Samstag, 19. Oktober 2013

Vier Filme - Nemez

Hallo liebe Leser!

Manchmal gehe ich monatelang nicht ins Kino - und dann stehen binnen 2 Wochen 4 Filme auf dem Plan. Daher werde ich sie im Laufe der nächsten Tage mal vorstellen :-)

"Nemez" bildete den Auftakt. Ich habe den Film mit einer Freundin geguckt und meine Erwartungen waren nicht hoch. Seit ich in der Schule "Eine Hand voll Gras" sah, denke ich beim Stichwort "Ausländer-Film" an Dramatik, Herz-Schmerz, Kriminelles und ein Happy-End, das nicht richtig happy ist.



Letzendlich musste ich feststellen, dass dieser Film nicht so klischeemäßig ist. Was einerseits gut ist. Aber leider sind Drehbuch, Regie und Darsteller zu zaghaft, um die Vorurteile wirklich zu umschiffen. Der Titel "Filmkritik für Anfänger" wäre - und das ist nicht negativ gemeint! - eine gute Überschrift für diesen Eintrag gewesen, denn der Film setzt einige Stilmittel so offensiv ein, dass man daran üben kann, Filme genauer zu betrachten :-)

Für die Fotos habe ich mir eine Blume aus dem Garten geklaut und an verschiedene Orten drapiert - ähnlich wie die Hauptfigur ist sie schön, passt aber nirgendwo wirklich rein.

Allgemeines


Der Film wurde 2012 veröffentlicht und seitdem auf vielen Festivals usw. gespielt. Seit dem 18. Juli wurde er abwechselnd in verschiedenen Kinos aufgeführt.

Eine Veröffentlichung auf DVD ist geplan, ein Termin steht aber nocht nicht fest!

Er läuft 93 min.

Hauptdarsteller sind u.a. Mark Filatov, Emilia Schüle, Alex Brendemühl, Rene Erler und Michale Schweighöfer.

Nähere Infos findet ihr auf der Internetseite.


Der Regisseur


Stanislav Güntner wurde 1977 in Russland geboren und studierte zuerst in Dresden Musik und, nach kurzer Arbeit als Regieassistent und Schauspieler, Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in München.

Er hat seit 2000 an mehreren Kurz- und drei Spielfilmen mitgewirkt, meist als Autor und Regisseur.

Eine ausführliche Biografie findet ihr hier.

Handlung


Dima, ein junger Russlanddeutscher, der sich mit Gaunereien über Wasser hält, soll mit seinen Eltern zurück nach Russland fahren. Der Vater, studierter Ingenieur, arbeitet als Taxifahrer und könnte in Russland einen bessern Job bekommen. Doch Dima weigert sich. Im Gegensatz zu seinen Eltern hat er sich in Deutschland eingelebt. Auch die Gang um Kunsthändler Georgij will nicht auf ihn verzichten. Als er sich in Nadja, eine Kunststudentin, verliebt und sich mit ihrem Ex-Freund anlegt, entstehen zusätzliche Konflikte.

Themen


Erwachsen werden: Dimas Verhältnis zu seinen Eltern ist gut, aber etwas distanziert; besonders mit seinen kleinkriminellen Aktivitäten hat er sich von ihnen entfernt. Dennoch versteht er ihre Ängste und nimmt am Familienleben teil. So hilft er z.B. seiner Mutter bei ihrer Arbeit als Putzfrau. Am Ende muss er zwischen dem Wohl seiner Eltern in Russland und seinem eigenen wählen.

Integration von Ausländern: Die nicht-deutschen Figuren im Film haben sich in Deutschland eingerichtet und sprechen die Sprache; ihre Muttersprache setzen sie nur in emotional schwierigen Situationen ein - einerseits, weil sie sich so besser ausdrücken können, andererseits, um dem Gesagten mehr Tiefe zu geben.

Ein großes Problem ist, dass Menschen trotz ihrer im Ausland erworbenen Ausbildung in Deutschland absteigen - weil sie die Sprache nicht beherrschen oder die Abschlüsse nicht anerkannt werden. Da besonders Menschen aus Osteuropa mit beiden Sprachen vertraut sind, ist es ihnen möglich, wieder in ihr Heimatland zurück zu kehren, wenn sie in Deutschland nichts finden. Jedoch bestehen auch hier finanzielle und politische Probleme.

