Donnerstag, 8. Januar 2015

"W. U. R." an der Schülerbühne des Vitztum-Gymnasiums

Hallo!

Nach langer Zeit war ich mal wieder im Theater! Ich wollte günstig gucken und hatte viel Gutes von der Schülerbühne gehört. Gleichzeitig war ich skeptisch, ob die Qualität von 'Laien' mit der von Professionellen mithalten kann. Am Ende wusste ich: Ja, das geht! Ich hätte defintiv auch eine Karte für 15 EUR gekauft.






Allgemeines


Die Schülerbühne befindet sich im Erdgeschoss des Vitzthum-Gymnasiums und ist vom Zentrum aus mit der Linie 11 in 15 Minuten erreichbar.

Das Stück gastiert zwischenzeitlich in Pilsen und ist am 29./30. Januar wieder zu sehen.

Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten. Eine Reservierung ist über die Internetseite möglich.


Autor


Karel Capek wurde 1890 geboren und starb 1938 in Prag. Er studierte Philosophie in Prag, Berlin und Frankreich. Nach seiner Promotion 1915 arbeitete er als Bibliothekar und Erzieher. Später war er Journalist und von 1921 bis 1923 Dramaturg an einem Prager Theater. Capek initierte die "Pátecníci", einen Stammtisch tschechischer Intelektueller, die sich ab 1925 jeden Freitag traf. Außerdem war er Mitglied des tschechischen PEN-Clubs und unternahm viele Reisen.

In seinen oft satirsichen Werken beleuchtet Capek die ethischen Aspekte der Technik und zeigt, wie sich Menschen im Zusammenspiel mit ihr verändern.

Neben Prosa und Dramen hat er auch Kinderbücher und Reiseberichte verfasst.

Eine Liste mit Werken findet sich auf Wikipedia, einige Werke bietet das Projekt Gutenberg.


Titel und Adaptionen


W. U. R. wurde 1921 verfasst und in Prag aufgeführt. Ab den 20iger Jahren wurde es u.a. in New York und London aufgeführt. Auch in deutschen Theatern wurde es, nach einer Übersetzung von Otto Pick (1922), gespielt.

Der Titel R. U. R. steht für Rossumovi Univerzální Roboti und bezeichnet die Firma, die die Roboter herstellt. Im englischen Sprachraum ist das Stück als R. U. R. bekannt, das erste R steht in Anlehnung an das Original für Rossum's. In der deutschen Übersetzung wird es zu W. U. R. (Werstands Universal Robots).
 
Vom Stück gibt es zahlreiche Buchausgaben in tschechischer und englischer Sprache. Eine deutsche Ausgabe  gibt es als E-Book (nur für kindle) von Edition Murr. Sie basiert auf der Übersetzung von Otto Pick.

Als Hörbuch gibt es viele freie Versionen in englischer Sprache, u.a. vom Youtube-Kanal Free Audiobooks and Recordings. Außerdem hat Der Audio Verlag 2005 eine Hörbuchfassung herausgegeben.


Inhalt


Um 1920 hat ein Forscher namens Rossum eine organische Substanz erfunden, mit deren Hilfe Roboter produziert werden. Ca. 40 Jahre später bekommen diese zunehmend Macht und bedrohen die Menschheit. Sie töten alle Menschen bis auf Baumeister Alquist, der ihnen helfen soll, ein zentrales Problem zu lösen: den Fortbestand. Das Geheimnis der Entstehung der Roboter wurde im Zuge des Krieges vernichtet und sie gehen kaputt. Auch Alquist gelingt es nicht, einen Roboter nachzubauen. Doch manche Dinge erledigt die Natur von allein...

Figuren


Helene Glory ist die starke Frau und hält die Figuren zusammen. Als Tochter des Präsidenten von W. U. R. kommt sie auf die Insel und wundert sich, dass Robotern keine Menschlichkeit zugestanden wird. Auch wenn sie manchmal überdramatisch wirkt, hat sie viel Verständnis für die Roboter und möchte sie integrieren. Helene liebt Harry Domin, den Zentraldirektor von W. U. R., versteht aber nicht dessen Streben nach Macht.

Harry Domin ist die treibende Kraft im Konflikt mit den Robotern. Für ihn sind es Arbeitstiere, denen er wenig zutraut. Lange verdrängt er die Bedrohung und glaubt, die Menschheit würde siegen.

