Montag, 25. Juli 2016

"Grüner Dresdner" von Marcus Wächtler

Festung DresdenHallo!

Wie schreiben Autoren über meine Heimatstadt? Diese Frage beschäftigt mich schon sehr lange und dabei lerne ich viele Autoren und Bücher kennen. Bisher führte sie mich zu einem Krimi von Frank Goldammer und einem Young-Adult-Roman von Vanessa Carduie.

Auf Wächtlers Debut-Roman aufmerksam wurde ich über das Neustadt-Geflüster, einen regional bekannten Newsblog.




Allgemeines


Das Buch ist bei swb Media Publishing erschienen und hat 366 Seiten. Man kann es als E-Book für 7 EUR, als Papierversion für 13 EUR erwerben.

 

Der Autor


Marcus Wächtler ist (derzeit) 36 Jahre und lebt seit 15 Jahren in Dresden. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet heute als DJ.

Auf seinem Blog verlinkt er Schreibtipps und liefert Hintergrundinformationen zum Buch.

Außerdem hat er bei Coloradio ein Interview und einige Einblicke ins Buch gegeben.

Inhalt


Es ist etwas faul in Dresden! Neben dem kleinen Grünen Dresdner, einem Diamanten, gibt es einen großen Grünen Dresdner - und viele Leute wollen ihn haben. Während ein skrupelloser Firmenchef und seine menschliche Tötungsmaschine den Edelstein verkaufen wollen, möchte ein Geheimrat die Monarchie in Sachsen zurückbringen und benötigt den Diamanten als Symbol.

Und mittendrin befindet sich Tina, eine Historikerin/Geschichtswissenschaftlerin/Promovierende, die ihre Doktorarbeit über die Geschichte des Diamanten schreibt und binnen eines Tages durch die Uni und den Rest der Stadt gejagt wird. Dabei kommen ihr der Zufall und manche Menschen zuhilfe. Aber wem kann sie trauen?

Charaktere


Tina ist die Hauptfigur und relativ jung. Sie hat bei der Bundeswehr gearbeitet und dort gute und schlechte Erfahrungen gesammelt. Danach studierte sie Geschichte und schreibt jetzt an ihrer Doktorarbeit. Tina ist etwas naiv, weiß sich aber zu wehren. Und sie ist emotional. In Stresssituationen ruft sie sich historische Fakten ins Gedächtnis. Tina war für mich ein Küken, aber an manchen Stellen sehr taff. Ich kann sie nicht einordnen. Eine Besonderheit: Tina ist lesbisch, weswegen ein Onlineportal froh schrieb "Eine lesbische Historikerin ermitttelt" Das wird an einigen Stellen erwähnt, aber es gibt keine Liebesgeschichte. Ich finde die Umsetzung gut, eine Prise mehr hätte aber nicht geschadet :-)
Geländer Brühlische Terasse
Noah ist der Bodyguard Gideon van de Kramers und ein Riese. Er ist ein Mensch mit viel Wut und anderen Emotionen, die er gern an Menschen auslässt. Wie ein Jäger will er sein Opfer erlegen, wenn er seine Fährte aufgenommen hat. Aber er folgt seinem Chef nicht blind. Interessant fand ich die Passagen, in denen man etwas aus seiner Vergangenheit erfährt. Ich fand Noah als Figur sehr reizvoll und habe immer gehofft, dass er sich zur guten Seite wendet.

Gideon van de Kramer ist Noahs Chef und ein Diamantenhändler aus Südafrika. Er jagt den Grünen Dresdner, um ihn zu verkaufen. Von van de Kramer liest man nur wenig, er ist der Oberfiesling, der sich im Hintergrund hält. Und er kann sehr grimmig gucken.

Andreas ist die Schlüsselfigur des Romanes. Anfangs schien er sehr nett und unbeholfen, es zeigt sich aber, dass das nur Fassade ist.

Walter Helmholtz ist einer der beiden Ermittler. Er arbeitet für die Polizei. Walter erinnerte mich an "Columbo", weil er dusslig und aufbrausend ist und oft die falschen Schlüsse zieht. Er fühlt sich von seinen Kollegen nicht ernst genommen. Außerdem hat er zwei Helfer, die kaum in Erscheinung treten.