 Generationen-Konflikt: Während die Eltern noch der ursprünglichen Kultur verhaftet sind, haben sich die Kinder in Deutschland integriert, können manchmal sogar die Sprache des Heimatlandes ihrer  Eltern nicht. Sollten die Eltern umziehen oder abgeschoben werden, fällt ihnen die Eingliederung in das "alte" Land schwerer. Solche Menschen fühlen sich in beiden Ländern nur halb zuhause.

Die Liebe: Dima verliebt sich in Nadja, die wiederum eine Affäre mit Regisseur Gustav hatte und ihn bei seinem neuen Projekt unterstützt. Natürlich will Gustav Nadja zurück erobern. Der Konflikt ist zwar nichts Neues, aber wie er behandelt wird, ist gut: Anstatt sich geschlagen zu geben, trickst Dima seinen Konkurrenten aus. Weitere Probleme ergeben sich, als Nadja von Dimas krimineller Vergangenheit erfährt.

Figuren und Schauspieler


Mark Filatov - Dima: Die Hauptfigur ist clever, mitfühlend, aber auch ein bisschen introvertiert. Er genießt die Fürsorge seiner Eltern, auch wenn er sie manchmal belächelt, und ist gut in die russische und die deutsche Kultur integriert. Dennoch fühlt er sich in Deutschland wohler. Dima kann die Probleme seiner Eltern verstehen, wehrt sich aber gegen einen Umzug nach Russland. Nachdem sein Vater zugunsten einer besseren Anstellung das geplante Taxiunternehmen verwirft, verschlechtert sich das Verhältnis. Dima arbeitet für den Kunstdieb Georgij, um mit dem Geld seinen Eltern zu helfen. Er hinterfragt die Motive seines Anführers nicht, lässt sich aber nur bedingt zu Gewalttaten hinreißen. Deutschen, wie dem Ex-Freund Nadjas, tritt er souverän gegenüber, während er vor Georgij Angst hat.

Ich mag die Figur, weil sie viele Facetten vereint, ohne klischeehaft zu wirken - sie Stärke wirkt sympatisch, seine Schwäche auch, er ist nicht der typische Rebell, sondern ein planloser Jugendlicher, der sich von seinen Emotionen leiten lässt.

Ich habe Mark Filatov zum ersten Mal gesehen und bin zwiegespalten: Seine Stimme ist toll - er spricht tief, etwas brummend, sehr ruhig; ich höre ihm gerne zu. Allerdings hört er sich im Film gekünstelt an - er spricht Wörter über-korrekt und manchmal zu langsam aus, macht häufig Pausen und scheint nachzudenken. Ich weiß nicht, ob das zur Figur gehört, er bewusst theatralisch redet, weil am Anfang ein Theaterstück erwähnt und immer wieder auf das darin thematisierte Motiv vom Steigen und Fallen verwiesen wird. Hört man Filatov in Interviews, scheint er ähnlich durchdacht zu sprechen, aber mit weniger Pausen. Sein Spiel fand ich gut, er passte in die Rolle und hat nicht over-actet. Es hätte ein bisschen mehr sein können, aber ich fand es gut.

Emilia Schüle - Nadja: Dimas zukünftige Freundin stammt aus gutem Hause, wirkt aber bodenständig. Sie liebt die Kunst und weiß mit ihrer Niedlichkeit umzugehen. Nadja ist taff, ist aber manchmal zu nett. Sie unterstützt Gustav bei seinem Kunstprojekt, obwohl er nach Ansprüche auf sie hegt. Außerdem ist sie ein bisschen naiv und kann emotional werden.

