Donnerstag, 30. Mai 2013

"Das Erbe der Füchsin" von Eva Finkenstädt


Liebe Leser,

früher bin ich oft in die Bibliothek gegangen und habe wahllos ein Buch aus dem Regal gegriffen. Oder ich hab meine Lieblingsautoren rausgesucht und bin von dort aus weitergedriftet, bis ich ein Buch mit interessanter Handlung fand. Zu Zeiten des Internets hat sich das geändert: Amazon empfielt mir Bücher passend zu den Suchbegriffen von gestern, obwohl ich heute lieber etwas anderes hätte. Und ohnehin kann man mit Autoren über das Internet wesentlich besser kommunizieren - besonders, wenn sie ihr Werk in einem Literaturforum posten. Dieses Buch ist mein erster Historien-Roman und das Cover sah niedlich aus, daher habe ich zugriffen :-)

Diesmal untermalt von Fotos aus dem Waldpark :-)






Allgemeines

Der Roman hat 228 Seiten und kostet als Printversion 23 EUR. Das E-Book bekommt man für 4,99 EUR.

Da wir oft über Preis diskutieren, muss ich hier eines feststellen: der Preis für die gebundene Version ist mir zu hoch; für das E-Book hätte ich aber auch 10 EUR bezahlt. Ich habe zwei Hardcover-Romane mit ähnlicher Seitenzahl (ein großer und ein Underground-Verlag), für beide habe ich 20 EUR bezahlt.

Andererseits liest man wirklich lange an diesem Buch, gefühlt wesentlich länger als an anderen Romanen, und das nicht, weil es kompliziert geschrieben ist, sondern weil man sich in den Inhalt reinkuschelt und einfach mitfährt und genießt. Hochgerechnet komme ich auf ca. 15 Stunden Lesezeit.

Zur Autorin

Eva Finkenstädt hat in Marburg Religionswissenschaften studiert und arbeitet nun als Lektorin für Zeitungen, Agenturen und Private. In ihrer Freizeit engagiert sie sich für die Gesellschaft. Weitere Infos findet ihr auf ihrer Homepage.

Ein anderes aktuelles Werk ist die Erzählung "Zu Besuch bei König Nestor"

Das Cover

Das Titelbild fällt durch seine an einen Bilderrahmen erinnernde Optik auf - ein brauner Hintergrund mit Verzierung, darauf ein Fuchs.

Das Tier wirkt sehr buschig, was bei mir Niedlichkeitsgefühle auslöste. Allerdings wirkt es auch etwas altbacken - es sagt zwar aus, dass es um eine Geschichte in der Vergangenheit geht, aber ich assoziiere damit einen Heimatfilm - und das entspricht nicht dem Geist des Buches, denke ich.



Inhalt

Das Buch erzählt in vier Kapiteln die Geschichte dreier Generationen: Der Jude Jacob (Kapitel I) heiratet die Müllerstochter Martha (II), die nach dem frühen Tod ihres Mannes den gemeinsamen Sohn Alfred (III) großziehen muss. Dieser arbeitet sich vom Schlosser zum Geschäftsmann hoch, heiratet die bürgerliche Clara (IV) und verliert sein Vermögen. Kurze Zeit später stirbt Martha und mit ihr auch das Buch.

Haupthandlungsort ist Marburg, aus dessen Umgebung Martha stammt.

Die Füchsin

Das Tier lebt in einem Wald nahe Marthas Elternhaus. Diese hat das Grundstück von einer nahen Verwandten, die als Hexe bekannt war, geerbt und weigert sich beharrlich, es zu verkaufen. Insbesondere nach dem Tod ihres Mannes stellt der Wald für sie einen Zufluchtsort und die Füchsin eine Freundin dar, der sie alles erzählen kann.

Der Wald und die Füchsin sind sowohl für die Handlung als auch für den Leser einen Ruhepol, auf den immer wieder zurückgegriffen wird; wesentlich zur Handlung trägt er aber nicht bei.

Charaktere

Jacob ist ein umherziehender Metallwarenverkäufer, der völlig erschöpft auf dem Hof von Marthas Vater landet. Mit kleinen Arbeiten gewinnt er das Vertrauen des Vaters und das Herz Marthas. Jacob ist tüchtig, klug und gläubig, kann aber erfassen, dass Religion mehr ist als ein Name. Um Martha heiraten zu können, tritt er zum Christentum über.

Martha ist die Tochter des Müllers und die Figur, von der der Leser am meisten liest, sein Fixpunkt. Nachdem sie von Jacob ein uneheliches Kind erwartet, flieht sie heimlich vom Hof, bekommt aber später indirekt wieder Kontakt zu ihrem Vater, als sie für ihn Brot backt. Nach dem Tod Jacobs ist sie verbittert und hält an den Erinnerungen an ihn fest. Noch mehr als an das Christentum glaubt sie an den Schutz durch die Füchsin. Martha ist zäh und ausdauernd; Arbeit ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Mit den Veränderungen über die Jahrzehnte kann sie sich nur schwer anfreunden, insbesondere Alfreds Ehefrau, die sich weigert zu arbeiten, akzeptiert sie nur widerwillig.

