Samstag, 2. November 2013

'Testkörper' von Heleen van Royen

Hallo!

Wenn ich auf Reisen bin, gehe ich meistens kurz, bevor der Zug abfährt, in die Bahnhofsbuchhandlung und kaufe mir ein Buch, das interessant klingt, meistens im erotischen Bereich. Der Klappentext dieses Buches versprach Lesespaß, und auch wenn ich das Cover erst jetzt erschlossen habe, gefiel es mir gut. Am Ende würde ich folgendes Fazit ziehen: "Feuchtgebiete mit weniger Ekel" - denn die Struktur beider Bücher ist ähnlich.

Übrigens habe ich den Aldi-Apfel auf den Fotos nachher noch aufgegessen - es wurde als kein Essen unnötig verschwendet :-)


Allgemeines


Das Buch erschien 2011 im Fischer-Verlag und ist als Taschenbuch (9 EUR), gebunden (15 EUR) und E-Book (9 EUR) erhältlich. Auf 317 Seiten finden sich 33 ähnlich lange Kapitel.

Die Autorin


Heleen van Royen wurde 1965 in Amsterdam geboren und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern dort und an der Algave. Sie hat einen Abschluss als Journalistin und für mehrere niederländische Zeitungen geschrieben.

 Im Deuschland sind bisher 'Göttin der Jagd' (2006), 'Freie Wildbahn' (2006) und 'Die glückliche Hausfrau' (2004) erschienen.

Das Cover


Das Titelbild hat sich mir erst auf den zweiten Blick erschlossen, denn es spielt mit den Erwartungen, die der Leser aufgrund des Titels hat. Man fokkusiert sich auf den Spalt und die zwei runden Gebilde, dazu kommt das Dreick darüber - man denkt an eine Vulva. Man sieht Frivoles, Spaß, eine kluge Frau, die böse Männer bloßstellt.

Aber es ist ein Apfel. Und damit wird auf das Motiv aus der Bibel zurück gegriffen - der Sündenfall, durch den Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden. Wer sündigt in diesem Fall mehr - Menschen, die ihre Partner betrügen, oder die Treuetesterin, die die Freunde ihrer Mutter vertreibt? Beides stellt einen Eingriff in Beziehnungen dar - ersterer ist gewollt, letzterer nicht.




Fast unaufällig wirkt dazu der blau und kursiv gedruckte Titel, der groß geschriebene Name der Autorin wirkt als optischer Schwerpunkt, sodass der Betrachter nicht bei der Spalte, sondern beim Titel hängen bleibt.

Ich finde das Cover optisch sehr stimmig, auch wenn der Autorinnenname etwas zu groß ist - als müsste man die Schreiberin kennen. Allerdings verheißt das Cover mehr, als es einhält. Denn es geht nur oberflächlich um Sex.

Inhalt


Viktoria ist 27 und seit kurzer Zeit Männertesterin. Sie überprüft im Namen ihrer Kunden, ob deren zukünftige Partner ehrlich sind, und markiert die überführten Fieslinge. Doch das Männer-testen ist für Viktoria nicht nur Beruf, sondern Berufung - seit der Ermordung ihres Vaters überprüft sie die neuen Männer ihrer Mutter. So auch Fintan, den aktuellen Freund. Beim Surfen im Internet entdeckt sie Jules, einen menscheähnlichen Roboter und ist von ihm fasziniert.

Struktur


Das Buch beginnt im Jahre 2008 mit einem Strafprozess (ich sehe es als Prolog), und pendelte dann zwischen 1996 (als sie mit 15 anfing, Männer zu testen) und dem unmittebaren Geschehen vor dem Prozess, manchmal wird auch dazwischen geblendet. Helens Arbeit als Testerin nimmt im ersten Teil viel Raum ein, bis im ab dem Ende des ersten Drittels mehr auf die ihre Mutter und Jules eingegangen wird.

Charaktere


Viktoria ist die Erzählerin des Buches. Sie wirkt anfangs kühl und pragmatisch, aber nicht so abgeklärt, wie sie gerne wäre. Später erscheint sie wahnsinnig, steigert sich in ihr Gerechtigkeitsempfinden hinein, bis es zur Katastrophe kommt. Das wird erstmals deutlich, als sie die Überführten markiert. Obwohl man vermutet, dass sie der Tod ihres Vaters geprägt hat, war es eher die Zeit danach. Viktorias manisch-depressive Mutter, die jedes Mal, nachdem sie verlassen wird, in ein tiefes Loch fällt, hat Affären mit Männern, Viktoria mag sie aber meist nicht. Daher nutzt sie ihr Talent, Männer zu verführen, dazu, um sie zu vertreiben. Obwohl Viktoria nicht mehr bei ihrer Mutter wohnt und ihre Oma auf sie 'aufpasst', ist sie die Erwachsene. Viktoria entwickelt eine fanatische Passion für Jules, hat aber sonst wenige Interessen. Als Figur finde ich sie in Ordnung, sie hätte aber etwas krasser, bösartiger, abgeklärter sein können.

