Samstag, 21. Mai 2016

#MeetTheBloggerDE - Tag 21: Lieblings-Instagrammer... oder auch "Jan-Kristof"

Hallo!

Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Moment kommt, aber zum heutigen Thema weiß ich nichts zu sagen. Denn ich bin nicht auf Instagramm vertreten. Über meine Lieblings-Blogger und Lieblings-Musik habe ich euch aufgeklärt und meine Top5 der Lieblings-Magarine-Sorten interessiert euch bestimmt nicht :-) Daher gebe ich euch heute etwas anderes, sehr Persönliches - einen Text :-) Ich habe ihn für einen kleinen Wettbewerb vor einem Jahr verfasst und wenn ich ihn heute lese, hört er sich weniger "rund" an als damals. Aber ich habe festgestellt, dass er sich besser lesen als vor-lesen lässt.


Ich wünsche euch viel Spaß damit!

Jan-Kristof

FußEr war 30. Er hieß Jan-Kristof, wurde von seinen Freunden Cheesy genannt und arbeitete bei einem bald international agierenden Computerkonzern am Stadtrand. Jan-Kristof hatte nach dem Abitur ein Auslandsjahr in Frankreich absolviert und danach irgendwas mit Wirtschaft und Informatik studiert. Nach seinem Master in Amerika hatte er zwei Jahre ein Start-up-Unternehmen mitaufgebaut und war dann in die ruhigen Gefilde eines 9-to-5-Jobs eingekehrt. Er kam jeden Morgen um 9 an, legte die Füße auf den Tisch und begann damit, die Welt seiner Möchte-, Mochte- und Hasste-Gern-Kollegen zu retten. Zwei Kannen Kaffee später ging er nach Hause und rettete sein eigenes Leben. Jan-Kristof hatte einen mittel-großen Freundeskreis. Er war groß genug, um auf einer Veranstaltung X mindestens N Personen zu begegnen, aber nicht so riesig, dass der Weg von A nach B durch's Szenenviertel solange dauerte wie ein Stau zur Rush-Hour. Jan-Kristof war als besonnen, konflikt-fähig und verständnisvoll bekannt und konnte niemanden wirklich hassen,ausgenommen den Menschen, der die Sanduhr für Windows konzipiert hatte, aber Ubuntu war ohnehin besser. Jan-Kristof hatte in seinem Leben exakt 5,65 Freundinnen gehabt. 0,65, weil sich seine Freundin nach einer Freunschaft und einer Beziehung für eine Friends-with-Benefits-Geschichte entschieden hatte, bevor sie ihn endgültig verließ. Seine Fähigkeiten waren beachtlich: Er konnte nicht nur Streitgespräche auf binärisch führen und über Memes kommunizieren, auf einem Drucker „You are the sunshine of my life“ spielen und brennende Kerzen auf dem Desktop programmieren, nein, Jan-Kristof war auch im Glanze seiner ganzen Größe in jedem Fall überdurchschnittlich.

Das alles erzählte er mir, nachdem ich neben ihn auf einen Stuhl am Wald-und-Wiesen-Café in der Innenstadt geplumpst war. Ich hatte das dringende Bedürfnis gehabt, an einem Samstagvormittag passanten-rammend durch die Innenstadt zu rammeln, weil mein warm-weißes Top nichtmehr schön genug war und ich ein kalt-weißes haben wollte. Eine Stunde waberte ich durch die musikalischen Ergüsse der Store-Designer, deren Meinungen so unterschiedlich waren wie die Frage, ob Musik beim Shoppen überhaupt notwendig war. Am Ende ließ ich mich, ohne Shirt, aber mit neuem Lippenstift, auf den einzig freien Stuhl im Umkreis von fünf Metern fallen und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Jan-Kristof störte das nicht. Gekonnt pendelte er zwischen Kuchen, Smartphone und Kaffee, ohne einmal von seinem Handy zu essen oder vom Teller zu trinken.

