Donnerstag, 17. November 2016

"Play it again" von Alan Rusbridger

SchellenringHallo!

Vor manchen Büchern hat man ein bisschen Angst - dieses ist eines davon. Als ich in einer Zeitung davon las, war ich ziemlich angetan: Journalismus? Mag ich! Klavier? Mag ich auch! Das Buch klang sehr anspruchsvoll - zu anspruchsvoll für mich? Ich lese Zeitungen, habe aber keine Ahnung, was im Inneren passiert. Und Musik höre ich gern, aber weiter als zur "Dominanten" (ich weiß nicht, was es ist, aber es hat etwas mit Musik zu tun!) komme ich nicht. War dieses Buch zu schwierig für mich und in seiner Schwierigkeit nervig?

Kleiner Spoiler: Nein. Es war wirklich großartig :-)


Allgemeines


Das Buch erschien 2013 in England, die deutsche Ausgabe erschien 2015 im Secession Verlag. Es hat 480 Seiten und kostet 25 EUR (Hardcover).

Übersetzt wurde das Buch von Kattrin Stier und Simon Elson.

Übrigens lautet der deutsche Untertitel "Ein Jahr zwischen Noten und Nachtschichten", der englische "An Amateur against the Impossible" (Ein Amateur gegen das Unmögliche) - zwei Alliterationen und Beschreibungen, die gut passen :-)

Inhalt


Alan Rusbridger ist Mitte Fünfzig und Chefredakteur des Guardian, einer großen englischen Zeitung. Er hat seit seiner Kindheit Klavier gespielt und ging zeitweise auf ein Konservatorium. Später studierte er und wurde Reporter und Chefredakteur. Währenddessen hat er in privaten Gruppen Klavier gespielt, hatte aber nie die Muße es "richtig" zu tun. Auf einem Vorspiel beeindruckt ihn ein ähnlich-altriger Mann, der verschlossen wirkt, aber die Ballade Nr. 1 (Opus 23) von Frederic Chopin spielt.

Alan trifft eine Entscheidung: Binnen eines Jahres will er die Ballade spielen können - neben Beruf und Familie. Sein Plan ist es, 20 min. pro Tag zu üben.

Das Buch zeigt Alans Weg durch "zerquetschte Fliegen", verschiedene Lehrer und Gespräche mit anderen (berühmten) Musikern und Wissenschaftlern. Stetig fragt er sich, ob sein Vorhaben möglich ist, er macht Fort- und Rückschritte.

TrommelEingeflochten darin sind die Ereignisse um Wikileaks und News of the World. Im ersten Drittel berichtet Rusbridger von seinen Treffen mit Julian Assange und der Zusammenarbeit von Redaktionen unterschiedlicher europäischer Zeitungen. In den anderen zwei Dritteln spielt der News of the World-Skandal eine Rolle - Journalisten der Zeitung hatten Mailboxen Prominenter abgehört und manchmal Nachrichten gelöscht. Schwerpunkt ist der Umgang mit Journalisten und die Schlammschlacht der News of the World gegen den Guardian. In einer kurzen Episode berichtet Rusbridger von der Situation im Nahen Osten.

Das Hauptthema - Lernen


Kann man im Alter noch lernen? Welche Strategien funktionieren? Und warum können sich manche Menschen ein Notenblatt einprägen und später das Stück auf dem Klavier spielen? Rusbridger findet in seinen "Studien" heraus: Entgegen dem Klischee kann man auch im Alter gut lernen, man lernt nur anders und langsamer. Manche Studien gehen davon aus, dass man unnötige Infos schlechter ausblenden kann. Allerdings kann man die gewonnen Kenntnisse besser in einen Zusammenhang einordnen. 

Fasziniert hat mich das prozeduale Gedächtnis. Dabei speichert man Abläufe ab und kann diese, einmal angefangen, weiterführen, ohne darüber nachzudenken. Beim 10-Finger-Schreiben geht es mir ähnlich: Ich kann ein Wort problemlos "tippen", aber sobald ich die einzelnen Tasten auf der Tastatur zeigen soll, muss ich nachdenken. Alan muss lernen, auf dieses Gedächtnis zu vertrauen.

