Freitag, 30. Mai 2014

Ich war gewesen - "Leben in dieser Zeit" mit der Staatsoperette Dresden

MusikhochschuleHallo,

heute gibt es zwei erste Male zum Preis von einem Blogbeitrag - mein erster Konzertbericht und meine erste Operette (oder so ähnlich...)! Eigentlich wollte ich am Männertag die Männer Alkohol trinken lassen und mir einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher machen. Aber dann rief eine Freundin an und fragte mich, ob ich spontan mitkommen will - und mit bester Freundin wird jedes Konzert gut :-)



Aufgeführt wurden Hörspiele aus den 20iger Jahren, die ursprünglich für das Radio konzipiert waren, aufgrund des Erfolges bei den Hörern aber schon früher im Theater gezeigt wurden.

Das einmalige Konzert fand am 29.05.2014 statt und dauerte einschließlich Pause 2,5 Stunden. Der Eintritt kostete 20 bzw. 15 EUR (normal/ermäßigt).

Der Spielort


Für dieses besondere Ereignis verließ das Ensemble der Staatsoperette die Spielstätte in Leuben und bezog den Neubau der Hochschule für Musik. Der Saal wurde 2010 erbaut und fasst 450 Zuschauer.

Ich liebe diesen Standort, weil ich mich dort sehr wohl fühle. Mit seinen großen weißen Flächen wirkt der Raum sehr offen, nicht so erdrückend. Außerdem hat man von jedem Platz aus gute Sicht und viel Beinfreiheit. Ich bin vor Konzerten und Theaterbesuchen sehr nervös und enge, kuschlige Sitze, ein roter Vorhang und gelbes Licht machen es noch schlimmer. In diesem Saal kann ich atmen :-)

Allerdings nahm er dem Stück das Flair. Auf weißer Fläche fand sich das Orchester, davor ca. 8 Pulte für die Sprecher, hinten und oben der Chor. Alles wirkte ein bisschen steril, sodass ich mich nicht in die Zeit reindenken konnte. Vielleicht wäre ein Bühnenbild wie bei der Aufführung in Breslau gut gewesen.

Radiomusiken


Mit dem Aufkommen des Radios um 1900 erschlossen sich neue Felder für Musiker und Schauspieler. Man wollte die technischen Möglichkeiten nutzen und entwickelte Radiomusiken und Hörspiele. Dabei arbeitete man nicht nur mit orchestraler Begleitung, sondern auch Alltagsgeräuschen, die zu Klangcollagen zusammengefügt wurden.

Die Bezeichnungen sind dabei nicht eindeutig: Dast titelgebende Stück Leben in dieser Zeit wurde von Erich Kästner als Lyrische Suite betrachtet, aber auch den Begriff Laien-Kantate habe ich gelesen.

Die Stücke beim Konzert haben sich gesteigert: Während Mord (ein Hörspiel) aus Dialogen, Musik und dem Sprechgesang des Chrores besteht, wird bei der Rundfunkkantate Chicago: Weizen zieht an mehr gesungen. Leben in dieser Zeit besteht aus vielen Songs mit einigen gesprochenen Passagen.

Mord von Walter Gronostay


Der Komponist

Gronostay wurde 1906 in Berlin geboren und studierte Klavier und Komposition. Mit 13 Jahren schrieb er sein erstes Stück. Später widmete er sich der Filmmusik und der Vertonung von Texten. Neben Mord ist In zehn Minuten, eine Kurzoper, ein bekanntes Werk. Außerdem hat er an den Filmen Jugend der Welt und Olympia mitgewirkt. Gronostay starb 1937.

Das Stück

Das nur 15 min lange Werk hat eine einfache Handlung, besticht aber mit seiner Gestaltung: Ein Mann kündigt seiner Frau telefonisch an, länger zu arbeiten. Daher empfängt sie ihren Liebhaber. Als der Mann später erneut anruft, erfährt er von der Liebschaft und ermordet beide.

Der Anfang ist wundervoll gelungen, denn er spiegelt die Zeit wider: Der Ehemann muss vom Telefonhörer über die Zentrale und falsche Anschlüsse weitergeleitet werden. Eine besondere Rolle nimmt der Männer-Chor ein, der für die Öffentlichkeit steht - er gibt das Geschehen wie ein Sprecher wieder. Das hat Flair!