"Entschuldige, dass ich mich einfach neben dich setze“, begann ich und blickte ihn schuldbewusst an. Jan-Kristof erwachte. Einem Jäger gleich analysierte er mein Aussehen, meine Accessoires und meine Gesten. Er schickte mich durch tausend Datenbanken und kam zu dem Schluss, dass ich als potentielle Momentan-Partnerin infrage käme.

„Das ist nicht schlimm! Ist sowieso kein Platz mehr frei“, erklärte Jan-Kristof und packte sein Handy weg.

In den folgenden 15 min. fuhren an uns 10 Straßenbahnen vorbei, 3 davon wechselten den Fahrer. 1 mal musste die Bahn klingeln, weil jemand auf den Gleisen stand, und 7 mal rannten Leute bei Rot über die Fußgängerampel. Währendessen diskutierte ich mit Jan-Kristof über weiße und dunkle Schokolade. Weiße Schokolade, argumentierte ich, sei extrem süß und schmelze zu schnell. Dunkle Schokolade dagegen bliebe länger im Mund und hinterließe einen bleibenden Eindruck. Jan-Kristof hielt dagegen, dass er weiße Schokolade einfach hinunterschlingen und daher gut beim Programmieren knabbern könne. Dunkle Schokolade sei einfach zu schwermütig. Wir beschlossen, niemals zusammen in einen Schokoladenladen zu gehen, und wechselten zur Hochschulpolitik.Ausführlich erklärte mir Jan-Kristof, welche politischen Kleinkriege intern geführt würden und dass Macht ein Gut war, das er nicht hatte und dem er deswegen willenlos ausgeliefert gewesen war.Dann erzählte er mir seine Lebensgeschichte. Ich legte Jan-Kristof meine Hand auf die Schulter und bedauerte ihn. Dann nahm Jan-Kristof meine Hand in seine und im Angesicht des fröhlichen Sonnenscheins auf traurigen Granitplatten beschlossen wir, exessiv der Kunst zu fröhnen und am nächsten Tag ins Theater zu gehen.

Wir waren jung und sahen gut aus. Jan-Kristof trug ein schwarzes Hemd, durch das sich zwei Brusthärchen kämpften, und dazu eine blaue Jeans. Ich hatte mich in mein blau-rosanes Duochrom-Kleid geworfen und eine silberne Spange ins Haar geklemmt. In der Pause unterrichtete mich Jan-Kristof über seine Interpretation von Schillers Räubern. Auch er habe sich ständig im Kampf gegen den großen Bruder, die Gesellschaft befunden, die ihm nichts gönnte außer Widerstand und Rachsucht. Obwohl er anderes in seinem Leben erreichen wollte, sei er ein glücklicher, wahrhaft seliger Mensch. Er wollte anderen helfen und sei letztendlich bei einem Computerkonzern gelandet, in dem er anderen tatsächlich helfen könnte. Tatsächlich würden die Server freidrehen und ihre User zur Verzweiflung treiben, wenn er sie nicht koordinieren würde. Ich lutschte an meiner Hollunderlimo und fragte mich, ob ich ihm noch ein Glas Rotwein holen sollte oder ob das vorherige schon zuviel war. Anschließend erklärte ich ihm, wie das Gebäude in den Fluten des Flusses versunken war und die Bühne zu jeder Vorstellung aus dem imaginären Meer emporstiege wie Atlantis. Jan-Kristof nickte und sah mich an wie jemand, der gern etwas verstehen würde, aber
nicht konnte. 

