Dienstag, 17. November 2015

"So was hat Mann im Gefühl" von Mia Morgowski

Same sad love stuff
Hallo!

Ich und Mia - das ist wie ich und Vanillepudding - kann man mal essen, ist lecker, aber nicht im Übermaß. Mir sind ihre Bücher meistens zu zufällig, zu klischeehaft und zu überdreht, aber der Schreibstil ist gut. Nach Auf die Größe kommt es an ruhten meine Gedanken um Mia lange. Aber dann entdeckte ich eine Leserunde auf Lovelybooks - und dachte: mal gucken.






Kleiner Exkurs - Was ist eine Leserunde?


Bei einer Leserunde wird ein Buch von den Teilnehmern gelesen und sie diskutieren abschnittsweise darüber. Das kann über eine Facebookgruppe oder entsprechende Portale erfolgen. Das Buch kann vom Verlag/Autor gestellt werden, um Anreize zu schaffen. Manchmal beteiligt sich auch der Autor und es können Frage geklärt werden.

Nach Gläsern war diese meine zweite Leserunde und ich fand sie sehr bereichernd. Die Leser waren sehr engagiert und diskutierten fleißig. Es ist krass, was manchen Lesern auffällt. Auch wenn es die Rezension schwieriger macht, weil man irgendwann nichtmehr weiß, was die eigene Meinung ist  :-)

Allgemeines


Das Buch hat 460 Seiten und ist bei Rowohlt erschienen. Die E-Book-Version und das Taschenbuch kosten 10 EUR.

Die Autorin


Mia-Magenta. Fast :-)
Mia Morgowski lebt in Hamburg und hat jahrelang als Werbegrafikerin gearbeitet, derzeit widmet sie sich ganz dem Schreiben. Ihr Debutroman 'Kein Sex ist auch keine Lösung' erschien 2008, es folgten 'Der Nächste, bitte' im Jahre 2012 und 'Dicke Hose' 2013 und 2014 Alles eine Frage der Technik. Des Weiteren hat sie an den Anthologien 'Lustig, lustig, tralalalala' (2011), 'Die schlimme Zeit zwischen Aufstehen und Hinlegen' und 'Darf's ein bisschen Sommer sein?' (beide 2013) mitgearbeitet.

Weitere Infos gibt es auf der Autorenseite.

Das Cover


Auf den ersten Blick fand ich das Cover luftig und locker. Der sandfarbene Sand mit dem Wellenmuster ist ein toller, ruhiger Hintergrund, auf dem die blaue und mia-magentane Schrift gut zur Geltung kommen. Auch die Kombination aus Druck- und Kursivschrift fand ich sehr gut! Das Hochzeitskleid deutet auf die Frau hin, die Toby verlassen hat, und die, in die er sich verliebt hat. Auch wenn ich die Liegposition etwas unnatürlich fand, ist es ein schönes Bild!

Das männliche Model trägt allerdings Tatoos und einige Leser merkten an, dass das im Buch nicht erwähnt wird (es wird aber auch nicht gesagt, dass Toby tatoofrei ist :P ) Im Nachhinein betrachtet stimme ich dem zu - Toby wirkt zu seriös, um Tatoos zu haben...

Trotzdem: Ein sehr beruhigendes Titelbild!

Inhalt


Der Klappentext verspricht...

Problem-Lösungs-Liste

Kurz vor seinem 40. Geburtstag wird Tobias von seiner Freundin für einen anderen verlassen. Seine Kumpels behaupten: Midlife-Crisis! Nun muss Ablenkung her. Raus aus der Doppelhaushälfte. Rein in die Männer-WG. Toby zieht in die Nähe der Reeperbahn und lässt es krachen. Und tatsächlich entdeckt er den Charme des Single-Daseins. Bis Trixie auftaucht. Und Millie. Und Alice. Mit ihr ist es besonders schön. Aber auch besonders kompliziert. Denn irgendetwas verschweigt Alice ihm. So was hat ein Mann schließlich im Gefühl …





... und hält....


Die Hälfte :-) Grundsätzlich geht es um Männer. Und die Frauen. Tobi hat eine, die ihn nicht haben will, findet aber schnell eine, die er haben will, die aber ihn nicht haben will, nachdem er von einem Schlamassel in den nächsten geschlittert und nebenbei viele Frauen und Männern und Problemen begegnet ist.

