Freitag, 27. September 2013

"Supergute Tage" im Staatsschauspiel Dresden

Hallo,

nach langer, langer Zeit habe ich mich mal wieder ins Theater getraut und mein schönes Wahlhelfer-Geld für eine Karte ausgegeben - aber wenn eines meiner Lieblingsbücher aufgeführt wird, drücke ich beide Augen zu (zumindest solange, bis das Stück anfängt) und wage mich in die Höhle des Spielens!

Hier ist der Link zum Stück.





Vorgeplänkel 1 - Ein Buch, mehrere Adaptionen


Buch- und Comic-Verfilmungen kennt man - aber dass Bücher für das Theater adaptiert werden, ist eher selten. Den absoluten Super-GAU erlebte ich bei "39,90 EUR" von Fréderic Beigbeder. Nach dem Kinofilm las ich das Buch und sah mir schließlich die Version im Societaetstheater an. Ergebnis: Der Film knallt und vermittelt den Inhalt sehr gut, im Buch kann man die Struktur besser erkennen, das Stück war zu abstrakt - es hat zwar den Geist des Buches aufgegriffen, aber inhaltlich hat man die Vorlage kaum wiedererkannt. Ich war daher skeptisch...

Vorgeplänkel 2 - Ich und das Buch + Inhalt


Ein Autismusbuch? Ich muss wohl wie ein Auto geguckt habe, als mir eine Bekannte das Buch in die Hand drückte. Ich befand mich in einer seelischen Notlage - aber doch nicht so krank! Andererseits: Ich hatte nichts zu verlieren! Also las ich und heute ist das Buch eines meiner Lieblingsbücher. Denn auch wenn die Figur wenig mit mir zu tun hat, ist die Botschaft wundervoll:  

Selbst mit oder gerade WEGEN seiner Schwächen kann man erreichen, was man sich vornimmt.

Christopher ist 15 und Autist. In vielen Quellen findet man den Hinweis auf Asperger, obwohl ich denke, dass es noch ein bisschen mehr ist. Wesentliches Merkmal: Er kann die Gesichtsausdrücke anderer Menschen nicht deuten. Wir erfassen die Emotionen und andere nonverbale Signale intuitiv und haben gelernt, auf sie zu reagieren. Christopher kann das nicht. Er muss Gesichtsausdrücke auswendig lernen wie ein Gedicht oder ähnliches. Das schließt auch Sprachbilder und Witze ein - er nimmt alles ernst, kann umgekehrt aber auch nicht lügen. Außerdem mag er keine menschliche Nähe und unterscheidet Farben: Rot ist gut, Gelb und Braun schlecht. Er hat ein fotografisches Gedächtnis und liebt Mathematik.

Christopher lebt bei seinem Vater, die Mutter starb angeblich an einer Herzkrankheit. Unordnung in Christophers Welt kommt, als Wellington, der Nachbarshund, stirbt. Trotz Verbotes durch den Vater macht sich Christopher auf die Suche und findet dabei heraus, dass seine Mutter nicht tot ist, sondern mit dem Mann der Nachbarin nach London zog, weil sie die gesellschaftliche Ächtung wegen seiner Krankheit nichtmehr aushielt. Obwohl er weder weiß, wo der Bahnhof ist, noch, wie man nach London kommt, kämpft er sich durch und ein paar Konflikte später kommt es nicht zum Happy, aber zum Befriedigenden Ende - die Familie wird nicht vereint, aber die Mutter ist wieder da.

Besonders die Bahnhofsszene ist mir in Erinnerung geblieben: Er hat es geschafft, das Ticket zu kaufen und in den Zug zu steigen, ist aber von den vielen Menschen völlig überfordert. Daher verkriecht er sich in der Gepäckablage und zählt. Wo ihn der Schaffner nicht findet, denn zwischendurch hat er seine Fahrkarte verloren. Wäre er nicht so panisch in sein Versteck geflüchtet, hätte man ihn aufgegriffen und sein Plan wäre gescheitert.

