Freitag, 8. Juli 2016

"Coherent" von Laura Newman

Stufen gesamtHallo!

Als ich diese Rezi verfasse, ist es der zweite Tag nach dem Ende der MeetTheBloggerDE-Instagramm-Challenge *bitte einmal aufsagen, ohne zu atmen* und obwohl ich das tägliche Schreiben nie als besonders wahrgenommen habe, dachte ich mir beim Aufstehen "Welches Bild kommt heute? Welchen Text werde ich schreiben?" - die Gewohnheit :-)

Zurück zum Buch: Ich wollte nie ein Buch von Laura Newman lesen. Fantasy ist nicht mein Lieblings-Genre und Jugendbuch... nee. Dann habe ich ihren Youtube-Kanal entdeckt und war interessiert - der Informationsgehalt in ihren Ratgeber-Videos ist toll, aber ihre Auftreten wirkt auf mich sehr durchdacht bis kühl. Andererseits spürte ich, welche Freude sie beim Gestalten hat - beim Video-Schnitt, beim Anfertigen von Werbe-Material, bei der Gestaltung der Cover - das wollte ich hinterfragen. Ich wollte sehen, ob Laura Newman nicht nur gut gestalten, sondern auch gut schreiben kann.


Allgemeines


Das Buch hat 448 Seiten und erschien im Dezember 2015. Nachdem es (vermutlich) zuerst selbst veröffentlicht wurde, wird es nun beim Drachenmond Verlag herausgegeben. Das E-Book kostet 5 EUR, das Taschenbuch 15 EUR und die Hardcover-Ausgabe 22 EUR.

Das Taschenbuch ist mit ca. 14 x 21 cm etwas größer als gewohnt, aber es hat mich beim Lesen nicht behindert.


Titelbild und Titel


Das Cover hat mich in seinem Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. Ich liebe Blau und Türkis und das Mädchen mit den roten Haaren passt super. Problematisch bei Figuren finde ich, dass Haare oft unscharf oder zu detailliert aussehen - das tun sie auch auf dem Titelbild. Außerdem wirkt das Mädchen ziemlich blass und das Gesicht künstlich. Das passt zum Buch - ein Mädchen, das sich erst finden muss und bei dem man nicht weiß, wieviel Technik in ihr steckt. Aber ich kann es nicht lange angucken :-)

Der Titel gefällt mir nur nur wenig. Auf dem Cover sieht das gut aus, aber ich finde das Wort schwer auszusprechen und für mich klingt es nicht gut. Das Wort klingt technisch, nicht greifbar, nicht treibend. Anderseits passt das zum Buch - denn das Buch ist in der ersten Hälfte sehr ruhig, bis es in der zweiten spannend wird.

Inhalt


Sophie lebt ein beschauliches Leben in einer amerikanischen Kleinstadt - bis zu dem Tag, als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben. Neben der Trauer hat Sophie ein weiteres Problem - plötzlich prasseln Informationen von technischen Geräten auf sie ein, ohne, dass sie das kontrollieren kann. Beim Schüleraustausch in in Frankreich lernt sie nicht nur ihre Fähigkeiten besser kennen, sondern auch Jean lieben.

Zwei Jahre später ist die Beziehung nicht mehr vorhanden und Sophies Tante Anna stirbt nach langer Krankheit. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Sophie und Jean werden von mysteriösen Männern gejagt und Sophie erfährt unschöne Details über die Autounfall ihrer Eltern. Am Ende gibt es einen Knall. Mehrere :-)

Der Klappentext des Buches hat mir sehr gut gefallen! Ich hatte das Gefühl, dass sich das Buch intensiv mit der Technik beschäftigt, ihren Vor- und Nachteilen. Ich hatte erwartet, dass ich darüber gut nachdenken kann. Das war ein Irrtum - spannend wird es auf den letzten 50 Seiten und hinterfragt wird wenig. Sophies Fähigkeiten werden an einigen Beispielen demonstriert, aber mit dem Ende werden auch Fragen ausgelöscht. Ich hatte das Gefühl, dass es Newman weniger um Technik als um die Gefühl der Figuren ging.

Figuren


Stufen nahSophie ist ein junges, relativ naives Mädchen. Sie war für mich keine glanzvolle Heldin, aber sie kann gut denken. Manchmal ist sie ein bisschen impulsiv. Ich finde es gut, dass sie kühl, aber sehr sozial ist. Leider wird von ihrer Familie, obwohl sie so wichtig ist, wenig erzählt. Das ist ärgerlich, weil das Ende dadurch nicht so stimmig war.

Jean ist Sophies Freund und sehr leidenschaftlich. Er entwickelt eine große Faszination für ihre Fähigkeiten, was ich nicht gut fand - ich hatte Bedenken, dass Sophies Techy-Skills wichtiger sind als sie, dass sie nur ein Spielzeug für Jean ist. Im zweiten Teil entwickelt er sich um aufopferungsvollen Helden und er wurde für mich "plastischer". Trotzdem fehlte mir Jeans "weiche" Seite - obwohl oft der Konflikt mit seiner Familie betont wird, kam das bei mir nicht an.

