Montag, 18. Mai 2015

"Lust auf Fikken?" von Amaryllis26

Hallo!

"Murder! Murder? Murder!" hieß das erste Buch, das ich zum Englisch-Lernen las. Analog kann man bei diesem Buch fragen: "Men! Man? Men!", also "Männer! Nicht nur ein Mann? Nein, alle Männer!". Oder die ganze Dating-Menschheit. Das Buch ist aus schwerem Papier - und es liegt schwer im Magen. Aber der Reihe nach...





Allgemeines


Das Buch erschien 2014 und kostet als Taschenbuch 10 EUR. Es hat 304 Seiten.

Das Cover


Der Umschlag ist weiß und matt, darauf sind glänzend Titel und Autorin gedruckt. Verziert ist das Motiv mit ein paar Emoticons. Ich finde das sehr gelungen. Das Titelbild knallt durch den Kontrast und es bleibt im Gedächtnis.

Inhalt


Männer können beim Online-Dating vieles falsch machen und sind absolut immun gegen jede noch so schlimme Frau. Das beweist uns amaryllis26 anhand von 12 (angeblich) übertriebenen Profilen, die von Männern unterschiedlich wahrgenommen werden. Außerdem gibt es Tipps an Männer, wie man es nicht machen sollte und Mutmachungen an Frauen, dass Internet-Dating zu Unrecht einen schlechten Ruf hat. Kurz: Eine riesige Zitate-Sammlung mit Deko.

Inhalt en detail

 

I. Haustier günstig abzugeben: Das Elend der Profile


Auf den ersten 54 Seiten widmet sich die Autorin, jeweils in Untergruppen, Profilnamen, -fotos und -texten. Hier gilt das Motto: "Denke nicht an einen rosa Elefanten!" oder "Egal, was du machst, es ist falsch!" Keine Tiernamen, keine falschen Versprechungen, keine Vornamen, keine Wortspiele, die nicht erfüllt werden. Keine Fliesen an der Wand, nix Unscharfes, keine Widersprüche, sondern ein gutes Foto. Nicht zuviel erzählen, nicht zuwenig, bitte kreativ.

Ersthaft: Ja, Kreativität kann man erwarten. Und ja, etwas aus seinem Leben zu erzählen ist besser als mit Adjektiven um sich zu werfen. Und ja, "amaryllis26" wirkt mysteriöser als "kuschelbär29". Aber würden wir es besser machen? Im Internet bleiben ein paar Zeilen, um jemanden auf sich aufmerksam zu machen, die Körpersprache fehlt komplett und man hat kein Getränk, an dem man verführerisch oder gelangweilt schlürfen kann. Ich glaube, dass das manche Menschen frustriert - dass man jemanden erst mit geschriebenen Worten überzeugen muss.

II. Lockvögel: Wie Männer ticken


Im Kernstück des Buches stellt die Autorin 12 extreme Frauenfiguren vor und zeigt die Reaktionen der Männer. Die jeweils 10 Seiten bestehen aus Profilfoto und -text sowie Anmachversuchen und Chats. Außerdem gibt es ein Diagramm, das den Inhalt der Anmachen aufzeigt. Und die Autorin erklärt, was das Profil ausdrücken soll.

amourdeluxe: Die kühle Femme fatale

Ein Rückenfoto und ein paar Zeilen zeigen im wahrsten Sinne des Wortes einen "Lock-Vogel", der schön singt, wenn man den Mut hat, ihn anzusprechen. Die Autorin beschreibt sie als eine Frau, die alles will - Kunst, Leidenschaft und Erotik. Aber wie soll man das herauslesen oder darauf entsprechend antworten? Ich glaube, solche Menschen treten durch ihre Taten in Erscheinung.

belledejour: Die depressive Ästhetin

Diese Figur beschreibt poetisch einen Tag, an dem alles grau ist, sie sich fühlen will und alles doof ist. Diese Figur ist depressiv. Nicht normal-depressiv, sodass es mit einem "Hatte auch mal schlechte Tage" begrüßt werden sollte, sondern klinisch-depressiv. Deutet die Autorin an. Auf mich wirkt das Profil ein bisschen pathetisch, aber gefühlvoll - und ich denke, das reizt. Trotzdem fällt es mir schwer zu glauben, dass jemand in einer depressiven Phase in einem Datingportal auf Partnersuche geht.

sweetsweetkiss: Das unbedarfte Partygirl

Diese Figur, bei der man die Perücke deutlich erkennt, mag Paris und will "fun". Die Autorin bemerkt, dass sweetsweetkiss viele eindeutige und oberflächliche Zuschriften bekommt, obwohl sie doch nur Spaß im Leben haben will.

