Sonntag, 21. April 2013

Leser helfen Autoren - 'Schließfach 644' von Christian Sidjani

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

dieser Post war nicht geplant, aber da Sonntag ist und man chillen will und das aber schlecht für's Karma ist, bin ich dem Aufrufen von Horror and more gefolgt. Diese hatten auf eine Aktion des Autors aufmerksam gemacht. (ich zitiere mal inhaltlich)


Grundsituation

Seit März 2013 ist die besagte Geschichte auf dem Markt, bekommt nur geringwertige Rezensionen. Dies steht im Widerspruch zu den Verkaufszahlen. Der Autor bitten die Leser daher im Rahmen zweier Gratis-Tage, das Buch zu lesen/rezensieren und festzustellen, ob die Rezensenten gemein sind, die Leute, die es gut finde, nichts schreiben - oder das Buch wirklich schlecht ist.

Das sagen die Amazon-Kommentatoren

Ich habe das Buch natürlich VORHER gelesen und fasse jetzt just-in-time zusammen, was die Rezipienten kritisiert haben (gemeint sind die Rezensionen, die vor der Aktion geschrieben wurden):

Die Geschichte ist zu kurz und nicht spannend, es fehlt an Inhalt, viele Fragen bleiben offen.

(nur nebenbei: wie war das mit dem Schreibstil....?)

Meine Meinung bzw. Rezension


Zum Autor

Christian Sidjani  wurde 1976 in Hamburg geboren und hat dort Soziologie studiert. Er schreibt seit 25 Jahren und hat mehrere Kurzgeschichten und Novellen sowie einen Roman veröffentlicht.

Inhalt

Ich spoilere gern - wer LESEN will, wie es ausgeht, überspringt diesen Absatz.

Der bettelarme Protagonist, der sogar von der Prostituierten, die ihn besucht, Mitleids-Mengen-Rabatt bekommt, zerbricht zufällig das alte Bild seiner Tante und findet darin einen Schlüssel. Logisch denkend läuft er alle Orte ab, an denen sich Schließfächer befinden, wird überfallen, tötet den Mann, wird vernommen, frei gelassen und schließlich erschossen.

Charaktere

Über die Hauptfigur Michael Friedrichs erfährt man genretypisch nicht viel; er ist spielsüchtig und Kettenraucher, weiß aber durchaus Genuss zu schätzen - von dem Geld, das ihm die Prostituierte hinterlassen hat, kauft er sich teure Zigaretten. Außerdem zeichnet ihn ein gewisser Pragmatismus aus; ansatt ihn Panik zu verfallen wehrt er sich gegen seine Angreifer, auch die Wunde, die er sich am zerbrochenen Bilderrahmen zuzieht, versorgt er durchdachte. Die Spielsucht prägt ihn, ein bisschen auch die Schriftstellerei.

Die Nebencharaktere Patrizia, die Prostituierte, sowie sein Verfolger sind grob ausschraffiert. Während Patrizia menschlich wirkt, erscheint der Verfolger nicht sehr real, er wiederholt sich oft und wirkt gekünstelt.

Insgesamt sind die Charaktere genug für eine Kurzgeschichte beschrieben, es fehlt ihnen aber etwas an Lebendigkeit.

Dramaturgie bzw. Aufbau

Die Geschichte ist geradlinig erzählt, man folgt der Hauptfigur durch die Stadt, auf der Suche nach dem passenden Schließfach, Zwischenstops bilden die entsprechenden Orte. Hier versucht der Autor, Ruhe in die ohnehin ruhige Story zu bringen und etwas von den Menschen in der Umgebung einzufangen. Besonders auffällig wird das in der Szene mit dem Unfall, in der Kritik an Gaffern geäußert wird.

