Freitag, 27. Dezember 2013

'Von tausend Schatten' - die Entstehung

Hallo!

Nachdem ich euch im letzten Beitrag das Buch vorgestellt habe, wollte ich euch heute einen Einblick in den Entstehungsprozess geben und euch etwas zu meiner Geschichte Im Eis erzählen.


Untermalt wird dieser Post von den Schattenmännchen, die ich eigens für diesen Anlass geknetet habe :-) Alle Fotos mit Beschrifung findet ihr hier.




Wie alles begann...


'Äh ... nein, danke!', so ähnlich klang es in meinem Kopf, als mich Alfred Berger vor einem Jahr fragte, ob ich bei seiner Anthologie mitmachen wollte. Damals war ich in einer schwierigen Phase und konnte das Wort Anthologie noch nicht einmal aussprechen. Wichtiger war aber: Ich? Sucht? Das haben die anderen, aber ich nicht! Nachdem mich Funk, Fernsehen und Schule 15 Jahre lang mit Schreckensmeldungen über gescheiterte Existenzen konfrontiert hatten, konnte ich mich weder mit dem Thema noch den Menschen dahinter identifizieren. Menschen, die man nur auf ihre Sucht reduzierte. Das war für mich nicht vorstellbar, geradezu abstoßend. Daher war ich zuerst skeptisch. Aber Alfred überzeugte mich, dass er genau das nicht wollte. Er hatte den Plan, das Buch vielseitig zu gestalten – und ich vertraute ihm. Wie ernst er es meinte, merkte ich, als ich ihm einen Text schickte, der kurz zuvor entstanden war – es ging um ein Mädchen, das vor den Trümmern seines Lebens steht und hofft, in der Ferne neuen Mut zu finden. Alfred war begeistert – aber ich hatte Angst. Ich hielt den Text für unfertig, nicht geeignet und zu persönlich. Ich war noch nicht bereit, dieses Kind in die Welt hinaus zu schicken.

... und eine Geschichte entstand ...


Aber ich wollte ihn nicht im Stich lassen. Und ich liebte Herausforderungen. Ich fragte tollkühn, welche Sucht gebraucht werde, ich könne ja einen Text schreiben. Der Schlag kam eine Mail später – Essstörung, Magersucht. Das Thema, vor dem Jugendliche neben Sex am meisten gewarnt werden. Auch heute noch, wenn man über Size Zero oder Oberschenkel-Lücken diskutiert. Und der Verdacht, mit dem ich seit meiner Kindheit konfrontiert werde, weil ich sehr schlank bin. Dicke Menschen werden als gemütlich betrachtet, dünne Menschen sind krank. Trotz der Tatsache, dass ich ständig aß, fragte mich jeder Geht es dir gut? Ich wollte nicht mit einem Thema konfrontiert werden, dem ich nicht neutral, sondern abgeneigt gegenüberstand. Aber dann habe ich Mut gefasst – es war eine Gelegenheit, sich mit dem Problem zu beschäftigen, ohne all die Klischees zu bedienen, die ich so sehr hasste.

Also recherchierte ich ein bisschen: in mir und in der Bibliothek, außerdem hielt ich Augen und Ohren offen, wenn in den Medien darüber berichtet wurde; nur um die Bestseller machte ich einen Bogen, denn ich wollte mich nicht zu sehr beeinflussen lassen. Prägend waren für mich zwei Fachbücher über die Behandlung von Essstörungen und Nele Nights Ein Tagebuch. Auf 26 Seiten berichtet eine junge Mutter, wie sie für und gegen die Magersucht kämpft, ihre Familie verliert und sich am Ende selbst zerstört. Beeindruckend war weniger das Ende als die Nüchternheit, mit der die Figur auflistet, was sie gegessen hat, wie sie es wieder loswird und der Umgang mit ihrem Freund. Sie ist sich der Sucht voll bewusst und verfolgt sie mal trotzig und mal positiv -–denn in manchen Momenten hat sie Spaß am Essen. Aufbauend auf diesen Quellen habe ich eine Figur entwickelt und durchs Leben treiben lassen. Nach 4 Stunden war der Text fertig :-)

Der Schreibprozess


Der Anfang der Geschichte war einfach, weil mir die Figur noch nah war – ich mag Natur, ich liebe es sie zu genießen und ich fluche gern vor mich hin. Bei der Szene am Fußboden musste ich gedankliches Method-Acting betreiben und genau beobachten: Wie laufen die Bewegungen ab und welche Schwierigkeiten gibt es – unter normalen Umständen und wenn man etwas schwächer ist? Die Panikattacke ist mir vertraut, denn jeder Mensch hat Momente, in denen ihm alles auf den Kopf fällt und er nur noch raus will. Aber ich hatte Angst, dass es mir zu nahe geht – ging es aber nicht :-)