Ich habe die Figur auch für locker gehalten und aufgeschlossen für "Abenteuer", aber natürlich hat die Autorin recht: Nur, weil jemand Lockerheit, ein bisschen Unentschlossenheit und viel Temperament ausstrahlt, heißt das nicht, dass er eine oberflächliche Beziehung haben will. Trotzdem frage ich mich, wie man diesen sprunghaften Flummi festhalten und eine Bindung aufbauen kann.

amaryllis26: Die abgedrehte Esoterikerin

Kryptische Botschaften beherrschen das Profil dieser Figur. Und wie die Autorin feststellt "Erotik macht Männer sprach- und hilflos. Aber Esoterik?" (S. 93) Vielleicht schreckt das Profil ab, weil es die Anforderungen zu hoch legt - man muss die Verse noch decodieren?

Irritiert hat mich bei dieser Figur, dass unterschwellig Botschaften versteckt sein sollen, die auf den Wunsch nach Erotik hinweisen. Das fiel mir mehrmals auf - dass ich nicht wusste, wie die Figuren angesprochen werden wollten. Es gibt scheinbar viele mögliche Neins, aber nur wenige Jas.

NeueBeziehung: Die schlechtgelaunte Emanze

Diese Aneinanderreihung von "Nicht..., nicht..., nicht...." sollte abschreckend wirken und ist laut Autorin eine Karikatur. Interessanterweise fühlen sich Männer von dieser Ehrlichkeit angezogen. Hier bemängelt die Autorin, dass die Männer ihr keinen Widerstand leisten. Ich finde das schade.

Lavendelrausch: Die romantische Lyrikerin

Lavendelrausch ist eine Pseudo-Poetin und möchte ein Gedicht haben. Hier zeigt die Autorin, dass sie gut darin ist, ihre eigenen Werke zu interpretieren. Ausführlich erklärt sie uns, was das Profilfoto aussagt. Und sie freut sich über Gedichte.

lauflisa: Die fanatische Rennmaus

Lisa läuft und läuft, hat aber keine Ahnung vom Laufen. Die Figur hat viele ehrliche Zuschriften von Sportlern bekommen. Ich denke, weil das Profil Konkretes verheißt - ein Interesse an einer bestimmten Sache. Vermutlich ist das leichter greifbar?

Dirndlmarie: Das spießige Landei

Diese Figur zeigt Bodenständigkeit, ein bisschen Spießigkeit und ein intaktes Familienleben. Das mögen die Männer, die ihr schreiben. Die Autorin erreicht hier den Punkt, an dem sie die perfekten Männer findet - für die Figur. Es ist interessant, dass die Männer zunehmend ehrlich sind, aber nicht zur Figur passen. Der Ton des Buches wird weniger kampfeslustig als mitleidig.

JedeMinuteWir: Die süßliche Klette

Diese Figur zeigt sehr ausführlich, dass sie soviel Zeit wie möglich mit ihrem Partner verbringen will. Auch hier vermutet die Autorin, dass das die Männer abschreckt, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, JedeMinuteWir verkörpert für Männer Sicherheit - dass die Frau bei ihm bleibt, weil Zusammensein wichtig ist. Dass man nicht ständig kämpfen muss, sondern sich die Frau um den Erhalt der Beziehung kümmert? Für viele ist es ein Kontrastbild zu herausfordernden Frauen? Ehrlicherweise muss ich sagen: Wer kann Knopfaugen widerstehen?


Kerstin28: Die reizlose Langweilerin

Eine Frau, der ständig langweilig ist und die Gespräche einsilbig führt - ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Frau existiert. Grausig :-) Interessanterweise schreiben sie die Männer trotzdem an - sie hoffen und hoffen, dass etwas Produktives entsteht. Tut es aber nicht. Übrigens geht die Autorin auch hier sehr ausführlich auf die Fehler beim Foto ein - aus meiner Sicht ist sie etwas überkritisch oder... traut dem Betrachter mehr Verstand zu, als er hat.

