Freitag, 14. Juni 2013

'Taken by Berlin' von Nicolas Scheerbarth


Inoffizielle Einleitung: Diese Rezension zu schreiben war schwer. Ich bin mit meinem bisherigen Methoden nicht weiter gekommen und musste neue Wege gehen, nur um am Ende zu realisieren, dass diese zwar gut sind und mich in meinem weiteren Schaffen voranbringen, dass ich aber nie vergessen sollte, wo ich anfing. Das Licht des aller-ersten Eindrucks leuchtet hell, es ist wie ein Wegweiser und sagt mir, dass vor der Analyse, den technischen Begriffen, den Wertungen und dem Kampf der eigenen Meinung mit dem Verstand ein erster Eindruck stand - ein kleines Mädchen, das auf und ab hüpfte, weil es den Titel sehr knuffig fand :-)

Ich wollte nicht wahrhaben, dass das Buch in vielen Dingen meinen Erfahrungen, meiner Ansicht von einem guten Buch widerspricht, weil ich sovieles vom Autor weiß und gehört habe, dass manches genauso sein soll, auch wenn ich es nicht gut finde. Die Angst, dass meine Rezension negativ aufgenommen wird, war nie da. Aber die Bedenken, irgendetwas nicht gesehen zu haben. Ich fühlte mich hilflos. Netterweise standen mir einige User zur Seite und wie der verlorene Sohn bin ich nach Hause zurück gekehrt. Ich habe Dinge gesehen, die mir vorher gar nicht aufgefallen sind, und das macht mich froh :-) Und jetzt steht sie da, die Kritik.

Offizielle Einleitung: 

"Taken by Berlin" - bei diesem Titel wird mancher sofort die mystischen Synthie-Klänge von Lenas Grand-Prix-Verlierer-Songs im Ohr haben, obwohl die Frau auf dem Cover bis auf den Glitter nichts mit Lena gemein hat. Aber entführt in die Fremde wurde ich. Inhaltlich. Und geistig. Und es war mein erster Ausflug in dieses Literatur-Genre.

Und wie immer: Ich spoilere. Eine Kurzform der Rezension findet ihr auf Amazon :-)


Wie bin ich dazu gekommen?

Ich habe schon einige Erzählungen Nicolas Scheerbarths gelesen und er ist vermutlich der Autor, den ich durch die Werke am besten kenne - aber eigentlich interessieren mich Namen nicht. Außerdem mag ich keine Romane - sie sind mir zu lang :-)

Allerdings hat mich der Titel gefesselt - und das aus ziemlich skurilen Gründen:

1. Ich mag Berlin - Berlin ist sowas wie Wien, nur mit mehr Liebe und weniger Hass.
2. Ich mag Partizipialkonstruktionen im Englischen - und alles, was danach aussieht, weil man mit einem Verb einen Satz abkürzen kann.
3. Ich mag das Passiv im Englischen - und alles, was danach aussieht, weil das Passiv ohne 'ge-' kürzer ist und fließender klingt und weil 'by' einen wesentlich helleren Klang hat als unser 'von'.

Außerdem muss ich bei der Abkürzung TbB immer an die vieldiskutierte Werbekampagne Be Berlin denken - lieber TbB als Be :-)

Hinzu kam, dass mich die kleine, aber feine Werbekampagne neugierig gemacht hatte und ich mich irgendwann doch überwand und das Buch kaufte.

Werbung

Als ehemaliges Fernsehkind bin ich von Werbespots und bunten Anzeigen in Zeitungen, an Haltestellen und auf Litfaßsäulen immer noch fasziniert (obwohl ich sie nur wahrnehme, wenn sie knallen), und finde es immer spannend, wie Autoren ihre Werke bewerben.

Ich hatte es in der Amazon-Rezension zu Drachenlust kurz erwähnt und vielleicht reicht es mal für einen Extra-Post. Nur soviel: Anders als bei großen Verlagen, denen selbst der Verriss eines Buches noch Geld bringt und die immer und überall, nur nicht besonders kreativ, gegen die Vielfalt der E-Books und für Print-Medien kämpfen müssen (man verzeihe mir die Kritik), tun sich für Klein- und Selbstverleger ganz neue Möglichkeiten auf. Das fängt mit einer eigenen Präsentationsplattform (Blog, Facebook usw.) an und hört bei persönlichem Kontakt über eben diese Plattformen auf. Die Spanne reicht dabei von plakativer Werbung (Kauft mein Buch! Kauft mein Buch! Kauft mein Buch!) über Informationen über den Schaffensprozess bis zur Beteiligung der Nutzer am Werk selbst z.B. in dem sie die Handlung mitbestimmen oder entscheiden, ob eine Figur sterben soll.

