Samstag, 26. Januar 2013

Theaterabend plus X

Hallo, liebe Lesende! (aus aktuellem Anlass verzichte ich auf die Bezeichnungen Leser/Leserin und hoffe, dass Lebewesen jeglicher DNA Spaß am Lesen dieses Eintrages haben, Steine natürlich auch)

Ich freue mich, über den gestrigen Abend reflektieren zu dürfen, des Weiteren habe ich einen anderen interessanten Sport-Artikel im Spiegel gelesen und werde darüber berichten!


Grund- und Aufbaukurs-Präsentation in der TU Bühne

Jedes Semester finden am Theater der Technischen Universität Dresden Schauspielkurse für jeden statt, deren Ergebnisse am Ende präsentiert werden. Es gibt Grund- und Aufbau- sowie Performance- und Improvisationskurse, auch einen Trickfilmkurs gab es. Aufgrund der ungenauen Informationslage (was ich schade finde) kann ich leider nur berichten, was gestern kam. Heute soll es um 20:15 Uhr eine weitere Präsentation geben, ich weiß aber nicht, ob das eine Wiederholung ist oder etwas Neues kommt. Der Eintritt kostet 5 bzw. 3 EUR, Getränken (von Limo bis Bier) gibt es sehr günstig.

Der Grundkurs wurde von Sascha Hermeth geleitet. Die 10 (?) Teilnehmer führten eine Interpretation von Vaclav Havels Theaterstück "Die Benachrichtigung" auf.

Leider ist über das sehr interessante Stück nur wenig zu erfahren; einen guten Überblick gibt der Artikel des Spiegels von 1965. Die Aufführung des Städtischen Kammerspiels Münster von 1966, von dem die Zeit berichtet, weist Ähnlichkeiten zur gestern gesehenen Fassung auf. Wer das Stück lesen möchte: es gibt es in einer Sammlung mit anderen Dramen beim Rowohlt Verlag.

Im Drama geht es um eine Amtssprache - aber diese wird nicht in einem Land, sondern wirklich in einem Amt eingeführt. Und keiner versteht sie. Noch nicht einmal der Direktor selbst. Er sitzt vor einem Papier und bittet die vorbeieilende Sekretärin um Hilfe, aber diese interessiert sich nur für Schminken und Kaffee. Auch der Assistent samt Anhang weißt zwar manches besser, hilft aber auch nicht weiter. Immer und immer wieder wiederholt sich das Schauspiel, mal stark, mehr schwacher variiert; in einer Version wird der Direktor aus dem Amt gejagt, in einer anderen tritt ein Mitarbeiter vor und will kündigen, doch der wird vom diesem gar nicht wahrgenommen (und ja, es wird geraucht). Dazwischen werden uns einige Worte der Sprache vermittelt, die für das Stück relevant ist.

Das Bühnenbild ist simple, bis auf eine Cornflakespackung, in der sich Lippenstift usw. befinden, gibt es fast keine Requisiten, Tische, Stühle und Spiegel werden von den Schauspielern selbst dargestellt, was noch einmal unterstreicht, dass alle dem System dienen. Außerdem hat es den Vorteil, dass alle Kursteilnehmer immer auf der Bühne sind.

Die Übergänge von einer Szene zur nächsten werden durch scheinbar willkürliches, aber geradliniges Umherlaufen der Teilnehmer, begleitet von einem Harmonium, gestaltet, sie wirken vollends mit den starren Abläufen beschäftigt.

Interessant war, dass die vier Haupt-Szenen von vier Frauentypen dargestellt werden: die attraktive Blonde mit dem blauen Kleid verkörpert das kokette Dummchen, die Dame im schwarzen Kleid die fast überkorrekte, aber liebenswürdige Sekretärin, die Frau in Rot wird von ihrem Chef getätschelt und akzeptiert ist und zum Schluss - als Kontrast zur ersten - die tatsächlich überkorrekte, etwas dominante Karrierefrau im weißen Kleid. Ich fand das sehr sympathisch!

Die schauspielerischen Leistungen waren durchmischt mit Tendenz nach oben; es war ein Grundkurs, aber der Großteil der Spielenden war gut - manchmal war der Text etwas zu schnell oder die Aussprache zu undeutlich, Patzer wurden aber gut überspielt.

