr identifizieren können: sie lässt sich nix sagen, selbst wenn es gefährlich wird, geht sie keinen Schritt zurück und oft auch einen zu weit. Worin leider ihre Persönlichkeit untergeht - wir wissen fast nix über sie, außer, dass sie total, echt, total, wirklich, total, unübersehbar, total, überhaupt nicht, total auf Chris Grey steht. Sie mag Literatur und bestimmte Autoren, sie hat keine festliche Kleidung im Schrank, mag blau, ist relativ dünn und hat blaue Augen. Ihr fehlt einfach viel.

Alles andere sind Nebenfiguren; wichtig sind immer Mütter - die von Chris erinnert stark an Edwards Mutter, genauso wie Anas Mum an Bellas erinnert, mit ihrem alternativen Wesen. Und netterweise  taucht der Satz 'Sie können mich beim Vornamen nennen!' verdächtig oft auf...

Was die Gestaltung betrifft, ist es gekonnt: das Spiel, das Chris und Ana spielen, wie sie sich duzen und siezen, sich Mails schicken usw. ist elegant und nich aufdringlich. Sie wirken auch gut, es fließt einfach, weniges, was nicht passt.

Leider fehlt mir der Humor - es gab eine Szene, bei der ich lachen musste, ansonsten war es... gut zu lesen, aber weder sprachgewandt, noch lustig. Es gibt keine besonderen Wortspiele, Metaphern, süffisanten Kommentare außerhalb von Dialogen und selbst diese sind so im Geflecht der Faszination eingebunden, dass mir nich zum Lachen zumute war.

Ansonsten war es sprachlich wirklich gut: auch wenn sich inhaltlich oft wiederholt, wie toll Chris ist, sprachlich eher nicht; man merkt, dass da jd. schreiben bzw. übersetzen kann und zwischenzeitlich dachte ich mir: Hätte Miss James Tweileid geschrieben, wäre daraus vlt. wirklich mehr als ein Bestseller geworden.... Es flließt gut und... es ist einfach gut.

Und nun der Höhepunkt *keuch* *stöhn* *schrei* - die Sexszenen!!! Ehrlich gesagt, ich hatte mehr erwartet. Mich stört weniger die Tatsache, dass es dauert, bis es zum ersten Akt kommt, bis dahin war es sehr unterhaltsam. Aber sie beobachtet nur. Ana beobachtet nur sich selbst und Chris - ob beim ersten oder beim letzten Akt. Ich hatte erwartet, dass man als Jungfrau, die noch keine Erfahrung mit ihrem Körper hat, über vieles verwundert ist, aber sie nimmt das ganz cool hin. Ich hab bei keiner Szene wirklich mitgekeucht oder gelitten, weil ich die Charaktere zu gut kannte; wenn man Protagonisten nur kurz kennt, überflutet einen der Rausch dessen, was sie tun - aber hier hat man permanent im Hinterkopf, was es bedeutet, dass da Chris und Ana agieren, es wird einfach zuviel nachgedacht.

Fast schmerzlich hat mir das die Duschszene klar gemacht - ich mag sowas, der Kontrast aus Nässe und Verletzlichkeit der Nacktheit, das intime Zusammensein auf kleinem Raum; und ich hab auch schonmal ne gute Szene gelesen - aber diese hier war seelenlos - sie vögeln und denken, weil es ein zum x-ten Mal wiederholtes Machtspiel ist; es geht nich um den Akt selbst, es geht nich um den Genuss, sondern um den Inhalt, den er ausdrückt - wer vertraut wem, wer hat die Oberhand. Das kann grundsätzlich spannend sein - wenn man das Denken im Leser überlässt.

Und ich fand die Prügelszenen nich anregend, ich war zu fokussiert auf die Charaktere.

Was ich noch anmerken wollte: das Cover ist ne nette Idee, für die ersten Seiten kann man es auch als Lesezeichen verwenden, aber ich mag die Struktur nicht; am Anfang dachte ich, es ist schmutzig, aber es ist absichtlich so samtig. Dafür auch sehr anfällig für Reibung jeder Art - was man auch sofort sieht. ich finde das nicht praktisch.

Fazit nach 600 Seiten: Es lässt sich gut lesen, man will auch bis 200 Seiten vor Schluss immer weiter lesen, aber irgendwann laufen sich Ausdruck und Inhalt tot. Wenn es nur noch eine Frage gibt, nämlich, ob Chris eine echte Beziehung zu Ana eingehen kann, dann ist das etwas wenig.

Weiterlesen? Natürlich - man will doch immer wissen, wie es ausgeht xD

Kommentare:

  1. Ganz ehrlich? ich glaube ich hab noch nie eine derart ehrliche und DIREKTE Rezension gelesen :D Ich find das richtig richtig gut, du scheinst nicht darauf zu achten was andere denken könnten und das finde ich super. Ich mein hey, wer schreibt schon auf seinem Blog, dass er gerne von Christian Grey aufm Flügel flachgelegt werden mag? :D
    Vielen vielen Dank für die amüsante Zeit beim lesen deiner Rezi!

    ganz liebe Grüße,
    Sarah

    tintenbloggerin.blogspot.com

    ps: ich würd dir ja folgen, aber GFC spinnt mal wieder... ich solls später versuchen ^^

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    1. Danke, das ist so cool xD Ich hab mich auch gewundert, welche klaren Worte ich vor zwei Jahren gefunden habe! Du kannst mir auch über Bloglovin folgen oder mich in der Lesezeichenliste ablegen :P

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  2. Hi Evy,

    ich gestehe, dass ich Shades of Grey nicht gelesen und auch den Film nicht gesehen habe. Es ist einfach nicht mein Thema. Deinen Review finde ich sehr ehrlich. Ich glaube Dir sofort, dass Du das Buch auch vollständig gelesen hast und ich nehme Dir Deine Gedanken auch vollumfänglich ab.

    Werde ich das Buch nun lesen? Nein, ich glaube nicht ;-).

    Fussige Grüsse von LangsamMacher Jana

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    1. Danke :-) Nö, man muss es nich lesen. Es ist ein buch, das stark polarisiert und ich könnte sehr lange darüber reden xD

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  3. Ich hab weder das Buch gelesen noch den Film gesehen aber bei deiner Review musste ich echt ein paar mal schmunzeln weil sie echt witzig geschrieben ist. Schade, dass du keine Review von Twilight hast ;)

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    1. Ich habe den ersten BAnd gelesen und einige Filme gesehen - aber das war vor meiner Blog-Zeit :-) Ich kann dir über *wichtig tu* die Kritiken zu anderen Romanen des Genres empfehlen, wenngleich sie nicht extrem witzig sind, sondern nur kleine Gags beeinhalten. Sehr viel Leidenschaft habe ich auch in die Kritik zum Film gesteckt - ich hätte ihm am liebesten einen neuen Soundtrack gebastelt: https://evyswunderkiste.blogspot.de/2015/02/studien-in-petrol-eine-kritik-zu-shades.html

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  4. Hallo,
    ich muss zugeben, dass ich beim Lesen einer Buchkritik bisher selten so schmunzeln musste! Bereits ab der Einleitung ...
    Herrlich erfrischend geschrieben :)
    Beste Grüße, Lisa

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