Chicago: Weizen zieht an


WieseDer Text thematisiert die Weltwirtschaftskrise und zeigt, welche Auswirkungen Börsenspekulationen haben. In Amerika gibt es eine reiche Weizenernte, die Börsianer haben aber Angst, dass die Preise fallen. Daher wird die Meldung verheimlicht. In Russland hat das katastrophale Folgen: Die Menschen leiden unter einer Hungersnot, die aufgrund des fehlenden Weizens nicht bekämpft werden kann. Symbolisch dafür ist eine junge Mutter, die sogar Käfer isst, weil sie nichts anderes hat. Am Ende wird der Weizen verfeuert und die Krise "besiegt".

Das Stück war sehr eindringlich, für mich aber aufgrund der schnellen Dialoge und der Problematik schwer verständlich. Die Musik war toll und unterstützte den Inhalt, besonders das Stampfen am Ende, das den Klangteppich dominiert, war beeindruckend, hat mich mitgerissen.

Leben in dieser Zeit von Erich Kästner (Text) und Edmund Nick (Musik)


Die Autoren

Erich Kästner ist vor allem als Kinderbuchautor (Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive) bekannt, hat aber auch Erwachsenenbücher (Fabian) geschrieben. 1899 in Dresden geboren und aufgewachsen verbrachte er einen Großteil seines Lebens in Berlin. Er war ein umtriebiger Mann, der für Zeitschriften schrieb, Drehbücher verfasste und am Kabarett arbeitete. Mit seiner Lyrischen Hausapotheke ist er für mich einer der prägnantesten Vertreter der Gebrauchslyrik. Die Fähigkeit, Sachverhalte in einfache Reime zu fassen, ihnen dadurch etwas Leichtes zu geben und sie gut konsumierbar zu machen, wird auch im Stück deutlich.

Edmund Nick wurde 1891 in Böhmen geboren und starb 1974 (übrigens vier Monate nach Kästner). Er studierte in Wien, Dresden und Graz Musik und Jura. Im Laufe seines Lebens komponierte er eine Vielzahl an Stücken für das Radio, Filme und Operetten. Mit Erich Kästner arbeitete er mehrmals zusammen, zuletzt bei der Vertonung seines letzten Gedichtbandes 13 Monate.

Das Stück entstand 1929, als Nick bereits fünf Jahre die Schlesische Funkstube in Breslau leitete. Kästner fügte den Text aus bestehenden Gedichten, Geräuschen und Chorgesang zu einer Klangcollage zusammen. Ursprünglich sollte Kurt Weill das Stück vertonen, dieser lehnte aber ab. Stattdessen regte er Nick an. Die Erstaufführung war so erfolgreich, dass Leben in dieser Zeit ab 1931 in zahlreichen Konzertsälen und auf Bühnen gespielt wurde.

Inhalt

Der Text enthält Songs, die über Zwischenstücke sowie Einleitungen miteinander verbunden sind. Es erinnerte mich an eine Musiksendung, bei der klar erkennbar ist, dass sie fiktiv ist. Mittelpunkt ist Kurt Schmidt, ein Durchschnittsmensch, der aus seinem Leben und den Problemen der Zeit erzählt. Die Lieder haben dabei meist einen melancholischen Unterton, der Mensch leidet an der Einsamkeit der Großstadt. Unter anderem trauert Schmidt seiner Jugend nach (Man müsste wieder...), eine alternde Sängerin vermisst den Ruhm (Das Liebeslied mit Damenchor), eine Mutter ihren Sohn, der sie vergessen hat (Der Gesang vom verlorenen Sohn). Das Lied mit den Pistolenschüssen thematisiert die Selbstmorde dieser Zeit. Obwohl alle Stücke fröhlich und ironisch wirken, übertünchen sie nur die Traurigkeit.

Mein Lieblingslied war Das Wiegenlied väterlicherseits, weil die Melancholie, die bis dahin unterschwellig fließt, ausbricht. Außerdem werden die Erwartungen des Publikums enttäuscht, was mich gefreut hat :-) Wenn man von heute, zu Zeiten männlicher und weiblicher Emanzipation, auf den Titel guckt, vermutet man das amüsante Klagelied eines Vaters, der leider, leider mit dem Kind zu Hause ist. Stattdessen verkörpert das Kind die Sorgen, die der Vater nicht loswird: Die Frau liebt ihn nicht, es gibt Verbrechen, alles wirkt erdrückend. Charakteristisch ist das Harfenthema, das wunderschön ist und in einem anderen Song ebenfalls vorkommt. Auch gesanglich fordert das Lied, denn es schwankt zwischen sehr hohen und sehr tiefen Tönen.