Bei "Taken by Berlin" ging man kreative Wege: Neben der Werbung auf der Verlagspage bzw. Facebook, thematisierte der Autor den Fortgang auch in unregelmäßigen 'Werkstattberichten' und verwies auf Ausschnitte. Diese sind auch heute noch auf DeviantArt zu finden und geben in sechs Teilen Einblicke ins Buch. Diese Ausschnitte sind tatsächlich wie ein erster Eindruck, weil sie verschiedene Schwerpunkte setzen: Manche zeigen das Voranschreiten des Hauptcharakters, andere Stillstand, manche sind sexuell anregend, andere actionlastig. Ihnen gemein ist, dass sie - im Nachinein betrachtet - tatsächlich prägnante Szenen aus dem Buch aufgreifen. Die Wahl ist also gut gelungen.

Allgemeines

Das E-Book (ISBN: 9783944103242) hat ca. 253 Seiten und kann sowohl über den Verlag als auch über alle gängigen Buchportale bezogen werden. Man bezahlt dafür 6,99 EUR.

Kleine Anmerkung: Ich hätte gerne 2 EUR weniger bezahlt und wäre mit dem Autor - in Berlin! - Eis essen gegangen :-)

Das Cover

Man sieht eine Amazone mit Zeichnungen im Gesicht, gebräunt, mit sinnlichen Lippen, vermutlich Südländerin, und sie glitzert, ihr Blick ist durchdringend.

Das Bild ist sehr prägnant, für mich glitzerte es aber zuviel, weil ich die Geschichte nicht als schimmernd empfand, sondern herrlich bodenständig :-)

Der Autor

1958 geboren studierte Scheerbarth u.a. Gemanistik und arbeitet heute als Werbetexter. Er verfasst vorwiegend Erzählungen von ca. 40 Seiten Länge (Kindle) und lässt seine Figuren dabei in verschiedenen Orten und Konstellationen agieren. Ihn zeichnet eine Nähe zu den Figuren und Experimentierfreude aus - mal sind seine Geschichten amüsant und lebenslustig, mal melancholisch, manchmal auch überhöht.

Weitere Informationen gibt es auf der Verlagsseite.

Inhalt

Wir befinden uns im Jahre 2139. Joschi Silajev, Minister der EU in Straßburg, wird von Unbekannten entführt, bei einem Unfall von den Nazis aufgegriffen und schließlich von Amazonen aus Berlin gerettet. Dort versucht er herauszufinden, wer ihn verschwinden lassen möchte und lernt eine Kultur kennen, die soviel anders ist als die Reste der von Lethargie befallenen EU. Und nebenbei kann er noch eine persönliche Angelegenheit klären, die im Jahre 2091 mit einem rebellischen Mädchen begann.

Charaktere

Joschi Silajev kommt 2091, 14-jährig, aus der Ukraine nach Deutschland, da sein Vater, ein Wirtschaftsjournalist, als Auslandskorrespondent arbeiten soll. Das Land ist damals bereits von Klimaveränderungen betroffen und viele Familien müssen zusammen leben. Joschi begegnet hier nicht nur Menschen, die den sozialen Abstieg nicht wahrhaben wollen oder es sogar genießen, sondern auch einer neuen Form der Nacktheit: war diese in der Ukraine eher verpönt, sieht man es hier etwas lockerer. Prägend wird für Joschi die Begegnung mit Clarissa, genannt Riss, die ein paar Jahre älter ist und für eine Fernsehsendung aus dem ‚SenseNet‘ berichtet. Er ist fasziniert von ihrer lockeren, rebellischen Art und freundet sich mit ihr an. Als Joschi nach dem Studium nach Straßburg und Riss nach Berlin geht, verlieren sich die beiden aus den Augen. Als Minister ist Joschi für eine sanfte Annäherung der vielen Gruppen und Mächte, die es in Europa gibt; während ein Großteil seiner Kollegen auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, hat er die Menschen im Blick. Diese Fähigkeit macht ihn zum Sympathieträger.

Joschi ist ein Träumer, was man schon in der ersten Szene merkt: Er schaukelt, was ein typisches Motiv ist – der Blick in den Himmel, der Genuss der Freiheit. Außerdem ist er anpassungsfähig und kann sich schon nach kurzer Zeit sowohl in Bad Homburg als auch Berlin einleben. Seine Bodenständigkeit merkt man daran, dass er in seiner Jugend nie zu exzessiv war und an seine Unterkunft bei den Amazonen keine besonderen Ansprüche stellt. Joschi ist schüchtern – er hat Probleme, Clarissa seine Gefühle zu gestehen – weiß aber, wie er als Minister auftreten soll. Er kennt sich innerhalb seines Staatsapparates gut aus, ihm fehlt jedoch der Blick über den Tellerrand.