Das Buch klang nach vielen Typen, die Rudel-schweigend am Wohnzimmertisch sitzen und ein Bier trinken, Gruppenkuscheln, sich in den Arsch treten usw. Aber es dauert, bis Toby vom Einfamilienhaus in die Kiez-WG kommt und die Unterstützung teilen sich seine Freunde mit neuen Bekannten. Immerhin: Es gibt viele Frauen. Und viel Alkohol! Gefühl... im Sinne von "Intuition" ist bei Toby rudimentär ausgeprägt. Es dauert, bis er begreift, worum es geht...

Die Charaktere

Toby in Zitatem

Tobias Voss ist Anwalt in einer renomierten Anwaltskanzlei und würde gern zum Partner aufsteigen. Obwohl er von schon am Anfang genervt von Langzeitfreundin Birte ist, trifft ihn ihr Betrug (mit Verzögerung) hart. Tobias ist der Pantoffelheld, der lieber Bauklötzchen stapelnd (hier: exessiv trinkend...) in der Ecke sitzt, als ein Problem zu lösen. Als Leser freut man sich über jeden Ausbruch und möchte sich an den Kopf greifen, weil Tobias sovieles nicht sieht. Mir fehlten ein paar Eigenheiten, gern auch antwaltstypisch... Erst im letzten Fünftel, als die Handlung erst der Katastrophe, dann dem 4/5-Happy-Ende zusteuert, bekommt er für mich Profil. Tobias ist Klischee, aber das in Perfektion.


Birte ist die dominante, karriere-orientierte Ex, die ohne Rücksicht auf andere mit einem Motoradfreund durchbrennt, weil ihr das Leben zu langweilig geworden ist. Birte ist es gewohnt, alles zu bekommen und als solche der Antagonist (obwohl: der eigentlichen Antagonist ist das Leben). Sie hat Toby auf beruhigende Weise das Gefühl vermittelt, dass jede ihrer Entscheidungen auch gut für ihn ist. Birte wird vom ersten Kapitel an so überzeichnet, dass man sie nur hassen kann. Eine weitere Rolle ist ihr nicht zugedacht - das finde ich schade. Ich hätte gerne mehr über sie gelesen.

Alice klingt schon nach Erlösung und ich hatte das ganze Buch lang Smokie im Ohr :-) Alice' hervorstechendste Eigenschaft ist, dass sie kein Drama macht. Während für Toby das Leben innerlich eine Katastrophe ist, nimmt sie vieles ruhig lächelnd zur Kenntnis. Erst am Ende wird sie laut. Was wiederum Toby in eine defensive Position zwingt, weil er die Schuld bei sich sucht. Alice hat zu Unrecht etwas Unschuldiges und ... für mich war die Figur nicht rund.

Vivian ist der Teenager, der in Tobys Küche steht und erst 300 Seiten später wieder auftaucht. Die Figur wirkt trotz der Klischees (rosa Haare, Piercing) sympatisch, man möchte sie in den Arm nehmen.

Kröger ist (neben Lars) ein guter Freund Tobys und fungiert als Parallelfigur. Auch Kröger hat mit einer dominanten Frau (und dominanten Schwiegereltern) zu kämpfen und braucht lange, um zu sich zu finden. Aber er löst den Konflikt anders. An Kröger mag ich, dass er alle Probleme mit Verstand löst und immer für seine Freunde da ist. Er ist ein Multi-Talent :-) Kleines Beispiel: "'Wer auch immer die [Visitenkarte] gedruckt hat, versteht sein Handwerk. Selbst nach einer 60-Grad-Wäsche ist das Wichtigste noch sehr gut lesbar'" (S. 211)

Trixie ist eine der wichtigsten Frauenfiguren im Buch. Verachtet sie Toby anfangs wegen ihrer "Lichtschwerter"-Haare, zeigt sich später, dass sie gute Gründe für ihr Verhalten hat. Auch wenn die Geschichte für sie zu schön ausgeht, finde ich es toll, dass das Problem angesprochen wird.

