Montag, 18. August 2014

"Er hätte weiter gemordet" von Claudia Puhlfürst

Hallo,

hier ist der zweite Teil meiner kleinen Serie. Das Buch wurde nur zwei Jahre nach "Dem Leben entrissen" veröffentlicht, unterscheidet sich aber in einigen Bereichen. Der Inhalt ist gleich: Die Nacherzählung autentischer Kriminalfälle.

Ein kleine Einleitung einschließlich Biografie der Autorin findet ihr im Eintrag zum ersten Buch.



Allgemeines


Das Buch hat 208 Seiten und kostet als E-Book 13 EUR, als Papierversion 17 EUR.

Das Cover


Das Titelbild zeigt die Silhouette eines Mannes mit Mantel, der in einem Waldstück etwas vergräbt. Von hinten kommt Licht, vorn ist es dunkel, man erkennt nur einige Pflanzen. Passend dazu sind Autorinnenname und Titel in verschiedenen Grautönen gehalten und in einer Serifenschrift gedruckt. Das Cover vermittelt Gruselatmosphäre und ist gut lesbar!

Der Klappentext auf der Rückseite ist etwas klein gedruckt, aber die weiße Schrift passt zum grau-schwarz-blauen Hintergrund.

Inhalt


Geschildert werden sieben bzw. acht Verbrechen, die von Oma-Mördern über autoerotische Unfälle bis zur Kindesmisshandlung viele Themengebiete aufgreifen. Dabei nutzt die Autorin neben der Nacherzählung wieder Auszüge aus Pressemitteilungen etc. Vermehrt kommen Erklärungen zu den Verfahren der Ermittler.

Er hätte weiter gemordet

Der erste Fall handelt von einem Mann, der fünf alte Frauen ausgeraubt und ermordet hat. Er wurde 2001 zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt.

Die Schilderung beginnt mit dem letzten Opfer (welches die Tat überlebte) und notiert alle Taten, die davor geschahen. Nachdem der Mörder als Person beleuchtet wurde, berichtet die Autorin vom Prozess. Es stellt sich die Frage, inwieweit sich das Geständnis positiv auf das Urteil auswirkt.

Die "Heldin von Mittweida"

Dieser Fall ist eher kritisch, was mich gefreut hat - es geht um eine Frau, die ein Verbrechen von Nazis vortäuscht.

Auch diese Geschichte beginnt am Ende - mit der Preisverleihung. Danach wird das vermeintliche Verbrechen erzählt, einschließlich der Aufklärung der Täuschung. Der Schwerpunkt liegt auf der Kritik an den Verantwortlichen, die sich vom nationalsozialitischen Hintergrund blenden ließen und der Frage, warum sich jemand selbst verletzt.

Tödliche Lust


Erzählt wird von einem Mann, der sich bei der Mastrubation versehentlich umbringt, danach werden die medizinischen Hintergründe erläutert und weitere Beispiele aufgezählt.

Mit diesem Kapitel versucht die Autorin, Humor in die eher dramatische Thematik zu bringen. Aus meiner Sicht ist das nicht gelungen, weil der Stil des Buches zu ernst ist. Die Beispiele sind aus den Medien bekannt und daher nicht so neu. Schade.


Ein Skelett im eigenen Garten

Diese Geschichte beschäftigt sich nicht mit einem aktuellen Verbrechen, sondern einem alten - ein Mann findet ein Skelett und die Wissenschaftler versuchen die Umstände herauszufinden - das Alter des Toten und die Todesursache.

"An diesem Fall zeigt sich die Vielfalt rechtsmedizinisher Arbeit" (S. 94), stellt die Autorin fest und diesen Ansatz finde ich gut! Aber der Text ist thematisch nicht so passend - besonders, weil danach ein hartes Verbrechen geschildert wird. Das ist sehr knallig.

"Ich bin das Schwein"

Der für mich emotionalste Fall handelt von einem (Stief)vater, der sein Kind vernachlässigt und misshandelt, bis es an Unterernährung stirbt. Dann legt er es in den Kühlschrank.

Das Thema ist sehr brisant, manchmal hat man das Gefühl, von solchen Taten überrollt zu werden, als ob es überall nur unfähige Eltern gibt. Man ist wütend auf die Menschen, aber auch die Behörden, weil trotz eindeutiger Anzeichen nichts passiert. Wo viele Zahnräder ineinandergreifen, gehen viele Informationen verloren. Das ist sehr traurig.

Bemerkenswert ist, dass die Autorin es schafft, mich zu berühren - und das mit einem Mittel, das mich in anderen Kapiteln gestört hat: den Details. Sie zitiert aus den Gerichtsakten und listet auf, wie die Leiche aussah, als sie gefunden wurde. Das war gruslig! Meistens liest man in der Zeitung von den Misshandlungen, man stumpft ein bisschen ab. Aber zu lesen, welche Schäden der Körper davonträgt, wenn er wochenlang geschlagen und schlussendlich in einen Kühlschrank gequetzscht wird, das ist hart und macht wütend.

Im letzten Abschnitt widmet sich die Autorin ähnlichen Fällen in der Folgezeit. Es stellt sich die Frage, warum solche Fälle trotz der großen öffentlichen Resonanz scheinbar immer wieder auftreten.

Die Spur des Blutes

Dieser Fall beschäftigt sich mit einem Mann, der 2010 einen Bekannten umbrachte und zu 8 Jahren Gefängnis wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt wurde.

Wie der Kapiteltitel vermuten lässt, liegt der Schwerpunkt auf den Blutspuren. Zuerst wird erläutert, welche Bedeutung Blutspuren haben, wie sie entstehen und wie man anhand dessen Aussagen zum Tathergang treffen kann. Danach wird Bezug zum Fall genommen, sogar schematische Zeichnungen waren zu sehen.

