Samstag, 9. Januar 2016

"Engelsklingen" von Maria Engels

Hallo!

SophienkircheEs war ein sonniger Sonntagnachmittag. In der Ferne brandete das Feuer von Klingen, die sich durch Dämonen schlugen, doch hier, inmitten einer Ruine, war es still. Nat strich mir mit der Hand über die Flügel, ließ sie über die Schulterblätter gleiten und endete über meinem Po. "Du solltest abschalten, Lay", sagte er und küsste zärtlich meinen Hals. Ein Schauer durchfuhr mich und Tränen bahnten sich ihren Weg nach unten. Welche Berechtigung hatten WIR, wenn um uns herum Krieg herrschte?  Nat war das egal, der Kampf gehörte für ihn zum Alltag wie Nektar am Morgen. Aber ich war mit der Hoffnung auf Frieden aufgewachsen. Auch wenn ich den Großteil meines "Lebens" nicht in Frieden verbracht hatte.


Wenn man mit Angel Sanctuary "entjungert" wird (Inzest, gender-übergreifende Beziehungen und eine Story, die sich binnen 20 Bänden genauso heftig auffächert wie ein Baummodell in der Stochastik - guter Einstieg!), traut man Figuren alles zu :-) Leider wurde meine Hoffnung auf Shonen-Ai im ersten Band nicht erfüllt, aber die Hoffnung stirbt zuletzt! *pathetisch*

Allgemeines


Das Buch hat 314 Seiten und ist als digitales Exemplar für 3 EUR, als Papierversion für 9 EUR in allen gängigen Shops zu erwerben.

Als Leser ärgert es mich, dass die E-Pub-Version erst 3 Monate nach der Mobi-Version erschien. Als Fan von Selfpublishing-Artikeln weiß ich aber: Es liegt am System.

Immerhin: Ich habe das Buch bei der Halloween-Aktion kostenlos bekommen :-)

 

Die Autorin und so


PfoteMaria Engels wurde 1993 geboren und studiert in Chemnitz Germanistik. Sie beschäftigt sich gern mit Fantasy und balanciert zwischen den Realitäten. Während ihre Kurzgeschichte "Scherenschnitt" in Von tausend Schatten viel Reales hat und menschliche Abgründe tangiert, wird es bei ihren Zombie-Geschichten heftiger. Eine Liste aller Veröffentlichungen findet ihr auf ihrem Blog.

Sehr interessant fand ich die Werbeaktion zum Buch - über einen Test konnte man herausfinden, zu welcher Engels-Gruppe man gehört, und an einer Verlosung teilnehmen. Die Idee war toll und das Formular hat ohne Störungen funktioniert!

Cover und Gestaltung


 Geil. Das Titelbild ist sehr toll - einprägsam und professionell gestaltet. Die Grundfarbe, ein dreckiges, blaustichiges Rot, wird varriert und gibt dem Cover einen einheitlichen Look. Über der Überschrift ist mit den blutigen Flügeln und dem Schwert ein Akzent gesetzt, der den Blick in die Mitte lenkt. Am unteren Bildrand ist als Ausgleich die Silhouette Venedigs in Aquarell-Optik zu sehen. Der Autorinnen-Name ist farblich angepasst.

Schön ist auch: Das Cover kann farblich varriert werden, was für Folgebände wichtig ist. Gut zu erkennen war das bei der Werbeaktion.

Die Kapitelnummern sind mit einen stilisierten Engelsflügel versehen, was ich hübsch finde. Es lockert auf :-)

 

Inhalt


Venedig liegt in Trümmen. Und im Rest der Welt tobt ein Krieg. Engel und Dämonen bekämpfen sich und ein Ende ist nicht in Sicht. Außerdem scheint etwas faul zu sein, im Himmelreich - die Armee der Engel wird unregelmäßig mit Nahrung beliefert und alles ist irgendwie unklar. Und was ist die mysteriöse Box, von der keiner weiß, ob sie existiert und ob in der drin ist, wer drin sein müsste? In dieser Welt kämpft Flamme Leliel mit sich und der Welt. Gemeinsam mit Stahl-Engel Natiel findet er zwei Menschen und hilft ihnen bei der Suche nach ihrer Freundin. Aber nichts ist so, wie es scheint.

Charaktere

 

Böse

Leliel ist ein Denker. Er hat im Krieg gekämpft und arg gelitten, an einer Stelle wird ein heftiges Kriegs-Trauma sichtbar. Leliel treibt die Handlung an, weil er den Krieg beenden will. Auch wenn er die Befehle "von oben" befolgt, hinterfragt er seine Position. Manchmal wirkt er, heldentypisch, etwas kühl.

Natiel ist locker und hat genügend Elan, um Leliel aufzuregen, aufzuheitern und ihm ein guter Partner zu sein. Als Vertreter der Stahllegion steht er ein Stückchen unter Leliel und ist es gewohnt zu kämpfen. Daher hat er eine Aura von Galgenhumor. Ein gutes Gegenstück zu Leliel.

Ti und Mattia sind die Menschen, die die Handlung antreiben. Beide sind ca. 20, wirken aber jünger. Sie haben ihre Freundin Fran verloren und die Engel helfen ihnen bei der Suche. Mattia mag Ti, die aber zu Leliel eine gute Verbindung hat. Er möchte Ti beschützen, die aber nicht beschützt werden muss :-)

Maria Engels schafft eine Figurenkonstellation, die bekannt ist, aber nicht in Klischees badet. Der Held schwankt zwischen Neugier, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, als würde er sagen "Ich will, dass sich etwas ändert, aber ich will nicht nochmehr leiden!" Natiel ist ein guter Ausgleich, aber richtig zünden tut es zwischen den beiden (auf platonischer Ebene) (noch) nicht. Es  bleibt spannend :-) Die Menschen bringen das Geschehen voran, sind aber im Kampf um Gut und Böse nur die Spezies, die in Ruinen wohnt. Sie sind eine Parallelgesellschaft, die im Buch wenig Raum einnimmt. Für die Engel sind Menschen nicht wichtig, sie helfen ihnen, sich zu versorgen, ansonsten gibt es wenig Berührungspunkte. Erinnerte mich an Käfige. Richtig warm wurde ich mit ihnen nicht.