Clarissa, ‚Riss‘ oder auch ‚Mütze‘, ist zwei Jahre älter als Joschi und die Schwester seines Mitbewohners, als er nach Deutschland kam. Sie arbeitete damals als Reporterin. Riss ist bisexuell, tendiert aber zu Frauen. Später ist sie Anführerin der Kampftruppe in Berlin.

Riss ist selbstbewusst und körperlich stark. Sie ist sehr intelligent und weiß über die Vorgänge in Berlin und der Umwelt bescheid. Dennoch wohnen ihr Güte und Treue inne; sie würde nie etwas tun, um Joschi zu verletzen und ist auch zu ihren ‚Untergebenen‘ sehr nett.

Während Joschi für die sanfte Veränderung steht, ist Clarissa für die Rebellion; jedoch sind dies eher Tendenzen als Schubladen.

Insgesamt sind die Charaktere im richtigen Maße beschrieben - sie entstehen durch die Geschichte und sind differenziert, ohne, dass es übermäßig betont wird. Ich finde es gut, dass nicht in Schubladen eingeordnet sind und sehr menschlich wirken.

Die Welt

Einen guten Einblick in das TbB-Universum bietet das Glossar am Ende des Buches, aber auch innerhalb der Geschichte erschließt sich alles Wichtige.

Im Jahre 2139 ist die Erde von einer Klimakatastrophe geschädigt, die Temperaturen sind gestiegen, das Klima tropisch, sodass man meist nachts rausgeht. Um Berlin herrscht Urwald. Die Weltbevölkerung ist rapide gesunken und ehemals große Städte kaum besiedelt. Gebäude wurden vom Steinkrebs zersetzt und eine Lethargie hat den Menschen erfasst, die zu Resignation und einem stark verminderten Sexualtrieb führt. AIDS konnte geheilt werden.

Politisch besteht die EU noch, hat aber keinen großen Einfluss mehr. China wird feudal regiert und Berlin ist eine zerfallende Stadt. Es gibt Fusionsreaktoren. Außerdem viele kleine Gruppen.

Über die Technologie wird nicht viel ausgesagt, es gibt das SenseNet, die Weiterentwicklung des Internets, durch das man die digitale Welt noch realer erleben kann. Jeder Mensch trägt einen Bindi-Jack hinter dem Ohr, mit dem die Verbindung hergestellt wird.

Übrigens gibt es eine Verbindung zwischen dem Roman und den beiden Kurzgeschichten ‚Chaser‘ und ‚Dreamer‘ – in ersterem wird das spielerische Jagen von Mann und Frau im Wald thematisiert, in letzterem das SenseNet anhand eines Beispiels erläutert. Man muss die Texte nicht gelesen haben, um die Welt von TbB zu verstehen, sie stellen aber eine sinnvolle Ergänzung dar. Ich habe ‚Dreamer‘ gelesen und für mich wurde das SenseNet etwas bildlicher, ich konnte es mir besser vorstellen.

Insgesamt beschränkt sich Nicolas Scheerbarth auf eine grobe Erklärung der Welt und steht damit in der Tradition Philip K. Dicks usw., die sich bei ihren Werken, obwohl sie in der Zukunft spielen, auf die Menschen und nicht die Welt oder Technologie fokussiert haben. Die Welt wird erwähnt, wenn es notwendig ist, also gut in das Geschehen eingebunden. Wer aber eine bunte Welt mit tausenden Tieren und Fahrzeugen erwartet, bei denen einem der Mund offen stehen bleibt (so, wie es uns Hollywood gerne Glauben macht), der wird enttäuscht. 

Ich hatte meine Probleme mit der Beschreibung, weil ich mich ohne entsprechende Einleitung nicht in die Welt hineinversetzen, mir die Menschen vorstellen kann.

Gruppen

Die Amazonen:  Die Gruppe, deren Anführerin Clarissa ist, besteht zum Großteil aus jungen Frauen, die unterschiedlich aussehen, aber eine Uniform tragen: grobe graue Hose und schwarze Stiefel sowie ‚oben ohne‘. Sie sind mal eher weiblich, mal buschikos, aber nett und ihrer Anführerin ergeben. Die Bindungen innerhalb der Amazonen sind eher locker, nicht nur sexuell, sondern auch, was die Führung betrifft – ein hartes Regiment gibt es nicht, weil alle hinter dem System stehen. Mit Verbrechern geht man relativ nett um, Folter und Todesstrafe gibt es nicht. Clarissa erwähnt einmal, dass sie früher Menschen töten musste und ihr das sehr schwer fiel.

