Freitag, 13. Dezember 2013

'Love @ Miriam' von Christiane Geldmacher

Dieses Buch entdeckte ich zufällig in der Bibliothek und wollte nach dem missglückten Versuch mit 'Fakebook' wissen, ob es noch andere Wege gibt. Außerdem wirkte das Buch leicht lesbar.

Allgemeines


Das Buch (ISBN 978-3-937357-71-3) ist bei Edition 211 erschienen und kostet als Papierversion 15 EUR, als E-Book 7 EUR. An den 224 Seiten liest man ca. 7 Stunden.

Zur Autorin 


Christiane Geldmacher hat in Frankfurt am Main ua. Germanistik, Amerikanistik und Filmwissenschaften studiert und arbeitet seitdem als Journalistin in verschiedenen Bereichen. Einige Jahre hat sie im Ausland verbracht und auch Deutschland kennt sie gut.

Sie hat neben dem Roman mehrere Kurz- und Kriminalgeschichten veröffentlicht.

Cover


Das Titelbild ist wird von Dunkelblau dominiert. Über dem serifenlosen Titel und dem roten Autorennamen sieht man eine angeschlagene Glasscheibe. Unter dem Schriftzug geht diese in verschiedenen Symbole über, die an eine Tastatur erinnern. Unten liest man das Wort 'Roman'.

Ich  mag die Farbe des Titelbildes sehr, allerdings passt die Schriftart, auch wenn sie sich an Facebook orientiert, nicht so gut. Außerdem vermittelt die Glasscheibe ein falsches Bild - es wird niemand erschossen oder erschlagen. Man kann das Bild natürlich als verkrachte Existenz der Hauptfigur sehen, und es sieht optisch gut aus. Nur am Inhalt mangelt es.

Inhalt


Harry liebt Miriam, doch Miriam hat ihn verlassen. Harry beginnt sie virtuell zu verfolgen und tötet schließlich ihren neuen Freund. Die Polizei befasst sich mit dem Fall und Harry ist der Hauptverdächtige - aber kommt er damit durch?

Gliederung


Das Buch ist im Tagebuchstil verfasst und in Monate bzw. Tage, seltener Tageszeiten, unterteilt. Die Handlung beginnt ein Jahr nach der Trennung Miriams von Harry und wird ein Jahr lang beschrieben.

Die Daten sind in eckigen Klammer gesetzt, manchmal befinden sich fettgedruckten Meldungen von Spielen oder kursive formatierte Ortsangaben von Harrys Freunden am Anfang. Außerdem sind Mails eingefügt, allerdings nur die, die Harry versendet, die Antworten bleiben im Dunkeln; lediglich die Antworten Miriams werden durch Harry direkt oder indirekt zitiert.

Wichtig außerdem: Den Tagebucheinträgen ist eine Liste der Figuren vorangestellt. Facebook wird als erstes angeführt, was ich sehr witzig finde. Ansonsten erinnert mich die Liste an ein Jugendbuch - dem Leser wird nicht zugetraut, dass er die wesentlichen Informationen selbst herausfindet.

Charaktere


Harry ist 30 Jahre alt und arbeitet in einem Laden für Druckerzubehör. Er wurde ein Jahr vor Beginn der Handlung von Miriam verlassen, nachdem er infolge des Todes seines Vaters allein eine Reise durch Europa unternahm. Es wird vermutet, dass Harry seinen Vater am Ende von dessen Alzheimer-Erkrankung umbrachte. Miriam und Harrys Mutter kümmerten sich um den Vater. Harry hat kaum Bezug zu anderen Menschen, sie interessieren ihn auch nicht, er versucht ihnen Gesprächstehmen aufzudrängen und kommuniziert sogar mit seiner Mutter meistens per E-Mail. Er hat vermutlich eine Kommunikationsstörung. Seine einzige Bezugsperson ist Nick, mit dem er Tai Chi übt. Außerdem mag er Krafttraining, ist aber nicht besonders muskulös. Harry legt einerseits Wert auf die Meinung anderer, kämpft verbissen um jeden Funken Anerkennung Miriams, gleichzeitg verfolgt er eine Trotzhaltung und Verachtung - für Nicks Liebeskummer hat er beispielsweise kein Verständnis, er lässt ihn in seinem Tagebuch sogar sterben. Er fühlt sich übermächtig und manipuliert gerne Menschen, auch wenn er darin nicht besonders gut ist. Er sieht die Welt zwar klar, will sie aber nicht wahrhaben und steigert sich in Fantasien rein - er will von Miriam loskommen, fällt aber nach drei Tagen in sein altes Muster zurück.

Harry ist die Hauptfigur und trägt die Handlung. Ich finde ihn untertrieben dargestellt und daher funktioniert auch die Handlung nicht. Das beginnt schon am Anfang: Warum hat ein 30-Jähriger nichts von Facebook gehört? Warum benimmt er sich wie Anfang 20? Warum belästigt er sie über das Internet, wenn er vor ihrer Wohnung campieren kann? Warum ist er clever genug einen Mord zu planen und auszuführen, wirkt aber ansonsten nicht so klug? Und warum macht er, obwohl ziemlich introvertiert, eine Reise durch ganz Europa - wenn sie tatsächlich stattgefunden hat? Auf mich wirkt das unrealistisch.

