Samstag, 21. Januar 2017

"Viereinhalb Minuten" von Kathrin Hövekamp

Hallo!

Was macht man zu Weihnachten? Wenn die Familie nervt oder der fehlende Schnee oder die Tatsache, dass man 5 min vor Ladenschluss erst 5 % der Geschenke hat...? Um darauf vorbereitet zu sein, brauchte ich ein Buch. Ein Buch, das lang genug war, um über die Feiertage zu kommen, aber so leicht, dass man gut unterbrechen konnte. Einige Tage vor dem Heiligen Abend fand ich die Leserunde zum Buch - und war sehr begeistert!


 

 

Allgemeines


"Viereinhalb Minuten" erschien im Selbstverlag und ist der zweite Roman der Autorin. Das E-Book hat ca. 175 Seiten und kostet 3 EUR.

Das Cover


Ich mag die Farben auf dem Titelbild sehr, sie harmonieren gut und wirken durch die Abstufungen lebendig. Auch die Aquarell (?)-Optik finde ich super. Die Schrift finde ich etwas breit und nicht so passend, aber das ist in Ordnung.

Den Titel fand ich sehr dramatisch, eher für einen Krimi passend. Aber besonders am Ende wird es sehr lebendig und alles passt.

Worum geht es?


Um zwei Zwillingsschwestern, die 16 Jahre alt sind und unterschiedlicher nicht sein könnten: Während Flo intelligent und besserwisserisch ist, eine Vorliebe für Hitlisten hat und gern mit ihren verrückten Freunden abhängt, gehört Lu zu geachteten Clique der Schule - und fühlt sich in ihrer Rolle zunehmend unwohl. Als die beiden in einem Schulprojekt zusammenarbeiten müssen und eine Klassenfahrt ansteht, verdichten sich Probleme und manches explodiert.

Mich hat die Chemie in "Viereinhalb Minuten" stark an "Different Boys" erinnert, weil die Figuren ihre eigenen Wege gehen, aber sich nicht hassen. Man spürt, dass sie eine Verbindung haben, aber diese gestört ist.

Figuren


Flo ist die "graue Maus", die unerfahren ist, was Jungs betrifft und die sich in ihrem kleinen Kosmos sehr wohl fühlt. Als ihr der Schul-Schönling Avancen macht, ist sie überfordert. Flo ist klar denkend und bodenständig. Sie kann gut mit ihrem Vater reden. Flos Hitlisten finde ich cool! Manchen Mit-Lesern war sie zu besserwisserisch, aber für mich war das in Ordnung. Ich hatte Probleme damit, dass sie nicht mitbekommt, dass Max sie mag. Für mich war alles sehr deutlich, aber sie merkte es nicht.

Lu ist eine Figur, die anfangs stark wirkt, bei der man aber schnell Zweifel merkt. Sie ist gut in der Schule integriert, trägt aber nicht alle Entscheidungen der Clique. Lu zeigt, dass man als beliebte Schülerin hinterfragen sollte, was man tut und dass man lieber für sich steht. Ich konnte gut mit ihr fühlen, auch wenn ich sie gern etwas mehr "girly" gehabt hätte. Sie ist eher ein Mama-Kind :-)

Max ist eine Figur, die mich zwiespältig zurückließ. Max fügt sich gut ins Kollektiv, er ist der Kitt, der beide Schwestern verbindet. Denn als beliebter Schüler verliebt er sich in Flo. Max ist ein netter Kerl, passt sich aber Flo an, was ich als zu stark empfand - er schickt ihr seine Hitlisten. Auch seinen Hintergrund als Sohn, der den väterlichen Ansprüchen nicht gerecht wird, fand ich etwas klischeemäßig.

Charly ist Lus beste Freundin und keine Oberschönheit, aber eine treue Mitläuferin. Sie ist gefährlicher als die Anführerin der Clique, weil ihre Motive stärker wurzeln. Als erzählt wird, dass sie ihrem Vater die Treue hält, obwohl dieser von allen verachtet wird, fand ich das sehr rührend. Aber irgendwann gab es einen Bruch. Wenngleich mich Charly am Ende mit ihrer Bosheit schockierte, finde ich das Potential der Figur sehr groß.

