Samstag, 4. Januar 2014

'Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die BRD und die DDR'

CoverHallo,

hier kommt das letzte Buch vom Theiss-Verlag, das ich lesen durfte. Ich finde das Thema sehr spannend, denn ich habe nur drei Jahre in der DDR 'gelebt', aber trotz 'ostdeutscher' Eltern und aufgeschlossenen Lehrern ist bis auf das Sandmännchen und die Architektur nichts hängen geblieben. Einerseits wird meine Generation mit der Nostalgie der 'Alten' konfrontiert, gleichzeitig scheuen sich die Menschen, offen und kritisch zu reflektieren. Die Angst, etwas Gutes an der politisch bösen DDR zu finden, ist groß. Für mich ist das unverständlich ich habe 'westdeutsche' Freunde, die ich als Bereicherung betrachte - nicht, weil sie aus den 'alten Bundesländern' kommen, sondern weil sie sich von mir unterscheiden – das hat etwas mit ihrer Herkunft zu tun, aber nicht mit der Staatsform, in der sie einmal gelebt haben. Deswegen habe ich mich gefreut, das Buch zu bekommen – und hier seht ihr, was daraus geworden ist :-)


Allgemeines


Das Buch (ISBN 978-3-8062-2765-9) hat 208 Seiten und kostet 17 EUR.

Der Autor


Andreas von Seggern wurde 1967 in Oldenburg geboren und hat Neuere Deutsche Geschichte, Politikwissenschaft, Wirtschaftspolitik und Italienisch studiert. Derzeit arbeitet er als stellvertretender Direktvor des Stadtmuseums Oldenburg und ist Mitglied der Otto-von-Bismark-Stiftung. Er hat ua. Bücher über die Zeit Bismarks und Fußball veröffentlicht.

Das Cover


Das Layout der Reihe ist sehr gut, weil alle Informationen übersichtlich präsentiert werden: Auf das Titelfoto wird ein halb-transparenter Rahmen gelegt, auf dem Foto prangt ein scheinbar umgeknickter Zettel mit dem Namen der Reihe (groß und in Schwarz), dem Untertitel (klein und Weiß) und dem Thema (mittelgroß in einer Kontrastfarbe). Der Autorenname ist entsprechend des Fotos platziert.

Das Titelbild zeigt eine Reihe Autos und passt mit seiner geringen Sättigung gut zum rosanenen Rahmen. Vielleicht orientiert sich diese an früheren DDR-Führerscheinen? Ich fand das komisch. Das Gelb als Kontrastfarbe ist nicht zu aufdringlich.

Die Biografie des Autors auf der Rückseite ist so kurz, dass man sie mit den Resten des Klappentextes füllen musste – nicht so gut. Ich finde es sehr schade, dass man über die Autoren der Bücher sehr wenig erfährt.

Gliederung


Das Buch besteht aus 20 Kapiteln, die zwischen 6 und 16 Seiten lang sind. Außerdem gibt es Weiterführende Literatur, ein Personenregister und Anmerkungen.

Der Text ist in Times New Roman geschrieben, die Überschriften in einer breiten, serifenlose Schrift. Man arbeitet mit Absätzen und Leerzeilen, aber ohne Zwischenüberschriften.

Der Verlag hat auf Grafiken und Diagramme verzichtet, diese sind aber inhaltlich in diesem Buch nicht notwendig – zur Auflockerung wären sie trotzdem gut gewesen.

Typisch für das Buch sind die Zitate, die zahlreich vertreten sind und manchmal über eine halbe Seite gehen – und das meistens unnötig – ein kurzer Abschnitt hätte gereicht. Besonders gravierend ist, dass Zitate nur selten gekennzeichnet sind, da das Buch durch die vielen Auszüge 'wichtig' wirkt. Bei manchen Sätzen wird zwar der Autor genannt, aber das ist unbefriedigend.


Inhalt

Im 4-seitigen Vorwurft klärt uns der Autor über seine persönlichen Hintergründe und die Intention auf und dankt seinen Unterstützern. Das Problem: Obwohl er menschlich wirken will, kommt er für mich selbstbezogen rüber – er ist der 'Wessi', der ein paar Mal in den Oste gereist ist. Das schafft zu Beginn Vorurteile über das Buch, die unberechtigt sind.

1. Es gab eine 'Stunde null' in West und Ost definiert, was der Begriff inhaltlich bedeutet und stellt heraus, dass der vermeintliche Schnitt keiner war. Denn sowohl BRD als auch DDR haben sich auf Traditioinen, Ideologien und Werte besannen, die vor dem Zweiten Weltkrieg existierten. Außerdem haben Beamte, die im NS-Regime arbeiteten, auch in den 'neuen' Staaten gearbeitet. Ich finde die Ansätze sehr gut, das Kapitel hätte länger sein können.

