Donnerstag, 28. März 2013

Filmkritik 'Les Infideles' (Männer und die Frauen)

Hallo liebe Leserinnen und Leser!

Schon lange stand der Film auf meiner Wunschliste und gestern habe ich ihn endlich angesehen! Aufmerksam geworden bin ich - elendes Medienopfer! - durch die Filmplakate, die die beiden Hauptstarsteller über geöffneten Beinen zeigen und so auf ironische Weise das Spiel mit dem Sex andeuten. Obwohl das ziemlich kurz gegriffen ist, aber 'Sex sells' - und sei es nur zum Schein, sitzt man einmal im Kino, ist die Hemmschwelle, wieder auszugehen, nicht gerade klein. Wie dem auch sei. Ein anderer Grund war Jean Dujardin, der nicht nur einen schönen Nachnamen hat (Jardin ist der Garten), sondern auch ein guter Schauspieler ist. Ich habe ihn zuerst in '39,90', der Werbeparodie Frédéric Beigbeders, gesehen, wo er einen abgeklärten, schleimigen Marketingexperten spielt, der versucht auszubrechen. Danach folgten die beiden OSS117-Neuverfilmungen, in denen er wundervoll den schönen, aber dummen und etwas rassistischen Geheimagenten ('Wie ist Ihr Frikassé?) verkörpert. Zuletzt war es mir vergönnt, 'The Artist', den Stummfilmklassiker der Neuzeit, zu sehen. Hier driftet Dujardin ins Tragische ab, ein Mann, dessen Leben die Unterhaltung ist, und der fast daran zerbricht, dass er Tonflim sei dank auf einmal 'out' ist. Dazwischen folgten zahlreichen Kömodien, die teilweise nur in Frankreich erschienen sind, demnächst in Deutschland veröffentlicht wird 'Möbius', ein Agententhriller.


Der Film 'Männer und die Frauen' ist leider nur auf DVD erschienen und kostet bei Amazon ca. 16 EUR.


Worum geht es?


Um Männer, die scheitern. Kleine Möchtgern-Lebemänner, die sich nur durch den Erfolg von Frauen bestätigt fühlen, in Wirklichkeit aber gerne das Heimchen am Herd stehen haben, das sich um sie kümmert. Männer, die unbedingt ihren Status als Alpha-Tierchen brauchen, und in Unsicherheit zerfließen, wenn sie abgelehnt werden.

Erster Eindruck


Schon die erste Szene des Episodenfilmes verheißt Spaß: ein Mann fährt im roten Flitzer durch die Straßen und singt hemmungslos das Lied im Radio mit, als er an einer Ampel hält und beim Losfahren der Motor streikt.

Hier fiel mir auf, dass so ein Film nur in Frankreich funktionieren kann, in Deutschland aber nicht. Bei uns wirkt das alles immer lächerlich, wir müssen immer den armen Loser zeigen, der zwar erfolgreich scheint, aber in seinem Leben immer scheitert. Dennoch bleibt er ein Loser und wir sollen ihn bemitleiden. Wir sollen auf diese bemitleidenswerten Memmen gucken und Verständnis haben. Jeder Mann, der uns über den Weg läuft, sei er nun schön, erfolgreich, selten auch hässlich oder nerdig, ist in seinem Inneren schwach und es wird Zeit, dass wir das anerkennen! Es sollte Heul-Zirkel geben, an denen auch starke Männer endlich einen Schulter zum Ausweinen finden - und keine Kinofilme darüber. In amerikanischen Filmen hat man wiederum den starken Kerl, den die Umstände peinigen, und der erst am Ende begreift, dass es an ihm selbst liegt. Vorwiegend sind Verlierer in amerikanischen Komödien total cool, und dürfen nebenbei ein bisschen Selbstironie wirken lassen. Französischen Komödien spielen dagegen immer mit dem Stolz des Mannes. Er braucht Frauen & Erfolg, es gehört zu seinem Lebensstil genauso wie Baguette und guter Wein, das ganze Leben ist Genuss und dazu gehört auch das weibliche Geschlecht. Wenn diese Männer an irgendwas knabbern, dann mit einer großen Portion Selbstironie, als Zuschauer gönnt man es diesen kleinen Angebern, dass sie nicht das bekommen, was sie wollen, und gleichzeitig hat man Mitleid. Französische Männer lachen über ihr Scheitern und wir lachen mit.

