Sonntag, 2. August 2015

Lieber Jean-P.,

schon Satre wusste, dass die wahre Hölle die Schuldgefühle sind. Auch du, der du namenlos bist und von mir einen halben Namen bekommst, sitzt in deiner Hölle und wartest darauf, dass dir irgendwann die Sühne eine Tür öffnet und dir einen Ausweg zeigt. Doch das wird nicht passieren. Du musst sie selber öffnen.


Ich habe dein Zeugnis gelesen. Obwohl du es nicht schaffst, bei dir, in dir zu sein, liegt dein Bekenntnis überall.

Alix ist wie Zuckerwatte – eine feste Substanz, die man schmilzt und zu Fäden spinnt. Und in die du gern dein Stäbchen hältst, damit du von ihr naschen kannst. Zucker entsteht, wenn man fruchtige Zuckerrüben kleinhäckselt, den Saft auspresst und diesen einkocht, bis von vielen Stoffen nur noch einer übrig bleibt, der Zucker. Genauso wie Menschen durch ihre Erfahrungen immer klarer in ihren Eigenschaften und Wünschen werden, bis ein Haufen kleiner Kristalle übrig bleibt. Und du spinnst sie zu Zuckerwatte. Du bläst Luft hinein, machst sie leichter, als sie ist, weil es für dich so leichter ist eine Entscheidung zu treffen.

Du stehst nicht zwischen zwei Frauen, du stehst zwischen „einfach“ und „kompliziert“. Es ist für dich einfacher, eine Frau zu idealisieren und die andere abzulehnen. Du sagst nie, dass du deine Frau liebst, und doch willst du bei ihr bleiben. Du verachtest sie, du wirfst ihr vor, schuld an deiner Unzufriedenheit zu sein, weil, selbst wenn sie das will, was du willst, doch nicht wirklich geben will, was du möchtest. Du verehrst deine Tochter, du willst, dass sie einen guten Mann findet, du stellst sie dir als Bindeglied zwischen dir, deiner Frau und deiner Geliebten vor. Deine Tochter fordert deutlich Aufmerksamkeit, die deine Frau nicht fordert. Sie will beschützt werden, was deine Frau nicht tut. Deine Tochter ist einfach, deine Frau ist kompliziert.

Ich glaube, du kommst nicht mit Veränderungen klar, Jean-P. Ich glaube, dass du nicht damit klarkommst, dass sie relativ selbstständig leben kann. Du wirst nichtmehr gebraucht. Und in deinem Trotz hast du dich noch weiter entfernt. Denn du hast dir ein neues Objekt gesucht, das deine Aufmerksamkeit fordert und im Gegenzug angelaufen kommt wie eine Katze. Aber auch bei Katzen weiß man nie, ob sie einen als Partner oder als Futtergeber betrachten.

Alix ist wie Zuckerwatte. Sie ist das, was du aus ihr machst. Du deutest oft an, dass dich ihre Macken irritieren, ihr übertriebenes Liebe-Geben. Aber du traust dich nicht, genauer hinzusehen. Du willst dir nicht eingestehen, dass sie dich mit ihrer Liebe überfordert und du traust dir nicht zu, du selbst zu sein. Du hast kein Gespür für deine Bedürfnisse und Angst, niemandem wichtig zu sein. Du bist niemandem wichtig, nicht einmal dir selbst.

Die größte Enttäuschung wäre es, wenn du deiner Frau deinen Betrug gestehen würdest und sie dich umarmte, weil sie dich seit Wochen mit José, dem Koch aus dem Restaurant gegenüber, betrog und jetzt einen Grund hätte, dich zu verlassen. Du wärst nicht der Wingman, du wärst die Startrampe.

Auch Alix bist du egal. Natürlich ist sie stolz auf dich. Wenn sie am Wochenende mit ihren Freunden ausgeht, wird sie stolz erzählen, dass sie einen reichen und charmanten Mann kennengelernt hat und dass sie glücklich ist, morgens neben dir aufzuwachen. Aber du bist eine Last. Es ist anstrengend, dass du so viel Zeit beanspruchst, dass sie eingeschränkt ist, weil sie immer aufpassen muss. Sie mag das Spiel, aber jedes Spiel wird irgendwann öde. Und sie weiß, dass du sie nicht verlassen wirst. Weil es zu schwer ist, aus einem gemachten Nest in die Freiheit zu fliegen. Und weil du nur von einem gemachten Nest ins nächste fliegen würdest.

Du solltest flügge werden, Jean-P. Du solltest aus dem Nest fallen und eine Weile durch den Wald laufen. Du solltest herausfinden, was oder wer dir wirklich wichtig ist. Als Mensch, nicht als Mann. Vielleicht solltest du Gärtner werden. Oder Bauarbeiter. Setz dich für den Regenwald ein. Oder helfe anderen.
Du solltest zum Flughafen fahren, Jean-P. Lauf zum falschen Schalter und flieg in das Land, was dir am nächsten ist. Das klingt kompliziert, ist aber einfach.

Ich wünsche dir viel Erfolg dabei.

Dieser Text entstand im Rahmen der Rezension zu "Der Preis der Treue" von Diane Brasseur

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