Handlungsort und so


Das Geschehen spielt in Venedig und bleibt dort. Die kleinen, zerstörten Gassen sind gut beschrieben und das Bild, das sich dank des Covers ergibt, ist sehr beeindruckend! Außerdem gibt es Häuser, die wie Häuser aussehen, aber zur Verwaltung der Engel gehören. Ein schöner Gegensatz.

Themen

Nett

Machtgefälle: Ich hatte erwartet, dass es um den Kampf zwischen Flammenkriegern und Stahlkriegern geht, aber das Wörtchen UND im Titel ist wörtlich zu nehmen - beide Kämpfen gegen den Feind - die Fäulnis im System. Man spürt, dass Flamme und Stahl unter den Diamanten stehen und eine große Distanz herrscht. Gleichzeitig funktioniert das System noch. Ich denke, das ist oft ein Ausgangspunkt in solchen Geschichten - dass noch alles in Ordnung ist, aber der Leser ahnt, dass das System bald gesprengt wird.

Mythologie: Engels bedient sich überwiegend biblischen Figuren bzw. Engeln. Die Gänge bei den Diamenten erinnerten mich an ägyptische Pyramiden. Für mich war der Fakt mit der Box neu, aber wikipedia erwähnt das. Das Thema wird aus meiner Sicht ein bisschen oberflächlich betrachtet, hinzufügen tut die Autorin nur wenig. Andererseits: Vielleicht hätte es den Leser überfordert, soviele Fakten verarbeiten zu müssen? Ich glaube, das Timing ist schlecht - während die Handlung bis 85% gemächlich voranschreitet, nimmt das Tempo danach zu. Bei 92% wird es sehr spannend und es kommen viele, viele Fakten. Das war zuviel.

Menschen: Menschen sind im Buch nur Diener der Engel. Sie haben keine Aufgabe und keine Bedeutung. Was macht man, wenn den Mensch entdeckt, dass es Engel gibt und dadurch aus seiner Rolle ausbricht? Diese Fragen machen das Buch spannend und ich hoffe, in den Folgebänden eine Antwort zu finden.

Perspektive


Das Geschehen wird aus der personalen Perspektive Leliels erzählt. Dadurch ergibt sich das Problem, dass Leliel die Menschen als "Mädchen" und "Junge" bezeichnet, obwohl sie schon über 20 sind. Nach meinem menschlichen Verständnis sind Mädchen und Jungen ca. 10, max. 15 Jahre alt. Engel leben länger, deswegen legen sie einen anderen Maßstab an. Ich bin damit aber bis zum Schluss nicht klargekommen und es hat meinen Lesefluss behindert.

Vielleicht wäre eine Ich-Perspektive besser gewesen - dann wäre Leliels geringere Wertschätzung deutlicher gewesen und für den Leser wäre klar gewesen, dass die beiden in seiner Vorstellung jung sind, gemessen an anderen Menschen aber nicht.

Schreibstil


Eiszapfen
Engels Schreibstil erinnert mich an eine verfallene Ruine - glattgeschliffen, aber an einigen Stellen mit schmerzhaften Kanten. Es gibt einige Pausen im Lesefluss, sodass ich oft aus dem Rhythmus kam. Während andere Autoren den Leser durch die Handlung tragen, kann man hier zwar alles gut wahrnehmen, aber Fallenlassen fällt schwer. Es wird erzählt und erzählt, aber die Akzente könnten deutlicher herausgearbeitet werden. Ich habe am Ende der 300 Seiten das Gefühl gehabt, dass gar nicht soviel passiert ist.

Grundsätzlich ergibt sich ein guter Mix aus der Schilderung der Welt, Leliels Gefühlen und Handlung. Ich hatte keine Schwierigkeiten zu verstehen, was passiert. Nur das Gefühl war bedingt da.

Auffällig ist die moderne Sprache der Figuren, gut zu erkennen am Bro (yo!). Das ergab für mich keinen Sinn. Vielleicht kann ich mir eine Alltagssprache, die weit von meiner entfernt ist, nicht vorstellen. Komisch reden tun die anderen :P Ich finde, dass es von der Geschichte ablenkt - Natiel wirkt durch seinen Charakter sprunghaft, weniger durch seine Sprache.

Fazit


Man soll Menschen - und Bücher - nicht nach dem Äußeren beurteilen, aber: Ich hatte mehr erwartet. Das Cover ist toll und die Werbeaktion klang selbstbewusst. Ich dachte mir: Wenn ein Autor soviel Werbung macht und sogar andere Blogger mitmachen, dann muss das Buch gut sein! Nein, muss nicht. Venedig als Handlungsort ist beeindruckend und ich würde mir das Cover vermutlich an die Wand nageln. Aber stilistisch ist das Buch oft rau, noch nicht so stimmig, der Spannungskurve fehlen Höhen und Tiefen und Neues erfährt man im ersten Band kaum. Die Figuren sind interessant und Gefühle kommen auf, der Cliffhanger ist super. Aber überzeugt... nicht richtig.

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