Freitag, 5. Juli 2013

Ich war gewesen - Ausstellung "Große Freiheit - Liebe. Lust. Leben"

Hallo!

Nachdem mir ein Freund ein Bild von einem weißen Iglu auf dem Altmarkt berichtet hatte, wagte ich mich, bewaffnet mit Gewehr... äh .. Stift und Vorsicht...nein, Kritikerseele... auf den Weg zum weißen Ungetüm, das ein Kuschelbett werden wollte :-) Schon von weitem erkannte ich das bekannte Logo, das auch auf den Plakaten der benachbarten Straßenbahnhaltestellen zu sehen ist.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bringt uns die Themen 'Sexuell übertragbare Krankheiten' und 'Verhütung' näher.

Man kann dort KOSTENLOS reingehen.


Wo?


Die Ausstellung tourt seit dem 11.06.2013 durch verschiedene Städte und macht derzeit in Dresden Halt. Eine Übersicht findet ihr hier.

Wann?


Das Zelt hat täglich von 09:00 bis 20:00 Uhr geöffnet, bei Einbruch der Dämmerung werden Schattenspiele von Besuchern an das Zelt projiziert.

Wer kann hin?


Die Ausstellung wird ab 16 Jahren empfohlen, daher gibt es auch Gruppenführungen für Schulklassen. Aufgrund der Aufmachung spricht sie auch Erwachsene an (sollte).

Wer passt auf?


Das Personal ist sehr freundlich und kompetent. Es hat mich erstaunt, wieviele Betreuer rumlaufen, man muss nicht lange suchen und sie kümmern sich :-)

Was wird vermittelt?


Es gibt Informationen zu den gängigsten Sexualkrankheiten mit Schwerpunkt HIV.

Leider beschränkt man sich dabei auf Basiswissen, das man in jedem Lehrbuch findet - wie rolle ich ein Kondom über, in welchen Situationen können welche Krankheiten übertragen werden usw.

Probleme, die auftreten können, werden ausgeklammert - manchmal lässt sich ein Kondom nicht so einfach überrollen, der Prozess des Überziehens kann das Liebesspiel stören, und wie reagiere ich, wenn der eventuelle Sexpartner ein Kondom ablehnt? Außerdem: Wie aufwändig ist eine HIV-Therapie?

Sowas geht über das Grundsätzliche hinaus, kann aber extrem verunsichern und die schönen Grundsätze über den Haufen werfen.

Wie wird es vermittelt? 


Grundkonzept / Inhalt

Die Basis sind 8 Figuren in unterschiedlichen Lebenssituationen: Vom jungen Mädchen über den türkischen Piloten und den HIV-positiven Schwulen hin zur 41-Jährigen, die nach der Scheidung wieder sexuell aktiv wird. Damit sollen auch ältere Menschen angesprochen werden; Verhütung ist ein Thema, das uns alle betrifft, unabhängig vom Alter - auch später kann man noch Fehler machen, weil man nachlässig wird oder denkt, schon alles zu wissen.

Die Charaktere werden am Anfang durch ihre Nachttisch-Schubladen eingeführt, danach bekommt jeder einen ca. 6 m² großen Bereich, in dem dem Besucher das Wissen spielerisch vermittelt wird.

Beim Piloten kann man z.B. die Weltkarte überfliegen und sich die HIV-Situation angucken lassen und - was ich sehr cool fand! - das Grundwissen wird in Form von Sicherheitshinweisen, wie beim Abflug, vermittelt. Man kann Musik aufnehmen, Schattenspiele drehen, sich Informationen über Krankheiten mittels eines Barcodes an einer Blutprobe anzeigen lassen usw.

Ein wichtiges Element ist das Telefon: In jedem Bereich hängt eines und man kann dort Gespräche der Charaktere untereinander hören.
 
Gut gefallen hat mir auch eine 'Wand', an der man einen Zettel heften kann, auf dem man die Frage beantworten kann "Wie überzeuge ich meinen Partner vom Kondom?" - hier fand ein Austausch zwischen den Besuchern statt und das gab Sicherheit.


Außerdem gibt es einen Mädchen- und eine Jungen-Ecke mit Beratern, was ich eher kritisch sehe - für junge Menschen ist das gut, weil sie noch den Schutz benötigen, das Gefühl, dass ihre Geheimnisse sicher sind. Ich fühlte mich inmitten von Kissen, Bravo-Zeitschriften und leger gekleideten Frauen deplatziert und habe drauf verzichtet. Natürlich kennt Safer Sex kein Alter, und die Viren werden leider nicht durch unsere Falten vertrieben :-) Aber ich will ernst genommen werden - und dazu gehört für mich jemand, der mir das Gefühl gibt, erfahren zu sein. Gab es nicht. Aber dazu später.


Die obligatorischen Spielereien wie das Aufblasen und Abrollen eines Kondoms gab es auch. Toll fand ich, dass ich endlich mal Paulchen (das legendäre Produkt von FunFactory) anfassen konnte :P

Gestaltung

Die Ausstellung ist sehr interaktiv, man wird animiert, nachzudenken, und das fand ich gut.

