Freitag, 6. Mai 2016

"Zug um Zug" - Le Tournoi

StempelHallo!

Mit französischen Filmen haben ich oft Probleme - es wird vieles mit Schweigen transportiert, die Filme sind so ruhig, dass ich die Handlung nicht verstehe und auch wenn mich die Figuren berühren, fehlt mir eine Verbindung des Großen Ganzen. Bei diesem Film ist das nicht so. Ich habe selten einen Film gesehen, der in sich so schlüssig ist, der sich klar erschließen lässt, der aber nicht in Klischees versinkt. Ein Film, bei dem sich die Katastrophe schon früh abzeichnet, der einen aber auffängt, weil die Hauptfigur, so hoffnungslos sie ist, gleichzeitig rebelliert. Aus großer Angst folgt große Kraft :-)


Was passiert?


Le Tournoi handelt von einem Schachtunier in Budapest. Wir verfolgen die Clique um Schachtalent Cal, die den Tunierbetrieb mit ständigen Wetten und Partys auflockert. Es geht ihnen gut, den Jungs und Mädchen. Doch Cal beginnt zu taumeln, als er ein 9-jähriges Wunderkind sieht, das alle Gegener mühelos schlägt und nebenbei im Saal mit seinen Rollschuhen herumfährt. Cal zweifelt, sucht Hilfe und findet (vorläufig) keine - sein Schachtrainer appelliert daran, was er für ihn aufgeben musste, seine Freunde nehmen ihn nicht ernst und für seine "Freundin", die ihm Vorträge über Emanzipation (Wortspiel!) hält, ist er nur ein Mann, mit dem sie gleichziehen will. Als er sie benötigt, denkt sie an "Wettkampf". Erst am Ende trifft er Menschen, die tatsächlich an einer Lösung seiner Ängste interessiert sind. Aber welchen Weg geht er?

Ironischerweise wird die wichtigste Nebenfigur von einem Mann verkörpert, der kein professioneller Schauspieler, sondern Schachspieler ist :-)

Figuren


SchachbrettCal ist 22 und der Anführer der Gruppe. Anders als im Trailer dargestellt ist er nicht arrogant, sondern sehr sensibel. Der Wettkampf bereitet ihm Freude, aber er sehnt sich nach Zuneigung. Es hat mich überrascht, dass seine Fassade sehr früh bröckelt. Umso spannender ist es zu sehen, wie er an Türen klopft, die sich nicht öffnen oder hinter denen die Freundin lauert, die für einen Platz in der Nationalmannschaft mit dem Trainer schläft.

Michelangelo Passaniti erinnerte mich mit seinen vollen, dreieckigen Lippen und dem leichten Schnurrbart an den Prinzen aus "3 Haselnüsse für Aschenbrödel" und die Klischkos. Er hat den Mund meist geschlossen, wirkt in sich gekehrt, nachdenklich. Ich hätte mir ein bisschen Vielfalt gewünscht, finde ihn aber dezent präsent - das passt sehr gut!

Lou ist eigentlich eine Femme Fatale. Ich habe sie anfangs unterschätzt, weil sie mir leidtat. Sie war das Mädchen, das mit Cal keine öffentliche Beziehung führen kann und die darunter leidet, nicht so gut gefördert zu werden wie Männer. Aber im letzten Drittel zeigt sie, dass ihr Ehrgeiz das Einfühlungsvermögen beherrscht.

Lou de Laâge ist hübsch - mit ihren vollen Lippen und dem Pony wirkt sie unschuldig und verführerisch.

Die Clique hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihrem eigenen (und dem der anderen) Gewinnstreben Spaß entgegenzusetzen. Sie wetten ständig, verwüsten Zimmer und stapeln Möbel. Ich fand es anfangs lustig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie nackt durch das Hotel rennen und rauchen. Aber bald merkte ich, dass das kein Zeichen von Freiheit, sondern eines Gefängnisses ist - in der Realität könnten sie nicht einmal ein Ei kochen. Oder, wie ein anderer formuliert: Wir reden nicht über uns.

Die Clique besteht aus typischen Figuren wie dem Loser, dem Verrückten und dem Streber, der seinen Eltern beweisen muss, dass Schach eine Alternative zum Studium ist. Ich konnte sie gut unterscheiden.

