Donnerstag, 20. August 2015

"Der Preis der Treue" von Diane Brasseur (Übersetzung: Bettina Bach)

Hallo!

Hier ist die "Auflösung" zum Jean-Text :-) Eigentlich wollte ich ein anderes Buch kaufen, aber die Buchhändlerin hatte "Der Preis der Treue" so geschickt platziert, dass ich zugreifen musste. Abgesehen vom blauen Cover, das mich mit seiner 50er-Jahre-Metallschild-Optik faszinierte, gefiel mir die Geschichte. Ein Mann zwischen zwei Frauen, und das mal nicht aus der Sicht der betrogenen Ehefrau, sondern aus der Perspektive einer Figur, die sich nicht entscheiden kann. Ich hatte mir viele Gedanken und ein bisschen Gefühl erhofft. Letztendlich überwog das Gefühl.




Übrigens: Das Buch heißt im Original "Les Fidélités", also "Die Treuen" oder "Die, die treu sind" Ich finde das passend, weil jeder der drei Figuren treu ist - aber die Frage ist, ob diese Position gut ist und welche Konsequenzen sie hat. Mich erinnerte der Titel an den Film Männer und die Frauen, der im Original "Les Infidélités", also "Die Untreuen" heißt. Eine gute Ergänzung ist Episode 4, in der es um einen älteren Mann und eine junge Frau geht.

Allgemeines


Das Buch ist bei dtv erschienen und ist auf der Verlagsseite und in allen gängigen Buchhandlungen zu erwerben. Neben einer Papierversion (15 EUR) gibt es ein E-Book (13 EUR) und sogar ein Hörbuch (17 EUR)

Übersetzt wurde das Buch von Bettina Bach.

Die Autorin

 

Diane Brasseur wurde 1980 geboren und hat in Paris Film studiert. Sie war für viele Filme als Script Supervisor tätig (dokumentiert Drehbuchänderungen während eines Filmdrehs u.a.). Die IMDB listet u.a. "La vie en rose" und "96 Hours" auf. Diane Brasseur schreibt gern Listen und mag guten Wein.

Ein ausführliche Biografie sowie ein Interview zum Buch gibt es auf der Sonderseite des dtv.

Das Cover


Das Titelbild zeigt ein Bild, das Francois Roca gezeichnet hat. Eine Frau in grünem Mini-Rock und schwarzem BH sitzt auf einem Bett mit blauer Decke. Durch ihre kurzen Haare und die Zigarette wirkt sie wie eine Frau aus den 20er oder 50er Jahren. Ich weiß nicht, ob ihr Blick wissend, verführerisch oder traurig ist. Vielleicht spiegelt sie Alix, die Geliebte, wider. Oder eine Frau als Verkörperung seiner Zweifel. Ich finde den Zeichenstil sehr schön, aber das Buch ist mir zu blau. Vielleicht passt das gut zum Buch: Alles verschwimmt, ist ähnlich und doch nicht gleich.

Die Serifenschrift ist etwas hart, passt aber zur harten Thematik.

Insgesamt schick :-)

Inhalt


Der namenlose Protagonist sitzt in seinem Zimmer und wartet. Bald fliegt er mit seiner Familie über Weihnachten nach New York und möchte vorher seiner Geliebten etwas mitteilen. Sie erwartet vermutlich, dass er sich meldet, aber er weiß nicht, was er ihr schreiben soll. Er möchte eine Entscheidung treffen, doch es bleibt beim Überlegen.

Im Laufe der 174 Seiten stellt er sich nicht nur vor, wie seine Frau und seine Tochter von der Liebschaft erfahren, sondern lässt auch das vergangene Jahr mit Alix Revue passieren. Er überlegt.. und überlegt... und als Leser kann man nur schwer auseinander halten, was er tatsächlich erlebt hat und was sich nur in seiner Vorstellung abspielte.

Charaktere


Der Mann ist 54 und arbeitet in Paris als Antwalt. Am Wochenende ist er bei Frau und Tochter in Marseille, in der Woche bei seiner Geliebten Alix. Als Ich-Erzähler sehen wir die anderen Figuren durch seine Augen. Was mich verwundert: Obwohl er Antwalt ist, wägt er nicht ab. Es wäre ein leichtes, über die Kosten einer Scheidung nachzudenken, über alles Negative und alles Positive. Stattdessen redet sich der Protagonist sich und beide Frauen schön. Er stellt sich vor, dass Alix seine Tochter mag und das Treffen mit seiner Frau nicht in einer Katastrophe endet. Er begehrt Alix, aber wirklich verliebt wirkt er nicht. Er sagt, dass er seine Frau mag, aber es fühlt sich weder nach Abneigung noch nach Liebe an. Das ganze Buch lang sehen wir einen Mann, der um zwei Frauen kreist, ohne sie zu berühren. Denn würde er sie berühren, würde er den Schmerz spüren, der entsteht, wenn er eine von beiden verlässt. Er müsste die Verantwortung für die Konsequenzen tragen. Das tut er nicht. Er sitzt in seinem Zimmer und suhlt sich in Selbstmitleid.

Die Frau kennt der Mann schon sehr lange; die beiden haben 9 Jahre gewartet, bist sie geheiratet haben. Mittlerweile ist das Verhältnis abgekühlt. Die Frau lebt ihr Leben, hat sich damit abgefunden, dass ihr Mann nur am Wochenende da ist. Sie bedauert das manchmal. An anderen Stellen wirkt sie mürrisch, trotzig und der Mann wirft ihr indirekt vor, schuld zu sein. Denn obwohl sie den Akt wollte, lässt sie ihn nicht spüren, ob sie es genießt.