Lamar ist der Anti-Held der Geschichte. Er ist ein Ex-FBI-Agent, der irgendwann scheiterte, dem Alkohol verfiel und von Frau und Tochter verlassen wurde. Es war sehr schnell klar, auf welcher Seite Lamar steht und was seine Funktion ist. Aber ich konnte ihn nicht verstehen. Ich konnte keine Sympatie für einen Mann entwickeln, der merkt, dass seine Probleme selbst verschuldet sind, dem aber das letzten Fünkchen Einsehen fehlt. Lamar wirkt, als sei er sich selbst hilflos ausgeliefert.

Das Kollektiv ist ziemlich unaufgeregt, jeder hat seine Rolle und füllt sie aus. Erst am Ende kommt eine Nebenfigur hinzu, die Humor hineinbringt. Schade, dass das vorher nicht so war. Ich glaube, das Buch ist sehr fokussiert.

Perspektiven


Wie in vielen Büchern verwendet die Autorin die Sicht der drei Hauptfiguren, um das Geschehen zu schildern. Allerdings sind die Sichtweise personal. Das hat den Vorteil, dass man für alle Figuren "denselben" Erzähler nutzen kann und man als Leser nicht erwartet, dass alle Perspektiven unterschiedlich klingen. Allerdings entsteht dadurch Distanz, weil mehr erzählt als gefühlt wird. Auf mich wirkte das sehr trocken, und die Handlung kam nicht voran.

Am Ende raubt das dem Ende die Spannung - weil man den Showdown nach zwei Erzählungen durchschaut (und durchlitten) hat, aber die dritte Perspektive noch beleuchtet werden muss.

Themen


Forschung: Das zentrale Thema des Buches ist die Frage, welche Opfer man für die Forschung bringt und welche Folgen sie hat. Fast. Denn oft wird angedeutet, dass die neue Technik nicht in die Hände von Staaten fallen darf - aber es wird nie erklärt, warum. Es wird eine Situation erzeugt, die bedrohlich wirken soll, aber auf mich nicht bedrohlich wirkt.

Spoiler

Etwas ähnliches trifft auf den Vater zu - nachdem Sophie gefangen genommen wurde, bemerkt sie oft, wie kalt ihr Vater, aka Ober-Forscher, geworden ist. Aber am Anfang erfährt man kaum etwas über die Eltern. Der Kontrast aus liebendem Vater und kühlem Forscher, den man erwartete, blieb aus. Übrigens verstehe ich auch nicht, warum Sophie die Tests, die sie durchführen wollen, problemlos mitmacht. Aus Resignation?

Immerhin: Die Idee, der Tochter die Nano-Teilchen mittels Orangensaftes einzuflößen, ist super! Das war innovativ!

Spoiler Ende

Ich denke, Macht ist gefährlich, wenn sie nicht gleichmäßig verteilt ist. Würde die Technologie allen zur Verfügung stehen, wäre das kein Problem.

Liebe: Die Liebe war für mich nicht so wichtig, ist aber deutlich spürbar. Besonders im ersten Drittel wird Romantik celebriert, mit Feuerwerk, in Frankreich... sehr liebevoll und feinfühlig. Liebe zieht sich durch das ganze Buch, aber der Bruch und die Verfolgungsjagd waren für mich schwer nachzufühlen. Denn die Figuren bleiben bei sich, weil sie eine Aufgabe bewältigen müssen.

Selbst-Aufgabe: Besonders an Lamar sieht man, wie sehr Menschen resignieren und wie sie versuchen, ihre Schuld auszugleichen. Lamar merkt, dass etwas schlecht läuft, aber er weiß nicht, woran das liegt. Er kämpft mit seinem Stolz und scheitert. [Spoiler] Erst am Ende gibt er sich selbst auf, er opfert sich. [Spoiler Ende]


Schreibstil


MauernDer Stil ist gekonnt. Das Buch war einfach zu lesen und ich hatte nie das Gefühl, dass die Autorin "verkrampft" schreibt - alles floss dahin.

Gut gefallen haben mir kleine Gags, die mich zum Lachen brachten - das macht den Stil besonders!

Weniger gut waren Sätzen, die länger als drei Zeilen waren und sich schlecht lesen ließen.



Fazit


"Coherent" war anders, als ich erwartet habe. Es ist keine Dystopie mit Liebeselementen, sondern eine Liebesgeschichte mit Dystopie-Elementen. Ich war am Ende enttäuscht, dass es nicht so technisch war und dass der Vater als Symbol dessen so wenig betrachtet wird.

Andererseits gibt es viele Kleinigkeiten, die mir gefallen haben: Das Cover, der Humor und die Tatsache, dass die Autorin Jean versucht auszubauen, obwohl er "nur" eine Nebenfigur ist.

Freunde schöner Liebesgeschichten werden mit "Coherent" schöne Stunden haben, Verfechter von Dystopien finden andere Stoffe.

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