Freitag, 1. April 2016

"Morgens leerer, abends voller" von Tobias Keller

AvocadoHallo!

Dieses Buch war für mich mit einigen Konflikten verbunden. Es geht um die Schulzeit, und diese war für mich eher eine Dornenhecke anstatt eines Rosengartens. Außerdem versprach der Klappentext eine locker-durchgeknallte Geschichte mit Lovestory-Elementen - ich hörte den Kitsch vor meiner Haustür mautzen... Andererseits reizte es mich, meine Erwartungen zu überprüfen. Glücklicherweise habe ich bei einem Gewinnspiel auf LovelyBooks das Buch gewonnen *danke* und zusätzlich in der Leserunde mitgeschrieben. Dabei zeigte sich: Über Humor lässt sich streiten :-)

PS: Da es im Buch um Veganismus geht, habe ich mich an ein sehr einfaches (Fertig)Gericht getraut :-)


Allgemeines


Das Buch erschien 2016 bei dtv und hat 336 Seiten. Das E-Book kostet 8 EUR, die Papier-Version 10 EUR. Beziehen kann man das Werk auf der Verlagsseite und in jedem Online-Shop.

Der Verlag hat auch eine Extra-Seite mit Interview und Anekdoten eingerichtet.

Der Autor


Tobias Keller wurde 1989 geboren und studiert in Bochum Deutsch und Pädagogik auf Lehramt - er wird also tatsächlich mal Lehrer :-)

Ein Fleiß-Bienchen gibt es für den tollen Austausch bei der Leserunde - das war sehr amüsant und. bereichernd!

 

Das Cover


Das Titelbild wurde gestaltet von Johannes Wiebel und es ist ein Augenschmaus! Durch die klare Aufteilung bleibt es im Kopf, die dicke Katze löst imaginäre Knuddel-Orgien aus und der korrigierte Rechtschreibfehler zeigt, dass es um Schule geht. Ein prägnantes Bild, das viel Sympathie auslöst, aber den Stil ähnlicher Bilder aufgreift. Auf den ersten Blick ist es schön, auf den zweiten aber nichts Besonderes.

Schwierig finde ich, dass das Cover falsche Erwartungen weckt - denn der so prägnant gezeigte Kater kommt wenig im Buch vor.

Inhalt


DinkelmehlFabian Dreher, Lehrer an einer Gesamtschule in Wanne-Eickel, hat ein Problem: Er sitzt auf dem Elternsprechtag und weiß nicht, wer in die All-Star-Fußballmannschaft soll. Das ist die Rahmenhandlung. Dazwischen muss Fabi seine Supertalent-freie Klasse für die Lernstandserhebung fitmachen, entscheiden, was er mit seiner zur Veganerin gewordenen Freundin macht, mit Kater Poseidon klarkommen, gegen seinen Konkurrenten aus Studienzeiten bestehen und nebenbei versuchen, nicht im Selbstmitleid zu versinken. Dabei helfen ihm seine Freunde.

Der Klappentext setzt einen anderen Schwerpunkt als das Buch - es geht weniger um Liebe als um einen Lehrer und die Liebe zu seiner Klasse. Der Anfang war etwas langatmig und die Rahmenhandlung nicht immer verständlich, aber Fabis Klasse voller Persönlichkeiten trägt den Leser durch das Buch. Am Ende wird es actionreich und sehr witzig, was mich an die Pauker-Filme erinnerte!

Charaktere


Fabian Dreher ist die Hauptfigur und ziemlich undurchsichtig. Besonders am Anfang wirkt er desinteressiert gegenüber den Eltern und passiv. Wenn Flucht eine Lösung ist, kann er immerhin seiner Freundin Contra geben. Fabi ist der typische Verlierer, der von seinen Freunden wenig beachtet wird und erst über sich  hinaus wächst, als fast alles verloren ist. Ich hatte Mitleid mit Fabi und konnte oft nachvollziehen, warum er so hilflos ist. Andererseits nervten mich seine Fußballbegeisterung und seine Ich-Bezogenheit. Aber.. irgendwie ist er liebenswert.

Die Klasse spielt die eigentliche Hauptrolle. Im ersten Drittel waren sie für mich nur "die Klasse", aber später zeigt sich, dass sie motiviert sind und Fabi mögen. Und Fabi mag sie :-) Der Autor schafft es, die Schüler abzugrenzen, sodass sie im Gedächtnis bleiben. Es ist ein bisschen idealistisch, aber jeder Schüler hat etwas Liebenswertes. Allerdings: Der Autor stellt die Situation an einer Gesamtschule in der Provinz mit hohem Ausländeranteil dar. Für mich als Ex-Schülerin eines Gymnasiums, in dem der überwiegende Teil grammatikalisch korrektes Deutsch sprach, war die Sprache der Schüler im Buch sehr, sehr ungewohnt. Die Verhaltensweisen auch.

 Der Lehrkörper bietet Platz für einiges Amüsement. Vom steifen Philosophie-Lehrer über den Hasch-Freund bis zum Direktor mit Sprachbesonderheit ist alles vertreten. Sie lockern die Handlung auf, aber ich hätte gern mehr gesehen.

Die Freundin Fabis wird im Klappentext als zentrales Problem betrachtet, tatsächlich geht sie aber unter. Sie hat während eines Auslandsjahres beschlossen, vegan zu leben und erwartet das auch von Fabi. Außerdem ist sie zur Tierretterin geworden. Und erwartet das auch von Fabi. Fabi ist der Mensch, der nicht nur darunter leidet, sondern ihre Probleme lösen muss, wenn sie zuviel des Guten tat - z.B. einen Ameisenbär aus dem Zoo entführt hat. Ich glaube, real wäre ein Mensch, der sich so krass verändert, schwierig. Die Leben beider Figuren gehen in unterschiedliche Richtungen und keiner ist bereit, auf den anderen zuzugehen. Aber Fabi löst das sehr diplomatisch!

