Samstag, 23. November 2013

'Fakebook' von Alexander Broicher

Hallo,

normalerweise gibt es drei Gründe für mich ein Buch zu kaufen: Empfehlungen von Freunden, Will-haben-Liste der Klassiker und Bahnhöfe :-) Hier kam noch ein vierter hinzu: Ich hatte in meiner Tasche einen Gutschein gefunden und obwohl er angeblich 30 Jahre gültig ist, wollte ich ihn einlösen - denn ob es die EU in 30 Jahren noch gibt, ist fraglich, geschweige denn den Buchladen :-) Jedenfalls entdeckte ich dieses Buch und dachte 'Eine Facebook-Parodie - könnte gut werden!'. Wurde aber trotz der schönen Biografie des Autors nicht so gut.



Allgemeines


Das Buch erschien 2012 im Heyne-Verlag und ist in Buchläden, im Internet und real erhältlich. Als E-Book bezahlt man 10 EUR, als Taschenbuch 13 EUR und als Hörbuch 20 EUR.

Es hat 236 Seiten und 23 ähnlich lange Kapitel.

Hier ist das Buch auf der Verlagsseite.

Der Autor


Alexander Broicher wurde 1973 geboren und hat ua. in Mainz Filmwissenschaften studiert. Seit vielen Jahren schreibt er für verschiedene Zeitungen und hat das Autorenteam von 'Verliebt in Berlin' geleitet. Neben 'Fakebook' hat er den Roman 'Unter Frauen' veröffentlicht und am Buch 'Die Spur der Kinder' mitgeschrieben.

Cover


Beim Titelbild spielt man mit dem Wechsel von glänzenden und matten Flächen - was derzeit im Trend ist. Weiß umrahmt erkennt man ein I-Phone-ähnliches Gebilde, das glänzt. Darauf in matter Optik ein Streifen Blut sowie Titel und Autor. Ich finde das Format etwas unhandlich und das Blut irreführend - denn es stirbt niemand. Zumindest nicht direkt.

Inhalt


Frieder Kurtsmeier ist Lebensmittelentwickler in einem großen Unternehmen und eher unbeliebt. Außerdem hat er seine Freundin an einen erfolgreichen Kollegen verloren. Eines Tages kreiert er über Facebook 'Rocco', der es binnen kürzester Zeit zu großer Popularität schafft. Anfangs überwältigt nutzt Frieder Roccos Ruhm aus. Bis er erkennt, was wirklich wichtig ist.

Charaktere


Frieder Kurtsmeier: Der studierte Lebensmittelchemiker (?) ist Mitte 20 und arbeitet seit einigen Jahren als Food-Designer bei 'Tastemade'. Er ist eher unscheinbar. Seine Freundin Lena hat ihn verlassen, weil er zu langweilig war und auch in der Firma fällt er wenig auf. Als er bei einer wichtigen Präsentation vergessen wird und auf der Straße mit einem 'Rocco' verwechselt wird, beschließt er, ein virtuelles Ich zu erschaffen und sich die Anerkennung zu holen, nach der er sich sehnt. Frieder ist introvertiert und fleißig, aber auch etwas anhänglich. Er hat Skrupel der Konkurrenz zu schaden und ist nicht bereit, alles dem Gewinn unterzuordnen.

Frieders Name finde ich sehr passend, er wirkt bieder. Leider wirkt er älter, als er ist. Vielleicht ist das Absicht, aber er scheint mir zu abgestumpft. Oder macht es der Schreibstil?

Rocco: Die virtuelle Figur, die zum Schluss auch in der Realität auftaucht, trägt einen schwarzen Hut und ist bei allen beliebt. Schon der Anschein, dass er beliebt ist, macht ihn noch beliebter und öffnet Frieder als Freund Roccos viele Türen. Mit seinem Ruf zieht er auch die Zuneigung von Frieders Ex-Freundin Lena auf sich, die beide geschickt täuschen. Rocco gleicht aus, was Frieder nicht hat, geht dabei aber zu weit: Anfangs gibt seine Beliebtheit Fieder Selbstbewusstsein, er wird sein Teil seines Erschaffers, bis er ein Eigenleben entwickelt und Frieders Konkurrenten mit Gewalt auschalten will. Als Leser weiß man nie, was real ist und was Frieder nur träumt oder denkt. Im Gegensatz zu anderen Geschichten dieses Themas wird das am Ende nicht restlos aufgeklärt.


Schon durch den Hut wirkt Rocco wie ein Mitglied der Mafia, er grenzt sich klar von anderen Figuren ab und hat etwas Mysteriöses. Trotzdem finde ich ihn manchmal übertrieben.