Musik

Die Klänge sind typisch für die Zeit, auch wenn ich es nicht erklären kann. Im Orchester dominieren Streicher und Trommeln, Bläser kommen manchmal vor, das Klavier hält sich im Hintergrund. In einem Stück hört man ein Akkordeon (unterstützt von Akkordeon Virtuosi). Die Alltagsgeräusche wurden toll imitiert und stellenweise eingebunden, z.B. Schreibmaschinen-Tippen.

Das Ensemble


Das Wichtigste zuerst: Die Chemie stimmte, die Stimmung war klasse. Schon Dirigent Andreas Schüller verbreitete Esprit, leitete das Orchester mit Leidenschaft und das übertrug sich auf die Musiker. Sie spielten harmonisch und manchmal sah man sie lächeln.

Von den Schauspielern sind mir folgende in Erinnerung geblieben:

Elke Kottmair spielte im Mord die Ehefrau und in Leben in dieser Zeit die Chansonette. Mit ihren Wasserwellen im Haar wirkte sie elegant, willensstark, aber auch verletzlich. Selbst wenn sie sich hinsetzte, blieb sie in ihrer Rolle und wirkte erhaben. Gesanglich war sie ein Glanzpunkt :-)

Christian Grygas verkörperte die Titelfigur Kurt Schmidt und hatte als solche ab der zweiten Hälfte viel zu singen :-) Es war toll zu sehen, wie er aufblühte, die Figur mit Leben füllte und Emotionen ausstrahlte. Ich mag seine Stimme, weil sie etwas Tiefes hat und sehr fest wirkt. Außerdem ließ es sich von zwei Versprechern im letzten Drittel nicht irritieren, sondern spielte genauso stark weiter wie zuvor. Natürlich ist es seine Aufgabe und als erfahrener Schauspieler ist er es gewohnt. Aber ich finde es bewundernswert :-)

Marcus Günzel erinnerte mich an Barney Stinson *schmacht* Seine feste Stimme passte perfekt zur Rolle des Sprechers, auch wenn er gesanglich nicht sein ganzes Potential ausschöpfen konnte. Und ich mag das Brummende :-)

Fazit


Allgemein

Die Leistung des Orchesters und der Schauspieler war großartig, die Aufführung mitreißend und die Atmosphäre toll. Auch das Konzept mit den zwei kurzen Stücken als Einleitung hat mir gefallen. Allerdings war manches etwas schnell gesprochen, manchmal hat man die Texte wegen der Musik nicht verstanden. Trotzdem gut :-)

Probleme hatte ich aber mit dem Stück selbst: Kästners Paarreime nerven, besonders, wenn sie zwischen verschiedenen Figuren aufgeteilt sind. Goethe hat das mit seinen Kreuzreimen und langen Versen gut hinbekommen, bei Kästner bluten mir nach eineinhalb Stunden die Ohren. Außerdem waren mir die Texte zu traurig.

Für Liebhaber dieser Zeit war es ein gelungenes Stück, eine tolle Möglichkeit sich damit zu beschäftigen!

KippeIch & die Operette

Ich glaube, irgendwann werde ich mir mal eine richtige Aufführung angucken (eine Oper steht auch auf dem Plan...), aber ich bezweifle, dass es mir gefällt. Einerseits, weil ich die Texte schwer verstehe, andererseits, weil Musik und Text nicht immer zusammen gehören. Ich mag Lieder, aber es ist für mich schwer vorstellbar, dass Menschen Texte singen, die sie auch sprechen können. Auch das Künstliche ist nicht meins - im Theater mag ich das, es passt. Aber Musik, Gesang, Theatralik und Gesprochenes - das wäre zuviel für mich.



Leben in DIESER Zeit?


Das Wichtigste zum Schluss: Leben wir heute anders? Würden wir heute andere Lieder singen? Ich glaube nicht.

Die Emanzipation bzw. das Gleichgewicht der Rollen zwischen Mann und Frau wird heute stärker behandelt, war aber schon damals ein Problem. Eigentlich geht es dabei weniger um Geschlechter als um Erwartungen und Enttäuschungen - wir müssen zusammen leben, miteinander auskommen und nebenbei den Spagat aus Freizeit, Beruf und Familie meistern. Wir müssen abgleichen, was wir und andere leisten können und alles koordinieren. Das ist schwierig.