Die Tochter ist dem Mann sehr wichtig. Obwohl er kaum Bezug zu ihrem Leben hat, vergöttert er sie. Er möchte, dass sie ihn ins Vertrauen zieht, ihn als Beschützer sieht. Und er möchte ihr mit Alix eine erwachsene Freundin geben.

Alix ist 31 Jahre und eine Mischung aus eigensinnig und zutraulich. Sie genießt es, vom Mann begehrt zu werden, hat aber Eigenheiten, die er nur zähneknirschend toleriert. Sie trinkt morgens z.B. als erstes Kaffee. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich Alix bewusst einer über-romantischen Vorstellung hingibt. Vielleicht, weil der Raum für sie und ihren Geliebten begrenzt ist. Die beiden haben, bis auf den Kelln er aus dem indischen Restaurant, kam Kontakte. Alix stellt ihn nicht ihren Freunden vor und das ist schade. Aber verständlich, weil gefährlich. Der Mann geht davon aus, dass Alix nicht will, dass er sie verlässt. Alix nimmt im Buch viel Raum ein, als würde sich der Mann entschuldigen. Auf mich wirkte Alix übrigens nicht wie 30, weil ich sehr wenig über ihre berufliche Position und ...allgemein wenig über sie erfahren habe.

Themen


Grenzen: Der Mann spürt, dass er an die Grenzen seiner Frau und seiner Tochter stößt. Weil er in der Woche nicht zuhause ist, entgeht ihm vieles. Anstatt zu versuchen, diese Grenze zu übertreten, zieht er sich zurück und flüchtet zu Alix. Auch seine Frau zieht Grenzen - sie begehrt ihn weniger. Und auch hier flüchtet er. Die Grenze zu Alix weitet er aus, weil er im Laufe des Jahres immer mehr Zeit mit ihr verbringt. Aber da auch diese Verbindung kriselt,  verbringt er zunehmend weniger Zeit mit ihr. Das Leben mit Alix ist genauso begrenzt wie das mit seiner Frau und seiner Tochter.

Alter: Je älter man wird, desto mehr verengen sich Wege, desto weniger kann man sich umentscheiden, sagt die Hauptfigur sinngemäß. Der Mann hat das Gefühl festgefahren zu sein und Angst, etwas zu verpassen.

Treue: Obwohl der Titel darauf hinweist, geht es für mich weniger um Treue. Treue klingt nach Konflikt, danach, bei jemandem zu bleiben, auch wenn andere Möglichkeiten zur Auswahl stehen. Aber der Konflikt besteht nur unterschwellig. Der Mann sieht die jeweiligen Beziehungen nicht als solche an, er sieht nur ihr Symbol - die Frauen. Wie soll man jemandem treu sein, den man nicht innig liebt? Der Mann wählt zwischen Zitronen und Limetten - beide aromatisch und reizvoll, beide sauer.

Selbstfindung: Der Mann hat sich verloren. Der traut sich nicht, die Probleme mit seiner Frau anzusprechen. Und er traut sich auch nicht, Alix zu gestehen, dass er sich manchmal nach seiner Familie sehnt. Er möchte für beide Frauen Verantwortung tragen, obwohl sie es nur bedingt fordern. Er reibt sich auf zwischen dieser Unsicherheit und seine Frauen auch. Irgendwann hat er vergessen, dass man nicht (nur) gemocht wird, wenn man andere beschützt, sondern auch, wenn man selbst etwas hat, das man beschützen möchte.

Gestaltung und Perspektive


Das Geschehen wird aus der Perspektive des Mannes erzählt und ist daher etwas einseitig. Man sieht die anderen Figuren nur durch seine Augen, sodass sie manchmal blasser wirken. Gleichzeitig sieht man, worum es wirklich geht: um ihn.

Die Kapitel tragen keine Nummerierung, sind aber in sich geschlossen. Es sind Episoden aus den Gedanken.

Schreibstil


Im Buch geht es um Gefühle. Das Buch nennt nur wenige Fakten, diskutiert keine Konflikte, sondern beschreibt die Gedanken eines Mannes.

Mir fiel es sehr leicht, mich in diesen Erzählstrom fallen zu lassen. Vermutlich, weil ich auch gerne denke :-) Allerdings kann einem das ständige Umkreisen auf den Keks gehen und auch ich wollte der Figur manchmal sagen, sie solle aufhören mit ihrem Selbstmitleid.

Fazit


Das Buch ist wie eine Weinschorle: Alkoholisch, weil es um ein wichtiges Thema geht; prickelnd, weil die Hauptfigur leidet; leicht, weil es wenig Konkretes und viel Wahrscheinliches beschreibt. Das Buch beleuchtet einen Teil des Treue-Konfliktes, und das sehr gut. Ich hatte mir aber mehr erhofft. Mehr Durchdachtes, mehr Drama.

Wenn man das Thema mag, sich gern Erzählströmen hingibt und leidet, sollte man das Buch lesen.

Weiteres


Kurze Kritiken gibt es auf der französischen Ausgabe von LeFigaro und bei SRF Schweiz Radio und Fernsehen. Libraire Mollat hat auf Youtube die Autorin zum Buch befragt (französisch)

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