Freitag, 14. November 2014

"Wo ein bisschen Zeit ist" von Emil Ostrovski

Hallo!

Ich durfte an einer außergewöhnlichen Aktion von Literatwo mitmachen - einem Wanderbuch! Doch diesmal gab es ausdrücklich die Aufforderung, Notizen ins Buch zu machen und drei Fragen zu beantworten. Alle Infos zur Aktion und meine Antworten findet ihr im Post von Literatwo.






Allgemeines


Das Buch hat 304 Seiten und kostet als Hardcover-Version 17 EUR, als E-Book 15 EUR.

Übersetzt hat es Thomas Gunkel.

Der Autor


Emil Ostrovski ist 23 und stammt aus Russland. Im Alter von 2 Jahren wanderte er mit seinen Eltern in die USA aus und hat dort Philosophie studiert. Derzeit beschäftigt er sich mit Creative Writing.

"Wo ein bisschen Zeit ist" ist sein erster Roman. Außerdem hat er diverse Kurzgeschichten veröffentlicht. Eine Liste findet ihr hier.

Inhalt


Das Buch beginnt mit einem Vater, der seinen Sohn zum Schulabschluss in ein Restaurant einlädt. Desinterssiert verfolgt er, wie sich sein Vater in seinen Wünschen und Gedanken verirrt, bis er ihm schließlich das Geheimnis seiner Herkunft verrät - denn Jack hat seinen Sohn Sokrates nach der Geburt entführt, um mit ihm zu seiner dementen Großmutter zu fahren. Dazu stoßen später Jacks Ex Jess und sein bester Freund Thommy. Gemeinsam flüchten sie vor der Polizei und führen tiefe Gespräche über das Leben. Besonders mit Sokrates gerät Jack immer wieder in fiktive Gespräche und erklärt ihm seine Sicht auf das Leben. Am Ende geht alles irgendwie aus. Gut. Oder schlecht? Gibt es das überhaupt?

Charaktere


Jack ist 18 und wirkt ein bisschen träumerisch. Er liebt die Philosophie und verliert sich gern darin. Die Geburt seines Sohnes kommt für ihn überraschend; es ist Zeit aufzuwachen. Ziemlich unbeholfen, aber mit einem klaren Ziel kümmert er sich um Sokrates und versucht ihn, zu seiner Großmutter zu bringen. Jack ist mehr mit sich selbst beschäftigt. Er schafft es auch später nicht, eine richtige Beziehnung zu seinem Sohn aufzubauen. Ihn plagen Schuldgefühle, aber es ist einfacher sich in der Philosophie zu verkriechen, anstatt sich einzugestehen, dass man etwas gemacht hat, was sich nicht gut anfühlt. Ich mag die Figur sehr, weil sie zwar sehr philosophisch und manchmal abstrakt redet, aber irgendwie verpeilt ist. Jack hat ein großes Herz und will nur das Beste für Sokrates.

Jess ist etwas jünger als Jack und denkt relativ klar. Sie ist enttäuscht, dass Jack sich nach dem Akt nicht um sie gekümmert hat. Sie entscheidet allein, dass sie Sokrates zur Adoption freigibt. Ich denke, das ist eine große Bürde! Auf dem Trip selbst empfand ich sie als nervig. Sie ist ein Anhängsel, das mit allem ein Problem hat, vor allem mit Jack. Ich kann das einerseits verstehen, weil sie ein Stückchen der Verantwortung abgeben will. Andererseits ist sie ziemlich zickig. Aber sie hält zu Jack und untersützt ihn, auch wenn sie die Motive nicht wirklich verstehen kann.

Tommy ist Jacks bester Freund und gerät widerwillig in das Geschehen - Jack möchte sein Auto zur Flucht nutzen. Mit einer Mischung aus Abenteuerlust und Loyalität folgt er Jack. Tommy ist die lustigste Figur, weil er gern verrückte Sachen macht und manchmal doof ist.

Das Kollektiv ist typisch für ein Roadmovie: Der verpeilte Protagonist, der fast blind seinem Ziel hinterher jagt, ohne es einschätzen zu können. Die genervte Ex, die mitkommt, weil sie noch etwas vom Helden bekommt (in diesem Fall das Baby). Und der gute Freund, der den Ernst der Lage nicht ganz einschätzen kann, aber gern mitmacht. Die Figuren funktionieren miteinander, und auch wenn ich gerne mehr von Tommy gesehen hätte, machen die drei den Roman sehr spritzig!

Themen


Erwachsen-werden: Auch wenn die Philosphie das Buch sehr schwer macht, ist das eigentliche Thema das Lösen von der Kindheit. Jack wird durch die Geburt hart mit dem Erwachsenenleben konfrontiert und möchte sich von seiner Kindheit verabschieden. Ein unmögliches Unterfangen, denn seine Großmutter, die für ihn die wohlbehütete Welt der Kindheit verkörpert, kann sich nur noch selten an ihn erinnern. Die Frage ist: Wird Jack jemals erwachsen werden? Wird er jemals den Glauben verlieren, dass man die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Einfach und Kompliziert einteilen kann?

Teeny-Eltern: Jess wird zufällig schwanger und entscheidet sich, das Kind zur Adoption freizugeben. Diese Entscheidung zu treffen stelle ich mir sehr hart vor. Und durch Jack merkt man, wie schwer es ist. Man hat Träume oder zumindest vage Vorstellungen davon, und muss sie zurückstellen. Einerseits will man sein Leben weiterleben, andererseits ist es faszinierend, auf einmal Verantwortung zu übernehmen. Zu wissen, dass man etwas weitergeben kann. Und dass eine Bindung besteht, egal, wie schwierig das Verhältnis ist.

Philosophie: Ähnlich einem ... diskutiert Jack mit seinem Sohn als Verkörperung Sokrates über das Gute, das Schlechte und das Universum. Die Passagen sind leicht zu lesen, mir fehlte aber irgendwann der Bezug zur Realität. Das machte die Abschnitte sehr langatmig und langweilig.  Für Philosophie-Einsteiger gut, für Forgeschrittene nicht so interessant.

Dramaturgie


Das Buch beginnt mit einer Szene in der Jetzt-Zeit, was für mich schwierig war, denn ich konnte die Charaktere nicht zuordnen, ich dachte sogar erst, dass es sich um eine Frau handelt :-) Danach wird in die Vergangenheit geblendet und auch hier war der Einstieg holprig. Jack kommentiert das Geschehen sehr stark, fügt eigene Gedanken hinzu, sodass die zeitliche Abfolge manchmal in den Hintergrund gerät.

Der Roadtrip selbst hat Höhen und Tiefen, die Spannung schwankt, steigt aber mit zunehmender Seitenzahl, denn irgendwann sind die Figuren angekommen oder werden von der Polizei verhaftet.

Das Ende ist leider nicht so knallig, wie ich es mir gewünscht habe, sondern versinkt in Gefühlsoffenbarungen und Philosophie.

Schreibstil


Das Buch ist tellenweise sehr witzig geschrieben und gut zu lesen. Die Satzlänge stimmt und man kommt gut durch.

Fazit


Die Grundgeschichte ist toll und außergewöhnlich, aber irgendwann verirrt sich der Autor in philosophischen Aussagen. Vielleicht hat er seine Zweifel und Unsicherheit nur so greifen können. Aus meiner Sicht hat das der Geschichte den Reiz genommen.

Ene interessante Stellungnahme des Autors zum Buch findet ihr übrigens auf seinem Blog.

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