Was mir - zu meiner eigenen Schande - aufgefallen ist: Menschen mit Dialekt traue ich weniger zu; ich stufe sie herab, obwohl sie das nicht verdienen - das Klischeedenken macht nichmal vor der eigenen Sprache halt :-( Im Theater wird meistens das gesprochen, was wir als Hochdeutsch bezeichnen, sehr einheitlich, da fällt jemand mit Alltags-Sprach-Klang auf. Im Gegensatz dazu wird der Dialekt selbst gern in mundartlichen Stücken gesprochen, die der Kulturpflege dienen. Es ist also eine bewusste Abgrenzung auf beiden Seiten, und ich denke, das sollte sich ändern - warum nichtmal ein klassisches Stück mit Dialekt-Sprechenden verschiedenster Regionen?

Insgesamt fand ich das Stück gut, es hat mich sehr an tschechische Serien erinnert, weil es auch dort immer einen etwas dümmlichen wirkenden, aber eigentlich sehr cleveren Menschen gibt, der erst mitläuft, sich aber irgendwann gegen seinen Herrscher stellt - diese trat hier als Nebenfigur konsequent in allen vier Szenen auf. Im Gegensatz zum Folgenden hatte es etwas Ruhiges, Klassisches. Die Botschaft kam rüber und das war schön :-)

Der 18 Spieler starke Aufbaukurs wurde vom Intendanten Andreas Mihan geleitet. Ausgangspunkt waren Artikel aus der Neon vom Januar 2013, die von den Teilnehmern umgesetzt wurden.

Am Anfang wurden die Ehrlichen Kontaktanzeigen interpretiert. Diese glänzen neben den üblichen Fakten wie Alter und Beruf durch die Macken der Teilnehmer. Anstatt einem zukünftigen Paarungspartner Honig ums Maul zu schmieren wird hier witzig und ehrlich von Dingen berichtet, die einen nicht so attraktiv machen, damit man vorgewarnt ist. Umgesetzt wird dies durch fünf Schauspieler (ein Mann, vier Frauen), die Fakten nenne und sich danach anordnen. Sind es anfangs noch Zahlen, die messbar sind, wird dieser Wettbewerb bei den Themen Lieblingsfarbe und -tier absurd, denn wie soll man hier eine Rangordnung feststellen? (Witzig war, dass die Kategorien nicht genannt wurden - bei 30, 23, 21 [Alter] war es noch einfach, aber was waren 5, 1, 2, 0 und 2,5? Jeder dachte an die Sexualpartner, gemeint waren aber die Geschwister :P) Am Ende verfielen die Teilnehmer in ein buntes Erzählen ihrer Macken, völlig durcheinander und gingen von der Bühne, bis nur noch einer übrig blieb.

Das zweite (Teil)Stück war am prägnantesten. Wir sehen einen Mann und eine Frau, die aufzählen, wie sie ihren Partner gerne hätten. Im Hintergrund zwei schwarze gekleidete Männer, die monoton von einer Rolle Klebeband abreißen. Das Spiel der Wünsche auf der einen und der Ansprüche auf der anderen Seite wird immer absurder: nachdem die schwarzen Herren sich selbst dargestellt und ihre Gefühls-Seite gefesselt haben, widersprechen sie dem anderen Partner - die Frau mag Glitzer, also fragt der Anspruch des Mannes 'Wollen wir wirklich Glitzer?!' - immer drängender und lauter. Schließlich drehen sich Mann und Frau im Kreis, können sich von ihren Ansprüchen loslösen und versinken in einen langen Kuss (Ja, es wird geküsst!). Die Botschaft ist simple, aber gut dargestellt und insbesondere der Darsteller des männlichen Anspruchs war brillant! Wirkte er anfangs wie Edward aus Tweileid, kühl und cool, offenbarte er sein schauspielerisches Potenzial und war laut, aber nicht übertrieben.

Stück Nummer drei handelte von zwei Insassen im Gefängnis, dem ermittelnden Kommissar und einer lachenden Dritten. Während sich der eine cool gibt und zu keinen Zugeständnissen bereit ist, hat der andere panische Angst und möchte am liebsten alles gestehen. Das ganze steigert sich zu einer Gameshow, deren Gewinn eine mildere Strafe ist; schlussendlich steht der Unsichere zwischen dem Himmel, den ihm der Kommissar bietet und der Hölle, für die sein Partner plädiert - lieber schweigen und die Strafe ertragen als auspacken. Auch hier wird es wieder laut, doch wählt man den Himmel. Am Ende folgt die Moral.

