Freitag, 10. Januar 2014

Evy auf der Offenen Bühne im Dezember, Teil 2

Hallo!

Nachdem der erste Teil zu einem Abriss über meine Zeit bei der Offenen Bühne wurde, soll es nun um meinen Auftritt gehen.

Erlebt hautnah meine Gefühle und Gedanken, nehmt teil an Banalitäten, die zu Prioritäten werden, und lest einen Erlebnis-Bericht, gegen den jeder Oscar-Film einen Goldene Himbeere verdient!


Ein Dank geht an Marc für die Fotos, die Ente für die Unterstützung und das Team für die tolle Atmosphäre!



Anmeldung ist alles


Beim letzten Mal hatte ich lapidar einen Anfrage auf das Facebook-Profil gestellt, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht ankam. Diesmal ging ich sicher und sandte brav eine Mail mit Textrichtung und ungefährer Vortragsdauer. Da ich meine Texte vorher nie auf Zeit lese, nutzte ich die 10 min, die mir zu Verfügung standen, aus :-) Es bietet sich immer an, sich zwei bis vier Wochen vorher zu melden - je nach Bekanntheit der Veranstaltung bzw. der Masse an Beiträgen.

Ene, mene, muh, mein Text bist du!


Nachdem der Vortrag zu Von tausend Schatten so toll lief und das ein 'alter' Text war, wollte ich mal wieder etwas Emotionales vorlesen und sehen, ob das schief geht :-) Außerdem hatte man mich gebeten, mal etwas Erotisches vorzulesen, aber ich wollte kein Grummeln erzeugen. Daher habe ich einen unerotischen Auszug gelesen. Dabei stand ziemlich früh fest, dass es Tesoro, ein Text mit einem Ex-Freund, werden sollte. Die Geschichte war zwei Tage vorher durch die finale Fehlekorrektur gewandert und frischer als ein Glas Wasser.

Ich überlegte zwei Tage lang unaufhörlich, was ich vortragen sollte. Denn es gibt im Text keine abgeschlossene Passage, die ohne den Rest spannend ist, ausgenommen die Sexszenen :-) Eine Stunde vor dem Auftritt habe ich mich für die Stelle entschieden, die am meisten über die Figur und den Spirit der Geschichte aussagt. Auch wenn sie nicht so spannend, sondern eher gemütlich ist. 

Tesoro


Der Text handelt von einem Mädchen (Belle), das sich in das Getümmel einer Erasmus-Party stürzt und einen Jungen erobern möchte. Der Abend verläuft zwar gut, aber ohne männlichen Erfolg. Kurz bevor sie nach Hause geht, fragt sie jemand (Roberto) nach dem Weg und sie begleitet ihn aus Nettigkeit nach Hause. Aus ein paar Gläsern Wein und einem Stück Parmesan wird eine Nacht, die für sie nicht die beste, aber eine ziemlich gute Nacht wird.

Die Idee hatte ich, als ich mit Rückenschmerzen bei meinem Ex-Freund aufwachte, aus dem Fenster sah, und dachte: Daraus wirst du was machen! Passenderweise habe ich die Geschichte drei Tage nach unserer Trennung beendet. Meine ersten Ansätze waren: Erasmus-Party und Mann. Ich wollte meine Erfahrungen realistisch schildern und erreichen, dass sich die Leser mit alle den fröhlichen und traurigen Gestalten identifizieren können. Gleichzeitig hatte ich ihm versprochen, etwas Positives über ihn zu schreiben - er hatte sich gewundert, dass ich nur Negatives über meine Freunde schreibe. Später ergab sich das Körperliche - da ich ihn nie fotografieren durfte, musste ich das Bild sprachlich festhalten.

Interessant ist: Obwohl er die Hauptrolle spielen sollte, nahm er beim Schreiben wesentlich weniger Raum ein. Roberto besteht aus vier Männern: In der Kennenlernphase ähnelt er einem Bekannten, der genauso schüchtern ist. Beim psychischen Teil des Aktes habe ich mich an einem anderen Ex orientiert. Und die letzte Sex-Szene, die - für mich - relativ heftig war, habe ich mir einen fiktiven Charakter zusammen gebastelt. Mein Ex tritt körperlich auf, in den Szenen zwischen den Akten, und dem politischen Teil. Insgesamt nimmt er von 21 Seiten max. 2 ein. Er hat eine tolle Metapher für seinen Körper und inhaltliches Gewicht bekommen. Das war mir sehr wichtig: Wie nehmen Ausländer Deutschland wahr - und wie empfinde ich das? Meine Sicht scheint einseitig, aber es war mir wichtig, das anzusprechen, besonders, weil es in den Medien aufgeputscht wird. Deswegen bleibt dieser Teil, obwohl er nicht reinpasst, drin :-)

Neu für mich war, der Hauptfigur eine Freundin an die Seite zu stellen - wenngleich nur zeitweise. Meine Figuren sind meist Einzelgänger, aber Belle ist nicht allein.

Sprachlich schwierig waren die englischen Passagen, die einige Leser störten. Es war ein Balance-Akt aus Lesbarkeit und Realismus, aber ich habe das relativ gut hinbekommen :-)

Das Vorspiel enthält eine stylische, perfekt durchkomponierte und vor allem überhöhte Szene - das ist typisch für mich :-) Von allein drei Akten gefällt mir der erste am besten, obwohl er ein Klischee verkörpert - die Tischkante. Die zweite Szene spiegelt meinen Genuss wider, die dritte habe ich einem Freund mit Arsch-Affinität gewidmet. Leider die schwächste :-(

Das Ende gefällt mir nicht, aber naja. Der Titel wird geändert, wenn jemand mit italienischem Background einen griffigen Titel vorschlägt. Bis dahin heißt die Geschichte: Tesoro - benannt nach dem Mann, der mich so nannte!

