Dienstag, 25. Oktober 2016

"Seltene Affären" von Thommie Bayer

Dream and Reality - Pflanze in FassadeHallo!

Nachdem ich auf der diesjährigen LBM Netgalley begegnet war, sah ich das Projekt skeptisch. Ich wusste nicht, ob das so einfach funktionierte, wie es sich anhörte. Jetzt, im Herbst, beschloss ich, es einfach mal auszuprobieren.






"Seltene Affären" habe ich ausgewählt, weil es mich an "Der Preis der Treue" erinnerte - vielleicht war es der Tonfall, vielleicht das Cover. Ich hatte den Eindruck, dass mich ein ruhiges, nachdenkliches Buch erwartete.

Tatsächlich war es genauso: Der Text passte zu mir wie eine Kugel Eis in einen Eisbecher, wie ein Puzzleteil zum Puzzel, wie ein schwerer Kuli in ein edles Notizbuch. Er erzählt ruhig mit mittelmäßig langen Sätzen, ohne zu verschwommen zu werden oder übermäßig intelligent sein zu wollen. Inmitten turbulenter Liebesgeschichten zeigte mir der Text, dass man dasitzen und genießen kann.

Das täuscht leider nicht darüber hinweg, dass mich die Geschichte am Ende unbefriedigt zurück ließ.  Denn während ein Erzählstrang gemächlich ausklingt, weckte ein anderer Interesse, das nicht weitergeführt wird (?).

1. Peter und Chiara: Peter Vorden lebt in einem Haus nahe der französischen Grenze und führt ein Einsiedler-Leben. Am Wochenende ist er Restaurant-Chef bzw. Aushängeschild in Luxeuil (Frankreich). Während dieser Zeit wird die Wohnung gereinigt. Chiara ist "nur" die Vertretung. Sie fällt Peter auf, weil sie seine unordentlich angeordneten Figuren nach dem Putzen genauso unordentlich anordnet. Obwohl sich die beiden nie begegnen, kommunizieren sie: Peter legt ihr Schokolade, Obst, später sogar Geschichten hin, sie antwortet mit einer Zeichnung. Peter besucht eines Tages ihr Haus, geht aber nicht hinein. Auch denkt er, sie auf dem Markt zu sehen. [Spoiler]Die Verbindung der beiden endet nach einigen Wochen, als die ursprüngliche Haushälterin wieder kommt. Peter ist etwas betrübt, akzeptiert das aber. Denn "Traum-Chiara" hatte es angekündigt. Ich fand das sehr traurig, weil ich mit einer Liebesgeschichte gerechnet hatte und erwartete, dass Chiara eine größere Rolle einnimmt. Am Ende war sie nicht wichtig. Vielleicht war sie nur Mittel zum Zweck - Inspirationsquelle, eine Frau, die die Erinnerung an Peters große Liebe Anne erweckt, eine Figur, an der alle Fäden zusammen laufen. Ich war nicht glücklich.[/Spoiler]

2. Peters Traum: In seinen Träume kommuniziert Peter mit Chiara, die sehr offensiv ist und ihn u.a. darüber aufklärt, woran er merkt, dass es sein Traum oder ihrer ist. Ich fand die Traumebene toll und die Dialoge sehr witzig. Für mich war sie leicht greifbar, weil sehr reflektiert.
Dream and Reality - Tulpe in Tropfen
3. Peter und Anne: Ein Erzählstrang, der sich langsam zwischen die anderen schleicht. Peter zeichnet den Weg mit seinem Zwillingsbruder Paul von der Kindheit bis in die Neuzeit, schließt diesen aber mit einem Vergleich der Jetzt-Zeit ab. Schwerpunkt war anfangs die Beziehung beider Brüder, später kommt Anne hinzu, die sowohl Paul als auch Peter begehren.
[Spoiler] Anne verlässt Paul in ihrer Jugend, nachdem sie nach Amerika gegangen ist. Als Peter ihr Jahre später in Florenz begegnet und sich als sein Bruder ausgibt, erwacht in Anne die Leidenschaft für Paul erneut und die beiden heiraten später. Es wird nie aufgeklärt, ob Anne wusste, mit wem sie in Florenz schlief, aber Peter vermutet das. Und vielleicht verschwindet Chiaras Traum-Ich, weil Peter mit Anne abgeschlossen hat.[/Spoiler Ende]
Die wichtige Frage für mich war, ob Anne die beiden Brüder unterscheiden kann und wie Paul und Anne den Konflikt spürten. Für mich war die Erinnerung so plastisch, dass ich gern mehr gelesen hätte.

