Montag, 8. August 2016

"Mozart in the Jungle" - Staffel 1

Brunnen GGHallo!

Nachdem ich diese Serien binnen einer Woche durchgeguckt habe, steht für mich fest: Binge-Watschen kann ich nicht. Einerseits wollte ich wissen, wie es weitergeht, andererseits fehlte mir die Zeit, um alle Aspekte zu verarbeiten. Deswegen werde ich die zweite Staffel im Wochenrhythmus konsumieren. Vielleicht :-)

Übrigens ist diese erst die zweite Serien-Kritik des Blogs - nach Masters of Sex.



Allgemeines


"Mozart in the Jungle" wurde für Amazon Prime produziert und hat 3 Staffeln mit je 10 Folgen. Eine Folge hat ca. 20 - 25 min Laufzeit.

Worum geht es?


Musik. Hailey spielt Oboe und wird eines Tages in die New Yorker Symphoniker aufgenommen - als Assistentin des neuen Dirigenten Rodrigo. Dieser ersetzt Thomas, der (vermutlich) in Rente geht, sich aber abgesägt fühlt. Als Zuschauer verfolgt man nicht nur, wie beide aufsteigen, sondern auch, welche Prozesse sich innerhalb eines Orchesters abspielen.

Charaktere


Hailey Rutledge schlägt sich in New York mit kleinen Auftritten und als Lehrerin talentfreier, pubertierender Schüler durch. Zufällig lernt sie Cynthia kennen, die bei den New Yorker Symphonikern spielt und sie zu einem Casting schickt. Hailey ist nicht gut genug für das Orchester, bekommt von Rodrigo aber die Möglichkeit, als Assistentin mehr über das Orchester und die Musik zu lernen und sich zu verbessern. Hailey hat eine freundliche Ausstrahlung, ist aber noch etwas naiv. Sie opfert viel für Rodrigo, zeigt aber auch Grenzen. Ihr Ziel sind die Synphoniker und dieses Ziel zweifelt sie nie ernsthaft an. Sie reift noch :-) Und sie ist etwas verklemmt. Aber sie reift ja noch! Und sie hat eine "normale" Figur.

Rodrigo Da Souza ist ein charismatischer Mensch. Er ist kein über-selbstbewusstes Wunderkind, sondern ein Mann mit Verantwortungsgefühl. Für mich hat Rodrigo die erste Phase seiner Entwicklung, das Ausbrechen und Anzweifeln, überstanden und befindet sich nun in einer Zwischenstufe. Besonders bei der Konfrontation mit seiner Frau Anna-Maria merkt man, dass er leidenschaftlich ist, aber die Menschen im Orchester höher stellt als sich. Für Rodrigo ist das Gefühl der Musik am wichtigsten, weswegen er zu ungewöhnlichen Maßnahmen greift. Aber er muss noch lernen, dass er als Dirigent eine Außenwirkung hat und dass er Ansprechpartner für kleine und große Probleme ist - z.B. die Toilettenpausen. Rodrigo ist ein spiritueller und perfektionistischer Mensch.

Beeren
Cynthia ist eine schöne Frau und hat etwas von einer "femme fatale". Sie spielt Cello und hat zu vielen Mitgliedern des Orchesters ein gutes Verhältnis. Außerdem hat sie eine Affäre mit Thomas. Damit wird sie zum Bindeglied verschiedenster Figuren. Ihre Beweggründe und Gefühle werden von diesem Bild überstrahlt. Nur an manchen Stellen merkt man, dass sie tiefere Gefühle gegenüber Thomas hat und dass sie Schwächen nicht zugeben kann.

Thomas ist der "alte" Dirigent und sehr lange sehr eifersüchtig auf Rodrigo. Nach seinem Ausscheiden reist er nach Kuba und komponiert. Thomas ist ein "Connaiseur" in Reinform, ein Mann, der gut Aufmerksamkeit auf sich zieht und das auch benötigt. Am Ende der ersten Staffel findet Thomas seine neue Rolle.

Gloria ist die Präsidentin des Orchesters und die Verbindung zwischen den Geldgebern und dem Orchester. Deswegen achtet sie darauf, dass Rodrigo als Repräsentant die Mäzine des Orchesters beeindruckt. Sie ist ein glamuröser Mensch.