Wichtig für den Lernprozess ist auch, dass man das Stück versteht, seinen Geist verinnerlicht. Ich habe den Eindruck, dass Alan eine bestimmte Menge auswendiglernen musste, damit er sicher spielen und sich auf seine Finger verlassen kann. Ab der Mitte des Buches und besonderes im letzten Viertel kommt der "Geist" stärker zum Tragen - Alan kann das Stück besser spielen, weil er es fühlt und weil er weiß, welche Gefühle vermittelt werden sollen. Bei Sprachen habe ich eine ähnliche Erfahrung gemacht: Man muss eine bestimmte Menge Vokabeln lernen, bevor man sicher genug ist, frei zu sprechen. Dann klappt das mit der Betonung und dem Gefühl für die Sprache als Ganzes.

Ohne Menschen geht es nicht. Parallel zu seinem Projekt spielt Alan verstärkt in kleinen Gruppen Klavier und Klarinette (?). Ich denke, dabei hat er sich mit Musik beschäftigt, ohne sich mit dem Klavier zu stressen. Die Gemeinschaft steht im Vordergrund. Ich denke, das hat ihm viel Kraft gegeben. Und das Bewusstsein, dass er durch das Spielen anderen Menschen etwas geben konnte, z.B. das Musikzimmer.

Ohne Lehrer geht es nicht. Alan hat zwei Haupt-Lehrer, die ihn unterrichten. Während der eine Wert auf korrekte Pedalführung und Noten legt, versucht seine andere Lehrerin, schwierige Stellen zu meistern, abzukürzen und gut hörbar zu machen. Beide Ansätze behindern sich manchmal, bewirken am Ende aber mehr Informationen und mehr Möglichkeiten.

Trommel und Finger
Es braucht nicht viel Zeit. Aber Zeit. Alan übt ca. 20 min täglich und das beruhigt ihn. Es ist eine Auszeit. Ich bewundere es, dass das Klavierspiel ein sicherer Ort ist, in den er sich problemlos begeben kann. Egal, wie groß der Stress ist.

Rusbridger spricht in diesem Buch viele Hindernisse an - aber er meistert sie. Mir hat das gezeigt, dass man problemlos etwas Neues lernen kann. Nicht, weil es einfach ist und Selbstvertrauen alles löst. Sondern weil die Probleme lösbar sind.

 

Schreibstil und Gestaltung


Das Buch berichtet in Tagebuchform von den Ereignissen.

Während sich die ersten Seiten intensiv dem Stück und seiner Analyse widmen, tauchen wir in den folgenden Seiten in das Leben des Chefredakteurs ein. Seine Familie spielt (fast) keine Rolle, seine Frau und die Töchter werden so selten erwähnt, dass ich ihre Namen am Ende durcheinander brachte.

Alan schreibt nicht jeden Tag, aber das ist nicht schlimm.

Ich hatte das Gefühl, dass sich Rusbridger seiner Rolle als Journalist stark bewusst ist - seine Einträge erinnerten mich manchmal an Artikel. Er spricht mit vielen Leuten, Musikern und Wissenschaftlern, und gibt diese Aussagen indirekt oder als Zitate wider.

Interessant finde ich das "Musikhaus" als Gestaltungsmittel - parallel zum Lernen lässt ein kleines Haus erbauen, indem er später, mit ein paar Mitstreitern, musizieren will. Sein Ziel ist es, noch vor dem Ende der Bauarbeiten mit der Ballade fertig zu sein. Später wird das Haus auch von anderen Musikern genutzt, die einen Übungsraum suchen. Das Haus wird zum Gemeinschaftsraum.

Ingesamt ist der Text gut lesbar - es gibt keine komplizierten Satzkonstruktionen, wenige Fremdwörter. Ich glaube, der Autor und die Übersetzer wussten, dass es um den Prozess des Lernens geht und darum, dem Leser zu zeigen, was möglich ist. Arroganz oder Selbstdarstellung war nicht nötig.

Fazit

"Play it again" ist ein Highlight. Es ist ein sehr beruhigendes Buch, das von Möglichkeiten berichtet. Glücklicherweise ist es kein Ratgeber, der einem zeigt, wie man etwas machen soll, sondern er erzählt. Indem er beide Skandale einflechtet, wird das Buch nie langweilig. Ich hätte mir nur etwas mehr von Rusbridgers familiären Umfeld gewünscht, damit die Person etwas plastischer wirkt. Aber ich akzeptiere, dass Frau und Töchter mit dem Projekt nur wenig zu tun hatte.


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