Aufbau


Es gibt insgesamt 7 Episoden, unterbrochen von insgesamt 3 kurzen Szenen mit den Nebendarstellern. Die ersten und die letzte Episode bilden einen Rahmen.

Die Protagonisten werden von Jean Dujardin (hier: Jean) und Gilles Lellouche (Gilles) verkörpert.

Btw. Ich hab zur Hilfe die franz. Wikipedia benutzt.

1. Proglog


Greg (Gilles) betrügt seine Frau, obwohl er an ihr hängt. Unterstützt bei seinen Lügen wird er von Fred (Jean), der das Familienleben zwar genießt, aber sein Image als Lebemann nicht loslassen will. Nach einem Streit Gregs mit seiner Frau ziehen die beiden durch die Bars und schlafen schließlich nebeneinander mit jeweils einer Frau und plaudern.

Diese Szenen werden im provokanten Filmplakat angedeutet und sind wirklich heftig. Andererseits aber auch extrem komisch - während Greg das Bild seiner Frau auf die Nutte projeziert, versucht Fred das Image des Sugardaddys, der ein junges Mädchen fickt, hervorzurufen - beides zum Missmut der Frauen, die auch kurz nach dem Akt verschwinden. Am Ende stehen die beiden nackt im Bad und Fred fragt, ob das nicht ziemlich schwul sei - ein Motiv, das am Ende des Filme wieder auftaucht und dort bis zur Übertreibung der Übertreibung ausgeführt wird.

2. Zwischenepisode - Bernard


Man sieht einen Mann im Krankenhaus, erst nur den Oberkörper, der vom Arzt Ratschläge bekommt, dass etwas mit der Lende nicht in Ordnung sei und man seinen Kreislauf überprüfen müssen, alles sehr sehr ruhig. Bis erwähnt wird, dass seine Frau informiert wurde - die dann in der Tür steht. Jetzt offenbahrt sich das ganze Bild - Bernard steckt in einer Frau fest :-)

Ich fand das sehr witzig, aber nicht übertrieben. Die Pointe ist gut gesetzt, das Tempo stimmt und es war einfach amüsant. Irgendwie wie ein Werbefilm.

3. Mit gutem Gewissen


Anders als in der ersten Episode scheinen hier die Rollen vertauscht, was mich anfangs irritiert hat: Jean verkörpert Laurant, einen introviertierten Teilnehmer einer Firma im landwirtschaftlichen Bereich, der kein Glück mit Frauen hat - alle Flirtversuche scheitern, ein Hure ist in diesem kleinen Ort nirgends zu finden, die Beziehung zu seiner Frau scheint eher nüchtern. Anders sein Kollege Antoine, der im Rollstuhl sitzt, aber gut integriert ist, alle zum Lachen bringt und am Ende die Damen vögelt. Laurants Versuche, Anschluss zu finden, scheitern und erreichen ihren Höhepunkt, als er einer alten Kollegin eine briefliche Liebeserklärung macht und diese es am nächsten Tag weitertratscht. Am nächsten Tag fährt Laurant mit dem Bus nach Hause und hört klassische Musik.

Diese Episode war ein harter Kontrast, teilweise etwas langatmig, aber sie hat den Film geerdet - denn so komisch alles ist, am Ende wirkt es eher tragisch. Gut symbolisiert wird das durch die Zeit; immer wieder wird der Wecker eingeblendet. Außerdem sieht man Laurant nach jeder Niederlage schemenhaft im Bad, wo er sich augenscheinlich selbst befriedigt (Wie oft könnt ihr das denn pro Nacht, liebe Männer?).

4. Lolita


Eine wundervolle Geschichte über das Scheitern eines Mannes an einer jüngeren Frau. Das Thema wird ja oft in den Medien betrachtet, es ist gesellschaftlich anstößig. Aber nur selten hört man von den Schwierigkeiten einer solchen Beziehung (von denen ich auch schon gehört habe) - Männer, die fasziniert sind von jungen Mädchen (es geht hier nicht um Pädophilie!), mögen die Ungezwungenheit, Spontanität, all das, was sie gerne wären, aber nicht mehr sind. Wirklich nicht mehr sind. Denn sie haben zwar den Wunsch nach Jugend, aber die Einstellung IHRER Generation - tiefsinnige Gespräche, einen Abend auf dem Sofa, keine ständigen Facebook-Posts, der ewige Vergleich in Gruppen usw.