Nach der Vorstellung ließen wir den Abend auf einem Granitwürfel inmitten der grauen-steinernen Wüste des Vorplatzes ausklingen. Angestrahlt von auf alt gemachten LED-Laternen redeten wir uns unser Leben von der Seele. Jan-Kristof erzählte mir von Achterbahnen, die er befahren und Penisgemälden, die er erduldet hatte. Er berichtete von Freundinnen, die keine gewesen waren und Freunden, die sich als sehr loyal erwiesen hatten. Ich erzählte ihm von Büchern, die ich gelesen und Rezensionen, die ich verfasst hatte. Ich erklärte ihm, warum ich Hunde und Katzen gleichermaßen mochte und dass ich Menschen geil und ebenso gruslig fand. Anschließend stand ich auf und lief zu dem wässernen Vorhang, den man je nach Jahreszeit „Springbrunnen“ oder „Bilderrahmen“ nannte. „Komm mit!“, rief ich und winkte ihm. Jan-Kristof zögerte. Er mochte Wasser nur, wenn es sich in einer Badewanne und/oder einem Computerbildschirm befand. Doch schließlich folgte er mir.

Das Wasser traf uns wie ein Schlag. Ich wusste, dass es so kommen würde, es war nicht das erste Mal. Und dennoch hoffte ich, dass es nicht so wehtat. Aber Wasser fließt. Und je lauter es plätschert, desto stärker schmerzt es. Aber desto schöner hört es sich an. Da standen wir nun: zwei begossene Pudel in schicken Klamotten. Wir sahen uns an und lächelten.

Zwei Wochen später saß ich mit Jan-Kristof auf einer Bank am Fluss und betrachtete knutschende Pärchen, radelnde Fahrer und Inline-Skater, die sich geschickt zwischen Rentnern und Kinderwagen hindurch schlängelten.

„Meinst du, dass er sein Hemd heute noch auszieht?“, frage ich und zeigte auf den Mann mit dem Karohemd. Ich war mir nicht sicher, ob ich das sehen wollte.

„Ich habe auch ein Karohemd im Schrank“, antwortete Jan-Kristof und legte seinen Arm um meine Schultern. Ich nippte an dem Eistee, den er uns mitgebracht hatte. Er konnte nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Kochgeräten umgehen.

„Oh, das klingt interessant! Also kann ich irgendwann mal deine Karohemden-Sammlung sehen!“,
grinste ich. Jan-Kristof verstand den Gag und grinste zurück.

Dann erzählte er. Er erzählte von Freundinnen und Freunden und war ein wahrhaft soziales Wesen. Auf dem Jahrmarkt der Beziehungen hatte er alles durchprobiert: Er war mit gefährlichen Achterbahnen gefahren, hatte monotone Runden auf dem Kettenkarussel gedreht, war im Spiegelkabinett sich selbst begegnet und hatte im Schießstand mehr als einmal gewonnen. Er war
sogar Riesenrad gefahren, aber schöne Aussichten sind auf Dauer nicht zu ertragen. Ich sagte ihm ,dass ich lieber Berge bestieg und dann die schöne Aussicht genoss, dass ich den Weg mehr schätzte als das eigentliche Ziel und dass ich zu geizig für Dinge sei, von denen mir schlecht wurde. Jan-Kristof bot mir noch einen Schluck Eistee an. Er war ein wahrhaft soziales Wesen, das sich für andere aufopferte, bis alles verloren war.

Am Ende des Abends, der Typ im Karohemd war verschwunden, ohne sich zu entblößen, umarmten wir uns lange. Wir wirkten wie eine Einheit, die sich gefunden hatte. Wir passte gut in-, aber nicht zueinander. Ich würde Jan-Kristofs Nummer noch lange in meiner Adressliste stehen lassen, aber ich war mir sicher, dass sein Name nie wieder auf meinem Display aufleuchten würde. Jan-Kristof hätte mir vieles beibringen können. Er hätte mir gezeigt, wie ich vom Lateinischen ins Binäre übersetzen könnte, wie ich mir ein Pinguin-Kostüm nähte und dass mir auch Karohemden stünden. Er wäre mit mir auf coole Partys gegangen und hätte mich dazu gebracht, dass ich Achterbahn fuhr. Jan-Kristof hätte mir mit seinen 30 Jahren vieles beibringen können, das ich mit
meinen 26 noch nicht wusste.

Aber hätte ich ihm beibringen können, sich selbst zu lieben?

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