Die Nazis: Sind in Süddeutschland verbreitet und so, wie man sie sich vorstellt – streng regiert, aber etwas chaotisch; nicht immer sind alle regimetreu. Neben den Tempelrittern sind sie die einzigen, die sprachlich auffällig sind – sie sprechen militärisch.

Die Tempelritter: Die Kirche hat weitgehend an Bedeutung verloren, diese Gruppe gibt es aber noch. Sie stehen Frauen kritisch gegenüber und überschätzen ihre Macht.

Das Kalifat: Das Pendant zu heutigen Islamisten wird sehr gefährlich dargestellt; sie arbeiten mit traditionellen Waffen und Frauen müssen sich verhüllen.

Die Feudalen: Bestehen aus Mitgliedern des alten Adels, die augenscheinlich die historisch bekannte Ordnung zurück haben wollen und ein gutes Agentennetz haben.

Die Waldmenschen: Sind das Gegenstück zu den technisch hochentwickelten Berlinern. Sie leben ursprünglich und verstehen die Sprache der Neuzeit kaum, grenzen sich aber auch ab.

Insgesamt sind die Gruppen sehr vielfältig und da sie auf Systemen basieren, die uns aus der heutigen Welt bzw. der Historie bekannt sind, kann man ihre Ansichten und Motive gut nachvollziehen.

Unschön war, dass die meisten erst im letzten Drittel, bei der Aufklärung des Verbrechens, zur Sprache kommen und man von Informationen und Namen fast erschlagen wird.

Die Erotik

Offensichtlich sind in diesem Buch vor allem zwei Dinge: die Sexszenen und die Nacktheit der Amazonen. Erstere gibt es schon am Anfang (zwischen einem Nazi und einem Waldmädchen) und auch zwischen den Mitglieder der Gruppe, die Joschi aus Berlin holen will. Die Nacktheit der Frauen wirkt auf den ersten Blick sehr plakativ, man merkt aber schnell, dass sie als völlig normal angesehen wird. Zwar haben auch die Amazonen Sex (und mir manchmal zuviel), aber nicht, weil sie nackt sind.

Das ist für viele Werke des Autors charakteristisch: Er stellt sich nicht mit einem Schild hin und schreit 'Titten, Ficken, Gucken!!!', sondern betrachtet es sehr gemütlich - die Figuren agieren einfach, ohne extreme Wertung, und man hat immer das Gefühl, dass sie das gerne tun. Sex wirkt hier nicht vordergründig als Ausdruck von Macht (kein SM, sondern die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern), sondern als Genuss. Das merkt man beim Nazi am Anfang, der die Zuneigung der Frau genießt, besonders aber bei Joschi - dieser kennt Zärtlichkeiten noch aus seiner Jugend, da die Welt aber inzwischen fast antriebslos geworden ist - in jeglicher Hinsicht - freut er sich über die Zuwendung, die ihm die Frauen geben. Er fordert sie nicht ein, die Frauen geben freiwillig. Aber nicht emotionslos. Auch wenn Sex im Berlin weit verbreitet ist, tendiert man eher zur emotionalen Bindung zu EINER Person - mehrere Partner für Sex zu haben ist in Ordnung, hat man aber wirklich einen Freund oder eine Freundin, dann kommt den übrigen Sexpartnern die Eifersucht dazwischen - entweder alle gleichberechtigt oder keiner.

Sex im Alter

Das verdient einen Extra-Punkt, weil es mich überrascht hat: Man merkt es Joschi und Clarissa, wenn sie handeln, nicht an, aber im Jahre 2139 sind sie bereits über 60. Der Autor erwähnt das am Ende kurz: Clarissa wird von ihren Frauen trotz ihrer Falten im Gesicht begehrt, man sieht, dass sie gelebt hat und auch Joschi hat Potenzprobleme. Ich fand die Stelle sehr prägnant, weil es - wie im ganzen Buch - nebenbei erwähnt wird. 

Wir neigen dazu, das Thema über die Charaktere zu stellen - wir denken zu wissenschaftlich, und das nicht nur bei Sex im Alter, sondern auch bei Homosexualität usw. Wir wollen den Sachverhalt in den Mittelpunkt rücken und glauben, ihn nur dadurch zu verstehen. Aber Charaktereigenschaften wirken durch Menschen - und wenn sich zwei gefunden haben, dann ist es egal, wie alt sie sind oder welches Geschlecht sie haben.