Dr. Gall ist Leiter der Experimentalabteilung und wirkt anfangs kühl - ähnlich wie Domin sieht er Roboter als technische Wesen. Später offenbahrt er Helene, dass er ihnen eine Seele gegeben und damit den Konflikt indirekt ausgelöst hat.

Dr. Hallenmeier ist Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung und wirkt wie Domin eher selbstbewusst. Für ihn haben Roboter keine Menschlichkeit.

Nana ist Helenes Amme und streng gläubig. Sie lehnt es ab, dass die Menschen sich über Gott stellen und sieht den Konflikt als Strafe. Von Helene und deren Problemen ist sie genervt.

Die Figuren bilden ein Meinungskollektiv, bei dem jeder zwischen dem eigenen Nutzen, dem Nutzen für die Gesellschaft und der Menschlichkeit abwägt. Gleichzeitig möchten manche ihre Stellung innerhalb des Kollektivs sichern und verleugnen die eigene Meinung oder handeln im Affekt.

Themen


Gewinn-Streben: Die Roboter sollen ursprünglich genutzt werden, um zu zeigen, was möglich ist. Die Menschen wollen sie aber verbessern und unterwerfen. Sie fragen nach dem "Wenn!", aber nicht nach dem "Dann?". Was passiert mit den Menschen, wenn die Roboter ihnen die Arbeit abnehmen? Alquist verdeutlicht das in der Aussage, er wäre lieber ein Maurer geblieben, der täglich etwas mit seinen Händen schafft, anstatt arbeits-los im Büro zu sitzen.

Göttlichkeit: Die Menschen sehen sich als gottes-ähnlich, denn sie erschaffen - und was man erschafft, darf man unterwerfen. Sie fühlen sich überlegen und das sind sie in einem Punkt auch: Menschen wissen intuitiv, wie sie sich fortpflanzen, Roboter brauchen den Bauplan.

Kreislauf: Das Leben ist ein Kreislauf und auch Gesellschaften durchlaufen Kreisläufe. Waren die Roboter anfangs darauf aus, besser als Menschen zu sein und sich gegen ihre Herrschaft zu wehren, stehen sie bald vor dem gleichen Problem wie die Menschen - sie altern und können sich nicht fortpflanzen. Am Ende entwickelt sich alles von allein und die Roboter werden den Menschen nicht nur technisch, sondern auch emotional ähnlich. Vielleicht sind sie damit keine besseren, sondern neue Menschen?

Umsetzung


Gestaltung

Das Stück beginnt mit verschiedenen Filmauschnitten (ich denke "Modere Zeiten" u.a.), die einen Fertigungsprozess von Maschinen zeigen und wie der Mensch in die Zahnräder der Industrie gerät. Dazu führen Roboter auf der Bühne einen immer gleichen Arbeitsablauf durch, bis einer aus der Einheit ausbricht und von den Menschen entfernt und ersetzt wird.

Danach sieht man Domin und Helene, die sich in der Jetzt-Zeit unterhalten. Trotz eines intimen Moments wird der Konflikt zwischen ihnen spürbar. In einer Rückblende auf Film wird Helenes Ankunft gezeigt.

Zurück in der Jetzt-Zeit wächst die Bedrohung durch die Roboter und die Figuren streiten darüber, was zu tun ist. Als die Roboter die Insel einkreisen, will Domin ein letztes Mal verhandeln und das Geheimnis der Roboter gegen die Freiheit eintauschen. Doch es wurde vernichtet - die Menschen haben verloren. Hier arbeitet man im Zuschauerraum - die Roboter marschieren durch den Mittelgang auf die Bühne.

Nach einem Zeitsprung sieht man Alquist, der in seinem Büro sitzt und gezwungen ist, das Geheimnis der Roboter zu ergründen. Im Gespräch mit den Robotern sieht man sein Abbild, an die Wand projiziert. Ohne den 'Gegner' sehen zu können, wirkt Alquist allein mit seiner Angst und seinen Zweifeln.

Im Wendepunkt der Geschichte wird die Bühne wieder hell und man sieht die Roboter Helene und Primus. Die beiden entdecken ihre Menschlichkeit und laufen zum Schluss in den Sonnenuntergang. Auch hier greift man auf einen Film zurück.