Der letzte Teil war für mich schwer zugänglich; vier Stühle stehen mit den Lehnen aneinander, darauf vier Darsteller, der Rest steht an den Wänden und klopft. Abwechselnd erzählen die vier von einem Gedankenstrom über die Freiheit, der immer konkreter wird. Zunehmend stehen sie auf und robben auf dem Boden rum, einen Rhythmus klopfend, der den des Umfeldes bricht. Am Ende sitzen die vier zusammen und berichten immer hastender vom Fall aus dem 14. Stock bis zum Erreichen der endgültigen Freiheit. Ich hätte hier auf Drogen getippt, habe es aber nicht wirklich verstanden. Interessant war hier, dass der Thommy-Darsteller aus Trainspotting mitgespielt hat - und man eine Entwicklung sehe konnte! Wirkte Thommy etwas gestellt, offenbarte sich hier, dass hinter den eckigen Brillengläsern viel Mimik verborgen ist; er war wirklich besser :-)

Die basslastige Techno-Musik, mit der die Szenen verknüpft waren, war am Anfang sehr nervig, passte aber zum Gesamtkonzept einer turbulenten Welt. Insgesamt war es vielfältig, mal mehr, mal weniger absurd, mal poetisch, mal metaphorisch, dann wieder sehr abgehoben. Allen gemein war eine Steigerung in Lautstärke und Dynamik innerhalb des Stückes.

Was auch auffiel: alle Schauspieler waren in ihren Figuren, selten wirkte jemand übertrieben; vielleicht liegt das daran, dass sie sich die Figuren selbst erarbeitet haben und ein Jugendmagazin viel Identifikationspotenzial für die 18- bis 30-Jährigen bietet.

Insgesamt ziemlich gelungen.

Kleiner Wermutstropfen: die Kontaktanzeigen waren - zumindest anfangs - wortwörtlich aus der Zeitung zitiert - das hätte nich sein müssen.

Und zum Schluss der Performance-Kurs unter Leitung von Anne Tippelhoffer. Sie hat an der Bühne schon mit dem Grundkurs vor einem Jahr, bei dem das ganze Gebäude bespielt wurde und im Rahmen eines Kriminalfalls verschiedenen Episoden erzählt wurden, und mit dem Aufbaukurs letztes Semester, bei dem sie ua. eine Zwiebel gegessen hat, gearbeitet.

Ich muss gestehen, dass ich dazu schwer Zugang fand, aber zuerst zum Inhalt:

Ausgangspunkt war eine Frage, die von einem Zuschauer aus einem Stapel gezogen wurde: 'Gibt es einen größeren Irrtum im Universum als der, dass die Erde eine Scheibe ist?' Danach spielten die Teilnehmer verschiedene Spiele, ua. mussten sie sich Fragen stellen und Kleidung anziehen, was von manchen geschickt ausgenutzt wurde, um dem anderen einen Berg Klamotten aufzubürden. Außerdem das bekannte Ja-/Nein-Spiel, bei dem man eine Frage mit allem, nur nicht mit Ja oder Nein beantworten kann - unter erschwerten Bedingungen, weil die verbliebenen Teilnehmer die Bewegungen vorgeben, die der Befragte machen soll. Des Weiteren gab es Soloperformances: ein Mann versuchte auf Armen und Beinen einen Stapel aus Plastikbechern zu errichten, die Frau stieg durch einen Gummi und versuchte herauszufinden, wer stärker ist - sie oder das Klebeband (das Klebeband gab relativ schnell nach, die Bühne blieb unbeschädigt :-) und ein anderer Mann stellte sich schweigend in die Mitte der Bühne. Nach Minuten der Reaktionslosigkeit sagte er, dies sei der erste Teil der Performance, der zweite folgte nach einer Reaktion aus dem Publikum. Doch weder Einwürfe noch Fragen noch Applaus ließen Teil 2 erscheinen...

