Freitag, 28. Juni 2013

"Gläsern" von Rona Walter

Ich habe von dem Buch in einer Autoren-Gruppe erfahren und mich für die Leserunde angemeldet. Obwohl ich mir unter dem Titel nichts vorstellen konnte, hat mich der Klappentext neugierig gemacht und ich habe gelesen...

Untermalt wird diese Kritik von Teelichthaltern, die ich noch rumstehen hatte (4er-Packs :P) und die passend zum Thema angemalt hab. Ich wollte die Farben und das Flammende des Covers aufgreifen. Benutzt hab ich Malgel, Acrylfarbe und einen Schwamm.

Viel Spaß!

PS: Die spoilerfreie Version stelle ich wieder auf Amazon :-)

Allgemeines


Das Buch ist im Luzifer-Verlag erschienen und hat als Print 326 Seiten. Für die Buchausgabe bezahlt man bei allen großen Portalen 14,95 EUR, die Kindle-Version ist derzeit für 2,69 EUR erhältlich.

Die Autorin


Rona Walter hat "English Language & Literature: 19th Century and Romanticism" in England studiert und arbeitet derzeit als Drehbuchautorin und freie Übersetzerin. 

Ihr Debut-Roman 'Kaltgeschminkt' wurde mit einem Preis ausgezeichnet.

Hier ist die Autoren-Page.

Das Cover


Das Titelbild zeigt die Augen einer Frau, die aus der Ferne leuchten. Aus der Mitte entspringt ein heller Lichtkegel, umgeben von einem pink-blauen Farbverlauf. Verziert ist es mit ein paar verschnörkelten Linien in dunklem Pink. Titel und Autorin sind in Weiß in einer keltisch anmutenden Schrift gedruckt.

Ich mag die Farben auf dem Cover sehr und auch die Schrift ist so gewählt, dass sie zum Inhalt passt, aber gut lesbar ist. Aber die Kontraste sind zu hart - das Titelbild blendet mich fast und für einen so düsteren Roman ist das Pink fast zu kitschig. Wenn ich den Inhalt nicht kennen würde, würde ich dahinter zwar Mystik, aber auch Fantasy vermuten - und das ist es weniger.

Der Titel


Weil ich damit Probleme hatte, ein paar Worte dazu: Er passt gut zum Buch, denn gläsern ist der Sarg, in dem das Schneewitchen-Pentdant liegt, bis sie vom Jäger gerettet wird. Gläsern verweist auch auf die Spiegel, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Und ich habe kein Problem mit Ein-Wort-Titeln, wenn sie genau die Assoziation wecken, die im Buch vermittelt werden. Aber dem ist hier nicht so - 'Gläsern' kann alles bedeuten, ich hätte sogar auf einen Krankheitsbericht getippt. Natürlich ist er einprägsam, aber ich hätte mir etwas gewünscht, das den Inhalt mehr umreißt.

Inhalt


Der Roman ist eine Adaption des Schneewitchen-Märchens und greift dabei weitere heidnische bzw. irische Sagen auf.

Lord Sandy wird von Lady Amaranth (die böse Stiefmutter) beauftragt, ihre Tochter Eirwyn (Schneewitchen) zu finden, da ihr Vater sehr krank ist und nur durch ihre Rückkehr Besserung erfährt. Fred, der treue Diener, sowie seine Freundin Giniver sollen ihn begleiten. Einige Turbulenzen später begegnen sie Kieran, dem Jäger und Jugendfreund der Grafentochter und es beginnt ein Streit darüber, ob Eirwyn dem Wunsch ihrer Mutter nachkommt oder auf ihrem Anwesen bleibt. Zum Wohle des Vaters und der Rache entschließt sie sich, ihrer Peinigerin gegenüber zu treten. Zwischendrin entpuppt sich Lord Sandy als psychopatischer Killer und wird getötet. Schlussendlich vollzieht Eirwyn ihre Rache und Fred beginnt, ein unstetes Leben zu führen.