Nick ist Harrys Freund und mit 34 Jahren auch älter, als er wirkt. Er scheint intelligenter als Harry zu sein und mag Esoterik. Zur Harry hat er ein schwieriges Verhältnis: Die beiden üben Tai Chi, stehen sich aber nicht besonders nahe. Harry weint sich bei Nick aus und nimmt ihn auf, als er Liebeskummer hat, gleichzeitig geht er diesem auf den Keks. Nick durchschaut Harrys Passion zu Miriam und versucht ihn davon abzubringen.

Miriam ist die zweite Hauptfigur und ähnlich unrealistisch. Die 31-Jähre möchte ein Antiquariat eröffnen und hat sich mehr um Harrys Vater gekümmert als dieser. Zu Harrys Mutter hat sie ein gutes Verhältnis, sie weiß mehr über ihr Leben als Harry und die beiden unterstützen sich. Miriam weißt Harry mal stärker, mal schwächer zurück, hat also Freundlichkeit und Mitleid, aber auch Inkonsequenz inne. Ich verstehe nicht, warum sie sich so sehr um Harrys Vater kümmerte und warum sie ihn auf Facebook nicht blockiert oder konsequent seine Beiträge löscht - das macht ihr Freund Ben.

Ben ist Miriams neuer Freund und lebt nur bis zum Ende des ersten Drittels. Er versucht, Harry mit verbalen und nonverbalen Mitteln von Miriam fernzuhalten, er lässt ihn sogar von zwei Freunden verprügeln. Dennoch wirkt Ben anfangs mitleidigt, unterschätzt Harry und die Gefahr, die er darstellt.

Axel und Oswald sind die Kommisare, die im Mordfall 'Ben' ermitteln. Während sich der eine für Tai Chi interessiert und sanfte Methoden anwendet, um Harry zu überführen, beginnt der andere ein Verhältnis mit Harrys Mutter. Die beiden stellen ein gutes Gespann dar, sind sehr gegensätzlich, allerdings ist es komisch, dass sie von Harry als Hauptverdächtigen abkommen und Bens kriminelle Machenschaften verfolgen.

Daneben gibt es noch weitere Figuren wie die typisch neugierige, aber loyale Nachbarin, Harrys Mutter und seine ehemalige Lehrerin sowie sein Chef. Die Figuren haben Eigenheiten und passen in das Kollektiv.

Themen


Facebook - Die Autorin versucht, die kleinen Ablenkungen und Verführungen des sozialen Netzwerkes darzustellen, wie beiläufig wir sie wahrnehmen und wie wichtig sie gleichzeitig sind, z.B. durch Glücks-Nüsse und Spiele. Das geht beim Lesen aber unter. Wichtiger ist die Möglichkeit, überall Spuren zu hinterlassen und Leute auf sich aufmerksam zu machen - man postet Dinge auf der Pinnwand, nutzt Apps, kommentiert Beiträge. Das ist gut gestaltet, wird im Übermaß aber nebensächlich - man überliest die Meldungen, weil man weiß, dass sie nicht wichtig sind. Leider verfolgt die Autorin das nicht konsequent genug - denn was macht man, wenn diese (einfachen) Möglichkeiten nicht zum Erfolg führen? Man kann sich Fakeprofile anlegen oder Accounts hacken... Am Ende weicht Harry übrigens zu Second Life aus - eine Flucht?

Egoismus - Harry verfolgt Miriam und als Leser fragt man sich, warum er das tut, ob er noch andere Dinge tut und ob ihn ihm nicht andere Potentiale schlummern. Interessant ist, dass Harry Miriam am Ende gar nicht zuhört - sie will wegziehen, doch er übergeht das, denkt, dass sie es nicht ernst meint. Das Thema ist bekannt.

Mordfall - Ab dem zweiten Drittel wandelt sich das Buch in einen Krimi, dem aber nach wenigen Seiten die Puste ausgehen, weil die Ermittlungen hinausgezögert und Harry oft befragt wird. Hier fehlt das Tempo.

Schreibstil


Die Autorin versucht sich in Harry hineinzuversetzen, wirkt dabei aber etwas verkrampft und schwankt stark. Seine Worte sind mal poetisch, fast philosophisch, dann aber sehr banal. Gut finde ich die unvollständigen Sätzen, Wortgruppen, mit denen gearbeitet wird - das passt zumTagebuchstil. Leider wirkt Harry jünger, als er dargestellt wird, auch die restlichen Figuren.

Grundsätzlich ist der Stil gut lesbar, man kommt leicht durch das Buch.

Fazit


Ich hatte nicht viel erwartet, war aber letztendlich enttäuscht - die Autorin ist nicht konsequent, auch wenn das Niveau sprachlich hoch und keine Fehler enthalten sind, bedient sie sich inhaltlich bei gängigen Motiven - man hätte sich stärker in die Figuren hineinsetzen und etwas wagen sollen.

Hinzugefügt sei außerdem: Trotz ihrer scheinbaren Affinität für das Internet hat die Autorin keine Autorenseite auf FB und ihr Blog ist ein bisschen unübersichtlich.

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