Die Eltern finde ich toll. Obwohl in den 70er Jahren geboren, benehmen sie sich wie 68er, sind etwas "alternativ", manchmal esoterisch und mögen gesundes Essen. Sie pufferen die Probleme der Schwester ab, stehen mit guten Ratschlägen zur Seite. Mir gefällt, dass sie nicht überzeichnet sind, sondern sehr sympatisch.

Themen


Kommunikation: Manchmal sollte man einfach miteinander reden! Das ist die Grundbotschaft des Buches und ich find's gut :-) Lu und Flo haben sich binnen weniger Jahre entfremdet, was beiden wehtut. Sie haben die Bedürfnisse der anderen nicht gesehen und sich manchmal unabsichtlich wehgetan. Aber sie sind bereit, Fehler einzugestehen.

Grenzen (überschreiten): Flo und Lu leben innerhalb ihrer "Komfortzone" - sie haben ihre Interessen und ihre Cliquen. Ist das gut? Wann ist es Zeit voranzuschreiten? Wer ist "ich selbst" und wo liegen die eigenen, moralischen Grenzen? Auch andere Figuren beschäftigen sicih damit.


Musik: Ein Motiv, das die Autorin stetig aufgreift. Flo hört gern Musik der 60er, wie ihr Vater. Lu hört neuere Musik und ihre Mutter ist relativ offen. Eine wichtige Rolle spielt Musik auf dem Höhepunkt* der Handlung. Ich find's gut, dass sich die Musik wie ein roter Faden durch's Buch zieht, ohne zu schwer zu sein. Titel werden erwähnt, aber nie zitiert.

Und weil ich nur 2 der 5 Titel kannte, hier die Hitliste der meistgespielten Songs von Flo/Lus Papa (S. 6)

"Light my fire" - das Original der "Doors" wurde laut wikipedia min. 138 mal gecovert!
"Black Magic Woman" wurde von "Fleetwood Mac" aufgenommen, bekannter ist die Version von "Santana"
"Someone to love" stammt ursprünglich von "The Great Society", wurde aber von "Jefferson Airplane" gecovert. Bekannt ist der Song als "Somebody to love".
"Brown eyed girl" hat "Van Morrison" geschrieben und aufgenommen.
"I want you" ist ein Song von Bob Dylan


*Otis Redding verfasste die Vor-Version zu "Respect", das unter Aretha Franklin ein großer Hit wurde. Das "Original" von Redding finde ich sehr cool!

Dramaturgie


Der Roman steigt plötzlich ein und führt die wichtigsten Figuren ein. Die Idee fand ich toll, aber da beide Schwestern kleine Cliquen haben und sich die Namen ihrer Freunde ähneln, wurde es etwas unübersichtlich.

Später sehen wir, wie unterschiedlich die Leben und Probleme von Lu und Flo sind, bis ihre Wege auf der Klassenfahrt aufeinander prallen. Die Passage ist sehr lang und vielfältig und es gefällt mir, dass sich die handelnden Figuren vermischen.

Nach dem großen Knall wusste ich nicht, wie es weitergeht. Obwohl ich hoffte, dass sich der Konflikt löst, wusste ich nicht, wie. Daher war ich vom letzten Drittel sehr überrascht.

Das Ende ist "rund", aber ich hätte mir einen Epilog gewünscht, weil ein paar Kleinigkeiten offen blieben.

Schreibstil


Die Autorin arbeitet mit zwei Ich-Perspektiven, um Lus und Flos Gedanken zu schildern. Die Sprache ist gut lesbar, geschmeidig und ich kam gut durch das Buch. An einigen Stellen ist der Text zu umgangssprachlich, aber das ist in Ordnung.

Leider unterscheiden sich beide Perspektiven nur wenig voneinander. Das ist für das Zwillingsthema gut, weil es zeigt, dass sich beide Figuren sehr ähnlich sind. Aber ich wusste manchmal nicht, in wessen Kopf ich mich befand.

Die Formatierung hat mir gut gefallen, kursive Schriften werden an den richtigen Stellen eingesetzt.

In meiner Version waren ein paar Tippfehler enthalten, die den Lesefluss nicht behinderten, aber mir auffielen. Sie wurden zwischenzeitlich korrigiert.

Fazit


"Viereinhalb Minuten" ist ein Buch, das ich gern als Printbuch lesen würde. Es ist eine angenehme Geschichte mit einer positiven Grundstimmung. Das Zwillingsthema ist nicht neu, aber die Autorin hat einen guten Weg gefunden, es umzusetzen. Hat mir sehr gut gefallen :-)

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