Mittwoch, 1. Juni 2016

Die Vier aus der Bibliothek - "Wind. Mühlen. Flügel" im Kleinen Haus

Hallo!

Der Stoff von "Don Quichotte" ist ein Klassiker der Literatur und wurde vielzählig verfilmt, in Musikstücke gepackt oder als Drama aufgeführt. Jeder kennt es, aber nur wenige haben es gelesen. Im Dezember konnte ich den Roman als Oper erleben und fühlte mich in dem bestätigt, was ich vermutete: Ein Mann in Ritterrüstung kämpft gegen Windmühlen und für eine Frau, die sich über ihn lustig macht. Das alles in spanisches Ritter-Flair gehüllt. Tobias Rausch und die Bürgerbühne nehmen sich des Stoffes ebenfalls an. Und werfen meine Vorurteile über den Haufen ...

 

Was ist die Bürgerbühne?


Die Bürgerbühne ist Bereich des Staatsschauspiels Dresden, der es Laien ermöglicht, an Stücken mitzuwirken. Neben "Clubs", in denen Stücke erarbeitet werden, gibt es Castings für feststehende Stücke. Zu denen kann jeder Bürger kommen und kann, wenn er ins Konzept passt, binnen 3 Monaten (bei Don Quichotte war das so...) ein Stück einüben.Teilweise steht man auch mit professionellen Schauspielern auf der Bühne.

 

Wann, wo und wieviel?


Das Stück wird in einer Studio-Bühne im Kleinen Haus aufgeführt. Im Juni gibt es noch 2 Aufführungen, ggf. wird das Stück auch in der nächsten Spielzeit gespielt.

Karten bekommt man für 10 / 12 EUR.

Das Stück läuft 1,5 h und wird ohne Pause gespielt.

Was passiert?


Die Rahmenhandlung bildet eine Bibliothek, in der der Roman wiederholt aus dem Regal fällt. Eine von 4 Bibliotheks-Mitarbeiterinnen hebt es auf und erzählt ihre Sicht auf den Roman.

Im zweiten Teil wird es intimer. Die Figuren erzählen von ihren (Alp)Träumen und wie sie scheiterten und damit umgingen. Auch Don Quichotte persönlich taucht auf.

Im dritten Teil abstrahiert das Stück weiter und fragt, was Helden und Träumer sind und wozu wir sie brauchen. Auch wenn ihre Taten absurd sind.

 

Wie gefällt mir der Inhalt?


Der erste Teil bildet einen guten Einstieg, weil nicht vorausgesetzt wird, dass man den Roman kennt. Die Figuren werden den Zuschauern schon am Anfang sympatisch. Aber die Einleitung war sehr, sehr lang. Während mich die Frage nach dem Sinn beschäftigte, hatte meine Begleitung intensive Verständnis-Schwierigkeiten. Auch wenn Saatkörnchen gelegt werden, die im zweiten Teil aufblühen, war es für mich ein lahmer Einstieg.

Im zweiten Teil fühlte ich mich wie im Parallel-Universum einer Scripted-Reality - Gefühle prasselten auf mich ein und Geschichten, die schrecklich waren und bei denen ich wusste, dass sie nicht vollständig erfunden sein können. Es hat mich betroffen gemacht, dass manche Dinge gut anfangen und schrecklich enden. Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Für mich war der Teil so intensiv, dass er ein bisschen vom Thema ablenkte.

Der dritte Teil führte alles zusammen und ich fand die Schlussfrage gut.

Die Aufführung selbst


Kein Spoiler: Das Publikum wird eingebunden. Aber es endet nicht mit der Frage "Wer hat den Roman gelesen?", sondern geht weiter. Ich fand das sehr, sehr toll, weil ich mich den anderen Zuschauern verbunden fühlte - wir hatten keine Ahnung, wir wurden gemeinsam überrascht und haben gemeinsam gelitten und uns gefreut. Das war... toll :-)

Das Stück erinnerte mich an ein Revue-Theater, denn es wird getanzt, gesungen und es gibt ein Navi mit Cheerleader-Ansagen. Es war abwechslungsreich und hat mich gut unterhalten.

Die Figuren sind gegensätzlich und sprechen gegensätzlich. Sie wirkten mittelmäßig "theatralisch" (Wie beschreibt man diese Sprechweise?) Ich fand es an manchen Stellen etwas zu schnell und hatte Probleme, die Sätze aufzunehmen. Aber die Figuren haben gut miteinander harmoniert.

Übrigens wurde auch "Versprecher" gut gemeistert - vielleicht war das auch Absicht? Versprechen ist eine Form von Scheitern :-)

Gut fand ich auch, dass Bezüge zur Realität erwähnt, aber nicht ausgebreitet werden.

 

 

 Das Bühnenbild


Das Bühnenbild besteht überwiegend aus Gegenständen, deren Schatten an die Wand geworfen werden. Das ist sehr beeindruckend! Dass man aus Plastik-Besteck die Silhouette Dresdens erschaffen kann, fand ich toll! Außerdem werden mit einem Polylux (?) Bilder von hinten an die Stoffwand projizert.

Das Bühnenbild ist schön, wirkte auf mich aber wie die Tonspur in einem Musikstück - es hat etwas Eigenes, hilft aber auch dem Text. Das schwankte. Wenn Bedrohliches erzählt wird, unterstützen die Bilder einer Wüstenlandschaft mit Windmühlen das Geschehen, macht es grusliger. An anderen Stellen nimmt das Gesprochene soviel Raum ein, dass man kaum auf das Bühnenbild achtet. Und an einigen Stellen ist die Erzählung so krass, dass ich nicht verstand, warum man das bildlich untermalen muss. Vielleicht sollte das ein Ausgleich sein?

Die Musik


Die Musik kommt überwiegend von echten Musikern aus einem halb-verhüllten Teil der Bühne. Sie erinnerte mich an Märchenfilme der 60er und 70er Jahre und das war schön! Man kann diese Musik alt finden, ich fand das eine schöne Hommage!

Fazit


"Wind. Mühlen. Flügel" ist ein zugängliches Stück, das Spaß macht. Ich fühlte mich nie deplatziert und wurde gut unterhalten. Das Bühnenbild ist liebevoll und schön anzusehen. Und auch der Anteil der "Biografien-Arbeit" war passend - das habe ich nicht vermutet! Allerdings fand ich die Einleitung zu lang und den letzten Teil zu kurz. Die Einleitung ist wichtig, um die Figuren kennen zu lernen, einen persönlichen Bezug aufzubauen. Aber das Thema "Was ist Mut? Was ist Scheitern?" bot viel Potietial und ich hätte gern mehr gesehen.

Nichtsdestotrotz hat mich das Stück sehr berührt und wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über deinen Kommentar! Für Fragen oder Kommentare zu meinem Kommentar auf deiner Seite kannst du mir eine Nachricht schicken - oben rechts steht die Adresse :-)