Outfit und Auftritt


Der Grundgedanke war Rache. Mein Ex hatte meine Kunst nie geachtet; während andere meine erotischen Texte als Mag ich persönlich nicht, aber wenn du es magst! von sich weisen, hat er sie abgelehnt. Sowas trifft immer, aber besonders bei Menschen, die einem wichtig sind. Die Schreiberei ist ein Teil von mir, und sie verdient Respekt. Deswegen wollte ich ihm zeigen: Hier bin ich - und ich bin gut! (korrekterweise: Ich wollte es mir selbst beweisen) Ich wählte einen engen schwarzen Rock, eine grüne Jacke und einen roten BH. Eigentlich wolte ich die Jacke soweit öffnen, dass man mehr von der Unterwäsche sieht, aber naja :-) Ich wollte verletzlich wirken und offensiv. Extrem sexy, passend zum Thema, aber mit Stil. Perfekt durchkomponiert :-) Ich hab sogar Schminke getragen!

Ich liebe es, mich für die Offene Bühne hübsch zu machen, denn sie ist etwas besonderes. Gerade weil ich im Alltag bequeme Sachen trage, macht es Spaß, sich wie ein Mädchen zu fühlen :-)

Der Kampf mit dem Mikro


Nachdem ich im Oktober mit den Zähnen gegen das Mikro knallte und im November das Ding ständig im Weg war, passte es besser. Ich schaffte es trotzdem selten, ins Publikum zu gucken. Da mich die Nervosität überwältigt hatte, brachte ich Unterstützung mit ...

Meine Einleitung war zu lang und ich habe mich verhaspelt, andererseits war ich sehr ruhig. Der große Vorteil der Bühne ist: sie ist eben. Man fühlt sich als Künstler nicht so besonders, sondern als Teil der Menge. Im bunten Licht fühle ich mich sehr wohl und ich kann das Publikum sehen. Der Druck ist geringer.

Das Publikum war, bis auf einen Lachflash, der nicht mir galt, ruhig und hat an den richtigen Stellen geschmunzelt. Im Internet lesen meine Geschichten oft Leute, die auf Erotisches Wert legen, hier konnten sich die Leute stärker mit den Inhalten identifizieren. Irritiert hat mich, dass der Text lustiger rüberkam, als ich beabsichtigt hatte. Ich habe etwas Humor eingebaut, aber es ist keine Komödie :-) Das hat mich unter Druck gesetzt, Stellen mehr zu betonen, und das war nicht gut.

Danach hatte ich Angst, dass ich von dem schnellen, lustigen Teil nicht gut in den ruhigen am Ende gleiten kann. Diese Angst war unbegründet, alles klappte und ich war wirklich 'im Text' :-)

Ein Bühnen-Babe?


Ich stehe gerne auf der Bühne, auch wenn ich mich aufgrund der Größe verloren fühle und mich die Nervosität zur Verzweiflung bringt - manchmal hat sogar meine Stimme gezittert! Aber dort oben zu stehen, allein zu sein, das Mikro vor sich zu haben, den Schall zu hören, und seinen Text zu interpretieren, ist wundervoll. Man gestaltet spontan, kann spielen, neuen Ebenen erschließen sich und das Publikum hört andächtig zu.

Es kann verunsichern, wenn die Leute an den falschen Stellen lachen, betretenes Schweigen herrscht, wo Applaus und Grinsen sein sollten. Oder niemand merkt, wann das Ende erreicht ist. Aber das ist in Ordnung - es ist eine kleine Bühne, und es gibt immer Leute, die sich schlimmer blamiert haben als man selbst :P

Ich habe nicht den Esprit, den andere Autoren haben, ich kann das Publikum nicht mit meinen Worte mitziehen - und es steht nicht im Vordergrund. Trotzdem liebe ich die Atmosphäre sehr und mache es gerne :-)

Wer Appetit bekommen hat: Traut euch :-)

Übrigens war das mit der Rache doch nix - wenn man dort oben steht, zählt nur eines: der Text. Andere Dinge sind einfach nicht da.

Kommentare:

  1. Wooow, ganz viel Respekt! Ich würde mich nie nie nie nie trauen, einen meiner Texte (oder etwas anderes) vorzutragen :D Aber glücklicherweise habe ich auch nicht das Bedürfnis danach, sodass es mich in keine Profilneurose treibt :D
    Jedenfalls ist dein Bericht sehr spannend zu lesen und hammer interessant. So richtiges Backstage-Gefühl kriegt man da! :)
    Stehst du eher mit deiner lauten oder deiner leisen Seite auf der Bühne? Oder mit einer Mischung? ;)

    Liebe Grüße
    MelMel

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! Ich bin eher leise - aber ich spiele auch gerne mit der Stimme :-)

      Löschen
  2. Interesssanter Bericht. Emotionale Texte sind sehr schwer zu lesen, ich hab das letztens auch versucht, aber ich denke, meist fährt man mit etwas Lustigem besser. Aber Spaß macht es auf jeden Fall.

    Liebe Grüße,
    Alana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Diesen Eindruck habe ich auch. Aber ich nutze diese kleine Bühne genau dazu xD Außerdem kann ich nix Lustiges schreiben :P

      Löschen

Ich freue mich über deinen Kommentar! Für Fragen oder Kommentare zu meinem Kommentar auf deiner Seite kannst du mir eine Nachricht schicken - oben rechts steht die Adresse :-)