Die Charaktere


Frederick Van Sade (Fred) ist Valet (= oberster Diener) im Grafentum Manor und der Lady treu ergeben. Er weiß, dass diese die Reisegruppe mittels eines Spiegels überwacht, hat sich im Gegensatz zu Lord Sandy aber daran gewöhnt. Trotz seiner Zweifel im letzten Drittel hält er zu seiner Herrin und versucht sogar ihren Tod zu verhindern. Mit Giniver, ebenfalls Dienerin, verbindet ihn einen tiefe platonische Beziehung, deren Vertiefung Giniver nicht zulässt und Fred nicht attraktiv findet - auch wenn er Frauen schön findet, wird in einer Szene am Ende und im Epilog angedeutet, dass er homoerotische Tendenzen hat.

Fred ist extrem auf sein Aussehen fixiert, ein Anzug muss bei ihm perfekt sitzen.

Im Pro- und Epilog wirkt Fred lasterhaft, er trinkt gern Bier, was in der Hauptgeschichte zugunsten seiner Eleganz zurücktritt. Er wirkt ironisch bis sarkastisch, manchmal auch kindisch, besonders, wenn Kieran ihn verspottet. Diesen hält er für einen Töpel.

Lady Georgina Amaranth ist die Gräfin von Manor, Verkörperung der Stiefmutter, die ihrer Tochter nach
dem Leben trachtet, weil sie schöner ist als sie bzw. ihre Schönheit verschwindet. Sie vergiftet ihren Mann schleichend, weil auch er nach dem Tod der Tochter nichts mehr wert ist. Lady Amaranth war früher innerlich schön, doch irgendwann hat sie der Gram vergiftet

Ihre Rolle zu beurteilen ist schwer, weil sie selten in Erscheinung tritt, man von ihren Schlechtigkeiten nur durch die Erzählung der Tochter erfährt. Sie wirkt nicht herrisch, allerdings etwas einfältig, wenn man bedenkt, dass sie zwar ihr Personal überwacht, aber nicht durchschaut, das Lord Sandy kein Kopfgeldjäger ist. Andererseits ist sie sehr intelligent - sie schafft es, Hektor zu vergiften, ohne ihn zu töten, und versucht - märchengemäß - ihre Tochter mehrmals umzubringen.

Am Ende hat man sogar Mitleid mit ihr, weil ihr Tod so grausam ist.

Hektor von Waldeck ist Vater von Eirwyn und Mann von Lady Amaranth. Er stammt aus Deutschland und ist seit der Flucht seiner Tochter krank. Die Lady lässt ihm Tränke verabreichen, die ihn schwächen, aber nicht töten, um ihre Tochter zur Rückkehr zu bewegen.

Hektor ist hilflos und liebt seine Frau noch immer; er sehnt sich nach der Vergangenheit, als die Lady noch innerlich schön war. Allerdings greift er nicht ein, als Eirwyn die Lady tötet.

Lord Sandford (Sandy) stammt aus Wales und wirkt von Anfang an zwiespältig - einerseits hat er Probleme in der Kommunikation und fürchtet sich vor den Augen der Lady, andererseits ist er sehr clever, was die Vertuschung seiner Morde betrifft.

Er fühlt sich der Lady und seiner Aufgabe verpflichtet, obwohl er eigene Interesse verfolgt. In seiner Tötungsszene zeigt sich, dass er auch körperlich sehr stark ist.

Im Grunde sorgt Sandy für Spannung und eröffnet einen weiteren, wenngleich kurzen, Handlungsstrang.

Eirwyn ist die Tochter von Lady Amaranth und Hektor und lebt seit ihrer Flucht auf einem Gut in Deutschland. Sie ist selbstständig und hat ihre eigene Meinung, allerdings empfinde ich sie nicht als feenhaft. Sie hat die Mordversuche ihrer Mutter nicht durchschaut und wirkt daher etwas naiv.

Eirwyn wurde von ihrer Mutter wegen ihrer Schönheit verachtet und weigert sich zunächst, zugunsten ihres Vaters wieder nach England zu kommen. Zum Schluss tut sie es und offenbart dort ihre grausame Seite: sie tötet ihre Mutter mithilfe zweier Schuhe.

