Montag, 1. Februar 2016

"Puppenland" von Nicolas Scheerbarth

Hallo!

WieseIrgendetwas. stimmt. hier. nicht. Es war ein mulmiges Gefühl, das mich beschlich, als ich die ersten Zeilen des Romans las:

"Nackt wurdest du geboren" stand in großen, altertümlichen Lettern an der Mauer neben dem Eingang, und Leonie fragte sich, warum. Sollte der Spruch die Motivation der Ankommenden stärken? War nicht jeder, der an diesen Punkt kam, sich darüber im Klaren, worum es ging? Oder steckte dahinter ein zusätzlicher, verborgener Sinn? Sie wendete sich um und warf einen Blick zurück ... auf das wuchtige, graue Gebäude," (ca. Pos. 26)



Es war Verwirrung. Warum steht inmitten schöner Landschaft ein graues Gebäude? Wo führt dieser Weg hin und wie sieht er aus? Es war ein undefinierbares Gefühl, das sich erst am Ende aufklärte. Und meine Ahnung bestätigte :P

Allgemeines


Das E-Book hat ca. 225 Seiten und kostet 4 EUR. Es ist über die Verlagssseite und alle gängigen Online-Shops zu erwerben.

Infos zum Autor gibt es in der Rezi zu Taken by Berlin.

Das Cover


Das Titelbild zeigt eine junge Frau, die an einem Baum gelehnt sitzt, hinter ihr eine Parklandschaft. Die Frau guckt sinnlich, etwas träumerisch, fragend zur Seite.

Ich finde das Motiv schön und ich mag, wie es in das Verlags-Layout eingebettet ist. Aber es zeigt nicht das, was ich mit dem Buch verbinde. Im Buch geht es nicht um eine Frau, sondern um viele. Es geht um das Gesamtbild. Deswegen fällt es mir schwer, das Buch in mein gedankliches Regal zu stellen.

Der Inhalt


GitterEs geht um Frauen. Frauen in Gruppen, die miteinander schlafen. Wie in einer Perlenkette ziehen sich diese Grüppchen durch die Landschaft und durch das Buch. Die Gruppen ändern sich - mal sind sie enger, mal lockerer, mal sind sie größer, mal kleiner, mal werden sie von dominanten Frauen beherrscht, mal sind sie gemeinschaftlich organisiert. Leonie streift duch den Park, mit einem Ziel, das sie nicht genau benennen kann. Der Rausch sich hinzugeben zerrt an ihr, doch sie geht weiter. In der Hoffnung herauszufinden, wie alles zusammenhängt.

Das Figurenkollektiv


Die Geschichte wird aus Sicht von Leonie erzählt. Sie ist neugierig, entspannt und sehnt sich zunehmend nach Bindungen. Leonie leitet den Leser durch das Buch und gibt Sicherheit, sich nicht zu verlieren.

Dabei begegnet sie verschiedenen Frauen, mit denen sie "Beziehungen" eingeht.  Diese Figuren sind teilweise sehr prägnant beschrieben, gehen für mich aber inmitten der Story und der Erotik unter. Deswegen sind mir nur eine sadistische Nebenfigur und die Frau am höchsten Spannungspunkt in Erinnerung geblieben.

Nichtsdestotrotz tobt sich Scheerbarth, was Optik und Vorlieben betrifft, bei seinen Nebenfiguren aus und das finde ich gut. Es gibt burschikose und weibliche Typen und jede findet ihr Plätzchen :-)

Die Welt, die Spannung und die Erotik


Am Anfang meiner Dichterkarriere habe ich Gedichte aus Lauten geschrieben und vorgetragen. Ich wollte mit Rhythmen und Klängen experimenteren und sehen, wie das Publikum reagiert. Ich wollte es quälen. Ich wollte, dass es vor lauter Monotonie nur noch Rauschen hört und mich mit Tomaten bewirft. Ich wollte etwas auslösen - nicht, indem ich es sage, sondern es dem Leser zeige, bis er merkt, dass ich ihn manipuliert habe.

Scheerbarth tut ähnliches. Er reiht erotische Szenen wie bei einer Perlenkette aneinander, bis sie zu einem Brei der Lust verschmelzen und sich immer mehr die Frage aufdrängt "Was soll das?" Genauso geht es Leonie. Anfangs noch skeptisch ist sie von wird sie von der erotischen Energie mitgerissen und schwankt zwischen Hingeben und Weiterlaufen.  Erst im letzten Drittel wird das Tempo angezogen und die Spannung steigt. Bis dahin wechseln die Techniken und Vorlieben und stellenweise wird es sehr dramatisch.

Auch wenn ich spürte, dass die Erotik gut kalkuliert ist, wurde ich ihr irgendwann überdrüssig. Es gibt zuviele Frauen und eine zu große Selbstverständlichkeit. Dramatische Liebesgeschichten einschließlich leidenschaftlicher Akte habe ich nicht gefunden.

HaareStattdessen habe ich Weiblichkeit gefunden. Wenn man 220 Seiten (bei mir: 11 Stunden) von verschiedenen Frauen umgeben ist, macht man sich Gedanken über seine eigene Position. Ob man zu denen zählt, die gern genießen oder zu denen, die es voran treibt. Ob man einsam glücklich ist oder Menschen um sich herum braucht. Ob man gern sich und andere verteidigt oder sich mit dem Gegner verbündet. Diesen Effekt fand ich gut :-)

Scheerbarth celebriert Akte, feiert die Lust, das Hingeben, das Tun ohne Nachzudenken. Die Frauen. Und die (sexuelle) Freiheit.


Schreibstil


Als personaler Erzähler folgt der Autor Leonie, ohne in sie hineinzudringen. Man spürt eine Distanz, durch die er beobachten kann. Ich hatte das Gefühl, dass der Erzähler die Verbindung zwischen Leonie, die mit Lust und Schläue voranschreitet, und dem Leser, der das Rätsel lösen will, herstellt.

Ich fand das Tempo gemächlich und kam gut mit. Die Dialoge sind lebensnah, was für mich ungewohnt war. Sehr schön fand ich die Wortwahl - die Sprache ist durchdacht, stellenweise sehr poetisch und es gibt kaum Wiederholungen.

Fazit

Baum
Puppenland ist schwer in Worte zu fassen, weil es Elemente eines Road-Movies mit dem einer Erotik-Geschichte verknüpft. Am Ende ergibt alles Sinn und der Schluss hat Eindruck hinterlassen :-) Während bei manchen Geschichten der Weg das Ziel ist, kann ich hier sagen: Der Weg ist gut, das Ziel noch besser. Was Scheerbarths Bücher (und dieses) einzigartig macht, ist der Grundtenor: Es geht nicht um Höhenpunkt, es geht um Freude :-)



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