Mittwoch, 14. August 2013

"Das Ghetto-Sex-Tagebuch" von Sila Sönmez


Cover
Ich hatte von dem Buch schon gehört, als es erschien, aber ich habe es erst jetzt gelesen. Aus zwei Gründen: Mein Bruder geht auf eine Schule, in der der Türken-Anteil sehr hoch ist und hatte davon gehört. Außerdem wollte ich mich mal mit einer Kultur auseinander setzen, die mir unbekannt ist.


Ich habe im Laufe der Jahre schon zwei Bücher aus dieser Richtung gelesen: "Crazy for Love" von Johanna Driest und "Mit geschlossenen Augen" von Melissa T. Ersteres war ein Reinfall, letzteres hat mich geprägt, weil ich mich immer gefragt habe, wie sich ein Mädchen so selbst erniedrigen kann - weil sie es will! Ich bin einiges gewohnt :P

Allgemeines
Das Buch ist nur als Print-Ausgabe (ISBN 978-3-89602-565-4) erhältlich und kostet 9,95 EUR. Es hat 224 Seiten.

Zur Autorin


Die türkisch-stämmige Schreiberin wurde 1984 in Köln geboren und lebt heute in Berin. Sie studiert Kulturwissenschaften.


Weitere Bücher sind bis jetzt noch nicht erschienen.

Das Cover
Auf einer Betontreppe sitzt ein Mädchen in Turnschuhen, Rock, zerrissener über intakter Strumpfhose, schwarzem Shirt mit weißem Schriftzug sowie aufgedrucktem Blutfleck. Das Gesicht von braunen Wellen eingerahmt fixiert ihr weicher, verklärter aber auch fordernder Blick den Leser.


Das Cover wirkt sehr offen, spiegelt den Stil der Reihe wieder, für mich hat es aber zuviele... Fluchtpunkte - es fehlt der Rahmen.

Großes Manko ist die Qualität: Es ist ein Softcover, aber wenn es nach 2 Tagen in meiner Tasche deutliche Abnutzungserscheinungen an den Ecken hat, ist das nicht gut.

Handlung

Wie der Titel sagt, handelt es sich um eine fiktives Tagebuch, das die Erzählerin ihm Rahmen ihrer Psychotherapie schreiben muss.

Aus meiner Sicht gibt es drei Schwerpunkte, die sich nacheinander konzentrieren: Die Liebe Aylas zu Hendrik (einem Klassenkameraden), die Beschaffung von Drogen aus Holland und Aylas Beziehung zu Sammy, ihrem besten Freund bzw. Bald-Freund.


Eingeflochten ist die Freundschaft zu einer bisexuellen Veganerin und ein paar Sexszenen.

Hauptfigur
Ayla wirkt abgeklärt, etwas rebellisch, stark, aber auch hilflos. Die Figuren werfen ihr vor, manchmal zu stark ihre Meinung kund zu tun, ich denke, dieser Charakterzug soll ihr etwas Schwaches, Menschliches verleihen. Zu ihrer Mutter hat sie ein gespanntes Verhältnis, fügt sich aber gut in das Familienleben ein. Besonders herausgearbeitet ist ihre Vorliebe für elektronisch angehauchten Hip-Hop. Ayla weiß, wie sie Männer verführt, liebt aber die Selbsterniedrigung. Sie denkt viel nach, was ich gut finde.

Ich habe zur der Figur ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits wirkt sie durch die Musik und die Gedanken sehr lebensnah, ihre Vorliebe für hässliche Männer scheint aber übertrieben. Insgesamt scheitert die Figur am Wollen der Autorin, krass zu sein.

Figurenkollektiv
Die Autorin bringt verschiedenen Typen zusammen, die jedoch zu gut miteinander funktionieren, um realitätsnah zu sein: die reiche Tussi, den unscheinbaren Mitläufer, einen dauerkiffenden Typen mit Herz, eine bisexuelle Außenseiterin, ein paar Ghetto-Kids.