Ich finde die Idee mit der Videoprojektion sehr gelungen, vor allem, weil sie sich durch das ganze Stück zieht und verschiedene Effekte erzielt. Manchmal war die Kameraführung sehr wacklig, was mich irritierte. Ansonsten war das Stück gut konzipiert und verständlich.

Bühnenbild

Das Bühnenbild ist reduziert: Es gibt schwarze und weiße Wände, vor denen gespielt wird. In manchen Szenen kommen Podeste zum Einsatz, Helenes Zimmer wird mit weißen Möbeln und Blumen angedeutet. Das Licht macht die Arbeit :-) Das Bühnenbild lenkt den Schwerpunkt zum Text und dessen Problemstellungen, was ich sehr gut finde.

Licht

In Zusammenspiel mit den Wänden wirkt das Licht oft bedrohlich, es ist rot und flackert. Besonders am Anfang war es jedoch etwas zuviel der Unruhe. Trotzdem ist die Beleuchtung wesenlich für die Wirkung des Stücks verantwortlich, weil es ein Gefühl beim Leser erzeugt.

Ton

Die Geräuschkulisse ist angenehm: Während in Konfliktsituationen wenig zu hören ist, wird der Klang am Anfang und beim Angriff der Roboter sehr dunkel, hektisch und unheimlich. Das war sehr gut!

Kostüme

Die Angestellten von W. U. R. tragen Hemd und Kravatte und wirken sehr streng. Helene dagegen trägt ein leichtes, lilanes Sommerkleidchen. Im wahrsten Sinne des Wortes zugeknöpft wirkt Nana mit ihrem langen, wollenen Gewand. Interesant sind die Roboter: Sie tragen rote Mechaniker-Anzüge und eine Mütze, ihr Gesicht ist weiß geschminkt. Das wirkt knallig und kommt dem Arbeiter-Thema entgegen. Außerdem ist die Gleichheit, auch zwischen den 'Geschlechtern', spürbar. Und die vermeintliche Seelenlosigkeit.


Die Schauspieler

Die Leistungen waren überragend! Die Spieler agierten 'theatralisch', ohne zu überspielen. Der Text stand klar im Vordergrund. Das Ensemble hat mich in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Sekunde nichtmehr losgelassen.



Das Programmheft

Das Heft ist mit ca. 20 x 20 cm ziemlich groß. Auf dem Titel erkennt man das prägnante Cover mit den zwei Robotern und dem Titel. Im Inneren sieht man Fotos in schwarz-weiß und Texte auf rotem, weißem und schwarzen Untergrund. Gut finde ich, dass nichts flirrt und alle gut lesbar ist. Die Texte selbst zeigen Ausschnitte aus einem Roman über Roboter sowie zwei Werken Capeks und eine Biografie. Als Ergänzung ist das eine gute Idee, für mich war das aber wenig hilfreich. Ich hätte mich über Informationen zum Stück und Gedanken zur Entstehung des Stücks und der Inszenierung gefreut.

Fazit


Es war ein Erlebnis. Ein tolles, modernes Stück, das mit einfacher, effektvoller Inszenierung zu begeistern weiß.

Kommentare:

  1. Ein toller, sehr ausführlicher Artikel!
    Ich stimme ihren Auffassungen in grundsätzlich allem überein und freue mich zu sehen, dass sich Zuschauer noch nach dem Theaterbesuch Gedanken zum Erlebten machen :-)
    Haben sie Figuren und Themen selbst erarbeitet?
    Vielleicht könnte man Erstere ja noch um ein paar ergänzen.

    Freundliche Grüße
    - A.

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    1. Danke für den Kommentar! Ja, das ist mein Werk :-) Es gibt auf YT zwei interessaten Vorträge, die sich mit der Beschreibung der Roboter im Stück beschäftigen und diese zeitlich einordnen bzw. mit anderen Stücken vergleichen. Ich habe diese Quellen aber nicht einfließen lassen. Welche Figuren sollte ich hinzufügen? Haben Sie ergänzende Gedanken?

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    2. Um das Professorenquintett zu komplettieren würden sich Konsul Busman und Baumeister Alquist sicherlich über eine Erwähnung freuen ;-)

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    3. Oh, natürlich :-) Ich erwähne Alquist die ganze Zeit, aber er bekommt keinen Extra-Absatz in der Charakterbeschreibung - ich hoffe, er mag mich trotzdem noch.Und "Konsul Busman" wurde hiermit offiziell erwähnt *wer war das nochmal....* :P

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