Ich glaube, das war die extremste Performance, die ich bis jetzt gesehen habe, und ich muss ehrlich sagen, dass ich eher abgestoßen wurde. Es ist dem Publikum hoch anzurechnen, dass sie die ganze Zeit ruhig waren - je stiller es auf der Bühne wurde, desto stiller war es im Raum! Und mich hat das ... überfordert... gestört.... ich wusste nicht, was ich machen sollte; ich fand es langweilig, einen Mann beim Becherstapeln zuzugucken, außerdem ist eine Performance nichts Abgeschlossenes, sondern ein Schaffensprozess - und 'normale' Theaterstücke sind abgeschlossen - sie leben von Patzern und der Weiterentwicklung, die die Schauspieler mit jeder Aufführung erfahren. Aber bei einer Performance kennen die Spieler war die groben Rahmen, wissen aber genausowenig wie der Zuschauer, was genau passiert (am Prägnantesten war das bei der Zwiebel letztes Semester, bei der nichtmal die Performerin selbst wusste, ob sie die ganze Riesen-Zwiebel essen würde). Eine Performance hat eigentlich keinen Inhalt, man kann zugucken und selber überlegen, was man daraus mitnimmt. Das ist nicht meins - ich lasse mir gerne Geschichten erzählen, aber ein Stück ohne Ausgang? Hier war außerdem das Problem, dass es außer den Darstellern und den Requisiten fast nichts gab - ein bisschen Musik zwischendurch, aber grade bei der Becherperformance war es still - es gab keine anderen Reize, nichts, auf das man sich fokussieren konnte. Mitgenommen habe ich allerdings, dass man bei Dingen, die unmöglich scheinen, nicht zwangsläufig scheitert.

Ich habe Respekt für die Darsteller, es ist nicht einfach, etwas, auch wenn man es im Groben geübt hat, öffentlich darzustellen - scheitert man, sehen es alle. Obwohl es natürlich in diesem Genre gar nichts Ungeplantes geben kann, weil nichts geplant ist :-)

Und am Ende wurde die Frage nach dem Universum, die man fast vergessen hatte, beantwortet.

Insgesamt war es interessant, mir aber doch zu richtungs- und gegenstandslos.

Fazit des Abends: Es war sehr interessant, alle waren sehr mutig und die Stücke gut; auch die Umsetzung war akzeptabel und bei manchen Szenen ist man traurig, dass sie wohl niemehr aufgeführt werden. Dennoch hätte ich mir mehr 'klassisches' Theater gewünscht, aber da die Performance nur 1/3 der Zeit einnahm, war es ok. Außerdem wäre eine Pause gut gewesen und mehr Informationen....

Spiegelartikel über René Schnitzler

Leider ist ausgerechnet DIESER Artikel nicht im Internet zu finden, daher ein früherer, damit ihr wisst, worum es geht. Im eigentlichen Text geht es nur um René Schnitzler und es ist eine Mischung aus Porträt und Bericht. Ausgangspunkt ist natürlich die Frage, wie es soweit kommen konnte, dass ein erfolgreiches Talent so abrutzscht, dass es Spielschulden, eine Anklage und ca. 50 kg zuviel auf den Rippen hat. Zur Beantwortung wird abwechselnd zwischen der Jetzt-Zeit (seiner Therapie) und der Vergangenheit (seinen Anfängen) geschwankt. Und hier liegt das Problem: Während das Heute ohne Zeitangaben voranschreitet (ich wusste nie, ob wir noch beim ersten Therapiegespräch sind oder schon beim zweiten usw.), beginnt das Damals bei seiner Zeit von St. Pauli und schreitet rückwärts; beide Stränge haben denselben Ausgangspunkt, gehen aber chronologisch in unterschiedliche Richtungen. Das mag gewollt sein, aber für den Leser ist es mehr als schwer, als wenn man mit Armen kreist und mit den Beinen läuft. Ich hab ein Bild, das dazu passt:






Außerdem fehlen mir die Fakten; es wird versucht, den Mann als Mensch darzustellen, aber er wirkt nicht richtig plastisch - es fehlen Kommentare von außen. Interessant fand ich, dass angedeutet wird, dass er einen nicht ganz legalen Job hat und eigentlich keine Lust auf die Therapie. Vielleicht irre ich, aber so, wie es der Artikel beschreibt, sieht er nicht ein, dass er eine Sucht hat, dass er krank ist. Und dann fällt natürlich der Standardsatz 'Ich geh nicht in eine Klinik zu den ganzen Kranken!'.

Was ich damit sagen will: Die Chronologie, das Erzählen, vermisse ich im Spiegel zunehmend, aber hier fühlte ich mich in die guten Zeiten zurückversetzt - wann man den Artikel etwas übersichtlicher strukturiert hätte...

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