Sophie ist Viktorias Mutter und mag Esoterik. Sie schwankt zwischen resolut und hilflos. Oft gerät sie an die falschen Männer und sieht in ihnen die große Liebe, wird aber nur ausgenutzt. Danach wird sie depressiv, hält sich für zu dick und ist nur mit viel Zureden aus dem Bett zu bekommen. Ingesamt wirkt sie etwas skurril, aber real.

Fintan Adams ist Tierpfleger im Zoo und Ersatzpapa für den Löwen 'Umpa Lumpa'. Sophie verliebt sich in ihn und Viktoria überprüft ihn - mit ungeahnten Folgen. Fintan ist bodenständig, er besitzt kein Handy, aber sehr freundlich. Er lebt für 'Umpa Lumpa' und strahlt für Viktoria etwas Väterliches aus. Gleichzeitig ist er etwas verpeilt, weil er sich nur auf den Löwen fixiert.

Jules ist ein menschenähnlicher Roboter, der auch real existiert. Er wurde ein England entwickelt, um Menschen zu helfen, und es gibt zahlreiche Videos von ihm. Viktoria idealisiert ihn, für sie ist er ein menschlicher Freund ohne negative Eigenschaften; verwiesen wird dazu auf die Werke Asimovs. Doch Roboter führen, anders als in der Asimovs Büchern, kein Eigenleben, sie sagen nur, was Menschen ihnen vorgeben. Auch Viktoria erkennt das irgendwann.


Themen


Gerechtigkeit - Viktoria richtet über die vermeintlichen Betrüger, obwohl sie nur ein Zwischenglied ist - der Lockvogel. Inwieweit ist sie befugt eine Strafe zu verhängen und wie angemessen ist diese?

Einsamkeit - Die meisten Figuren in diesem Buch sind einsam, am deutlichsten wird das bei Viktoria und Sophie. Während letztere wenig Kontakte hat, aber auf der Suche nach einem Partner ist, wehrt sich Viktoria dagegen. Sie hat ihre Einsamkeit bewusst gewählt, findet erst im Laufe des Buches eine Freundin, die aber zu oberflächlich ist, um eine Vertrauensperson zu sein. Sie verschleiert ihre Identität und begegnet dem Alleinsein mit Trotz. Bis sie sich verliebt.

Roboter - Wiederholt wird auf die Erzählungen Isaac Asimovs verweisen, der Roboter als Werkzeuge der Menschen sah und in seinen Geschichten das Verhältnis von Menschen und Robotern themasisierte. Oftmals brechen sie aus, verlieben sich in Menschen und/oder müssen moralisch schwierige Entscheidungen treffen. Letztendlich sind sie die 'besseren' Menschen, weil sie Gefühle haben, einem Menschen aber nie wehtun dürfen. Viktoria sieht Jules daher als idealen Partner für einsame Menschen, weil diesen der Umgang mit anderen schwer fällt und sie mit einem Roboter trotzdem Gesellschaft haben. Ähnlich wie Umpa Lumpa betäubt der Roboter die Einsamkeit, ohne, dass man etwas geben muss.



Tempo und Spannung


Das Erzähltempo ist gemächlich und wird besonders in den Passage mit Jules abgebremst. Durch den krassen Wechsel von eher banal zu philosophisch wirkt es manchmal schwermütig. Die Pointe habe ich relativ früh erkannt, das Ende war trotzdem überraschend.

Schreibstil


Die Autorin schreibt ruhig und manchmal etwas abgeklärt, aber nicht lustig, sondern eher komisch. Ich musste nicht lachen, aber über manche Absurdität schmunzeln. Der Stil ist sehr gleichmäßig, Fehler habe ich keine gefunden, und es war gut zu lesen.

Fazit


Es irritiert mich sehr, dass das Buch viel verspricht, aber wenig hält. Ich empfinde es als melancholisch, traurig, aber auf seine Weise einzigartig. Die Abschnitte mit dem Roboter waren mir zu lang, und irgendwie wirkt die Masse aus Männertesterin und Mutter-Tochter-Konflikt zuviel, unausgegoren.


1 Kommentar:

  1. ;) ich denke es würde nicht so wirklich einen Unterschied machen ob ich es vorher oder nacher aufnehmen. Mal sehen ob das für mich eine Option ist.
    LG

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