Samstag, 28. Juli 2012

Ich bin's leid! - der erste Post für heute

Ja, ich bin es echt leid!

Doch nun, um Spannung aufzubauen und den folgenden Wortschwall gebührend einzuleiten, mal ein bekanntes aber immer wieder wirkungsvolles Stilmittel:

Stell dir vor, du fährst mit der Bahn. Du konntest dich morgens nur mühselig von deinem Bett lösen, die Dusche ist zu kalt, das Frühstücksbrötchen zu heiß und dein Postfach zu leer. Du rutzschst in deine bequemsten, aber hässlichesten Schuhe und trottest zur Haltestelle, wo dich schon die lautstark Klingeltönen hörende Clique, eine verwirrte Omi und der Möchtegern-Banker mit Spongebob-Unterhose erwarten. Du steigst ein, setzt die Kopfhörer auf und lässt die ewiggleiche Umgebung an dir vorbei ziehen.



Und dann das:

Ich bin's leid, Jasmin! tönt es in Magenta auf schwarzem Grund von sämtlichen Wänden im Umkreis von 4 Haltestellen. Daneben ein QR-Code und eine Internetadresse, die ein Wortspiel mit dem Slogan sein soll: www.bins-leid.de/jasmin (mittlerweile gibt es das auch in Grün für Herren, die Bastian heißen, aber das ist egal; obwohl... wenn die jede Woche einen Namen dazunehmen und jeder Name ca. 2 Wochen hängt und es 16,7 Mio. Farben gibt und spekulativ min. 6 Mrd. mögliche Vornamen, wie lange dauert es dann, bis mein Namen mal drankommt?)

Wie dem auch sei, nachdem man tagtäglich dran vorbei fährt und versucht, sich die Internetadresse zu merken - Jasmin-ich-bin-s-leid, Jasmin-ich-bins-leid, Jasminichbinsleid, bins-leid-jasmin, bin-s-leid-jasmin, binsleidjasmin.... War da nich irgendwo ein Komma? Und wo ist der Schrägstrich? - fragt man irgendwann Google.

Und Google, der Meister aller Suchanfragen, der Godfather of Kristallkugel - weiß nix. Mit oder ohne Apostroph, mit Doppelpunkt und Schleifchen, sobald es von der Realität ins Digitale geht ist man ohne Zauberspruch aufgeschmissen.

Doch irgendwann, nach Millionen Versuchen, spuckt das bunte Wunderding eine bahnbreche Adresse aus und lüftet das mysteriöse Geheimnis:

Ein Abo-Songerangebot der DNN?!

Ich glaube, es hackt! Werbung ist plakativ, Werbung ist verwirrend, aber Werbung soll vor allem eines: den Kunden erreichen! Im Grunde will ich, kalkuliere ich ein, dass ich auf meinem Weg zur Arbeit tausende Werbebotschaften wahrnehme und die prägnantesten Produkte kaufe oder zumindest beim nächsten Einkauf bemerke, dass da was war. Aber das hier? Nichtssagende Plakate und ein Werbespruch, der nix mit dem Produkt zu tun hat?! Sorry, aber welcher Praktikant - nix gegen die fleißigen, unterbezahlten Arbeitsbienchen - hat sich dann sowas ausgedacht - ich werde belohnt, wenn ich einen bestimmten Namen hab! Aber das Abo zahlen muss ich trotzdem!

Betrachten wir mal kurz die DNN - eine halbwegs gehaltvolle Regionalzeitung mit einer Internetseite in Dodgerblue (das auf der Werbeseite sogar einen Tick dunkler ist) und einem Logo in Darkblue, vielseitige Artikel, etwas reißerisch, aber stilistisch und grammatikalisch in Ordnung, von der man bis auf ihr Hauptquartier eigentlich nix wahrnimmt. Und diese versucht nun mit einer knallbunten Werbekapagne auf sich aufmerksam zu machen und wirkt dabei wie eine Gänseblümchen, das sich als Venusfliegenfalle verkleidet. Blau knallt doch auch! Nicht so schön wie Magenta auf Schwarz, aber ... ist es so schwer, Inhalte sprechen zu lassen bzw. diese auch darzustellen? Es kann doch nicht sein, dass wir in vielen Jahren immer noch nicht die DNN lesen, aber uns daran erinnern, dass da mal was war!

Geht es heutzutage nur noch darum, Aufmerksamkeit zu erregen? Einen Eyecatcher zu platzieren und davon auszugehen, dass unsere verwöhnte Gesellschaft, die alles auf dem Silbertablett serviert bekommen kann, es rausfinden will?

Probleme hatte ich ja schon bei der Werbung der Staudigl-Druck GmbH & Co. KG - ein Plakat, dem beim Tag die Hälfte zu fehlen scheint, ein bisschen sexy mit Raubtiermotiv und -slogan, nett anzusehen, aber leer. Bei Nacht ein vollständiges Bild, aber kein Hinweis, was das soll und wer es gemacht hat. Nur in der Ecke findet sich ein Firmenname, der für uns Sachsen nicht nur an den Bundesländerfeind erinnert, sondern einfach schwer zu merken ist - Staudigi oder -digl oder sogar Staudamm?

Und wieder die Frage: Was soll das? Ich hab die ganze Zeit ein Produkt gesucht, wie mir das Internet sagte, lag es genau vor mir: es geht um das Plakat. Die Firma bietet eine Dienstleistung an, die eine Verschleierungstaktik verkauft - morgens alt, abends neu, Licht an, Info da, Licht aus, Info weg. Was voraussetzt, dass man nachts auch auf das Plakat guckt oder sich die Adresse merkt. Oder von der Bahn aus durch die Fensterglasscheibe den QR-Code vom drei Meter entfernten Plakat liest - können sowas die Smartphones von heute?!

Ich weiß, Werbung muss effektiver werden. Neugier ist nie zu unterschätzen. Und die eigene Dummheit auch nich. Aber grade zu Zeiten, wo wir mit Werbung überflutet werden und sie einfach ausblenden, muss man knallen. Man muss das Gehirn des Betrachters fordern, aber gleichzeitig die Botschaft einprägsam darstellen; Sympathie erzeugen und Trendbewusstsein zeigen. Aber so?  Ist Weglassen das neue Hinzufügen - je mehr ich weglasse, desto mehr lerne ich, wenn ich nachgucke?

Ich bin es leid. ja, ich bin es leide, schlechte Werbung zu sehen. Wir brauchen mehr nackte, attraktive Frauen auf Plakaten!

Edit: Schlecht ist das neue Gut - kein alter Hut, sondern traurige Wahrheit: Werbung kann aussehen, wie sie will, solange sie den Kunden erreicht, war sie effektiv und ist gut. Je mehr man sich drüber aufregt und redet, desto besser für den Urheber.

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