Mittwoch, 12. Oktober 2016

"After passion" von Anna Todd / Corinna Vierkant-Enßlin und Julia Walther (Übersetzer)

InterferenzfarbeHallo!

Wenn ich an "After" denke, denke ich an ein Tropenhaus. Die Luft ist gesättigt von Feuchtigkeit, man kann kaum atmen. Obwohl die Pflanzen um mich herum leuchten, weil sie so grün sind, obwohl ich es liebe, wie der Dampf an den Scheiben kondensiert und obwohl es hier wärmer als draußen, bei 10 Grad Celsius, ist, fühle ich mich betäubt und .. übersättigt.



 

Allgemeines


"After passion" ist der erste Band einer Reihe von ca. 7 Büchern, von denen sich 4 mit der Hauptgeschichte befassen, eines Grey-mäßig mit Hardins Perspektive (welche mir so gefallen hat, dass ich das Buch lesen wollte...) und zwei mit einer Nebenfigur.

Mit einer Seitenzahl von 700 und 97 Kapitel ist das Buch massig, aber leicht konsumierbar.

 

Was passiert?


Theresa besucht das College, um Englische Literatur zu studieren und später in einem Verlag arbeiten. Zufällig trifft sie auf Hardin, der mit ihrer Mitbewohnerin befreundet ist. Aus einer vermeintlichen Antipathie entwickelt sich Liebe. Tessa dringt tiefer in Hardins Leben ein, während Hardin ihr bei der Bewältigung ihrer Probleme hilft. Die Beziehung ist geprägt von Eifersucht auf beiden Seiten, bis es auf den letzten Seiten knallt. Laut, aber nicht eindrücklich.

Das Buch punktet mit einem tollen Gefühl für reale Konflikte, vernachlässigt aber die Spannung. Aus verschiedenen Gründen.

Charaktere


Tessa wirkt auf den ersten Blick wie Aschenputtel, ist aber mehr als ein Mittel zum Happy-End. Sie ist ein Einzelkind und wurde mit 10 Jahren (?) vom Vater verlassen. Seitdem steht sie unter dem Leistungsdruck ihrer Mutter, die gern die Universität besucht hätte und wesentlich stärker unter dem Verlust des Vateres leidet. Tessa ist eigenständig und guckt z.B. gern Filme allein. Andererseits spürt man die Hass-Liebe zur Mutter - sie ist bereit, sich unterzuordnen, weiß aber genau, wie sie mit ihrer Mutter umgeht und wie weit sie gehen kann. Ich glaube, Tessas Mutter hat erwartet, dass Tessa, anstatt des Vaters, für sie da ist. Tessa widerum wirft ihr vor, dass sie nicht mit dem Verlust abschließt. Der Konflikt fördert die Beziehung zu Hardin, weil sich Tessa durch ihn von ihrer Mutter lösen kann.

Außerdem ist Tessa romantisch und etwas naiv sowie sehr eifersüchtig. Sie ist ein fröhliches Mädchen, das schwer mit Konflikten umgehen kann. Obwohl sie an der Beziehung zu Hardin wächst. Teilweise so weit, dass sie ihn lieber manipuliert, als ihre Meinung zu sagen.

Hardin ist Tessas Bald-Freund und schien mir erst wie das Pendant zu Christian Grey. Doch im Gegensatz zu Chris bleibt Hardin blass und wie das Abbild von Tessas Träumen. Er ist sowohl für Tessa als auch den Leser schwer zu greifen. Für mich liegt das daran, dass er kaum Berührungspunkte zu anderen Figuren hat. Während Chris Grey ständig mit seinem Chauffeur Taylor spricht, agiert Hardin anfangs sehr wenig mit anderen.

Ich glaube, Hardin ist ein Außenseiter, ein Mitläufer, der gern Teil der Starken ist, aber sich allein fühlt.

Ähnlich wie Tessa hat er seinen Vater verloren, doch ihn trifft es härter: Nachdem sein alkoholkranker Vater die Mutter verließ, wurde er trocken und traf eine neue Frau. Hardin fühlt sich abgeschoben und versteht nicht, warum sein Vater für seine neue Familie da ist, aber nicht für ihn und die Mutter da war. Besonders, weil der Vater das Problem herunterspielt.

Ich glaube, Hardin möchte ständig jemanden herausfordern, damit bestätigt wird, dass er da ist. Dass er wahrgenommen wird. Und Tessa nimmt das gern an. Für sie ist er ein Erlöser.

Hardin ist ein charismatischer Mann, der oft Grenzen setzt und sich seinen Gefühlen ausgeliefert fühlt.

Interferenzfarbe 2Landon ist der nette Typ von Nebenan und Tessas bester Freund. Die beiden lernen sich an die Uni kennen und mögen sich sehr. Da Landon eine Freundin hat, scheidet er vorläufig als Alternative zu Hardin aus - obwohl ich ihn mit seiner ruhigen Art sehr passend finde :-) Zufällig ist Landon Hardins Stiefbruder.