Gilles stellt das hier sehr gut dar: Seine Figur Eric ist ein beliebter Zahnarzt, von seiner Frau geliebt, von Ines, einer 19-jährigen Literaturstudentin gemochte. Schon am Anfang ist Eric von Ines' Freunden genervt, versucht es mit Großzügigkeit, wird von den Jugendlichen aber eher als alter Mann betrachtet. Wiederholt versucht Eric mit Ines allein zu sein, besticht sie erst mit Sex (was kurz klappt), dann mit Essen (worin er erfolgreich scheitert) und wird schließlich mit ihr in eine Disko geschleppt, wo sie ihn stehen lässt und mit einer Frau rumknutzscht. Eric hat genug, fängt eine Prügellei an und wird schließlich rausgeworfen. Jean spielt hier nur eine Nebenrolle als Punkt Fred, er ihn eher mit Mitleid betrachtet.

Ich fand die Episode sehr knallig, es ist nicht nett, Figuren beim Scheitern zu zu gucken :-)

5. Zwischenepidode - Thibault


Wieder ein kleiner Werbeclip - Thibault verabschiedet seinen 'Übernachtungsgast' erst sehr nett, bis seine Frau an der Haustür klingelt. Wie üblich beseitigt er alle Spuren, und als er denkt, er sei fertig, sieht er den Hund mit dem benutzten Kondom (Saver Sex rules!!! :P) im Maul - in diesem Moment kommt seine Frau zur Tür hinein und sieht ihn mit dem Hund und diesen mit dem Kondom im Mund :-) Kurzerhand wirft er beides aus dem Fenster.

Ich fand besonders die Pointe wundervoll skurill, wenngleich alles nicht neu ist. Aber nett.

6. Die Frage


Für mich eine der stärksten Geschichte, der dramaturgische Tiefpunkt und ein toller Beweis, dass Jean Dujardin auch sehr ernst, traurig sein kann. Manche Schauspieler können nur eine Sache gut, und ich hatte Angst, dass er außerhalb einer Komödie kläglich versagt - aber man nimmt ihm alles ab, selbst der obligatorische Versöhnungssex wird nicht übertrieben - zwar von Anfang bis Ende ausgeführt, aber dank der Dunkelheit und der räumlichen Distanz zu den Figuren wirkt er nicht so knallig, sondern nur als trauriger Ausklang einer Nacht.

Schon der Ausgangspunkt ist komisch, in mehrerlei Hinsicht: Lisa und Olivier sind bei Antoine zu Gast, der seine (junge und hübsche) Frau stetig betrügt. Während Olivier unbeteiligt dasitzt, hört Lisa mit wachem Blick zu, immer wieder wird auf ihr Gesicht gezoomt. Am Ende erklärt sie Olivier, dass sie Antoines ständige Affären nicht mehr ertragen könne, sie kann es moralisch nicht nachvollziehen. Am Ende fragt sie Olivier, ob er sie schonmal betrogen habe, spielerisch, aber mit ernstem Hintergrund. Olivier will nicht darauf eingehen, gesteht ihr schlussendlich aber doch, eine Affäre mit einer jungen Frau gehabt zu haben. Er wirkt dabei sehr abgeklärt, er tat es aus Überzeugung, aber nur ein einziges Mal, weil er seine Frau liebt. Er zeugt keine Reue, sondern für ihn ist es erledigt, abgeschlossen und er ist genervt, weil Lisa es wissen will.

Prägnant formuliert er, was auch mich mich gefragt habe: Hälst du dich für so perfekt, dass ich dich nich betrüge? Oder umgekehrt: Bist du so nett, dass man dich nich betrügen will?

Wie erwartet ist Lisa verletzt, außer sich - ihre Neugier schlägt in Wut um, als sie bestätigt sieht, was sie nicht wissen will. Olivier erklärt das damit, dass die Beziehung manchmal langweilig und das Heim nicht erfüllend sei usw. Es kriselt sehr zwischen den beiden. Der Wendepunkt kommt, als Lisa gesteht, auch ihn betrogen zu haben. Olivier, der wirklich Angst um sie hatte, ist nun der Betrogene. Die Szene endet mit Sex.

Ganz prägant ist wirklich der Zoom auf Lisas Gesicht, die Dunkelheit, die noch durch Oliviers schwarzes Shirt unterstrichen wird, im Gegensatz dazu Lisas gewellter Bob.