2. Der Wiederaufbau westdeutscher Städte nach 1945 war alternativlos liefert einen guten Überblick über die Entwicklung der Architektur in Ost und West – hat aber am Ende nur noch wenig mit dem Kapiteltitel zu tun. Der Autor hat gut recherchiert und ich habe einige Informationen mitnehmen können, die mein bisheriges Wissen ergänzen. An manchen Stellen greift er aber zu kurz, und besonders in den 90iger Jahren wird er nachlässig – statt weniger Erklärungen gibt es viele Fachbegriffe. Was mich gestört hat, ist die Behauptung, dass die Semperoper (übrigens ohne Bindestrich!) und die Frauenkirche in Dresden im Zuge einer 'Nostalgie'-Welle in den 80iger Jahren aufgebaut wurden. Denn anders als angedeutet wurde der Beschluss zum Neubau der Oper schon Ende der 60iger Jahre gefasst und die Gründe für den Aufbau der Frauenkirche sind komplex – hier von 'Nostalgie' zu sprechen ist zu kurz gegriffen. Der Schluss des Kapitels gefiel mir aber gut.

3. Der Westen erlebt ein 'Wirtschaftwunder' beschreibt Gesetze usw., die in den 50iger Jahren in Kraft traten und das Wirtschaftswunder auslösten.

4. Die Nazis schlüpften alle im Westen unter klärt über Bewältigungs- und Verdrängungsprozesse auf. Interessant war, wie die Entnazifizierung ablief und wie Entschädigungen gezahlt wurden. Auch über Antisemistismus in der DDR berichtet der Autor. Leider fehlen Beispiele für Film und Literatur, in denen das Thema behandelt wurde – der Autor erwähnt es, geht aber nicht näher drauf ein – auch in späteren Kapiteln.

5. Die DDR war sozial und gerecht beleuchtet das Sozialsystem in der DDR mit den Schwerpunkten Krankenhaus und Rente. Außerdem entlarvt er den Mythos von der Vollbeschäftigung. Auch über den Umgang mit behinderten Menschen berichtet er. Das Kapitel war leider nicht so breit.

6. Die westdeutsche Jugend ist amerikanisiert beschreibt die Entwicklung der Jugendkultur in Ost und West. Dabei geht der Autor in mehreren Bereichen vor, aber chronologisch, sodass man den Überblick verliert. Letztendlich wird das Kapitelthema nebenbei behandelt.

7. Der Westen war verklemmt, der Osten sexuell freizügig handelt von FKK und dessen Startschwierigkeiten. Die Grundthese ist, dass der Osten FKK betrieben, um Freiheit zu spüren, aber ähnlich verklemmt war wie der Westen. Ich fand das zu lang.

8. Die Westdeutschen sind Meister der Weltläufigkeit berichtet von der Entwicklung des Reisens und des Tourismus im Allgemeinen. Spannend fand ich die Erkenntnis, dass auch die Bürger der BRD anfangs nicht frei reisen konnten und für DDR-Bürger Reisen in das 'sozialsistische Ausland' nicht einfach waren. Der Kapiteltitel passte wieder nicht, aber die Infos waren gut!

9. Der Alltag im Osten war grau beschäftigt sich vorrangig mit der Freizeit der Bürger, weniger dem 'Alltag', was mich irritiert hat. Dabei behandelt man besonders das Kino, und das leider bis in die Gegenwart. Später wird allgemeines zur Freizeitgestaltung erzählt und die These aufgestellt, dass im Osten weniger Mittel zur Verfügung standen.

10. In der DDR gab es keine Verbrechen umreißt kurz, dass die Verbrecherquote im Osten zwar tatsächlcih geringer war, man aber mit statistischen Tricks gearbeitet und manche Vergehen nicht als 'Verbrechen' deklariert hat. Spannend war für mich, dass bei Diebstahl die Ladenbesitzer richten konnten. An dieser und anderen Stellen war das Kapitel zu kurz.

11. Frauen waren in der DDR gleichberechtigter als im Westen endet mit dem schönen Fazit, dass Gesetze zwar Gleichberechtigung erzeugen können, aber nur formal – solange sich die Männer nicht ändern, bleibt das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bestehen. Die These ist, dass man sich die Gleichberechtigung im Westen erkämpft hat, während sie im Osten durch die Ideologie verordnet wurde. Leider wird die eigentliche Frage erst im letzten Drittel geklärt, davor wird sie eher aufgebaut.

12. Der Osten war humorlos beschäftigt sich mit der Satire in der DDR. Sehr langatmig wird die Behauptung zu widerlegen versucht, das Fazit lautet: Das Regime war humorlos, die Bürger waren es nicht. Für mich nicht stimmig.