Schon aufgrund seiner kindlichen, manchmal herrlich unreflektierten Perspektive ist das Buch toll :-)

Allgemeines zur Inszenierung


Ort: Kleines Haus (= "Außenstelle" des Staatsschauspiels; an der Glacisstraße gelegen, erreichbar über Albertplatz)
Aufführungen: Premiere am 15.09.2013, weitere Termine findet ihr hier.
Preise: 17 bis 19 EUR (auf allen Plätzen)
Dauer: 2:15 h (inkl. Pause)

Regie: Jan Gehler
Fassung von Simon Stephens, nach einer Vorlage von Mark Haddons gleichnamigen Buch.

Erzählstruktur

Wesentlicher Unterschied zum Buch ist, dass es keinen Ich-Erzähler gibt, sondern ein Team: Siobhan, die im Buch als Christophers Lehrerin eine Nebenrolle spielt, führt durch das Stück und agiert mit dem Publikum und Christopher. Obwohl die beiden vor dem Publikum miteinander reden und der Junge manchmal allein auftritt, scheint er die Zuschauer befremdlich wahrzunehmen, wie ein Löwe im Käfig. Rahmenhandlung ist, dass Siobhan Christopher bittet, eine Geschichte zu schreiben - und dieser von Wellingtons Tod berichtet. Sie spricht ihm Mut zu.

In der Theaterzeitung, Ausgabe September, ist dazu Folgendes vermerkt:

Obwohl Stephens Christopher von seiner alleinigen Erzählerrolle befreit, bleibt er der Dreh- und Angelpunkt des Textes. Die anderen Figuren (es sind zahlreiche) existieren nur in Bezug auf ihn, was den ethischen Solipsismus der autistischen Figur sehr plastisch werden lässt.
Dem kann ich zustimmen: Meisten stehen die Figuren (ausgenommen Siobhan) von Christopher entfernt, sie haben Distanz, scheinen auf ihn einzureden, ihn aber nicht erreichen zu können, manchmal wirken sie sogar bedrohlich.

Was auch auffällt: Christophers Besonderheiten fallen weniger ins Gewicht, anstatt vieler Auffälligkeiten beschränkt man sich auf wenige. Diese bestehen zum größten Teil aus seinem Blick, der unruhig hin und her gleitet, der abgehackten Sprache und dem ständigen Streichen über seine Arme. Die roten Autos kommen nur am Rande vor. Das finde ich schade, weil ich diese Besonderheiten sehr mag. Die körperlichen Besonderheiten fand ich übertrieben, weil sie im Buch nicht so vorkommen. Auch wenn es ein gutes Mittel ist, um seine Nervosität auszudrücken, befriedigt man damit das Klischee des geistig Behinderten - ich finde, dass ihm dadurch das Einzigartige fehlt.

Das Bühnenbild

Schon, wenn man den Saal betritt, fällt seine Offenheit auf: Vor schwarzem Hintergrund sieht man verschiedene Quader, auf denen die Figuren agieren. Außerdem malt Christopher mit floureszierender Tinte darauf. Und sie bieten Platz für eine weitere Besonderheit: Die Videotechnik. Während in anderen Produktionen Schauspieler von der Decke fliegen ("Die Räuber") oder Wannen in den Boden eingelassen sind ("Marat/Sade"), werden hier Filme auf die schwarzen Flächen projeziert z.B. als Christopher Tetris spielt usw.

 Das finde ich gut, manchmal aber zuviel - es ist kreativ, wie man die Flächen nutzt, aber manchmal wäre mehr Spiel und weniger Technik gut gewesen. Es ist stellenweise zu unruhig. Und einiges unnötig.

Dennoch gefällt es mir gut, die Flächen werden von den Schauspielern effektiv genutzt und die Zahl der Requisiten ist nicht so groß.