Das Gesundheitsbewusstsein wird vielfältiger ausgelebt, mittlerweile gibt es jeden Tag eine neue Diät. Unser Körper ist das Wichtigste - man sieht ihn, man fühlt ihn und man leistet mit ihm. Man wird von anderen danach beurteilt, definiert sein Wohlbefinden darüber und muss damit arbeiten. Unser Körper ist ein Kommunikationsmittel in viele Richtungen - und das ist schwer.

Ruhm wirkt auf Menschen immer anziehend - ob sie ihn verkörpern oder danach streben. Die Anzahl der Vorbilder nimmt zu, weil sich jeder öffentlich aus der Banalität hervorheben und anderen zeigen kann, dass er besser ist. Und Stars leisten heute mehr, der Konkurrenzkampf ist härter, sie müssen mehr herumreisen. Aber die Angst zu versagen ist groß. Ich glaube, alternde Diven, die von ihrem alten Ruhm zehren oder ständig dem Erfolg hinterher jagen, gab es damals und es gibt sie heute.

Selbstmorde bzw. psychische Krankheiten sind vermutlich ähnlich weit verbreitet. Und heute wie damals kommt es auf den Menschen hat: Intellektuelle und Künstler dürfen krank sein, Verrücktheit fördert die Kunst :P Aber den Säufer auf der Straße verachten wir. Ich glaube, man wird weiter versuchen, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren. Aber wenn der Körper (und die Seele) nicht mehr so funktionieren, wie sie sollen, macht das Angst.

Einsamkeit gibt es immer. Die Möglichkeiten zu verreisen sind größer - man kann einfacher wegfahren, aber auch wiederkommen; unserer Infrastruktur ist gut. Gleichzeitig sinkt der Zusammenhalt - dörfliche Gemeinschaften funktionieren, aber in der Großstadt müssen alle zusammenarbeiten, sonst ist man einsam. Wir kompensieren das mit Altersheimen usw. Aber die Frage bleibt: Wieviel müssen wir unseren Eltern und Großeltern zurückgeben, inwieweit können wir das?

Ich denke, dass sie nicht viel verändert hat. Und vielleicht gibt es mal eine modernen Aufführung des Stücks?

Stein

Drei Anmerkungen


Das Programmheft hat 24 Seiten und kostete mich 2 EUR. Neben Informationen zum Stück findet man auch Biografien der wichtigsten Mitwirkenden. Das Layout gefällt mir gut, die magenta-farbenen Akzente in der Schrift sind nicht zu aufdringlich und der Text gut lesbar. Und ich mag das Cover :P

Die CD zu Leben in dieser Zeit beinhaltet eine Aufnahme aus dem Jahre 2010 sowie nachempfundene Ein- und Ausleitungen der Originalfassung und anderes. Sie kostet 15 EUR und kann über das Internet bezogen werden. Die Instrumente waren beim Konzert klarer erkennbar, die Sprecher aber etwas langsamer und die Stimmen klarer. Konzert ist also definitiv besser :P Das Titelbild weist keinen Bezug zum Programmheft, ist aber mit seiner Aquarell-Optik sehr schön. Absoluter Glanzpunkt *happy* sind die Fotos: Sie veranschaulichen das Thema sehr gut und sind vielfältig. Die Bildbeschriftungen sind übrigens immer auf deutsch - auch in den englischen und französischen Textversionen :-) Inhaltlich ist das Booklet bereichernd, es gibt viele Informationen zu Radiomusiken, zu den Künstlern und dem Stück. Leider ist die Schrift etwas klein, aber naja.

Amüsant ist: Die Künstlerfotos weichen erheblich von der jetztigen Optik der Schauspieler ab - es geht hier nicht um graue Haare und Brillen, sondern darum, dass die Akteure damals sehr jung, frisch und flippig wirkten, heute aber erwachsen :-) Für mich stellt sich die Frage: Wie fotografiert man Schauspieler, wenn sie nur eine Leinwand sind? Vielleicht nackt oder im Kartoffelsack :P Ernsthaft: Musiker haben ein Image, eine Figur. Bei Schauspielern sollte das Image daraus bestehen, dass sie keines haben.


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