Poseidon ist ein Kater, den Fabis Freundin mitgebracht hat und auch er nimmt weniger Raum ein, als erwartet. Ist er anfangs eher ein Feind Fabis, wird er später zum Leidensgenossen, mit dem er heimlich Hähnchenschenkel teilt.

Themen


Veganismus/Tierschutz: Fabi und seine Freundin argumentieren kurz, aber heftig darüber. Dabei wird u.a. die Frage aufgeworfen, ob Tiere in Zoos besser aufgehoben sind als in der (möglicherweise lebensfeindlichen) Freiheit. Mir hat das viel Spaß bereitet, weil es nicht die typische "Schütze die Tiere!" - "Aber der Mensch ist für Fleisch gebaut!"-Diskusion war.

PaprikaSchule: Fabi muss sich mit verschiedenen Problemen beschäftigen - Schüler, die zu spät kommen, Schüler, die ... peinliche Dinge auf Schulbänke schreiben und Schüler, die nicht verstehen, warum sie lernen sollen. Besonders das Thema "Motivation" wird ausführlich dargestellt und sogar parodiert - Fabi besucht Unikurse zur Stoffvermittlung und versucht es später mit der Kumpel-Variante. "Lass doch mal den Dreher ran!" xD


Nachdenklich gestimmt hat mich auch die Frage, warum man für die Schule lernen soll, wenn man später ohnehin nur "Mechaniker" wird - wenn das Leben vorherbestimmt ist, weil die Eltern usw. in diesem Beruf gearbeitet haben. Oder warum es Eltern nicht interessiert, dass ihr Kind ständig zu spät kommt...

Fußball: Im Buch wird viel gefachsimpelt, denn das Allzeit-Team muss zusammengestellt werden. Für viele weibliche Leserinnen war das anstrengend und ich schließe mich dem an. Auch ich habe einige Seiten überlesen. Ich denke, Männer (oder fußball-interessierte Frauen) finden die Stellen gut. Da sie in der Rahmenhandlung verpackt sind, lenken sie vom Schul-Thema ab und Fabi wirkt dadurch menschlicher - Schule ist nicht alles für ihn. 

Schreibstil


Tobias Keller schreibt locker und gut lesbar. Fabi wirkt manchmal etwas arg ich-bezogen, aber naja. An einer Stelle wurde es ziemlich eklig, aber nachdem diese Seiten überstanden waren, ging es problemlos weiter.

Das größte Hindernis sind die Zeitebenen: Der Autor pendelt zwischen Gegenwart und Vergangenheit und manchmal weiß man nicht, wo man ist.

Die größte Freude sind, neben den schlagfertigen Dialogen, die Gedichte. Tobias Keller hat jedem Kapitel ein Gedicht vorangestellt, das auf den Inhalt verweist. Sie sind metrisch überwiegend korrekt, was mich freut - keine erzwungenen Reime, sondern viel Fluss.

 Leider fallen die Gedichte nach den ersten Kapitel nichtmehr auf, weil der Inhalt wichtiger wird. Ich denke, der Autor sollte dieses Talent aufbauen - aber auf anderen Wegen. Für einen Nebenjob als Geburtstagskarten-Dichter finde ich ihn zu schade, aber vielleicht klappt es mit einem modernen Schul-Drama :-) Oder einem Gedichtband, in Kombination mit einem düsteren Poeten...

Fazit


"Morgens leerer, abends voller" bleibt mir im Gedächtnis, weil ich eine intensive Zeit mit den anderen Leserunden-Teilnehmern und dem Autor erlebt habe. Das Buch selbst hinterlässt bei mir einen gemischten Eindruck. Die Veganismus-Diskusion, das Lehrerkollektiv und die Schülerschaft finde ich witzig, gut gelungen! Allerdings gibt es viele Elemente, die man aus anderen Büchern kennt. Das Buch greift viele Probleme des Schulalltags auf und hat eine positive Grundstimmung. Aber man weiß nie, ob es sarkastisch gemeint ist und wie groß der reale Kern ist. Der Autor hat Talent zum Schreiben, aber es scheitert am Alleinstellungsmerkmal. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt!

Weitere Rezensionen

Pfanne
NichtohneBuch vergleicht das Buch mit "Der Lehrer" und "Fuck ju Goethe"
Conny beschreibt kurz und treffend die guten und die schlechten Seiten.
DeineWeltmeineWelt beschäftigt sich mit dem Humor im Buch.
TinyHedgedog besticht mit Ausführlichkeit und geilem Foto :-)
Damaris liest hat sogar Poseidon einen extra Abschnitt gegönnt!
Gedankenspinner erfreute mich mit seinem erzählenden Stil.
Hobbyrezensentin beschreibt den Humor im Buch sehr gut!

Kommentare:

  1. Huhu,
    Na da hast du ja einiges zu dem Buch zu sagen! Schön und locker geschrieben, sodass es mir echt Spaß gemacht hat, deine Rezension zu lesen. Die Gedichte im Buch und später den Rap finde ich echt toll gemacht. Ich musste bei den Raps zum Teil herzhaft lachen!

    Vielen Dank auch für deine Verlinkung von meiner Rezension und für das Lob ;)

    Liebste Grüße,
    Lena von Tiny Hedgehog

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    1. Das freut mich! Der lockere Unterton fällt mir nicht mmer leichter, aber hier ging es :-)

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