Kieran ist der Beschützer Eirwyns und ein Raubein. Er verteidigt seine Meinung und ihre Ehre mit Fäusten, ist aber auch sehr treu. Kieran wollte Eirwyn vor ihrer Flucht retten und wurde von der Lady bestraft: Sie ließ einen Spiegel über ihm zerbrechen, sodass sich die Splitter in seinen Körper bohrten und schmerzen, wenn sie sauer auf ihn ist. Er schafft es, einige Splitter zu entfernen, wird aber immer noch gequält.

Insgesamt haben die Charaktere alles etwas Besonderes, wirken aber oberflächlich. Eirwyn scheint naiv, aber nicht mädchenhaft, Kierans Männlichkeit kommt rüber, aber sein Spott gegen Fred ist für mich nicht glaubwürdig, Lord Sandy fehlt das Mysteriöse, auch wenn Fred es so darstellen will. Ich hatten mir von einem Märchen in Romanform etwas mehr erwartet. Andererseits kann das auch an der Perspektive liegen?

Adaption des Märchenstoffs


Ich bin kein Experte, aber ich hab Wikipedia konsultiert :-)

Den Handlungsrahmen bildet das Märchen um Schneewittchen, erweitert um ein paar Anspielungen aus der irischen Mythologie und anderem.

So soll Eirwyn, deren Name die walisische Form von 'Schneewittchen' ist, Lippen so rot wie Blut und Haut so weiß wie Schnee haben. Außerdem trachtet ihr ihre Mutter nach dem Leben und versucht sie dreimal umzubringen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass keine 7 Zwerge vorkommen und die Tiere den gläsernen Sarg nicht bewachsen, sondern ihn als Fremdkörper betrachten und zerstören. Das gelähmte Schneewittchen ist den Tiere somit hilflos ausgeliefert. Am Ende wird die Mutter durch eiserne Schuhe getötet, die ihre Tochter im Feuer erhitzen lässt und in denen sie solange tanzen muss, bis sie tot ist. Auch der relativ teilnahmslose Vater kommt so im Märchen vor.

Passend dazu finden sich Anspielungen auf den Lilith-Mythos (Eirwyn soll eigentlich Lilly heißen und Lilien kehren als Motiv wieder), die Amaranth-Pflanze (laut griechischer Mythologie eine Pflanze, die ewig blüht, hier dargestellt durch eine Pflanze, die in mit Milch und Blut ernährt wird und dadurch ewig lebt, und der die Lady Heilkräfte zuschreibt) und irische Rituale zB. Alban Nefin (Wintersonnenwende), die Eirwyn durchführt. Des Weiteren spielt der Mond eine Rolle.


Durch die Reise von  England nach Deutschland wird der Bogen zwischen beiden Welten auch örtlich gespannt.

Moderne Einflüsse bekommt der Roman nicht nur durch die Sprache (es kommen einige Worte unserer Zeit wie 'schwul' usw. vor), sondern vor allem durch Giniver. Diese ist zwar als Charakter unschuldig (ihr Name ist eine Abwandlung von 'Guinevere', also 'Weißer Fee'), trägt aber pinke Haare und ein Maid-Kostüm sowie hohe Stiefel.


Ich mag die Idee, das Grimm'sche Märchen durch weitere Mythen aufzufüllen, allerdings war es für mich  nicht stimmig. Einerseits sind die Welten aus meiner Sicht sehr gegensätzlich - während die irischen Sagen immer ein sinnbildlicher Neben umweht und die Natur einen große Rolle spielt, sind die deutschen Märchen (so, wie ich sie kenne) eher rational, die Menschen stehen im Vordergrund; sie sind meist etwas träumerisch, aber auch sehr grausam mit ihren klaren Strafen. Andererseits sind dem Leser die deutschen Märchen vertrauter als die irischen - es kommen viele Fachbegriffe vor, Rituale, deren Hintergrund man nicht versteht. Sich dort hineinzudenken, während die Handlung voranschreitet, fand ich schwer.