Man sieht am Ende von TbB zuerst Joschi und Clarissa, die nach so langer Zeit endlich zusammen sind. Der Autor versucht, diesen Akt von den anderen zu unterscheiden, und das funktioniert. Aber ich fand es wichtig, dass sie glücklich sind :-)

Struktur

Der Roman ist relativ gleichmäßig in 18 Kapitel (einschließlich Prolog) unterteilt, die durchschnittlich 16 Seiten lang sind. Wie in vielen E-Books wird innerhalb eines Kapitels mit Sternchen gegliedert.

Die Handlung springt aus der Jetzt-Zeit (2139) immer wieder ins Jahr 2091, in dem Joschi aus der Ukraine nach Deutschland kam, und 2096, als er studierte, bis sie sich ab Mitte des Romanes komplett auf die Ereignisse in Berlin verlagert.

Meistens springt der Erzähler in die Situation hinein, was das Geschehen sehr lebhaft, aber auch flirrend macht – auch wenn in der Überschrift vermerkt ist, in welcher Zeit man sich gerade befindet, fand ich es schwer, einen inneren Zeitstrahl zu finden bzw. die Lücken zu füllen.

Spannung

Das Buch ist durch die Thematik von Anfang an spannend, da man sich in der ersten Hälfte vorwiegend dem Leben in Berlin widmet, wurde es erst in der zweiten Hälfte interessant. Auch, als sich herausstellt, dass Joschi Clarissa wieder getroffen hat, und seine Liebe doch erwidert werden könnte.

Perspektive

Die Geschichte wird vorwiegend personal aus der Sicht Joschis erzählt, nur im Prolog und in im letzten Drittel wechselt sie: Mit der Beobachtung eines Soldaten im Feldlager der Nazis wird die Geschichte eingeleitet, der Blick schwenkt von der schönen Naturbeschreibung auf den Angriff auf Joschis Entführer. Ab Kapitel 13 werden manchmal die Reichsritter gezeigt, die scheinbar von den Entführern kommen, Joschi aber – wie sich bald herausstellt – zurück holen wollen. Der Autor eröffnet kurzzeitig einen neuen Erzählstrang und erzeugt so Spannung bzw. Dynamik; ging es in den ersten zwei Dritteln um Joschis Vergangenheit und das Einleben in Berlin, widmet man sich im diesen Kapiteln der Aufklärung der Verbrechen (ja, es gibt noch eines).

Der Erzähler kann in das Innere der Figuren sehen, bewahrt jedoch eine gewisse Distanz – zu gefühlvoll wird es nie. Er mag sie, beobachtet sie aber meistens.

Schreibstil

Das Wichtigste zum Schluss :-) Der Roman lässt sich gut lesen, Scheerbarth liebt es, seine Figuren zu betrachten, ihre Handlungen in Details zu schildern, ohne es zu übertreiben. Die Szenen wirken oft flirrend, manchmal arbeitet er mit Wortgruppen, Auslassungspunkten und Gedankenstrichen, um den Lesefluss nicht unnötig durch Punkte unterbrechen zu müssen. Das ist einzigartig, stört aber nicht. 

Sein Wortschatz ist groß, man merkt einfach, dass er schon lange schreibt. Bei erotischen Szenen hat er ein Repartoire an Vokabeln, die jedoch selten vulgär, sondern eher poetisch sind. Er geht sehr einfühlsam mit den Figuren um :-)

Allerdings wirken die Dialoge, als es um die Aufklärung geht, etwas klischeehaft, zu erzählend, sehr auf Informationen fokussiert. Natur und Menschen stehen ihm besser :-)

Gestaltung des Buches

Hier fällt positiv auf, dass man sich nur auf die Geschichte konzentriert - es gibt am Ende einen Verweis auf weitere Werke Scheerbarths, aber keine Leseprobe. Das Buch wird also nicht unnötig aufgeplustert.

Außerdem finden sich kaum Rechtschreib- und Grammatikfehler.

Fazit

Nicolas Scheerbarth vermischt in seinem Roman relativ gleichmäßig einen Kriminalfall und Erotik, im Vordergrund stehen aber Menschen, die sich in einer neuen Welt zurechtfinden müssen. Das mag nicht jeder und auch ich hätte mir eine klare Tendenz gewünscht. Dennoch kann man über das Buch gut nachdenken und es ist unterhaltsam. An manchen Stellen wäre mehr Pfeffer gut gewesen, dafür macht es Spaß, die Ruhe zu genießen.

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