Am schwierigsten waren die Lästereien über dicke Menschen, und ich kann verstehen, dass manche Leser
das nicht gut finden :-) Ausgangspunkt war, dass die Figur ihren Selbsthass auf andere überträgt – die, die am weitesten von ihr entfernt sind. Sie unterscheidet sich von anderen, spürt Angst, überhöht sich aus Trotz selbst und verachtet ihre Mitmenschen. Diese Gedanken haben viele Menschen, aber man redet meistens im Geheimen darüber – sie öffentlich darzustellen war eine große Überwindung. Als Mensch bemühe ich mich, andere Menschen durch ihre Worte und Taten wahrzunehmen, weniger durch ihr Erscheinungsbild, aber manchmal sind meine Vorurteile einfach da. In der Figur konnte ich diese Abneigung übertreiben, ein bisschen unrealistisch werden und dem traurigen Thema etwas Humor verpassen. Es war stellenweise sehr spaßig, sich Gerichte zu überlegen oder die Angst der Figur auf die Spitze zu treiben. Heute finde ich diese Szenen amüsant und abstoßend zugleich. Als ich die Geschichte vor Kurzem vorlas, habe ich mich erschrocken und mich gefragt, wann dieser Hass aufhört :-)

Wie jede Geschichte brauchte auch diese ein Ende, und als Optimistin und Realistin wollte ich die Figur nicht auf diesen negativen Gefühlen sitzen lassen. Ich habe am Ende dagesessen und mich gefragt Gibt es denn nichts Positives? Was ist denn mit dem Genuss? Damit war das Problem gelöst und mir die Figur wieder ein Stück näher – denn auch ich genieße gerne und mag Eierlikör-Eis :-) Obwohl ich vermute, dass dort kein Eierlikör, sondern weniger Zucker oder ein Austauschstoff drin ist – denn es ist nicht so süß wie Vanille-Eis.

Und was geschah dann?


Auf jede Rohfassung folgt die Reinschrift, dazwischen liegen viele, viele Korrektur-Durchgänge und E-Mails. Kommata und Wortwiederholungen flogen hin und her, sachliche Ungenauigkeiten sangen Klagelieder und mancher Satz schmollte in der Ecke, weil er nicht bleiben durfte. Jeder Autor hat die Geschichte des anderen gelesen und Anmerkungen gemacht, was nicht immer einfach war. Als ein halbes Jahr später die erste Version des kompletten Buches vorlag, war ich baff. Ich begriff, wie groß und großartig es war. Und es war völlig anders, als ich vermutet hatte – vielseitig und nicht belehrend. Manche Geschichten blieben in meinem Herzen hängen, ich fühlte mit, bei anderen fiel es mir leichter, die Distanz zu wahren. Es folgten weitere Korrekturdurchgänge und parallel die Entscheidungen über die Gestaltung des Buches – 10 Meinungen unter einen Hut zu bekommen ist nicht einfach, aber dank moderner Technik geht es – wir können nicht alle durcheinander reden, sondern müssen brav untereinander kommentieren :-) Die Zeichnungen haben mich sehr beeindruckt – denn wenn jemand anders eine Geschichte interpretiert, kann das mit der eigenen Meinung kollidieren. Hier ging aber alles gut.

Und dann war der größte Teil geschafft. Rechtliches wurde geklärt, der Druckauftrag versandt – und seitdem fahren unsere Bücher durch Deutschland, auf den Weg zu ihren neuen Besitzern :-)

Das Wichtigste zum Schluss: Warum ein Pseudonym?


Der Satz natürlich ironisch gemeint, aber eine berechtigte Frage – denn ich fand es immer doof, wenn sich Leute ein Pseudonym geben und es aufdecken. Eigentlich wollte ich es gar nicht aufdecken, aber das Buch ist zu wichtig, um darauf zu warten, bis es jemandem auffällt. Ursprünglich hatte ich den Namen als Sicherheit gewählt – falls es schief gegangen wäre, hätte das niemand mit mir in Verbindung gebracht (ausgenommen clevere Spürhunde, denen der Schreibstil bekannt vorkommt...). Jetzt offenbaren sich andere Vorteile: Ich kann den Text leichter von mir abgrenzen. Naviv ist ein Teil von mir, ich habe sie von mir abgeteilt, ein paar Eigenschaften übertrieben und so deutlich gemacht: Sie gehört zu mir, aber sie ist nicht ich. Genauso wie ich als Rezensentin sehr genau bin, manchmal nicht nett, aber leidenschaftlich, bin ich als Naviv vielleicht ein bisschen ironischer? Es fühlt sich gut an. Und es macht den Blick auf den Text leichter – als ich ihn neulich zum ersten Mal vor Publikum las, sah ich darin nicht mich, sondern die Figur – ich hatte völlig ausgeblendet, dass ich ihn verfasst hatte, es war das Werk eines fremden Menschen, das ich vortrug. Das war komisch, aber wesentlich intensiver als bei Texten, hinter denen ich mit meinem Namen stehe. Bei meinen Texten gehe ich gedanklich mit, ich versetze mich in die Situation, die als Vorbild diente, und versuche meine Emotionen zu transportieren – das endet in Übertreibungen. Bei Im Eis bin ich so beschäftigt mit Interpretieren, dass der Anspruch, mich selbst durch meinen Text darzustellen, in den Hintergrund rückt – wichtig ist die Geschichte, nicht der Autor.

Und mit diesen Worten entlasse ich euch in den Tag :-) Ich hoffe, ihr hatte Spaß beim Lesen, kauft das Buch und seid fröhlich :-)

Zum Schluss nochmal ein Gruppenfoto aller Figuren:

1 Kommentar:

  1. Und ich dachte schon im neuen Jahr gibts mal einen einzigen positiven Kommentar von dir ;)

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über deinen Kommentar! Für Fragen oder Kommentare zu meinem Kommentar auf deiner Seite kannst du mir eine Nachricht schicken - oben rechts steht die Adresse :-)