Emila Schüle ist Emilia Schüle. Sie ist das hübsche Mädchen, das wunderbar emotional und durchsetzungsstark für ihre Ideale kämpft. Das kennen wir aus einigen Filmen. Sie ist von allen Darstellern vermutlich der, den die meisten Zuschauer kennen. Und hier liegt das Problem: Sie wirkt nicht glaubwürdig. Man nimmt es ihr ab, wenn sie locker-flockig durch das Haus hüpft, sich eine Weintraube in den Mund steckt und mit der Haushälterin plaudert. Aber nicht, wenn es um Kunst geht. Fast besessen wirkt ihre Figur von der Kunst, und gleichzeitig so leicht. Sie interessiert sich für Zeichnen und Videos, aber ich hatte das Gefühl, dass es gestellt wirkt.

Besonders im Kontrast zu Mark Filatov wirkt sie entspannter, was seinen Glanz mildert. Alle anderen Figuren wirken streng und nachdenklich, Nadja leicht und positiv - und das ist einfach zuviel.

René Erler - Gustav: Nadjas Ex-Freund ist exzentrisch, weiß seine Berühmtheit auszunutzen und will Nadja nach einer kurzen Affäre nicht loslassen. Immer wieder macht er ihr aggressive Avancen und schreckt sogar vor einer Verlobung nicht zurück, um das Objekt seiner Begierde zu bekommen. In seiner Überheblichkeit denkt Gustav, Geld sei alles, scheitert damit aber an Dima.

Selten haben Äußeres und Inneres so gut zusammen gepasst wie hier: Gustavs Zähne sind schief, wodurch er sehr verrückt wirkt. Man nimmt dem Schauspieler die Figur ab, weil er sie abgehoben, aber nicht zu krass darstellt. Fand ich wirklich sehr gelungen!

Alex Brendemühl - Georgij: Der Bösewicht des Films hat als 'seriöser' Kunsthändler angefangen, weicht aber nach einem Umfall, bei dem sein Bein verletzt wurde, in den Untergrund aus; er lässt Gemälde stehlen und verkauft sie weiter. Dabei geht er auch über Leichen. Georgij wirkt gewissenlos, ich hatte jedoch auch Mitleid - sieht man ihm in seinem Kunstlager und die Passion, die er für Kunst empfindet, fragt man sich, wie er so tief sinken konnte.

Brendemühl spielt seine Rolle gut, er wirkt auf mich böse, aber nicht übertrieben; er hat mir ein bisschen Angst eingejagt. Spannend ist auch, dass ich ihn äußerlich nicht als Russen, sondern Südeuropäer gesehen habe :-)

Dramaturgie


Der Film beginnt mit einem Raub, infolgedessen Dima zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Das ist ein plötzlicher Einstieg, wie man ihn oft findet - es wird sofort ins Geschehen gestaltet, auf das Grundthema verwiesen und Spannung aufgebaut. Später werden die Handlungsstränge aufgebaut (Zukunftsangst und Liebe) und Schwerpunkte verlagert, bis sich am Ende alles kanalisiert. Der Aufbau gefällt mir, auch wenn die Liebesgeschichte zu kurz kam. Der Höhepunkt ist ein Höhepunkt und man wird als Zuschauer gut hingeführt. 

Auf- und Absteigen


Das prägnantes Motiv des Filmes wird ein- und wieder ausgeführt: Am Anfang muss Dima im Gefängnis eine christliche Geschichte nachspielen, bei der er auf eine Leiter steigt. Der Höhepunkt am Ende des Filmes findet auf dem Dach einer Kirche statt, in die Dima einbrechen soll. Auch innerhalb des Filmes kommen Leitern und Treppen zum Einsatz, um die Entwicklung der Figuren darzustellen.



Schnitt, Musik und Bild


Die Bildsprache ist einfach, aber prägnant, die Perspektiven stimmen. Der Schnitt gefällt mir auch gut, die Szenen haben die richtige Länge und der Film ist nie hektisch. Er hat ohnehin eine ruhige Grundstimmung, was sich auch in der Musik widerspiegelt - sie klingt oft klassisch.




Fazit


Ein kleiner, niedlicher Film, der vom Können der Macher zeugt - er berührt ein wichtiges, nicht oft vorkommendes Thema und stellt diesesrelativ prägnant dar. Manchmal sind die Motive zu offensichtlich und die Schauspieler finde ich nicht optimal. Und man hätte etwas mehr Energie geben können :-) Dennoch ist mir der Film sehr lange im Gedächtnis geblieben :-)


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