Steph ist Tessas Mitbewohnerin und trägt gern extreme Outfits. Sie wirkt freundlich, hat aber etwas zu verbergen. Im Fanbuch wird das angedeutet. Ich bin mir auch nach dem Ende nicht sicher, auf wessen Seite Steph steht.

Karen ist Landons Mutter und die "gute Seele" des Buches. Sie backt gern, sie hat einen Garten und sie steht Tessa als Ersatz-Mutter zur Verfügung. Außerdem weiß sie ihren Mann in die Schranken zu weisen. Ich fand Karen einerseits gut, weil sie einen Ruhepol bildet, andererseits war sie mir zu klischeehaft.

Ken *ein Preis für die tolle Alliteraion* ist Hardins Vater. Obwohl er der Direktor der Universität ist, wirkt er auf mich sehr unsicher. Er verdrängt die Erlebnisse mit Hardin und seiner Mutter. Aber in Karen hat er jemanden gefunden, der ihn beschützt. Im Gegensatz zu Hardin hat er gefunden, wonach er gesucht hat.

Noah ist Tessas Bald-Ex und für mich der einzige, der sich den ständigen Machspielchen entzieht. Tessa behauptet später, sie habe ihn geliebt, weil das von ihr erwartet wurde. Und sie kritisiert, dass er spießig ist. Das denke ich nicht. Sie war in ihn verliebt und er wäre ein guter Freund. Aber Noah bleibt passiv. Als sich Tessa von ihm trennt, wartet er ab. Und er erwartet nicht, dass sie zu ihm zurück kehrt. Noah hat das Verständnis, dass unnötiges Aufregen nur Stress bedeutet. Und inmitten der Kleinkriege gefällt mir das sehr gut.

Themen


Die erste (richtige) Liebe: Tessa verliebt sich mit Hardin, der neben einer missglückten Kindheit eine Clique mitbringt. Tessa muss ihre Liebe unter diesen Umständen auf die Probe stellen. Besonders ihre Eifersucht.

Außerdem ist sie so sehr vom starken Hardin fasziniert, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse vergisst. Als die beiden über Musik reden und sich Hardin über "The Fray" lustig macht, tut Tessa das als "witzeln" ab. Auch später, als sie von Hardins Eltern eingeladen wird, er nicht mitkommen will, aber schließlich doch kommt, stellt sie fest: „Er ist heute Abend nur mitgekommen, um mich zu ärgern.“ (S. 297) Tessa steht (noch) nicht für sich ein.

Schön fand ich die Passagen der körperlichen Annäherung. Es fühlt sich sehr real an - die Unbeholfenheit, Unsicherheit. Man fragt, wie alles "funktioniert" und erkundet den anderen. Man ist stolz, wenn man den Partner "glücklich" gemacht hat und die Technik zum Erfolg führt.

Gesicht - InterferenzfarbeMich erinnerte "After passion" an die Zeit, als ich zum ersten Mal verliebt war. Als meine Gefühle Purzelbäume schlugen und ich sie nicht einordnen konnte. Mein Kopf war voller Freude und  Zweifel. Angst, nicht gut genug zu sein oder mit einem falschen Blick alles kaputt zu machen. Gleichzeitig die Sicherheit, scheinbar bedingungslos von jemand anderem als den Eltern geliebt zu werden. Und gleichzeitig merke ich, dass ich Hardin damals verfallen wäre, aber heute nicht. Ich habe gelernt, dass Männer, die mich nur brauchen, um sich bestätigt zu fühlen, denen ich aber unwichtig bin, ziehen zu lassen.




Erwachsen werden: Anfangs dachte ich, dass das nur Tessa und ihre Mutter betrifft. Tessa wird im College mit vielen Fragen konfrontiert - ob ihre Kleidung gut ist, wie man sich in Cliquen behauptet. Aber auch, dass sie ihre eigenen Entscheidungen fällen und hinfallen muss. Ich finde den Prozess gut und verständlich beschrieben.

Gruppen: Besonders durch die Clique um Hardin merkt man, was Menschen zueinander treibt und dazu veranlasst innerhalb einer Gruppe zu bleiben. Während Jace seine Macht nutzt, Hardin die Anerkennung wichtig ist und Molly Männer begehrt, grenzen sich andere z.B. Zed ab. Die Dynamik ist sehr interessant.