Licht und Ton


Bis auf die Szene am Bahnhof sind Licht und Ton eher ruhig, alle gut sichtbar und nicht so grell angeleuchtet. Musik dient oft als Hintergrund, wird aber nicht nervig. Die Passage im Bahnhof ist aber ein bisschen zu heftig: Natürlich muss man den Trubel darstellen und man kann sich gut in Christopher reinfühlen, weil auch dem Zuschauer der Lärm auf den Keks geht. Aber mir war es zu laut und die Bilder zu flackernd. Anders als in manchen "coolen" Inszenierungen wirkt es hier zwar nicht sinnlos, aber ich musste mir die Ohren zuhalten und frage mich, ob man das gleiche nicht mit weniger erreichen könnte.

Ingesamt finde ich, dass man beides größtenteils passend eingesetzt hat, es hat sogar einen Hauch von Film :-)

Schauspieler und Figuren


Siobhan (Ina Piontek): Wow. Mal abgehen davon, dass sie ziemlich hübsch ist (auf die Haare werde ich neidsch :-)), hat sie viel Energie. Sie bildet einen positiven, fröhlichen Gegenpol zum verwirrten Christopher und versucht, ihm zu helfen. Manchmal scheitert sie damit, gibt ihm aber Halt. Die Aufgabe, alles aufzuschreiben, hält das Stück zusammen. Des Weiteren lockern ihre Zwiegespräche das Stück immer wieder auf. Die Figur hat etwas Theatralisches, was ich gut und schlecht finde - einerseits wirkt es künstlich, andererseits scheint ihre kräftige Stimme wie ein Fels in der Brandung. Figur und Leistung: gut!

Ed (Thomas Eisen): Ich kannte den Schauspieler schon aus "Marat/Sade" und mir fiel auf, dass sein Dialekt fast nicht spürbar ist. Die Figur des Vaters wirkt stark und liebevoll, manchmal hilflos. Ich finde es gut, dass sie mit diesem Gleichgewicht nicht klischeemäßig erscheint, sondern man mit ihm mitfühlt. Gleichzeitig ist seine Rolle nicht so groß, dass er Christopher überstrahlt. Die graue Kombination aus Shirt und Arbeitshose bildet eine Einheit mit seinen grauen Haaren und passt gut.

Judy (Cathleen Baumann): Christophers Mutter taucht, wie im Buch, zu Beginn des letzten Drittels auf und bildet den Wendepunkt der Geschichte. Durch ihren blonden, strähnigen Bob wirkt sie sehr traurig und hilflos. Auch, weil sie erstmals als Verkörperung der Briefe, die Christopher findet, auftaucht, über ihm steht und erzählt, warum sie die Familie verlassen hat, knallt sie und dieses Ungleichgewicht empfand ich ihm Buch weniger krass. Im Gegensatz zum ersten Teil geht es nicht um Christophers Probleme, sondern ihre - mit ihm und dem neuen Mann an ihrer Seite, dazu kommt der Job. Man wird auf einmal mit einer Figur konfrontiert und muss sie in ihrer Tiefe erfassen - das war mir zu schwierig. Ihr Gewissenskonflikt zwischen Verantwortung und Überforderung wird spürbar. Sie liebt ihren Sohn. Mehr als den neuen Mann. Ingesamt war die Leistung prägnant, aber in anderen Stücken kann man mehr zeigen, finde ich.

Roger/Polizist (Jan Maak): Der Schauspieler fällt in diesen Rollen besonders auf. Wirkt er als Polizist souverän und ein bisschen verständnislos, aber irgendwie liebenswert, hat die Figur des Rogers Tiefe. Anfangs ist er "nur" der Mann, der die Nachbarin verlassen hat, um mit Judy in London ein neues Leben anzufangen. Später zeigt er, dass er Träume hat. In Christopher hat er - zumindest für einige Zeit - einen Sohn gefunden. Schnell ist er von ihm überfordert und genervt - er will sein gemütliches, erfolgreiches Leben in London nicht aufgeben, weshalb es zu Konflikten mit Judy kommt. Gut umgesetzt.