Man kann sich viele Filme angucken, aber leider die Lautstärke nicht regeln. Außerdem sind nur manche mit Kopfhörern ausgestattet, sodass man, während man eine Infotafel las, vom Ton des Filmes gestört wurde. Gut war aber, dass es an jeder 'Hör'-Station min. 2 Paar Kopfhörer gab.

Die Infotafeln waren spärlich gesäht und die Schrift ein bisschen klein. Zwar konnte man sich auch durch Seiten am Computer klicken, aber das ging inmitten der Spielereien einfach unter.

Mein Eindruck


Die Ausstellung ist sehr bunt, manchmal etwas eng, aber erstaunlich kompakt. Man sieht, dass sich hier viele Leute Gedanken gemacht haben, das Wissen möglichst vielfältig zu vermitteln. Ich glaube, als Jugendlicher fühlt man sich sehr wohl.

Allerdings fühlte ich mich als 'Erwachsene' nicht wohl, weil es ZU spielerisch war.

Ich wurde über die Medien und die Schule schon mit 10 Jahren aufgeklärt. 12 Jahre, bevor ich Sex hatte. Ich bin die ganze Pubertät lang mit dem Wissen bombardiert worden, DASS man ein Kondom benutzen muss. Und als ich irgendwann mal im Hygienemuseum war und mir die Bilder Syphillis-Kranken angeguckt hab, wusste ich auch WARUM. Aber trotz dieses Wissens wollte ich im Boden versinken, als ich vor einem nicht-bravo-konformen Riesenpenis stand und nicht wusste, wie ich das ***-Tütchen darüber bekommen sollte.

Das Problem ist: Wir wissen in der Theorie, wie alles funktioniert. Es ist wie ein Licht, das aufgeht, sobald man dem Partner näher kommt. Aber sobald es an die Praxis geht, stehen wir im Wald.

Es fehlt einfach ein offener Umgang mit Sex - das heißt nicht, dass ich ständig damit konfrontiert werden will, es gibt ja noch wichtigeres... also.. meistens :-)

Aber schon das Eingeständnis, dass Sex Spaß macht, wäre ein Fortschritt: Erregung ist geil. Es ist wundervoll, wie der Körper reagiert. Es ist schön, mit Menschen zu schlafen, festzustellen, dass es bei einem Mal bleiben sollte und es ist toll, wie weit die Technik inzwischen ist, was Hilfmittel betrifft. Und bei schönen Dingen können unschöne Dinge passieren - aber das mindert den Spaß nicht. Man hasst einander nicht, weil das Kondom nicht will, wie es soll, und es ist auch nicht verwerflich, auf einem zu bestehen - wenn der Traumprinz das ablehnt, dann hat sich das Sandmännchen eben geirrt. Und es gibt mittlerweile viele Menschen, die Sexualkrankheiten ernst nehmen - es bleibt also genug Auswahl :-)

Was mich auch stört: Die 'alten' Menschen in dieser Ausstellung waren maximal Mitte 40 und wirkten extrem hip. Das ist doch nicht normal. Viele Menschen sind nicht hip - und trotzdem können sie Fehler machen. Wenn sich Menschen gut fühlen, sollen sie Sex haben - und wenn sie 60 sind.

Was ich besser gefunden hätte: Banale Menschen. Reale Menschen. Leute, die arbeiten, zur Schule gehen, in den Kegelclub oder den Tanzverein. Leute, die sagen: Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben, aber ich habe ein Sexproblem. Ich bin unsicher, aber deswegen bin ich nicht schwach. Es ist gut, sich Hilfe zu suchen - man will das Problem ja lösen.

Auch gut: Pornos MIT Kondom. Und Schreckensbilder - es muss ja nicht stetig sein, wie auf Zigarettenschachteln, aber die Krankheit braucht ein Gesicht - man sieht Menschen Vaginalwarzen nicht an. Wie soll ich mir eine Krankheit vorstellen, von der ich nur lese?

Und ganz real betrachtet: Der Begriff STI für 'Sexuell übeTragbare Infektionen' birgt eine große Verwechslungsgefahr und lässt sich einfach schwer aussprechen.

Mein Glanzpunkt


Nixdestotrotz gibt es auch etwas, was mir viel Spaß gemacht hat - der Fotoautomat. Ich kenne leider nur die Billig-Versionen, aber dieser Automat ist schnell, einfach zu bedienen und die Bilder haben eine tolle Qualität! Man kann zwischen drei Farben wählen, hat dann 10 s Zeit, um sich zu positionieren, wird geknipst und kann sich danach das Bild angucken - man kann zwar nix ändern, aber man hat Zeit, sich die nächste Pose zu überlegen. Nach einer Minuten kommen die Bilder aus dem Automaten und sind gestochen scharf :-)

Fazit


Wie von der aktuellen Kampagne bin ich von der Ausstellung ziemlich enttäuscht. Sie ist sehr bunt, und man kann einiges machen, verliert sich aber am Ende darin. Die wichtigen Informationen gingen einfach unter.






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