Lena: Friedes Ex-Freundin ist die Verkörperung der ruhmsüchtigen Schönheit. Sie verlässt Frieder für Vincent, der in der Firma über ihm steht. Wie sehr ihr Streben und Scheitern geht, sieht man, als sie sich mit Rocco anfreundet und dieser sie zu einem Club lotst und dort stehen lässt - denn Frieder ist mit einer Arbeitskollegin verabredet und kommt hinein. Aufgrund des Misserfolges versucht sie sich wieder Frieder anzunähern. Doch er durchschaut sie.

Jolinde: Stellt das Gegenstück zur oberflächlichen Lena dar. Sie arbeitet im Labor und ist mit ihrer Versuchsküche und dem Vorrat an Geschmacksstoffen die Notfallvariante für Frieder usw. Sie übt ihren Job mit Leidenschaft aus und geht dafür auch in die 'reale' Welt, um die Wünsche der Zielgruppen zu  erforschen. Sie ist nett und aufgeschlossen und hält trotz Frieders Taten zu ihm. Jolinde weiß, wo sie steht, ohne es besonders zu betonen.

Vincent: Ist Frieders Konkurrent in Liebesdingen und der Beliebtheit und steht eine Ebene über ihm. Er behandelt diesen abfällig. Als Rocco hinter Vincents Geheimnis kommt, erpresst er diesen und schlägt ihn zusammen. Das zeigt Wirkung - Vincent behandelt Frieder mit (verlogenener) Freundlichkeit. Die Figur tritt meistens nicht direkt auf, sondern als Pendant zu Frieder z.B. durch die Anzahl der Facebook-Freunde.

Hansen: Der Food-Designer ist Frieders Nebenbuhler bei der Präsentation. Er ist kühl und erfolgsorientiert. Ähnlich wie Vincent fungiert er mehr als Gegenpart denn als Figur - der Kampf um das bessere Produkt ist der Konflikt der Geschichte. Denn während Hansen sein - besseres - Produkt marktreif entwickelt hat, wurde Frieder übergangen. Als Rocco realisiert, was Frieder weiß, nämlich, dass Hansens Produkt gewinnen wird, sabotiert er es. Diese Katastrophe stellt einen der beiden Höhe- und Wendepunkte dar.

Die Figuren sind klar strukturiert und bilden ein passendes Kollektiv - während Frieder und Jolinde an ihrem Tun zweifeln und meistens moralisch handeln, verkörpern Lena, Vincent und Hansen das Streben nach Ruhm. Rocco löst als treibende Kraft die Handlung aus und zieht sich wie ein roter Faden von Fragestellungen durch das Buch.

Themen


Oberflächlichkeit: Frieder ist geblendet vom Ansehen seiner Kollegen und der Ex-Freundin, bemerkt aber schließlich, dass sie ihm nichts bringt.

Streben nach Ruhm: Viele Figuren des Buches streben nach Erfolg, das beginnt bei Frieder und endet bei seinen Facebook-Freunden - jeder will beliebt sein. Zunehmender Erfolg macht aber angreifbar, was man an Vincent und seinem Geheimnis gut erkennt - je höher man steigt, desto einfacher ist es, jemanden mit einem kleinen Wink zu vernichten.

Täuschung in Lebensmitteln: 'Tastemade' bildet eher die Spielfläche für die Figuren, macht aber nachdenklich - die Firma kann mittels Zusatzstoffen die Optik, Beschaffenheit und den Geschmack eines Lebensmittels manipulieren, vorgeblich zum Wohle des Kunden, eigentlich aber zur Profitsteigerung. Ihren traurigen Höhepunkt erreicht die Täuschung, als bei der Präsentation ein Unfall passiert.

Facebook: Das Buch wirft die Frage auf, was Ruhm im Internet bedeutet und inwieweit die Community beeinflussbar ist. Frieder neidet Vincent seine vielen Freunde, die aber nur virtuell existieren. Wie trügerisch das ist, bemerkt er, als er Rocco erschafft - denn seine Anhänger 'liken' und kommentieren nur banale, plakative Statusmeldungen, während Tiefgründiges unbeachtet bleibt. Ohne Rocco real zu kennen stürmen sie außerdem die Party von Frieders Firmenchef, weil sie es für witzig halten. Für mich zeigt das weniger die Sucht nach Unterhaltung als Gutgläubigkeit - Roccos Community unterschätzt die Folgen ihres Handelns, weil sie es für einen Scherz hält. Auch wenn die Veranstaltung ausartet, ist es für viele nur eine riesige Kostümparty. Sie begreifen den Hintergrund nicht, und vermutlich ist er ihnen egal, weil er sie nicht direkt betrifft.

Was aus meiner Sicht aber unterschätzt wird: Hilfe. Soziale Netzwerke bringen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen und fördern Diskusionen usw. Andererseits wird die Gemeinschaft zunehmend misstrauisch, nicht jedem Aufruf wird gefolgt - ich habe das kürzlich bei einem Freund erlebt, der für ein Theaterprojekt auf sehr kryptische Weise geworben hat. Obwohl ihn viele (auch real) kannten, halfen ihm nur wenige. Zu unterhalten ist einfach - aber um Leute von einer Idee zu überzeugen, muss man sie auch in sozialen Netzwerken klar und deutlich darstellen. Denn je größer die Flut an Informationen, desto stärker muss man filtern, sonst wird man überrollt.