Mr. Shears ua. (Anna-Katharina Muck): Die Frau mit den meisten Nebenrollen meistert diese alle sehr gut, besonders als alte Nachbarin wirkt sie wirklich toll!

Christopher Boone (Jonas Friedrich Leonhardi): Respekt. Natürlich sagt man das bei einer Hauptfigur immer, aber vor dieser Leistung muss man Achtung haben: Zwei Stunden lang einen autistischen Jungen mit körperlichen und sprachlichen Macken zu spielen, das muss man erstmal können. Auch wenn ich die kindlich verstellte Stimme nicht so gut finde, hat er besonders die Dialoge sehr gut umgesetzt.

Ingesamt agieren die Schauspieler wirklich gut, alles passt zusammen und man merkt ihnen an, wie sehr sie in ihrer Rolle sind.

Das Theater im Stück


Hier ist es mir besonders aufgefallen, vermutlich, weil ein Buch als Vorlage dient, kein Theaterstück: Im Stück sind Elemente des Theaters zu finden, was mich irritiert hat, weil die Inszenierung eher natürlich wirkt. Und dann kommt Siobhan mit ihrer kräftigen Stimme, das gemeinsame Sprechen des Ensembles als Geldautomat usw. Ich empfand das als Bruch. Hier nochmal ein Zitat aus dem Theater-Magazin:

Seine Fassung [Simon Stephens] ist in jedem Moment Theater und fordert das Medium durchaus heraus.
Ja, es ist Theater. Aber es wird nicht herausgefordert, sondern bewältigt die Motive und Besonderheiten, die die Vorlage ausmachen. Ich finde, das Stück hat sich nicht bekannter Mittel bedient, sondern sie interpretiert und dadurch weiterentwickelt - besonders, was das Spiel mit der Videoprojektion betrifft. Dennoch wäre ein Hauch weniger gut gewesen.

Fazit


Die Vorlage wird aufgegriffen und erkennbar umgesetzt, mir wäre mehr Christopher aber lieber gewesen. Die Schauspieler agieren gut, das Bühnenbild ist passend, die technischen Möglichkeiten werden genutzt, aber ein bisschen überstrapziert. Man kann das Stück sehen, ohne das Buch gelesen zu haben und es war ein schöner Abend.

Kommentare:

  1. Grade hab ich deinen ausführlichen Bericht zu dieser Inszenierung gelesen und bin total von den Socken! Das ist eine richtig tolle Idee, auch über Theaterbesuche zu schreiben; vor allem, wenn man ein Auge dafür hat, wie etwas warum im Theater dargestellt wird :)
    Ich gehe ja leider viel zu selten ins Theater - als Schülerin hatten ein paar Freunde und ich jede Spielzeit ein Schülerabo, da war es schon fast normal, in regelmäßigen Abständen ins Theater zu gehen. Mittlerweile habe ich dafür leider kaum Zeit. Aber die sollte man sich ab und zu echt mal nehmen. Ist doch immer wieder ein Erlebnis ;)
    Leider kenne ich das Buch nicht, aber es klingt auf jeden Fall so, als müsste es dringend auf meine WuLi wandern :)

    Liebe Grüße
    MelMel

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    1. Danke, das freut mich sehr :-) Ich gehe leider auch zu selten ins Theater, und ein richtiges Auge dafür habe ich auch nicht - wenn man sich die ganzen Kenner-Kritiken anguckt... aber ich versuche zu beschreiben, was ich sehe, was ich empfand, gerade weil ich ein Laie bin :P Das Buch solltest du lesen, eines der wenigen Bücher, die ich empfehlen kann :P

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