Alfred treibt die Handlung voran und steht für den Übergang von der Landwirtschaft zur Industrie; nach einer Ausbildung als Schlosser wird er zunehmend geschäftstätig, kauft sich in die aufsteigende Eisenbahnindistrie ein und verrät dafür sogar seine Zunft. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnen immer weniger abwerfen, gerät er in finanzielle Schwierigkeiten, die sich augenscheinlich durch den Tod der Mutter mildern. Alfred wurde schon in jungen Jahren von seinen Mitschülern gehänselt und ist daher sehr ehrgeizig. Er strebt nach oben und weiß die Erfindungen der Neuzeit zu verbessern oder durch Aktienanteile zu nutzen. Dabei wirkt er etwas skrupellos, weil sein eigener Vorteil über der Gemeinschaft steht. Er wirkt nicht extrem berechnend oder unsympatisch, hat aber eine negative Tendenz. Gerade im Umgang mit Frauen ist er eher unbeholfen bzw. interessenlos; Clara heiratet er nur aus gesellschaftlichen Gründen; er akzeptiert ihre Launen und erhofft sich von ihrem Stand Ansehen und Kontakte.

Clara ist mit Ende 20 eigentlich zu alt zum Heiraten, Alfred erweist sich für sie als Glücksgriff, insbesondere, da sie zwar bürgerlich ist, aber kein Geld hat. Sie wirkt zickig und arrogant; sie ist mehr dem Klavierspielen als dem Arbeiten zugetan, was besonders zu Konflikten mit Martha führt, da Clara während ihrer Schwangerschaft nur im Bett liegt. Als die gemeinsame Tochter lieber arbeiten bzw. zur Universität gehen will, anstatt den Haushalt zu führen, heißt sie das nicht gut. Clara klebt an ihrem Stand :-)

Die Charaktere tragen das Buch und stehen immer im Vordergrund, man baut eine Beziehung zu ihnen auf. Allerdings sind sie nur grob charakterisiert und erzeugen nur wenig Spannung - im Vordergrund steht die Historie; ich hätte mir etwas mehr Handlung, Konflikte usw. gewünscht. Aber das ist eine Gratwanderung.

Historische Fakten

Das Buch beginnt mit Wanderarbeitern, steigt dann empor zur zunehmenden Sesshaftigkeit und zur Bauernbefreiung, deren Höhepunkt die Reformen um 1850 darstellen. Danach wird von der Instustrialisierung bis zum Beginn der Emanzipation berichtet.

Leider gibt es im Buch kaum Jahreszahlen, an denen man sich orientieren kann. Diese sind aber nicht unbedingt notwendig, denn die Vorgänge sind ruhig und verständlich erklärt, man benötigt kein Fachwissen, um mit zu kommen. Gründe für Änderungen werden benannt, ohne dabei zu tief zu gehen. Sehr positiv ist, dass es nie belehrend wirkt. Man kann leicht den Fehler machen und mit dem Finger auf die Geschichte zeigen, um darzustellen, dass alles super-spannend war und man das als Autor sogar erzählen kann! - Das macht die Autorin nicht; sie flicht das alles gemütlich ein; nur selten ist es doch mal zuviel, erzählen Nebenfiguren mehr als notwendig.

Inwieweit alles korrekt beschrieben ist, kann ich nicht nachprüfen :-)

Perspektive

Das Geschehen ist größtenteils aus der personalen Perspektive der kapitel-titel-gebenenden Figur erzählt und schreitet voran; man erfährt also niemals Dinge zweimal. Besonders in den Kapitel 2 und 3 wechselt sie auch zu Martha; anfangs irritiert das, doch man gewöhnt sich daran.

Der kapitelweise Wechsel war zwischendrin schade, weil man nicht alle Figuren gleichzeitig betrachten konnte, am Ende geht das Prinzip aber auf: jeder Charakter steht für eine Zeit, und genauso wie sich die Zeiten ändern, ändern sich die Schwerpunkte. Dennoch ist es am Ende komisch, dass Clara ein ganzes Kapitel bekommt, obwohl man zwei Drittel des Buches mit Alfred und Martha verbracht hat - die Industrialisierung und das aufstrebenen Bürgerum überrollen Figuren und Leser :-)

Schreibstil

Die Autorin nutzt die Sprache und weißt, was sie tut. Der Stil ist sehr gleichmäßig und ruhig; der Text wirkt fast nie aufgebauscht, sondern eher gespannt :-)

Auch die Wortwahl ist passend, etwas alt, aber nicht übertrieben, sondern verständlich, nur selten gibt es umgangssprachliche Formulierungen. Auch gibt es wenige Tippfehler.

Die Zeitformen sind besonders am Anfang etwas durcheinander; später glückt der Versuch, durch Präsens zu zeigen, dass man nah am Geschehen ist, nicht, weil die Autorin nach zwei Sätzen wieder in das Präteritum rutscht; hier wäre die Vergangenheit besser gewesen.

Lesegefühl

In das Buch kann man sich wundervoll reinkuscheln :-) Ein lauer Abend, Tee oder Eistee, eine warme Decke oder die letzten Sonnenstrahlen, man will einfach kein Wort überlesen und jede Zeile genießen; es ist sprachlich nicht extrem ausgefeilt, aber es macht Spaß, den Figuren zu folgen, ohne, dass man das Gefühl hat, ein Sachbuch zu lesen. Es ist einfach leicht :-)


Fazit

Menschen, die gerne Geschichte belletristisch lesen oder Angst haben, dass ein Sachbuch zu trocken wird, sollten zugreifen :-) Wenn man mehr auf Charaktere, ihre Entwicklung und ihre Funktion als Leitbild seht, sind andere Bücher besser.

Dennoch sehr außergewöhnlich und wundervoll gelungen, was die Erzählung des Historischen betrifft!

1 Kommentar:

  1. Und was für perfekt passende Fotos! Großartig. Herzlichen Dank!

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über deinen Kommentar! Für Fragen oder Kommentare zu meinem Kommentar auf deiner Seite kannst du mir eine Nachricht schicken - oben rechts steht die Adresse :-)