7. Zwischenepidsode - Simon


Kurz und knapp: man sieht einen Mann, der leidenschaftlich auf eine mit Bondage gefesselte Frau einschlägt, bis sich diese nicht mehr rührt und es auf einmal hell wird - das Garagentor öffnet sich und davor stehen Frau und Kind.

Amüsant, witzig, ein guter Kontrast zur vorherigen Geschichte.

8. Die anonymen Fremdgeher


Das Hightlight und eigentlich die Titelgeschichte (Les Infideles sind 'Die Fremdgeher'): in einem Seminar für Fremdgeher finde sich verschiedene Männertypen wieder - vom coolen Draufgänger (Gilles) über den Bankmanager (Jean) und den Mann, der auf ältere Frauen steht bis hin zum Streber, der als einziger nicht dabei ist, weil er erwischt wurde, sondern freiwillig - das ist seine 18.  Therapie. Die Männer, alle nicht sehr motiviert, müssen Lieder singen und Abwehrstrategien entwickeln. Aber am zweiten Tag kommt keiner - nichtmal der Streber.

9. Las Vegas


Die Schlussepisode beginnt eher banal: Fred und Greg wollen es in Las Vegas richtig krachen lassen, ihre Frauen sehen das aber nur als neue Ausrede zum Fremdgehen. Dennoch setzen sich die beiden durch - und scheitern kläglich - Greg trauert seiner Frau hinterher, die sich zu diesem Zeitpunkt noch nich von ihm getrennt hat, man futtert mehr, als dass man rausgeht, nichts macht Spaß, der Besuch der Stripbar scheitert am fehlenden Pass, dann verlässt Gregs Frau ihn tatsächlich, und schlussendlich kanalisiert sich alles in einer Prügellei der beiden Freunde. Sie sehen sich an, fähren am nächsten Tag mit dem Auto in die Wüste, blicken melancholisch in die Unendlichkeit - und auf einmal läuft es. Zu fetziger Musik erobern die beiden Las Vegas, die Casinos, die Frauen und ihr Ego zurück. Am Ende stehen sie da und fragen sich, ob es auch Betrug ist, mit dem besten Freund zu schlafen. Naturgemäßig ist das nicht so angenehm und nicht wirklich voller Liebe, aber man hat ja sonst niemanden. Zum Schluss folgt dann eine Reihe von Filmplakaten, die die beiden als Parodie auf Siegfried & Roy zeigt. Wirklich, wirklich lange.

Musik


Da der Film damit endet, tut es auch meine Inhaltserzählung: Sehr, sehr tolle Musik! Breit gefächert, von Chansons über Klassik bis Funk ist alles dabei, dabei setzt man vorwiegend auf unbekannte Künstler. Die Musik wird an bestimmten Stellen eingesetzt und wirkt dort als Stilmittel, sie ist nie durchgängig zu hören.

Schauspielerische Leistung


Finde ich sehr gut - sowohl Komik als auch Tragik verkörpern beide Haupt- und auch die Nebendarsteller super. Besonders gefällt mir, dass es keine Schauspieler sind, die verschiedenen Figuren verkörpern, sondern die Charaktere im Vordergrund stehen - man nimmt jeden einzeln wahr. Mir sind die Techniken fern, die man als Schauspieler braucht, aber man nimmt den beiden jede Emotion ab - egal, ob Lover oder Verzweifelter.

Übrigens finde ich auch die dt. Stimmen sympatisch, wenngleich die beiden Darsteller noch keine Stammsprecher haben.

Die komplette Liste der Darsteller findet ihr hier.

Fazit


Der Film ist besser, als man aufgrund der Plakate vermuten könnte, er ist weniger lustig als traurig. Die einzelnen Episoden schwanken stark, was Inhalt und Stilmittel betrifft - einige sind eher leicht, andere sehr tief, oftmals gut verständlich durchschaut man manche Szene schwer. Einige Episoden sind künstlerisch ausgearbeitet, andere eher banal. Dennoch ist das Werk in sich geschlossen. Einige Szenen sind mir zu lang, aber das ist wohl bewusst so gehalten.

Wer Episodenfilme und das Thema MANN-Frau mag, wird seine Freude haben, alle anderen sollten es mal probieren - es ist definitiv einen Versuch wert!

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