13. Die DDR war eine Sportnation greift zum Schluss die Dopingproblematik auf und wird dabei sehr suggestiv. Außerdem beleuchtet das Kapitel die Themen Fußball und Sportförderung. Das Spiel der DDR gegen die BRD wird als Rahmen eingesetzt, aber nicht stimmig.

14. In der DDR verstand man nichts von Autos erzählt von Automobilen in der DDR und dass sie aufgrund der Planwirtschaft immer hinter dem Westen zurückstand. Immerhin erfand sie den Trabant :-)

15. Im Osten wurde viel getrunken und schlecht gegessen bestätigt die Klischees – es gab wenig Vielfalt und der Service war nicht gut. Der Verbrauch in beiden Staaten war aber ähnlich. Erklärt wird das mit Langweile.

16. Wessis waren (und sind) arrogant stellt dar, dass der Osten immer auf den Westen geblickt hat und das auch heute noch so ist – dazu gibt es Statistiken. Leider fehlt eine Aufarbeitung der Ursachen sowie Positivbeispiele. Das ist sehr schade.

17. Ossis waren (und sind) faul beschäftigt sich mit der Planwirtschaft und kritisiert sie. Das Klischee rühre aus den fehlenden Produktionsmitteln, behauptet der Autor. Auch hier greift man wieder zu kurz.

18. In der DDR fehlte eine Umweltbewusstsein beleuchtet die Umweltpolitk in beiden Staaten. Interessant war, dass die DDR Müll des Westens ablagerte, um Devisen zu bekommen.

19. Die Ostdeutschen sind rassistisch ist für mich eines der spannendsten Themen, weil ich viel darüber gehört habe und das Problem auch heute noch sehr präsent ist. Der Autor beschreibt die Ausländerpolitik in beiden Staaten und erklärt, warum die Berührungsängste der Ostdeutschen größer als der Westdeutschen sind – während die Ausländer überwiegend isoliert waren, bemühte man sich im Westen zunehmend um Integration. Es waren einige Informationen dabei, und ich verstehe den Prozess besser. Allerdings wäre mehr Tiefe gut gewesen. Außerdem werden Programme für Studenten in den 70iger und 80iger Jahren leider nicht berücksichtigt – als Bewohnerin einer Studentenstadt finde ich das sehr schade. Außerdem wird der Autor sehr polemtisch, in dem er darlegt, wie schwer es ihm fiele, ein (halbseitiges) Zitat eines Ex-Nazis in der BRD abzudrucken.

20. Die DDR war ein 'Leseland' handelt leider zur Hälfte von Theater und Kino, dem Rest der Seiten widmet man sich dem Lesen. Die These ist, dass in der DDR zwar mehr gelesen wurde, die Vielfalt aber nicht so groß war.


Schreibstil


Der Autor schreibt meistens verständlich und objektiv, nur an manchen Stellen wird es zu fachlich. Problematisch ist, dass er an einigen Stellen zu sehr kommentiert.

Grobe Fehler habe ich nicht gefunden.

Fazit


Kann man denn nicht sachlich über die beiden Staaten reden? das habe ich mich am Ende des Buches gefragt. Der Autor liefert viele Fakten und einiges Interessantes, aber seine Meinung schwingt immer mit – oder das Bedürfnis, eine Meinung zu formulieren. Er versucht zwar selten, den Leser in eine Ecke zu drängen, aber mehr Sachlichkeit hätte dem Buch gut getan. Ähnlich wie die anderen krankt auch diese Ausgabe an der mangelhaften Gliederung – es geht darum, Informationen einzuteilen, aber man beschäftigt sich nur selten wirklich mit den Irrtümern.

Meine Meinung mal unsachlich


Ich war enttäuscht. Wirklich enttäuscht. Ich habe vieles gelernt, aber Verständnis für die 'andere Seite'? Verständnis für die Problematik? Nein! Was ich sehe, sind Unterschiede in den Mentalitäten auch innerhalb Ostdeutschlands. Was ich sehe sind zerstörte Städte – auf beiden Seiten. Was ich oft höre ist, dass man in Westdeutschland toleranter mit Ausländern umgeht. Was habe ich davon gelesen? Nichts! Statt Gefühl für die Thematik finde ich hier Meinungen. Vielleicht liegt es an meiner Generation, oder an mir, aber: Ich brauche keine Meinungen, ich brauche Fakten. Meinungen von Nostalgie bis Ablehnung, von RAF bis Stasi und von Pro bis Contra habe ich genug in allen Medien. Ich will Leben sehen und selbst urteilen, ob sich dieses Leben mit meinen Moralvorstellungen vereinbaren lässt. Wann klappt das mit der Aufarbeitung?

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