Es gibt in diesem Buch viele Nebenfiguren, aber alle bleiben im Gedächtnis. Manchmal war es schwer, den Überblick über die Namen zu behalten, aber naja. Es fügt sich alles zusammen und... passt :-)

Themen


Alkohol: Die Handlung erstreckt sich über 6 Wochen, von denen Toby ca. 2,5 im Vollrausch vollbringt. Ab Woche 4 wird es besser, gekrönt von einer finalen Nacht ohne Alk. Glücklicherweise verspürt er dabei außer allgemeiner Erschöpfung kaum Nebenwirkungen. Real ginge das nicht. Als Metapher ist das Trinken gut eingesetzt, aber ich finde es etwas einfach.
Tobys Bedürfnis-Liste

Grenzen: Toby und Olli (Kröger) ergeben sich Frauen und ziehen sich nach innen zurück. Während Toby eine deutliche Linie zieht, versucht es Kröger mit einer Strichellinie. Trotzdem fragte ich mich, wie lange ich das aushalten und wie ich die Situation lösen würde. Es ist leicht zu sagen "Mit so einer Schreckschraube halte ich es nicht lange aus!", aber die Bequemlichkeit hält einen fest. Und wenn man Abstriche macht, weil einem die Karriere am wichtigsten ist, dann kann man damit leben. Man muss sich nicht damit beschäftigen, ob die Wünsche realisierbar sind und kann später jemand anderem die Schuld dafür geben. Aber: Man könnte mit der Zeit besseres anfangen als leiden. Bei Toby habe ich Angst, dass er überfordert ist, wenn er mal Entscheidungen treffen muss. Und sie wieder anderen überlässt. Kröger nimmt den steinigen Weg.

Kiez-Romantik: Die Autorin kommt aus Hamburg, daher wirkt die Reeperbahn, auf der das Buch spielt, sehr authentisch. Die Figuren sind, obwohl sie skurril wirken, sehr nett und helfen Tobias. Mir hat das Buch gezeigt, dass Menschen keine Bedrohung sind, weil sie ein bisschen komisch sind. Und nützlich sein können. Real ist Skepsis manchmal angebracht, aber Offenheit ist auch gut.


[Spoiler]

Jungfräulichkeit: Trixie gehört zu den Frauen, die mit 30 noch keinen Sex hatten. Die überall hören, wie Sex ist und als Kummerkasten herhalten, aber das noch nicht erlebt haben. Die Sex irgendwann als Mittelpunkt sehen und sich Druck machen. Und die das Problem haben, dass sie zwar leicht zu haben sind, aber nicht leicht ins Bett zu bekommen sind. Die einen verständnisvollen Partner brauchen, weil sie mit dem Thema nicht vertraut sind. Ich finde es gut, dass das Thema angesprochen wird und die Passage läutet für mich den ernsthaften Teil des Buches ein. 

[Spoiler Ende]

Spannung


Meine Spannungskurve
Mia Morgowski hat schon viele Bücher in diesem Genre veröffentlicht und das merkt man: Geschickt erschafft sie ein großes Problem und viele kleine. Als dem Leser klar wird, wie das große Problem gelöst wird und die Spannung sinkt, löst sie die kleineren auf und das Buch wird wieder interessant.

Trotzdem ärgert es mich, dass es lange dauert, bis Toby vom Saufen zum Spaß-haben kommt und wie blind er gegenüber dem Offensichtlichen ist. Vielleicht hätte man das Buch raffen können? Und der Prolog... er war interessant, aber nicht notwendig. Er zündete nicht richtig.

Schreibstil und so


Das Buch ist flott und humorvoll verfasst und das finde ich gut. Tobias' Bemerkungen sind oft sehr trocken, immer etwas verzweifelt und leicht genervt. Ich musste ein paar Mal schmunzeln, aber mehr wäre gut gewesen.

Nicht so toll fand ich die beiden Stolpersteine bei der Trennung: Bei der "Gra-fik-Designerin" im Klappen-Text fand ich das nur unschön, bei der "Frea-kigkeit" auf S. 244 wusste ich erstmal nicht, was gemeint ist.

Fazit


Für Freunde des Genres ist das Buch gute Kost - ein typischer Softie, der sich in seinem Leben behaupten muss, gegen große und kleine Probleme kämpft und am Ende bekommt, was er sich verdient hat. Es gibt genügend Nebenfiguren, die ablenken und amüsant gestaltet sind. Der Schreibstil ist flüssig, humorvoll und man kann alles gut lesen.

Für mich war es gute Unterhaltung, aber nicht besonders neu. Ich bin der Männerfiguren überdrüssig, die durch ihr Leben stolpern, sich selbst bemitleiden und irgendwie an ihr Ziel kommen. Menschen sind in der Realität vieles, aber nicht einfach :P

Weitere Kritiken von Teilnehmern der Leserunde


LisiBooks bringt das Buch kurz, knackig und in schickem Design auf den Punkt.

BookChallenges meint, Toby suche den roten Faden in seinem Leben. Eine schöne Metapher!

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