Dienstag, 30. August 2016

"On the road - Die Urfassung" von Jack Kerouac / Ulrich Blumenbach (Übersetzer)

Hallo!

WirbelEinen Monat lang habe ich euch mit Status-Updates und ein paar Gedanken beglückt und ... jetzt folgt die Rezi. Zusammengefasst und erweitert um Fakten und meine Meinung.

Im Laufe der Zeit habe ich soviel über den Text gelesen, dass mir Kerouacs eigentliche Worte nur schemenhaft im Gedächtnis sind. Aber irgendetwas wird am Ende stehen :-)


Allgemeines


"On the road" ("Unterwegs") wurde 1951 geschrieben und erschien erstmals 1957 in Amerika und 1959 in deutscher Übersetzung. Im Jahre 2007 erschien die ursprüngliche Version des Textes, ohne Bearbeitungen des Autors und des Verlages. Meine Ausgabe von 2010 ist die deutsche Übersetzung.

Das Buch erscheint bei Rowohlt und hat 576 Seiten. Als Taschenbuch und E-Book kostet es je 10 EUR.

 

 

Entstehung und Legende


Kerouac verfasste den Text im Jahre 1951, er behandelt aber den Zeitraum 1947 - 1951. Zuerst sollte die Geschichte von einem Jungen handeln, der mit einem anderen, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, auf die Suche nach dessen  (?) Vater geht. Von dieser Version entfernte er sich im Laufe der Jahre. Gleichzeitig schrieb er während der Reisen Tagebücher und nutzte sie später. Auch zwischen den Reisen arbeitete er am Text. Kerouac hatte lange Zeit Probleme damit, den richtigen Stil für diese Gedanken, das Tempo der Straße zu finden. Am Ende dieses Prozesses setzte er sich an eine Schreibmaschine, in die er eine Rolle Papier legte, und schrieb, aufgeweckt durch Drogen, binnen drei Wochen und ohne einen einzige Absatz "On the road". Tatsächlich war es "nur" Kaffee :-) Aber die Rolle kann man heute in einem Museum angucken.

In den sechs Jahren danach kämpfte der Autor mit Lektoren, Verlagen und sich, und veränderte den Text stetig. Vor allem der Schreibstil und einige sexuell schwierige Passagen ließen die Verleger skeptisch werden. Die auffälligste Änderung sind die geänderten Namen (Jack heißt in der bearbeiteten Version "Sal") und dass mehr Zeichen enthalten sind.

 

Fiktion und Realität


Manchmal wünscht man sich, dass die Realität nicht so chaotisch ist, wie sie in Büchern beschrieben wird. Das Leben von Neal Cassady und Jack Kerouac war so. Neals vier Kinder von drei Frauen sind real und die Zerrissenheit u.a.

Ich denke, dass Kerouac den Inhalt "gesteuert" hat, dass er "On the road" komponiert hat und manches bewusst als Motiv eingefügt wurde. Daher ist "Jack" aus dem Buch für mich nicht identisch mit dem realen Jack Kerouac.

 

Worum geht es?


"On the road" beschreibt in 5 Abschnitten die Reisen Jack Kerouacs von New York in Richtung Westen und nach Mexico. Während er die erste Reise allein unternimmt, trifft er später Neal und fährt mit ihm. Zwischen den Reisen arbeiten, studieren oder schreiben sie und sie versuchen, ein ruhiges Familienleben zu leben. Und scheitern.

Formal betrachtet haben die Freunde Ziele - sie wollen Freunde besuchen oder Möbel transportieren. Aber sie kommen nie wirklich an, die Straße zieht sie nach draußen.

Charaktere


Jack Kerouac ist die Hauptfigur und der Erzähler. Er wirkt etwas naiv, unsicher, als er seine erste Reise antritt. Aber er kommt an :-) Später trifft er Neal, der ein Vorbild für ihn wird. Neal hat immer einen Plan, will stetig vorwärts und ist, einmal angekommen, nicht glücklich. Im letzten Drittel bekommt Neals Bild Risse und Jack erkennt, dass er sich nicht nur auf ihn verlassen kann, sondern eigene Entscheidunmgen treffen muss. Doch ähnlich wie Neal hat er Probleme mit Frauen: Fast das ganze Buch lang versucht er, mit einer Frau zu schlafen. Später hat er kleine Liebschaften, aber sowohl seine erste Ehe (vor der Handlung) und als auch die Beziehung zu einer Komilitionin scheitern. Jacks Mutter und Schwester, mit denen er ins ländliche Idyll zieht, sind dort nicht glücklich. Die Frauen im Buch finde das Umherreisen nicht gut.

Jack wirkt im ganzen Buch wie ein Zuschauer. Er beobachtet, aber hält nur selten inne und denkt nach. Er sehnt sich nach Halt, aber findet ihn nicht. Für mich hatte Jack immer etwas Trauriges.