Lizzie ist Haileys Mitbewohnerin und nicht so verrückt, wie ich vermutete. Lizzie ist der selbstbewusste Teil der WG, merkt das aber lange nicht. Sie hadert mit ihrer Herkunft und bemerkt erst spät, dass das ein großes Privileg ist. Lizzie weiß, wie wichtig Hailey die Musik ist und sie ermutigt sie. Ich finde es sehr lustig, wenn beim Flaschendrehen z.B. Stücke gespielt werden müssen. Das Flair ist toll!

Alex ist Haileys Schwarm und Tänzer. Ich hatte erwartet, dass die Serie zeigt, wie unterschiedlich Musik und Tanz als Kunstform sind, aber trotz einiger Tanz-Szenen wirkt Alex blass. Er weiß nicht, was er mit seinem Leben machen soll und ob der körperliche Aufwand mit dem finanziellen Lohn zu rechtfertigen ist. Obwohl Alex ein hübscher Mann ist, besteht seine Aufgabe darin, ein männlichen Gegengewicht zu Rodrigo darzustellen und Zuckerwatte ins Geschehen zu bringen.

Anna-Maria ist Rodrigos Frau und für mich sein "Schatten". Die Liebe der beiden erschafft und zerstört. Anna-Maria spielt Violine und führt Konzerte in Parks oder auf Müllhalden auf. Es ist ihr wichtig, dass Musik nicht nur der "Oberschicht" zugänglich ist. Ihre Geheimkonzerte sind durchorganisiert.  Aber auch sie ist perfektionistisch. Anna-Maria neigt zu Wutanfällen, vertraut aber Rodrigo.

Die Figuren sind besser, als ich gedacht habe. Während ich Hailey schlecht einschätzen kann, wirkt Rodrigo mit seiner Mischung aus Verantwortung und Sich-Suchen sehr reizvoll. Auch das Gespann Cynthia und Thomas gefällt mir. Einige Mitglieder des Orchesters werden auch beleuchtet. Aber hier wird Potential verschenkt, denn es sind zuwenige. In einigen Folgen wird angedeutet, dass ein Paar ein Kind haben will, aber meist beschränken sich die Figuren auf Drogen und Gewerkschaften.

Themen


ÜberlappungGewerkschaft: Ein spannendes Thema, das auch in der zweiten Staffel forgeführt wird. Ich wusste bis zur Serie nicht, dass Musiker gewerkschaftlich organisiert sein können und dass sie für mehr Urlaub und eine bessere Krankenversicherung kämpfen, sogar streiken können. Es fiel mir schwer, nicht den Faden zu verlieren, weil das der einzige Konflikt innerhalb des Orchesters ist.

Kunst ist nicht gratis: In der Serie wird oft betont, dass das Orchester wirtschaftlich arbeiten muss. Obwohl die Konzerte ausverkauft sind, können die Kosten nur durch Spenden bzw. Förderungen gedeckt werden. Für die Musiker bedeutet das, sich bei Persönlichenkeiten anzubiedern, während sie vom Buffet für die Hausangestellten essen dürfen.

Kunst im öffentlichen Raum: Viele Szenen spielen im Konzertsaal, doch in einer Szene spielt das Orchester auf einer Brache zwischen zwei Häusern. Was als (illegale) Probe beginnt, wird zum Straßenfest für die Bevölkerung. Es geht darum, dass Musik Menschen vereint, antreibt und keine Standesunterschiede kennt. Gleichzeitig fühlen sich die Musiker den Menschen sehr nah und spüren, was sie auslösen. Ich denke, das ist ein schönes und wichtiges Gefühl!