Sylvie Brandt ist Beamtin des BND und wurde aufgrund eines Hilferufs nach Dresden geschickt. Auch sie ist sauer auf ihre Vorgesetzten und hat eigentlicht keine Lust, heftet sich aber an van de Kramers Spuren.

Die Figuren sind gut aufgestellt, bleiben aber blass. Tina rennt, Noah grummelt, die Ermittler regen sich auf, weil sie nicht wahrgenommen werden. Obwohl besonders Walter und Noah Potential haben, verpufft das im Schreibstil.

Dresden


Der Krimi spielt überwiegend in der historischen Altstadt, einem Uni-Gebäude und es gibt einen Ausflug in die Neustadt. Das Buch enthält sehr, sehr viele Fakten und auch wenn sie mich störten, gehe ich mit anderen Augen durch die Stadt. Es ist erstaunlich, was hinter den Gebäuden steckt. Ich fand das sehr schön!

Spannung


Der Krimi ist sehr spannend! Schon bei 45% des Buches hört die Verfolgungsjagd (vorläufig) auf und Tina beginnt, das Puzzle zu lösen. Der Leser folgt ihr. Bedingt durch Andreas wusste man nie, ob es gut ausgeht oder nicht. Die Schritte waren nachvollziehbar und nur am Ende hatte ich mit der Logik zu kämpfen. Ich habe tatsächlich mitgefiebert!

Die Handlungsstränge sind gut verknüpft.

Hinzu kommt, dass am Anfang einige Menschen sterben. Dadurch erzeugt der Autor das Gefühl, nie sicher zu sein. Man weiß nie, wer die nächsten Seiten überlebt.



Schreibstil


Festung DresdenDas Buch enthält sehr viele historische Fakten, was stellenweise mit Tinas Stress-Level erklärt wird. Besonders in der ersten Hälfte erfährt man vieles über den Schumann-Bau der TU Dresden und andere Gebäude. Hätte ich diese Fakten auf einer Info-Tafel gelesen, während ich ein Museum besuche, wäre ich dankbar gewesen und hätte in Ruhe genossen. Aber in einem Krimi will ich vorankommen. Und die Fakten behinderten. Der Lesefluss wurde abgebremst und in der zweiten Hälfte wusste ich oft nicht, ob ich querlesen sollte, weil die Figuren Historisches erzählen, oder ob etwas Wichtiges geschrieben steht. Ich konnte die Fakten schlecht im Kopf behalten.

Ich hatte das Gefühl, dass den historischen Fakten auch die Figuren untergeordnet werden, oft hörte ich  nicht die Figuren, sondern den Erzähler.

Dazu trägt bei, dass es wenige Dialoge gibt und die indirekte Rede benutzt wird. Die Dialoge sind oft lang, pathetisch, als müsste die Sätze wichtig klingen, nicht lebensnah.

Außerdem gibt es einige Füllwörter. Die Rechtschreibung ist super, aber die Füllwörter haben die Text sperrig gemacht. Ein besonders unschönes Beispiel: "Eigentlich hatte sie soeben das eigentliche Dresden verlassen, kam der Historikerin zu Bewusstsein." (40%)

Genervt hat mich, dass Tina ständig als Geschichtswissenschaftlerin (77 Mal), Historikerin (100 Mal) oder Landeshistorikerin (43 Mal) bezeichnet wird. Dadurch wird ihr Status sehr oft betont und ich finde das an vielen Stellen nicht notwendig - es ist wichtiger, dass sie wegrennt :-)

Gut gefallen haben mir die Kritik zur Stadt (z.B. "Theoretisch wäre es denkbar, dass endlich einmal wieder jemand versuchte, in die Dresdner Museen einzubrechen." (37%)) und der feine Humor, der besonders bei Walter spürbar ist.

Außerdem fand ich es gut, dass die Kapiteltitel nach den Figuren benannt und ziemlich kurz sind.

Brunnen Albertinum Fazit


"Grüner Dresdner" ist ein gutes Debut. Das Roman ist toll konstruiert, spannend und man lernt einiges. Allerdings ist die Fakten-Fülle nicht für jeden Leser etwas. Und ich freue mich, wenn die Fiugren im nächsten Werk besser ausgearbeitet werden.


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