Gänseblume46: Die biedere Hausmutti

Diese Figur berichtet sehr ehrlich und natürlich, was sie braucht. Sie wirkt bodenständig, nicht langweilig und positiv. Auch die Resonanz ist positiv - Sie bekommt "Die ehrlichsten, liebevollsten und schönsten Zuschriften..." (S. 176). Die Autorin sieht das u.a. in einer klaren Rollenverteilung begründet.

kobold38: Die lustige Provokante

Diese Frau wird als "Die Gewinnerin" bezeichnet - und zur Feier des Tages bzw. dem Unglück des Lesers kehrt die Autorin die Systematik um und zeigt dem Leser die negativen Zuschriften zuerst - die in der Unterzahl sind. Mich hat das sehr verwirrt, weil ich 11 Figuren lang darauf trainiert wurde, dass die platten, wenig kreativen Zuschriften am Anfang in der Überzahl sind. Außerdem ist mir die Figur unsympathisch, weil über-selbstbewusst - sie unterstellt dem Leser des Profils, dass er sich nicht pflegt und ein bisschen dumm ist. Sie stellt 14 Fangfragen, die man beantworten muss - die Autorin bejubelt die Technik, weil sie Männer zum Handeln anregt. Das sehe ich ähnlich. Aber das ganze Profil klingt nach "Das schaffst du sowieso nicht!" und ob ich mir als Partner die Mühe machen würde?

Evy: Die überforderte Leserin

12 Profile. Auch wenn die Kapitel sehr knapp und farblich abgegrenzt sind, habe ich mich nach der Hälfte gefragt "Wann ist es vorbei?" Und als es vorbei war, fragte ich mich "Wer ist wer?" Jede Figur hat etwas Einzigartiges, aber manche ähneln sich.

Ich empfand sie nicht als so provokativ und abschreckend wie die Autorin, sondern kann mir gut vorstellen, dass es Männer gibt, die diese Profile mögen. Obwohl sich die Frage stellt, ob die Frauenfiguren bekommen, was sie haben wollen.

Die Autorin hat sich viel Mühe gegeben, die Fotos unterschiedlich zu gestalten und hat sogar den Farbton geändert, sodass man sie nicht über die Augenfarbe identifizieren kann. Allerdings sind manche Perücken ziemlich einfach.

Die Struktur der Kapitel gefiel mir nicht. Am Anfang sieht man Foto und Profiltext und danach werden Zuschriften aufgelistet - das mag unterhaltsam sein, wird aber langweilig. Vor allem, weil die Autorin zwischen den Texten interpretiert. Mir wäre eine klare Abgrenzung wichtig gewesen. Dass man erkennen kann, welcher "Typ" Mann das Profil anschreibt, wie und was man daraus folgert. Die Idee mit dem Kuchendiagramm, um aufzulisten, welche Zuschriften kamen, fand ich nett. Sie hat aber auf mich nicht gewirkt. Sie war eher verwirrend, weil die Einteilung unklar war - wie soll man "Hallo!" einordnen?

Ich glaube, die Autorin hätte hier ein bisschen mehr zwischen Spaß und Wissenschaft abwägen sollen - denn beides kommt nicht gut rüber.

Die Auswertung


Auf 10 Seiten erklärt die Autorin, welche Profile warum funktioniert haben. Dazu erstellt sie Diagramme zur Anzahl der Zuschriften, der passenden Zuschriften, der sexuellen Zuschriften und des Fake-Verdachtes. Außerdem stellt sie Erkenntnisse dar, z.B., dass man als Frau mit Interesse diese angeben kann und das die passenden Männer anzieht. Dass Humor wichtig und das Alter irrelevant ist. Dass Männer sich an negative Frauen gewöhnt haben und dass sie Behaglichkeit wollen. Und sie reden nicht gern über Sex.


Ich bin ein bisschen geschockt und deprimiert, weil die Autorin so hohe Ansprüche an Männer stellt und ihnen vieles UNTERstellt. Männer sollen im besten Fall erkennen, welchen Typ Frau sie vor sich haben und wie sie damit umgehen. Und bitte keine Kuschelbären. Und keine Fehler machen.

III Die 10 größte Flirtfehler


Nach einer kurzen Einleitung wertet die Autoren die Profile nochmals aus und listet auf, was man als Flirtender nicht tun sollte. Es geht dabei vor allem um Höflichkeit und Aufmerksamkeit.

Auch wenn die Liste mit ihrer Mischung aus Zitaten und Interpretation lustig und luftig ist, ähneln sich viele Punkte.

IV Vier Irrtümer über Onlinedating


Erkenntnisse der anderen Art - diesmal geht es nicht darum, was die anderen falsch machen, sondern was in UNSEREM Denken falsch ist.

1. Datingplattformen sind keine "Resterampe", man findet auch gute Männer.


Obwohl die Zuschriften zu den 12 Profilen, so wenig aussagekräftig sie sind, eher negatives vermuten lassen, gibt es Perlen. Verwirrender als das fand ich die These "Wer nicht mehr studiert, hängt an seinem Arbeitsplatz fest. Und was bleibt demjenigen, der nicht gern in Discos, Bars und Clubs geht?" (S. 247) Es gibt Sportvereine, Strickzirkel, Theater.... Natürlich ist es in manchen Gegenden schwer. Aber... die Zeit, die ich für ein Online-Profil und seine Pflege verwende, kann ich doch nutzen, um real zu flirten?