Max ist das Wunderkind und für mich der Antagonist. Ich wusste nicht, was hinter seiner kindlichen-aufmümpfigen Fassade steckt. Ob er Cal herausfordert oder ob für ihn alles nur ein Spiel ist, genauso wie die das ferngesteuerte Auto in seinem Hotelzimmer. Max hebt sich durch seine bunte Kleidung vom grau-schwarzen Einheitsbrei der Schachspieler ab. Lange Zeit dachte ich, dass Max nur ein Trugbild ist, eine Verkörperung Cals jungem Abbild, einer Zeit, als Schach Spaß war. Am Ende werden seine vermeintlichen (?) Motive gut aufgelöst. Vielleicht sieht Cal Max als größere Bedrohung, als er ist.

Viktor ist Cals Schachtrainer und wirkt mit seinem schlanken Körper und den herunterhängenden Haaren ein bisschen ... erschöpft. Er führt das Team mit klaren Anweisungen an, gerät aber an Grenzen. Beispielsweise versucht er Cal mit der Aussicht auf Fahrstunden zu beeinflussen oder ihn mit seiner Freundin zu demütigen. Er hat sein Familien-Leben für Cal eingeschränkt und erwartet eine Gegenleistung. Auf mich wirkten die beiden wie Gegner. Ich fand die Figur ein bisschen klischeemäßig und hätte mir mehr Tiefe gewünscht. Andererseits wäre das zuviel geworden?

Themen


NahWas macht man, wenn sich abzeichnet, dass man hinfällt? Wenn man den Gegner deutlich vor sich sieht und keine Möglichkeit erkennen kann, hin zu besiegen? Manchen Figuren hätten diese Angst vor sich verschlossen - sie hätten exessiv gefeiert, mit Wut reagiert und ihre Umwelt verantwortlich gemacht. Cal sieht sich sehr klar - daher wird seine Angst in verschiedenen Facetten deutlich. Von Blackouts über Keks-Wettessen und tätliche Angriffe auf Max bis zur Flucht verfolgt man seinen Weg. Die Lösung erfolgt aus zwei Richtungen (von denen eine zwar bekannte Motive aufgreift, aber nicht überstrapaziert) und brachte mich zu folgenden Erkenntnissen: 1. Wenn man sich seiner Angst stellt, kann man den Gegner klar sehen und er ist nichtmehr übermächtig, sondern nur ein Gegner mit einer Strategie. 2. Vielleicht ist der eigentliche Gegner nicht Max, sondern Cals Wunsch nach Normalität. Vielleicht hasst er Max, weil Max noch die Wahl hat, ob er sich vom Schach einnehmen lässt oder seine Autos wählt.

Im professionellen Schachsport geht es weniger ums Denken, als um die Anwendung von Wissen. Besonders Viktor hat für jeden Gegner eine Strategie erarbeitet und wird sauer, wenn man von diesem Plan abweicht. Das fand ich ernüchternd und traurig.

Bilder


Bei so kompakten Filmen wie diesem sind Motive in mehrerlei Hinsicht wichtig. Am meisten auffällt der Kontrast zwischen Max' Kleidung und der der anderen Teilnehmer. Während die anderen Spieler, ausgenommen die Clique um Cal, in Grau- und Brauntönen gekleidet ist, trägt Max bunte T-Shirts. Außerdem tauchen oft Spiegel auf, die die Frage stellen "Wer bin ich? Bin ich ein Abbild eines Traumes oder...?" Auf knallbunte Drogenrausch-Szenen und die Panoramafahrt am Ende wollte die Macher nicht verzichten.

Fazit


FazitLe Tournoi ist Seelenfutter ohne Kitsch. Ich konnte mich gut auf den Film einlassen, mit den Figuren mitfühlen und mich mit dem Thema "Schach" beschäftigen. Anderseits war mir die Welt im Film so nah, dass ich danach problemlos in meinen Alltag übergehen konnte. Besonders nach großen Hollywood-Filmen brauche ich oft Zeit, um wieder "anzukommen". Obwohl der Film sich über weite Strecken mit dem Konflikt beschäftigt, hat er eine positive Ausstrahlung und das gefällt mir :-)

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