Beziehungen und Bewunderung: Die Anziehung zwischen Hailey und Rodrigo ist deutlich. Während Hailey seinen Mut bewundert und sein Anliegen, mehr als perfekte Töne zu schaffen, genießt Rodrigo, dass sie ihm vertraut. Ähnliches habe ich bei Cynthia und Thomas erlebt. Thomas mag Cynthia, weil sie, als relativ junge und sehr hübsche Frau, mit ihm schläft und weil sie an seinem Selbstbild als großer Dirigent festhält. Aber wie wird die Beziehung aussehen, wenn Thomas mehr komponiert und weniger auf sie angewiesen ist? Beide Figuren erinnerten mich an Vincent aus "Küss mich, Superstar" Denn ich stellte mir eine Frage: Was passiert, wenn man nichtmehr auf die Anerkennung des anderen angewiesen ist?

 

Was fasziniert mich daran?


Die Musik. Ich finde es toll, dass es um Menschen und Gefühle geht, aber über allem die Musik steht. Im Gegensatz zu anderen Serien findet sich hier kein "Wer mit wem?", kein zwischemenschliches Drama und kein krampfhaftes Lachen. Die Figuren bringen Opfer für die Musik und das wirkt manchmal skurill bis nicht nachvollziehbar. Und musikalische Bildung ist nicht Ziel der Serie. Aber das ist der Reiz der Serie. Ich sehe "Mozart in the Jungle" durch die Augen Rodrigos. Die Figur versucht stetig, dem Orchester, anderen und sich selbst den Geist der Musik näher zu bringen. In manchen Situationen erreicht das den Musiker/Zuschauer nicht, weil die Perfektion oder das Baby zuhause oder das eigene Ego wichtiger sind. Aber am Ende geht es darum, die Familie zu erhalten, weil sie eine Stütze ist. Und weil man für das kämpft, was einem wichtig ist. Auch wenn man sich nicht immer mag.

Was hat mich enttäuscht?


Die Musik. An manchen Stellen taucht Mozart auf, in Staffel zwei Bethoven, aber über die Stücke wird kaum geprochen.Wie sind entstanden sind, was sie auslösen.

Mein Lieblings-Hasstück in der Schule war Die Moldau. Ich habe dieses Werk gehasst, weil es streng und traurig klang und ich nicht verstand, warum ich mir das anhören sollte. Warum ich mir anhören sollte, wie ein Fluss klingt, der durch Tschechien fließt. Und warum ein Fluss *verdammt nochmal* so traurig klingen musste. Besonders klassische Musik wird mit soviel Ehrfurcht behandelt, dass ich damals nicht verstand, welchen Bezug das zu mir haben sollte.

Erst später begriff ich, wie Kunst wirklich funktioniert: Dass man einen Komponisten hat, der von seiner Musik leben muss, der aber auch Interessen hat. Der über das "schreibt", was ihn bewegt oder der sich mit Geschichten identifiziert, die schon exisitieren. Der versucht hat, das, was er fühlt, auf seine Weise auszudrücken. Und der wahrscheinlich nicht den ganzen Tag in seinem Kämmerlein saß und komponierte. Manchmal musste man auch mal auf die Toilette :-) Oder Schüler unterrichten.

Außerdem spürte ich, dass es auf mich ankommt. Ich kann in einem Konzert sitzen und versuchen, musikalische Figuren zu erkennen. Ich kann aber auch dasitzen und mich freuen. In Gedanken schweben und leidenschaftlich mitfühlen. Gewollt hat der Komponist wahrscheinlich beides. Schließlich schaffen Künstler für sich. Und meistens für ihr Publikum. Für die Kritiker?

Ich denke, diese Punkte hätte Mozart in the Jungle stärker betonen können. Platz wäre gewesen. Es hätte keine Doku-Reihe über Komponisten werden müssen, aber mehr.. Musik.

Ich denke, die Autoren wussten genau, welches Stück sie wie in die Serie einbauen. Aber sie hätten das doch erklären können :-)

Fazit


Ente"Mozart in the jungle" ist eine sehr beruhigende Serie. Das Thema ist ungewöhnlich und die Figuren charismatisch. Der Zuschauer erhält Einblicke in das Leben eines Orchester und auch wenn nicht alles real ist, bekommt man ein Gefühl dafür, dass nicht alles schillernd ist. Auch der Humor, die Selbstironie, gefällt mir! Leider kommt die Musik manchmal etwas zu kurz.

Moritz Eggert hat übrigens die Fehler jeder Folge aufgelistet - sehr lesenswert!



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