Insgesamt fällt auf, dass man zwar wenig Ablenkung hat, aber auch wenig nachdenken muss - es wird von vielen Details erzählt, aber nicht in die Tiefe gegangen, sodass man sich sehr auf den Verfolgungslauf konzentiert. Weiter geht es unten :-)

Die klassische Dramenkurve wird auch eingehalten, es gibt eine Einleitung, auslösendes Moment usw. Besonders gut finde ich, dass dem Autor wirklich ein Ende gelingt - nach dem Höhepunkt (der Beinahe-Festnahme nach der Tötung des Angreifers) denkt man, alles sei vorbei. Aber dann folgt doch noch der Schluss-Schuss. Solche Dinge zu schreiben ist nicht einfach und ein schwieriges Thema für Autoren.

Spannung

Das Wichtigste (zumindest inhaltlich) an einem Thriller. Die Spannung ist da - auch wenn man den Klappentext gelesen hat, fragt man sich, was es mit dem Schlüssel und den Verfolgern auf sich hat. Es ist nicht so klar vorhersehbar, wie ich erwartet hatte. Vor allem, was das Tempo betrifft. Was mich zum nächsten Punkt bringt... an denn die Geschichte krankt am....

Schreibstil

"Als wäre das, was er zu sagen hat, nicht seine eigene Geschichte" - so steht es im Buch und das fasst genau zusammen, was das Problem ist - es ist furchtbar nüchtern erzählt. Der personale Erzähler beobachtet viele Details, einige Motive werden angedeutet, aber er erzeugt keine Spannung. Ich kenne diese nüchterne, anklagende Erzählweise aus den Kurzgeschichten der Nachkriegszeit, in denen es darum ging, die Welt aufzuzeigen, wie sie sich verändert hat. Und in diesen Geschichten funktioniert das wunderbar. Aber nicht in einem Thriller. Denn man will nichts aufgezeigt bekommen, man will nicht sehen, wie sich Charaktere bewegen, sondern man will Tempo, Spannung und Atmosphäre. Das fehlt hier. Ich finde es bewundernswert, auf was der Autor achtet, aber selbst die Szene auf dem Bahnhof, als ein Kind einen Papierflieger wirft, wirkt sehr nüchtern.

Das kann natürlich beabsichtigt sein, um die abgeklärte Haltung des Protagonisten auf seine Umwelt zu zeigen. Aber irgendwann wünscht man sich, der Erzähler würde wirklich ERZÄHLEN und nicht nur beobachten. Gut gelungen ist die Szene, in der Friedrichs nach dem Angriff von allen begafft wird.

Rechtschreibung, Grammatik usw.

Sehr toll finde ich, dass bis auf ein paar Schusselfehler (ähm.. regelmäßige Schusselfehler), wenige Stolpersteine drin sind. Der Autor hat penibel darauf geachtet, keine Wortwiederholungen zu verwenden, und das klappt meistens gut, ohne, dass die Sprache dadurch gekünstelt wirkt. Und ich finde es immer wieder bewundernswert, wenn Leute eine Geschichte durchgängig und richtig im Präsens schreiben!

Allerdings schwankt die Sprache zwischen elegant, poetisch und locker, besonders in den Dialogen. Es scheint, als wollte der Autor seinen Protagonisten sowohl gefühlvoll als auch alltagstauglich erscheinen lassen. Es wäre besser, sich für eines zu entscheiden und das auch durchgängig einzubauen.

Fazit

Ich finde die Geschichte nicht so schlecht. Die Rezipienten haben die fehlende Spannung kritisiert und nicht genügend Tiefe - das bin ich von anderen Geschichen (auch wenn es nicht mein Genre ist, aber es gibt zuviele nette Kollegen) gewohnt - manchmal bleiben Dinge einfach unaufgeklärt und es ist für das Verständnis bzw. den Abschluss der Geschichte nicht notwendig. Allerdings macht der Stil alles kaputt. Er überlagert die Tempo-Wechsel, er saugt der Story förmlich das Leben aus.

Die Geschichte ist gut für eine Pause im Alltag, aber nicht, wenn man vor Spannung auf und ab hüpfen möchte. Lesen sollte man sie aber definitiv wegen der Beobachtungsgabe!

Dennoch hat der Autor Potential, vielleicht sollte er sich weniger bemühen, sondern es einfach laufen lassen :-)

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