[Spoiler]

Alkoholmissbrauch: Hardins Vater war alkoholsüchtig und hat damit die Familie belastet. Ich finde es gut, dass das Buch vor allem die Folgen für andere zeigt, weniger für den Alkoholiker selbst. Es ist drastisch, aber in Ordnung. Hardin lehnt Alkohol ab, trinkt aber manchmal. Ich glaube, er macht das, damit er hilflos wirkt und Tessa sich um ihn kümmert. Ich erinnere mich an keine Szene, in der er trinkt, weil es ihm damit angeblich besser geht.
[/Spoiler]

 

Struktur


Der Roman hat einen netten Ausgangspunkt und läuft auf kleiner Flamme, bis die Autorin 50 Seiten vor dem Ende nicht nur ein Geheimnis aus Hardins Kindheit auflöst, sondern auch die vermeintliche Schmierenkömdie erklärt. Hardin ist attraktiver als Ryan Philippe, aber er hatte immerhin ein schickes Auto. Und eine hübsche Stiefschwester.  Außerdem gefiel mir Hardins Vergangenheit besser, sie war eindrücklicher.
 [Spoiler] Nur nebenbei: Hardin macht von Anfang an deutlich, dass er Tessa liebt. Seine Verlustängste sind so riesig, dass ich Angst habe, er würde ihr stetig hinterher rennen. Und ich soll als Leser glauben, dass er das nur wegen einer Wette getan hat? [/Spoiler]

Auf mich wirkte das Ende, als benötigte man einen sachlichen Grund, um eine Fortsetzung zu schreiben. Obwohl es genügend Ansatzpunkte gibt. Daran ändern auch die Andeutungen bzw. Tessas schlechtes Gefühl nichts.

ein BildnisDer Roman ist nie langweilig, aber voran kommt man wenig. Es fehlen spannende Zwischenestopps. Unerwartete Wendungen. "Shades of Grey" wurde getragen vom charismatischen Christian Grey. "After passion" hat einen Sinn für die Realität, der einen im Buch hält.

Ich glaube, dass es in den kurzen Kapiteln liegt. Die ca. 7-seitigen Abschnitte treiben den Leser voran, weil man immerzu denkt "Die Zeit reicht noch für ein (kurzes) Kapitel!" Das ist schön und sehr bequem. Aber vermutlich stand die Autorin, weil Fanfiction, unter dem Druck, in jedes Kapitel einen kleinen Höhepunkt zu packen zu müssen. Oder die Kapitel betonen die Wichtigkeit der entsprechenden "Abschnitte"? Ob Henne oder Ei, es wäre gut gewesen, die Dramaturgie vor der Veröffentlichung zu überarbeiten.

Schreibstil


Der Schreibstil in "After passion" ist locker und leicht, man stolpert als Leser selten. Aber wenn man stolpert, dann fällt man auf die Nase:

Auf S. 527 erklärt die Ich-Erzählerin, auf dem Höhepunkt: "Versprechungen von Ewigkeit und bedingungsloser Liebe werden gemacht, als er sich versteift und sanft auf mich niedersinkt." Ich konnte die Originalfassung des Satzes leider nicht finden, aber eine Passiv-Konstruktion passt an dieser Stelle nicht. Sie wirkt distanziert, auch ironisch. Warum sollte eine Erzählerin, die die Person liebt, über die sie spricht, so etwas verwenden?

Tessa trägt gern Toms. Ich dachte an Turnschuhe oder Ballerinas, aber das Internet erklärte mir, dass "Toms" eine Schuhmarke ist, deren Zugpferd Slipper-ähnliche Schuhe sind. Ich hätte mich gefreut, wenn man die literarische Genauigkeit hinter die Verständlichkeit gestellt hätte. Denn Schuhe zeigen Persönlichkeit. Daher ist es wichtig, dass sich der Leser vorstellen kann, was gemeint ist. Ohne googlen zu müssen.

Etwas, das in Shades of Grey besser gelöst war, sind Mails bzw. SMS. Die Macher haben hier auf eine serifenlose Schrift gesetzt - eine gute Idee. Allerdings ist der Kontrast zur normalen Schriftart nicht groß genug, sodass Sätze mehr irritieren als wirken. Ich fand das sehr mühselig.

Die Erotik

In "After passion" wird oft körperlichen Freuden begegnet, wenngleich der erste richtige Akt erst nach ca. 500 Seiten ausgebreitet wird. Im Gegensatz zu "Shades of Grey" sind die Szenen nicht langweilig, weil sie sich steigern. Sie erinnerten mich stark an die Realität. Dennoch ist es an manchen Stellen zuviel.

Als Leser muss man damit rechnen, dass ALLES erzählt wird.

Fazit


Das Buch erinnerte mich an einen Schaumkuss: Er hat eine Schokohülle (ein tolles Cover), hinter dem sich eine unschuldig weiße Masse verbirgt, welche weich und fluffig aussieht. Aber im Mund wird sie zu einer zähen Masse, die schwer zu essen ist. "After passion" hat viele Stärken, die von der Konsistenz, den ständigen Streits, verdrängt werden. Wenn man das erste mal verliebt ist, wird man sich gut mit den Figuren identifizieren und ins Buch fallen lassen können. Aber man sollte nicht die gleichen Fehler wie Tessa machen.



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