2. Die Mühe lohnt nicht


Man soll sich Mühe geben, gute Texte schreiben und ein schönes Foto einbinden - dann geht alles :-)

Obwohl die Profile sehr unterschiedlich sind, strebt die Autorin wieder ein übermächtiges Ideal an, das den Leser verunsichern kann.

3. Sofort daten wollen ist doof


Es gibt Männer, die sich sofort real treffen wollen. Die Autorin vertraut auf Worte als sehr direktes Kommunikationsmittel.

Das Thema hat viele Aspekte: Vertrauen muss aufgebaut werden und sich mit jemanden zu treffen, erfordert Überwindung. Es gibt Menschen, die das gut können und Menschen, die das nicht gut können. Genauso Menschen, die mit geschriebenen Worten nicht soviel anfangen können und für die es real einfacher ist.

Ich denke, man sollte sie nie in eine Ecke drängen lassen, aber die Frage ist, was der Gegenüber auf ein "Lieber noch nicht!" antwortet.

4. "Frauen wollen keine Haushamster" (S. 252)


Auch Frauen wollen Sex. Wir wollen Männer, die für uns kämpfen und vermutlich wollen wir es wert sein, erobert zu werden.

Pauschalisierungen sind immer schwer, aber ich denke, es gibt Frauen, denen das wichtig ist. Und solche, bei denen die Wünsche anders gewichtet sind.

V No-Gos


Hier listet die Autorin eine Vielzahl an Verben, Adjektiven, Zitaten und Sprüchen auf, die man als Date-Williger nicht benutzen sollte.

VI Onlinedating der Superlative


Ein Best-of des Buches - Profilnamen, Dialoge usw. All das, was man im Laufe des Buches vergessen oder überlesen hat.

VII Die 23 Goldenen Regeln des Internetflirtens

 


Noch eine Zusammenfassung :-) In kurzen Abschnitten erklärt die Autorin, was man beachten sollte. Einiges, z.B. den Profilnamen, finde ich wichtig, anderes, z.B. die Rechtschreibung, streitbar. Wir machen alle Fehler.

Interessant sind die Regeln für Frauen: Wir sollen uns attraktiv machen und fröhlich sein, uns aber nicht verstellen. Und Ironie verstehen. Wichtig finde ich (tatsächlich) Ehrlichkeit und dass man Ausdauer beweist. Und nicht nur im Internet sucht.



VIII Keine Herzen brechen: Die Ethik des Fakens


Abschließend erklärt die Autorin, wie sie vorgegangen ist und wie sie mit den Männern gechattet hat. Sie hat z.B. eher Fragen gestellt und wollte Männer tw. bewusst vergraulen. Das finde ich wichtig, um einiges zu verstehen

Fazit


"Aus den Abgründen des Internetdatings" lautet der Untertitel und darunter verstehe ich, dass lustige Anekdoten erzählt werden. Eigentlich wurden diese Abgründe aber selbst herbeigeführt und sind nicht so tief, wie uns die Autorin glauben lassen will.

Mir fehlte die andere, die männliche Seite. Mir fehlt der Ausgleich und das Verständnis.

Ich hab nie online-gedatet und finde es nach diesem Buch noch weniger reizvoll. Wenn es nur darum geht, sich auf einer Seite gut darzustellen, wenn man sich keine Fehler erlauben darf, dann verzichte ich.

Die Autorin vergleicht oft mit einem Bewerbungsprozess (obwohl sie zwar die Mühe, aber nicht die Korrektheit eines Bewerbungsschreibens haben möchte). Es gibt Leute, die schreiben Briefe. Und es gibt Leute, die gehen zum Betrieb und fragen nach, wann sie anfangen können. Beides kann Erfolg haben - je nach Bewerber und Betrieb.

Ich glaube, wenn online, dann Foren oder Gruppen. Denn dort kann man Taten sehen, keine Worte. Man kann anderen beobachten, ohne zu kommunizieren und kann jemanden ansprechen, wenn man möchte.

Das Buch ist schwer. Schön gestaltete schwere Kost, die wissenschaftlich sein will, aber eher fordernd ist.

1 Kommentar:

  1. Das klingt nach einem wahnsinnig konfusen, wirren Buch, das nur auf einer voyeuristischen Schiene fahren will. Wissenschaftlichkeit kann ich da beim besten Willen nicht erkennen und ich denke, die läßt sich da auch nicht finden. Ja, das wäre ein Buch, das mich wohl schon beim Titel stutzig machen würde. Deine Besprechung empfand ich da schon als sehr angenehm und umfangreich.

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