Ich hätte es besser gefunden, wenn man sich auf die Modernisierung des Märchens beschränkt hätte; eine Übertragung in die Neuzeit oder ein paar Ausschmückungen stelle ich mir sehr reizvoll vor.

Erotisches


Im Buch wird - was auch nicht nötig ist - etwas gesexelt, im Wesentlichen gibt es drei Szenen, die auffallen: Kieran schläft mit Eirwyn, was kurz und sehr romantisch geschildert wird, aber unbedingt eine Vorrede erforderte, Fred macht sich im Rausch des Alkohols an Kieran ran und im Epilog wird erzählt, dass Fred mit Männern und Frauen schläft.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll - für mich als 'Erwachsene' war es interessant und ich empfand zumindest die erste Szene nicht als aufdringlich, sie war schön geschrieben. Allerdings stören mich die Anspielungen auf homoerotische Tendenzen Freds. Ich habe kein Problem damit, ich bin es aus zahlreichen Shonen-Ai-Mangas gewohnt, und es wird im restlichen Buch auch angedeutet. Aber ich hatte das Gefühl, dass es etwas Spannung reinbringen und provokativ sein sollte, am Ende dient es auch dazu, den Verfall Freds nach dem Tod seiner Herrin zu verdeutlichen.

Das Buch wäre auch ohne gut gewesen :-)

Schreibstil und Perspektive


Das Buch wird aus Sicht Freds erzählt und das sehr konsequent. Seine manchmal abfälligen Kommentare geben dem Buch Struktur und dem Leser Sicherheit - man fühlt sich geborgen. Die Anmerkungen über die Kleidung bringen etwas Humor hinein. Allerdings wirkte der Erzähler auf mich nicht sehr sympatisch und manchmal kann man die Ereignisse nicht richtig genießen, weil sie aus seiner Sicht erzählt werden...

Der Schreibstil selbst ist durchgängig gut und treibt den Leser weiter. Man liest sehr lange an den Seiten, genießt aber auch. Er ist der heutigen Sprache angepasst, sodass man gut lesen kann, aber nicht umgangssprachlich. Die Wortwahl ist meistens passend und der Wortschatz groß. Probleme hatte ich mit neumodischen Wörtern und der Anspielung auf die Sexszene.

Gliederung und Gestaltung


Das Buch ist in neun Kapitel unterteilt, die unterschiedlich lang sind. Beim Lesen selbst stört es nicht, weil man gut voran kommt, aber die Aussicht, noch 40 Seiten bis zum Ende des Kapitels zu brauchen, ist nicht so toll, wenn man Abschnitte mag :-) Die Titel sind treffend gewählt, verheißen Spannung und umreißen den Inhalt grob. Allerdings stören mich die Zahlen bei 'Delirium 01' usw. Außerdem habe ich die Titel kaum wahrgenommen, weil es nur einen Handlungsstrang gibt und man einfach weiterliest.

Auffallend ist, dass es neben der an TMR-erinnernden Standartschrift noch zwei weitere gibt: Die Kapiteltitel und das Inhaltsverzeichnung sind mit einer an Kaligrafie angelehnten Schrift geschrieben, Briefe und Rezepte in einer etwas lockeren Schriftart, bei der ich teilweise Probleme beim Lesen hatte. Ich bin kein Freund von sowas, es ist eine unnötige Spielerei, um dem Geschriebenen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen und stört den Lesefluss. Optisch lockert es auf, aber ich finde das nur für Kinderbücher gut.

Schön finde ich, dass mit Kursiv- und manchmal auch Fettformatierung gearbeitet wird, um Wörter hervorzugeben und Satzanfänge zu betonen, was das Lesen erleichtert, da es zwar Absätze, aber nur wenige Leerzeilen gibt.

Übrigens ist das Buch fast rechtschreibfehler-frei :-)


Fazit


Das Buch ist spannend und gut lesbar, es wurde mit viel Mühe geschrieben und hat Unterhaltungswert. Ich fand es inhaltlich etwas unausgewogen und die Charaktere nicht tief genug. Aber gerade stilistisch wirklich ein Genuss :-)

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