Die Charaktere funktionieren miteinander, aber auch hier wäre etwas mehr Prägnanz gut gewesen.

Erotik
Das Buch soll nicht erregen, aber Sex als Provokation nutzen. Das schafft die Autorin, in dem sie eine körperliche und eine geistige Ebene gegenüberstellt:


Ayla liebt es, Sex mit alten, dicken Männern zu haben, wirkt extrem abgeklärt. Allerdings will sie sich nicht dafür bezahlen lassen, weil sie dann eine Hure wäre. Erstaunlich ist, dass sie keine Angst hat; sie hat Erfahrung, weiß, dass man sich in fernen Stadtteilen trifft, damit sie nicht von Freunden erkannt wird, zieht ihre Treffen aber gnadenlos durch.

Erstaunlich ist, dass die Szenen meistens nur kurz angerissen, aber nicht ausgeführt werden. Das passt zur Tagebuchform, weil sie vermutlich einen Teil verdrängt oder ihr der Akt wichtiger ist als die Details. Ich finde aber Einzelheiten eindringlicher. Allerdings ist es nicht erregend - was ich gut finde.


Im Gegensatz dazu steht das Hippie-Pärchen, das in einer Kommune lebt und für die das Erleben im Vordergrund steht. Die Mitglieder haben miteinander Sex.

Für Ayla ist die Kommune eine Stütze, weil sie ihr Denkanstöße geben, am Ende stellt sie aber fest, dass die freie Liebe nicht das ist, was sie will.


Ich fand es schade, dass beide Strömungen nicht nochmehr herausgearbeitet wurde, sie passen aber gut zusammen

Struktur
Das Buch hat 27 Kapitel, die annähernd gleich lang sind - 8 Seiten. Außerdem gibt es ein Vorwort der Figur, in dem sie sich vorstellt.


Ich finde die Einleitung mit der Begründung, sie müsse Tagebuch für die Therapie führen, etwas unkreativ. Außerdem ist es für mich schwer vorstellbar, dass all die Erlebnisse binnen eines Monats passieren - mir wäre eine Zeitraffung lieber gewesen.

Ansonsten ist das Buch gut gegliedert, Sternchen unterteilen die Kapitel in Abschnitte.

Sprache

Ich gestehe: So schlimm, wie erwartet, war es nicht. Der Text ist meist flüssig zu lesen, die Sprache gleichmäßig.

 Leider sind die Dialoge manchmal arg gekünstelt und das ständige 'Alter' nervt - ich hatte das Gefühl, dass die Sprache bewusst ghetto-mäßig wirken soll.



Außerdem stören die Einschübe in Türkisch den Lesefluss - die Wörter sind kursiv geschrieben und werden in Klammern erklärt. Ich kann mir vorstellen, dass man tatsächlich einen Mix aus deutsch und türkisch spricht - aber die ständigen Übersetzungen wirken übertrieben; es scheint, als wollte die Autorin extra betonen, dass manches besser in Türkisch ausgedrückt werden sollte. Fußnoten wären hier besser gewesen, manchmal bedarf es auch keiner Erklärung, weil sie Worte aus dem Kontext erschließen.

Fazit
Die Hauptfigur hat Potential und die Atmosphäre im Buch gefällt mir gut. Es hat eine Handlung und man kann es gut lesen. Aber die Autorin hat die Messlatte für sich selbst zu hoch gelegt - sie wollte eine Welt darstellen, gleichzeitig übertreiben, um zu provozieren. Diese Ambition merkt man. Schade.

Kommentare:

  1. Hört sich interessant an ^^ Gut, dass dieses Buch nicht versucht '' zu erregen''. Wahrscheinlich werde ich mich beim lesen ständig ärgern , warum sie weshalb so handelt wie sie handelt :D Aber wer weiß.

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    1. Ja :-) Falls du es mal liest, kannst du mir einen Wink geben! ich denke, dass die Meinungen hier ohnehin zwischen Verständnis und Abstoßung liegen.

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