Die Hauptfigur


Peter Vorden ist 63, wirkte auf mich aber wie 37. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der als Schriftsteller lebt, führte er ein unstetes Leben: Er hat zwei Studien abgebrochen, reiste durch die Welt,  half im Betrieb des Stiefvaters und wurde später Teilhaber im Restaurant. Er ist vermögend und übt den Job aus Interesse (?) aus. Und er mag Wein. Für seinen Bruder ist er ein "Teilzeit-Ghostwriter", weil er nicht davon leben muss, aber gern schreibt. Peter ist ein strukturierter Mensch, den Paul mit seinen Emotionen ergänzt, wenn er ihm Schreibtipps gibt. Ich glaube, Peter fühlt sich verpflichtet, seinem Bruder zu helfen und neidet ihm Anne. Er ist sehr loyal. Allerdings hinterfragt er das im Buch zunehmend, ob Paul tatsächlich das "bessere" Leben führt. Außerdem scheint er sich für manche Frau zu alt zu fühlen und mit seiner Anziehnungskraft zu hadern.

Themen


Schreiben: Peter betrachtet das Schreiben ruhig, systematisch. Es ist etwas, was er gut kann und er begibt sich gern in die Welten, die er erschafft. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es für ihn ein durchdachter Prozess ist - recherchieren, Zug abwarten, schreiben. Ich fand das faszinierend. Man erfährt viel darüber, wie Figuren entstehen, wie sich ein Autor fühlt, wenn er schreibt. Eine, die mir gut gefällt, befindet sich auf S. 44:

"Alles, was am Ende dieser Geschichte stehen würde, fantasierte ich, aber da wir alle das tun, auch die Leser, stünde es am Ende wie ein Bericht aus dem Inneren eines anderen Menschen da, obwohl es allenfalls ein Spiel mit meinen Möglichkeiten war."

Ich sehe das ähnlich :-) Schreiben ist ein Spiel der Möglichkeiten, man erstellt Abzweigungen im realen Leben, die mit einer mehr oder weniger hohen Wahrscheinlichkeit möglich wären. Das bedeutet aber auch, dass die Fiktion nicht perfekt sein muss, nur, weil sie fiktiv ist.

Sehr lustig fand ich übrigens, dass Bayer auf S. 46/47 das Thema Amazon-Rezensionen ansprechen lässt :-)

Zwillingsbrüder: Waren sich Peter und Paul als Kinder relativ ähnlich, entwickelten sich ihre Lebenszwege nach dem Schulabschluss unterschiedlich. Ich glaube, Peter sah sich oft als Stellvertreter (wie beim Schreiben) für Paul, vielleicht aus Schuldgefühlen dafür, dass er Anne begehrte. Nach dem "Zwischenfall" sahl ich Paul in einer defensiven Position, weil Peter die Initiative ergriffen hat. Und vielleicht beneidet Paul Peter darum, dass er nicht vom Schreiben leben muss.

Angekommen sein?: Das Alter taucht im Buch wiederholt auf - die Figuren begegnen sich zu unterschiedlichen Zeiten, es gibt Rückblicke und selbst Magali, eine Teilhaberin des Restaurants, die durch französischen Esprit besticht, beschäftigt es (S. 117):

"'Bleibt jetzt alles so?', fragte sie schließlich [...]
'Fürchtest du, es könnte nichts Großartiges mehr kommen? Die Sensationen und Premieren und Höhepunkte lägen alle schon hinter dir und du müsstest ab jetzt mit Erinnerungen und Echos und kleinen Glücksmomenten leben?'
'Ja. Das ist es so ziemlich genau, was mir durch den Kopf geht.' [...]
'Du bist jetzt nicht alt und du wirst es in zwanzig Jahren nicht sein.'"

Dream and Reality - Nadel in BaumIch spürte an dieser Stelle, dass Peter, der mit Magali eine Affäre hatte, ihr Mut machen will, aber nicht daran glaubt. Er ist zufrieden mit seinen Routinen - den Fantasiewesen und der Ruhe in Deutschland, der Lebendigkeit und den Menschen in Luxeuil. Aber die "Begegnung" mit Chiara zeigte, dass er gesehen, wahrgenommen werden möchte. Vielleicht nicht als Liebhaber, nicht als weiser Mann, sondern als Mensch. Oder er möchte, dass Anne ihn noch einmal überwältigt, wie in Florenz.


Allgemeines und Cover


Das Buch hat 192 Seiten und erscheint bei Piper. Die gebundene Ausgabe kostet 18 EUR, das E-Book 16 EUR und das Hörbuch 14 EUR.

Das Cover erinnert an eine Brücke, über die eine S-Bahn hinwegrauscht. Das Sonnenuntergangs-Farbschema finde ich toll und der Schwerpunkt des Buches auf der rechten unteren Ecke macht das Buch besonders. Dadurch wirkt das Buch, als wäre es keine "normale" Geschichte. Ich finde es gut und passend!

Fazit


"Seltene Affären" ist ein Buch, über dessen Kleinigkeiten man gut nachdenken kann und auch als Laie viel versteht. Wer wissen will, wie Schriftsteller arbeiten, findet hier Anregungen. Freunde der Vorgesen auch :-) Die Traum-Ebene mag nicht jeder und ich fand das Ende nicht perfekt, aber es war schön zu lesen!

Übriges

Zwei tolle Rezis mit guten Zitaten haben Literaturblatt und Lillis Buchseite verfasst.

Ein interessantes Interview mit dem Autor hat der BuchMarkt geführt.

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