Auch hier fand ich die Absicht, dem Leser das Thema näher zu bringen, sehr gut, für mich war es aber zu ausführlich.

Hilferuf aus dem Kofferraum

Der letzte Fall, der 2008 geschah,  zieht sich von Chemnitz nach Linz. Ein 20-Jähriger vergewaltigte mehrere Frauen und zwang eines seiner Opfer von einer Brücke zu springen. Er wurde dafür zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Ausführlich wird dabei die Frage behandelt, ob der Täter das Mädchen von der Brücke zwang, um sie zu töten, oder er die Folgen nicht abschätzen konnte. Auch hier greift die Autorin auf die Analysen bezüglich der Verletzungen bei entsprechender Fallhöhe zurück und untermalt das mit Grafiken aus den Gerichtsakten.

Im Gegensatz zu den anderen Fällen fiel es mir sehr schwer, den Überblick zu behalten, weil Zeichnungen vom Text ablenken und es kompliziert ist, einen Zusammenhang zwischen der Textstelle und der Grafik herzustellen. Auf S. 185 ist eine Zeichnung abgedruckt, die die Fallhöhe und die entsprechenden Verletzungen notiert. Im nebenstehenden Text geht es sowohl um die Fallhöhe als auch um DNA-Spuren und die Tötungsabsicht. Eine Fußnote oder einen direkten Bezug zur Grafik gibt es nicht.

Epilog

Das Nachwort ist eigentlich ein weiterer Kriminalfall - aber zu diesem hat die Autorin einen persönlichen Bezug.

Sie beschreibt eine Frau, die auf einer Lesung über ihre Erfahrungen in einem DDR-Gefängnis berichtet und dafür geachtet wird. Gleichzeitig hat diese Frau einen alten Mann erst finanziell ausgenommen, danach mit Strom getötet. Die Autorin kannte das Opfer aus ihrem Heimatdorf.

Der Ton in diesem Kapitel ist anklagender und emotionaler. Gleichzeitig setzt die Autorin Interviews mit Bekannten des Opfers als Stilmittel ein. Die Idee ist gut, weil sie den Text auflockert, aber die Passagen sind zu lang und ohne Bezug zum vorherigen Text. Man liest von Menschen, die den Toten kannten, weiß aber nicht, wer sie sind.

Ich fand das Kapitel sehr spannend, besonders wegen der Moral - Kann das Leid, das einem Menschen im Gefängnis wiederfahren ist, das aufwiegen, was er anderen angetan hat?


Schreibstil


Die Autorin schildert die Fälle bildhaft, ein bisschen wertend, aber nicht so idyllisch wie im Vorgänger. Sowohl Täter als auch Opfer werden für den Leser spürbar.

Prägnant sind die Auszüge aus den Gerichtsakten, die mehr Platz einnehmen als im Vorgänger. Dagegen findet man weniger Pressemitteilungen. Das Geschehen wirkt so ernsthafter und fundierter.

Problematisch ist die Integration in den Text - man behält zwar den Überblick über das Verbrechen, fragt sich aber, warum die bildhafte Schilderung für nüchterne Fakten unterbrochen wird. An einigen Stellen, z.B. wenn Verletzungen geschildert werden oder Fallhöhen skizziert, war es mir zuviel. Außerdem ist es schade, weil für den Leser durchaus interessant ist, wie Blutspritzer fliegen etc. Vielleicht hätte man die Passagen abkürzen und enger mit dem Text verweben sollen, sie ans Ende gestellt oder über ein Info-Kästchen vom Fließtext abgegrenzt.

Gestaltung


Das Schriftbild wirkt ruhiger als im Vorgänger, weil die Schriftart einheitlich ist und man vermehrt mit der Schriftgröße und Aufzählungen arbeitet. Fett Formatiertes findet sich fast nicht, Kursives selten. Außerdem ist die Schrift größer. Und es gibt nur noch eine zweistufige Gliederung - Kapitel und Abschnitte, keine Unter-Abschnitte.

Die Kapiteltitel sind spannend, besonders die Überschriften der Abschnitte sind griffig! Allerdings wäre es besser, wenn die Täter schon im Kapiteltitel (wie im Vorgänger) erwähnt werden. Wenn Leser den Fall aus den Medien kennen, können sie schneller erfassen, worum es geht.

Insgesamt ist das Buch sehr augenfreundlich, wirkt nicht massig, sondern angenehm :-)

Fazit


Das Buch ist vielseitiger, sachlicher und weniger reißerisch als Dem Leben entrissen. Man hat das Konzept abgeändert, andere Schwerpunkte gesetzt, aber es ist für mich nicht gelungen. Ich denke, dass die Autorin der Rechtsmedizin und den Menschen, die dort arbeiten, großen Respekt zollt und dem kann man nur zustimmen. Allerdings steht ihr (reine) Belletristik besser, weil sie Figuren lebendig lassen will, Atmosphäre erzeugt - dieses Potential kann sie hier nicht nutzen, es verpufft im Streit mit der Sachlichkeit.

Das Buch hat mich stellenweise berührt und ich habe manches gelernt, was mir CSI noch nicht beigebracht hat :-) Außerdem war es unterhaltsam und einfach zu lesen. Trotzdem finde ich, dass die Präsentation des Inhaltes verbessert werden kann.

Kommentare:

  1. echt super blog....vor allem der name;)
    hab heute erst angefangen und bin noch sehr unerfahren...vielleicht kannst du mir ja ein paar tipps geben und mal über meinen blog gucken.:))
    lg ella http://everynothing-ella.blogspot.de/

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    1. Kommentar getippt. Blog angeguckt :P

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