Außerdem wenden sich viele von sozialen Netzwerken ab. Nicht nur, weil sie Angst vor Datenklau haben, sondern weil es mühselig ist und Kraft raubt. Was anfangs ein netter Zeitvertreib ist, bedeutet irgendwann, dauernd aufmerksam zu sein, ständig zu reagieren und nie Zeit für sich zu haben. Während in der Realität die Umwelt bestimmt, wann Pause ist z.B. in dem man auf die Straßenbahn wartet, ist man im Internet selbst dafür verantwortlich.

Im Buch finde ich diese Problematik leider oberflächlich und überholt dargestellt. Denn seit den ersten Polizeieinsätzen aufgrund falsch verstandter Partyeinladungen weiß man um die Gefahr von sozialen Netzwerken. Außerdem werden nur die negativen Folgen aufgezeigt. Des Weiteren halte ich es für unwahrscheinlich, dass man problemlos ein virtuelles Ich erschaffen und damit in der Realität Schaden anrichten kann. Man muss die Zielgruppe genau kennen und ständig aufmerksam sein - was Frieder nicht ist, sonst hätte er es real umgesetzt. Für mich kommt das Buch ca. 5 Jahre zu spät.

Schreibstil und Lesbarkeit


Das Buch besteht zu 10% aus Statusmeldungen und Chats, sodass man nicht solange daran liest. Ich habe 40 Seiten pro Stunde geschafft. Außerdem wird mit Kursiv- und Fettformatierung gearbeitet, was passend und nie übertrieben umgesetzt wird.

Der Schreibstil ist eher bieder, der personale Erzähler verfolgt Frieder und seine Gedanken, es gibt aber nur selten Ironie. Auch die Satzstruktur ist nicht immer passend, das Tempo wird abgebremst. Ich finde den Stil ingesamt etwas trocken.

Fazit


Das Buch war nett zu lesen, ein guter Zeitvertreib, und besonders die Lebensmittelproblematik fand ich sehr spannend. Für das Thema Facebook ist das Buch aber zu alt, zu trocken und überholt.

Ich hoffe aber, dass man dem Inhalt im Film mehr Spritzkeit verleiht. Hat bei Feuchtgebiete auch gut geklappt.

Kommentare:

  1. Das klingt interessant. Lebensmitteltäuschungen werden in Büchern selten angesprochen. Der Name "Frieder" klingt für mich auch sehr altmodisch.

    LG :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! In diesem Fall spielt die Täuschung aber eine untergeordnete Rolle - es ist ein Teil des Hintergrundes des Buches - nicht nur vordergründig auf FB wird getäuscht, sondern überall :P

      Löschen
  2. Super schön. Wirklich wunderbar!
    Hier auf deiner Seite fühle ich mich richtig wohl <3

    Mach weiter so, Liebes!
    :)

    Allerliebste Grüße,
    HOLYKATTA

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, danke! Wie habe ich denn das geschafft? :-)

      Löschen
  3. Hallo Evy, danke für deinen kommentar auf meinem blog. :)
    Ich erwarte nicht, dass Leute übersehen, dass ich nackt bin, sondern, ich hoffe, dass das nicht das einzige ist was sie sehen ;) Ich finde es darüber hinaus auch leider ziemlich anmaßend von dir, dass du sagst ich würde keine Vielfalt zeigen. Denn genau das ist es, weshalb ich immer gebucht werde, nämlich dass ich so wandelbar bin und das höre ich bei jedem Projekt :) Ich finde es schade, dass du das denkst und dich offensichtlich mit meinem Portfolio noch nicht auseinander gesetzt hast, aber trotzdem diese Dinge sagst, wie zb auch, dass ich einfach wäre. Tut mir Leid, dass ich mit den Bildern scheinbar deinen Geschmack nicht treffe, aber mir reicht es im gegenzug dafür, den von vielen anderen zu treffen :)
    LG Michelle

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Evy, die detaillierte Schneeflocke habe ich mit einem Fondantcutter gemacht, so einer: http://www.ebay.de/itm/3-Stk-wie-Schneeflocke-Form-Fondant-Gum-Plunger-Cutter-Ausstecher-Ausstechform-/280742504287 Liebe Grüße, Vera

    AntwortenLöschen
  5. Lebensmitteltäuschungen finde ich ja ein sehr spannendes Thema! Danke für die Rezension :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. DAnke für den Kommentar! Ja, es ist defintiv spanend!

      Löschen

Ich freue mich über deinen Kommentar! Für Fragen oder Kommentare zu meinem Kommentar auf deiner Seite kannst du mir eine Nachricht schicken - oben rechts steht die Adresse :-)