Samstag, 19. März 2016

"Im Schatten der Frauen"

BürogebäudeHallo!

Alles beginnt mit einem Baguette. Pierre steht an eine Mauer gelehnt, den Blick ratlos, da und isst ein Baguette. Minutenlang. Die Kamera bewegt sich nicht und ich dachte, im falschen Film zu sein oder immer noch in der Werbung, mit einem großen Knall am Ende. Am Ende des Films knallt es nicht. Nach 73 Minuten fügt sich, ohne Bähm! und Zuckerstreusel, alles zusammen. Unaufgeregt. Ist dieser Film.


Inhalt

Filmemacher Pierre lebt in einer glücklichen Ehe mit Manon, die ihren Mann bei seinen Projekten unterstützt. Als Pierre eine Affäre mit der Doktorandin Elisabeth beginnt, ändert sich wenig. Als Elisabeth aber herausfindet, dass auch Manon einen Liebhaber hat, bricht die schöne Bilderbuchehe zusammen. Vorläufig. Und was ist mit dem Film über einen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg?

Figuren


Pierre ist ein verträumter Künstler, der stets von seinen Gedanken mitgerissen wird. Er leidet mit seinen Projekten und kämpft gegen sich und die Welt. Manon bietet ihm Schutz.

Manon ist die treusorgende Ehefrau, die sich stets kümmert und alles zusammenhält. Sie hat ihr Interesse für Orientalistik zugunsten ihres Mannes aufgegeben. Ich weiß nicht, ob sie leidet oder sich mit der Situation arrangiert hat.

Kugel
Elisabeth ist das Körnchen Sand im Getriebe. Fast. Sie hat als erste in ihrer Familie studiert und macht gerade ihren Doktor. Das überträgt sich auf Pierre: Sie ist stolz, mit einem erfolgreichen und schwierigen Mann zusammen zu sein, denn sie hat einen Mann erobert, der über ihr steht. Aber für Pierre zählt das Gefühl des Verliebtseins mehr. Es lenkt ihn von seinen Problemen ab und gibt ihm Leichtigkeit zurück. Als Elisabeth u.a. fordert, zur Premiere kommen zu dürfen, lehnt Pierre ab. Beide Welten bleiben für ihn getrennt. Während Elisabeth danach strebt, gleichwertig behandelt zu werden, scheut Pierre die Verantwortung für eine zweite Frau. Ich weiß nicht, ob Elisabeth so naiv ist, und es nicht realisiert.

Der Erzähler: Unregelmäßig kommentiert der Erzähler das Geschehen und greift ironisch männliche Probleme auf. Wer der Erzähler ist, bleibt unklar. Erinnerte mich an Gossip Girl :-)

 

Schauspieler und Rollen


Stanislas Merhar (Pierre) habe ich erstmals in Eine saubere Affäre gesehen, in der er einen Travestiekünstler spielt, der zuerst eine Frau und dann ihren Mann verührt. Und kein gutes Ende nimmt. Ich war mir nie sicher, ob die Figur der machtvolle Verführer oder ein Opfer ist. "Pierre" wirkt wie eine Fortsetzung des in sich gekehrten Mannes, der sich nimmt, was er haben möchte, und trotzdem Angst hat, auf dünnem Eis einzubrechen. 2/3 des Filmes guckt Merhar ratlos in die Kamera, bis sich nach dem Wendepunkt ein Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnet. Ich fand das schön. Dass mit einer Regung soviel ausgedrückt wird. Trotzdem wünsche ich mir, mehr von ihm sehen zu können als einen Mann, der wie ein Zombie durch sein Leben stolpert.

Clotilde Courau (Manon) erinnerte mich an Isabelle Huppert. Stets elegant gekleidet bringt sie Ordnung in Pierres Leben. Sie ist eine zarte Schönheit, der man ihr Lebensalter nicht ansieht.

Lena Paugam (Elisabeth) sticht hervor. Mit ihrer eleganten Kleidung und dem leicht gestuften Longbob inkl. Pony wirkt sie erfrischend und geradlinig. Sie weiß, was sie will und ist Pierre verfallen.

 

Bild, Licht, Ton


Der Film spielt in Paris, zentrale Orte sind ein Café nahe einer Metro-Station und lange Straßen mit verschlossenen Fensterläden. Das unterstreicht das Trostlose im Leben beider Figuren. Ein langer Weg voller verschlossener Türen. Dazu passt auch, dass die Wohnung von Pierre und Manon spartanisch, wenig gemütlich eingerichtet ist. Sie wirkt geradlinig und gleichzeitig, als würden sich all diese Geraden behindern.

BlumeDer Film ist ein Schwarz-Weiß gedreht, was aber kaum auffällt. Ganz im Gegenteil: Die Bilder wirken klarer, die Handlungen verständlicher. Die Kontraste sind sehr hoch.

Typisch für franz. Filme arbeitet man mit viel Stille und viel klassischer Musik. Das macht den Film sehr ruhig und entspannend. Ich fand die Musik schön, aber sie nervte zunehmend, weil sie die Schwermut des Films unterstützte und ein bisschen klischeemäßig wirkte.

Thema


Betrug: Im Film geht es um Betrug. Wichtig war die Frage: Wiegt der Betrug der Frau schwerer als der des Mannes?  Als Pierre von Manons Betrug erfährt, ist er wütend und die beiden trennen sich. Seine Gefühlswelt wird deutlicher geschildert, während Manons Affäre selbst im Hintergrund bleibt. Ich glaube, Pierre war verletzt, weil durch den Betrug sein kleines, schützendes Iglu zerstört wurde und sich seine Bezugsperson nicht mehr vollkommen für ihn aufopfert. Allerdings sieht man Manon mehr leiden.

Sehr schön fand ich, dass Manon nach der Trennung zu Pierre sagt (sinngemäß): "Ich werde dir nicht vorlügen, dass es mir jetzt besser geht. Es ist schwer, alleine klarzukommen" Dieses Eingeständnis fand ich sehr gut :-)

Oder, um mal den Spiegel zu zitieren: "Männer kneifen, Frauen reifen. Ein glücklicher Idiot, wer in ihrem Schatten Schutz findet."

Der zweite Weltkrieg wirkt als Verbindung zwischen Manon und Pierre, denn beide arbeiten an diesem Projekt. Während man sie im ersten Drittel bei Interviews sieht, wird das Thema am Ende wieder aufgegriffen. Mit einer interessanten Pointe!

Fazit


Wer auf französische Liebesfilme mit hintergründig geschilderten Gefühlen steht oder sehen möchte, wie gut schwarz-weiße Film aussehen, wird bei diesem Werk seine Freude haben. Freunde verbaler Zweikämpfe und einer deutlichen Handlung sollten zu einem anderen Film greifen.

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