Neal Cassady ist der schillernde Gott, der an Glanz verliert. Neals Vater ist im Gefängnis und ein Ziel im Buch ist, ihn zu finden. Da sogar sein Bruder klarmacht, dass die Familie nichts mit ihm zu tun haen möchte, ist das schwer. Neal leidet unter dem Verlust, er beschäftigt sich mit Philosophie und möchte viel lernen, scheitert aber. Er wird sogar von Justin W. Brierly gefördert, enttäuscht jedoch dessen Vertrauen. Neal ist der Motor, Antrieb, aber irgendwann wirkt er wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Vielleicht entwickeln sich die anderen Figuren weiter, vielleicht wird Neal stetig verrückter und seine Motive unklarer. Ich finde das sehr traurig.

Neal Cassady wirkte bereits in "Howl" schön und gleißend, aber ich traute diesem Bild nicht. In "On the road" sehe ich das bestätigt. Neal ist ständig unterwegs, aber er kommt nie an.

Gestaltung und Sprache


In Rezensionen zum Buch liest man oft, dass die Sprache schwierig sei, weil es keine Absätze gibt und der Text stark fließt, ein Bewusstseinsstrom. Ich hatte mit der Sprache keine Probleme. Ich fand es schade, dass der Autor selten in die Tiefe geht und es schwierig ist, den Überblick zu behalten. Aber ich fand es nicht schwierig zu lesen. Im Gegensatz zum Thomas Mann, der ebenfalls lange Sätze nutzte, ist die Sprache in "On the road" umgangssprachlicher und mir mehr vertraut. Während bei Manns Texten die Wortwahl und die Grammatik "älter" sind, erinnerte mich Kerouacs Werk an Texte der heutigen Zeit. Vielleicht liegt es an der englischen Sprache?

Auch die fehlenden Absätze bereiteten mir keine Probleme. Vielleicht lag es daran, dass ich mir das Buch in kleine Portionen zu 20 Seiten eingeteilt habe. Allerdings: Kerouac hat sein Buch in kleine Episoden aufgeteilt z.B. durch die Städte, die besucht werden sollen. Oder durch Liebschaften. Kerouac hat dem fließenden Text eine Struktur gegeben, die erfassbar und voraussehbar ist.

Die Episoden bringen Ruhe in den Text und machen ihn für mich persönlich. In den Passage mit Neal habe ich oft das Gefühl, dass Jack "nur" mitfährt. Aber wenn er von einem Mädchen berichtet, seiner Leidenschaft für Jazz  oder dem Punkt, an dem er Amerika auf dem Kopf stehend betrachtet, dann wirkt er wie er selbst.

Mir fehlte an einigen Stellen die Kontinuität. Es gibt philosophische und mystische Abschnitte, die überraschen. Manchmal tauchen Motive und Figuren auf, die der Ich-Erzähler deutet, obwohl er zuvor mit dem Auto gefahren ist. Ich wurde aus meinem Fluss gerissen und zum Nachdenken angeregt und das wirkte nicht so stimmig. Ich denke, Kerouac hätte das gern vertieft, aber in der Urfassung war scheinbar noch kein Platz dafür :-)


Fazit


Mosaik"On the road" hat mich enttäuscht. Es war kein Buch, das mein Leben veränderte. Aber es hinterlässt Spuren. Ich habe keinen Tatendrang gespürt, keine Lust an der Landschaft, alles zieht vorbei. Ich kann den "Hype" um das Buch nicht verstehen. Es sind andere Zeiten. Vieles, was für uns heute normal ist, war damals neu. Dass Kerouac völlig selbstverständlich über Schwulen-Bars schreibt z.B. Gleichzeitig vermisse ich die Einfachheit, die das Buch zeichnet - loszulaufen, lange wegzugehen, ohne sich über die Straßenbahn aufzuregen. Die Gedankenlosigkeit. Gleichzeitig betrübt es mich, dass die beiden nicht finden, wonach sie suchen. Obwohl Jack bereits als Schriftsteller arbeitet, fühlt er sich weder auf der Straße noch bei seiner Frau wohl.

Weiteres


Ein schöner Artikel über die Beat Generation und "On the road" schrieb Louis Menard für den "New Yorker" - "Drive, he said" passt :-)

Eine traurig-kritische Rezension mit vielen interessanten Gedanken findet sich auf "By the firelight".

Eine junge Booktuberin hat das Buch ebenfalls gelesen und schön rezensiert - ich stimme "ClimbTheStacks" nicht in allem zu, aber ihre Betrachtung gefällt mir!

Eine wissenschaftliche Betrachtung findet sich in den beiden Vorträgen der Yale University.

Hollywood hat das Buch 2012 verfilmt - und MTV hat die Unterschiede zwischen Buch und Film aufgelistet.

Übriges


Johannisbärchens Bücherblog beschäftigt sich mit dem "Herrn der Ringe"

Rica hat ein Buch besprochen, das ich kenne - "Der alte Mann und das Meer". Ich fand das Ende beeindruckend.

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