Dienstag, 21. März 2017

"Sex - die wahre Geschichte" von Christopher Ryan/Cacilda Jethá

Hallo!

Ich lese viele erotische Bücher - aber Fachwissen ist toll, damit klarer wird, was Fiktion und was Realität ist. Was bedeutet der Wunsch nach Seitensprüngen und sexueller Abwechslung, der in vielen Geschichten geschildert wird? Wie sind Menschen geschaffen? Die endgültige Wahrheit gibt es wahrscheinlich nie, aber "Sex at Dawn" klang, als würde ich etwas lernen.

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar bei Netgalley bekommen.


 

Allgemeines


"Sex at dawn. The prehistoric origins of modern sexuality" (übersetzt in etwa: Sex zum Beginn der Zeit. Die prähistorischen Wurzeln der modernen Sexualität) wurde 2011 erstmals veröffentlicht und erschien 2016 in zweiter Auflage bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Birgit Herden.

Interessant finde ich, dass der deutsche Titel lockerer und ein bisschen nach Ratgeber klingt, das Original aber konkreter ist. Fotos von Urmenschen gibt es trotzdem nicht :-)

Das Buch hat 430 Seiten und kostet gebunden 25 EUR, als E-Book 20 EUR.

Die Autoren


Christopher Ryan hat englische Literatur studiert und später Psychologie. Er ist um die Welt gereist, hat in verschiedenen Jobs gearbeitet und menschliche Verhaltensweise erforscht. Seine Doktorarbeit hatte die Wurzeln menschlicher Sexualität als Gegenstand.

Cacilda Jetha wurde in Mosambik geboren und hat einen Doktor in Psychartrie. Sie hat u.a. in der AIDS-Prävention gearbeitet.

Weitere Infos gibt es auf der Autoren-Seite (englisch)

Worum geht es?


Um das "Standardnarrativ der menschlichen Sexualität". Und warum es nicht stimmt. Wo die Denkfehler sind. Und warum Menschen betrügen. Wie man das lösen kann, wird nicht erklärt.

Auch die Rolle der Frau wird eingeflochten, weil das Standardnarrativ die Frau in der schwächeren Position sieht.

Auch wenn das Buch locker geschrieben hast, handelt es sich eher um Wissenschaftskritik als um einen Ratgeber.

Inhalt und Aufbau


Das Buch hat (ohne Einleitung usw.) 5 Kapitel mit 22 Unterkapiteln und 78 Abschnitten. Ein Abschnitt ist zwischen 1 und 5 Seiten lang und daher gut zu konsumieren. Was auffällt: Die Abschnitte kreisen um das Kernthema "Warum wir nicht monogam leben können", eine klare Struktur wird nur wenig deutlich.

Das sieht man an den Stichwortliste, die ich für euch erstelle habe.

Das Buch beginnt mit einer lustigen Anekdote, danach wird es nur selten lustig. Bereits die Einleitung gibt einen Überblick über das Buch und beantwortet die Ausgangsfrage. Danach wird das Standardnarrativ erläutert und stetig weiter ausgeführt. Oft gibt es Vergleiche zu Affen und zu Völkern, die heute jenseits (?) der Zivilisation leben und einen Urzustand widerspiegeln. In Kapitel 4 und 5 wird das Buch praktischer und beschäftigt sich mit Geschlechtsteilen, bevor schließlich anhand eines Beispiels erklärt wird, warum Menschen betrügen. Der "Aufschrei" war scheinbar so groß, dass es ein ergänzendes Nachwort gibt...

Auffallend ist, dass der Text die Thesen zahlreicher Forscher hinterfragt und stellenweise kritisiert. Besonders auf Charles Darwin wird eingegangen. 

Ein paar Schemata und Tabellen sind enthalten, werden im E-Book allerdings auseinander gerissen.

  Das Standardnarrativ der menschlichen Sexualität


gemäß Evolutionspsychologie (= Verhalten des Menschen wird mit der Evolution erklärt)

Junge trifft Mädchen

Attraktivität wird eingeschätzt anhand von:

Er: Jugend, Fruchtbarkeit, Treue

Sie: Wohlstand, sozialer Status, Gesundheit → väterliche Investition (Mann versorgt sie während der Schwangerschaft)

Paarung + Paarbindung

Sie: Eifersucht, weil andere Frauen die Resourcen von ihrem Mann nehmen könnten + Affären mit Männern, die ihrem genetisch überlegen sind

Er: sieht gesicherte Vaterschaft in Gefahr + hat Affären, weil Sperma verbreitet werden muss


Wer oder was ist schuld an der Nicht-Monogamie?


Unsere Kultur :-) Einen Wendepunkt markiert die Neolithische Revolution vor ca. 10 000 Jahren. Davor lebten die Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen (ca. 50 Personen), innerhalb derer die persönliche Bindung stark war. Nimmt man heutige Völker als Orientierung, wurden die Kinder gemeinsam erzogen und Frauen wechselten den Partner. Manche unterscheiden den "Ehemann" und den Partner, mit dem man schläft. Die Nahrung wurde aufgeteilt und auch wenn es beschränkte Besitzrechte gab, wurde die Erbfrage erst nach der Neolithischen Revolution wichtig. Damals begannen die Menschen sesshaft zu werden.

Ich glaube, die "erzwungene Monogamie" liegt daran, dass wir abhängig sind. Weniger vom Geld als von der Gesellschaft. Unsere Bindungen untereinander sind so schwach, dass wir in unserem Partner sehr viel sehen und starke Verlustängste haben.

Was fand ich interessant?


Das Buch erklärt gut, wie die Sexualität des Menschen eingeschränkt und auf die Ehe fokussiert wurde und welche Folgen das hat. Interessant fand ich die These, dass Paartherapeuten dazu tendieren, die monogame Beziehung wieder herzustellen, anstatt einzugestehen, dass polygame Partnerschaften für manche Menschen besser sind.

Auch mit der Biologie kann man das erklären: Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel durch verschiedene Faktoren (Kinder, das Alter, Langeweile...) und eine neue Partnerin kann den Hormonspiegel steigen lassen. Infolge des Coolidge-Effektes muss das nicht von Dauer sein.

Das Buch zählt viele Kulturen auf, aber keine ist "perfekt". Es gibt keine Kultur, in der Sex in jedem Alter und ohne Einschränkung geduldet und vollständig offen kommuniziert wird. Niemand ist perfekt.

Nochmal Biologie: Wie Frauen Männchen anlocken und mit welchen körperlichen Tricks Männer gegen fremdes Sperman schießen :-)

Am nervigsten, aber beeindruckendsten fand ich die Kritik an Forschern: Es gibt Forscher, die Menschengruppen manipulieren, Kriege auslösen und ein Volk danach als "kriegerisch" bezeichnen. Auch der Unterschied aus Beobachtung und Interpretation ist wichtig.

Frauen und die Hysterie - ein unrühmliches Kapitel und ...es ist erstaunlich, wie sich kleine Änderungen so manifestiert haben.

Der Schreibstil oder "Was gefällt mir nicht?"


Es ist nicht die Sprache - die Informationen sind vielfältig und für den Leser gut aufnehmbar. Fußnoten, die erst am Ende des Buches aufgelöst werden, sind bei E-Books schwierig, aber das kann ich verkraften. Unschön war das ständige "Wir werden beweisen, dass..." - nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den letzten Seiten. Ab S. 100 hatte ich das Gefühl, dass es eher darum geht, andere Wissenschaftler zu widerlegen als dem Leser etwas zu vermitteln. Manchmal formulieren die Autoren sehr zugespitzt z.B. „Männer und Frauen sind angeblich von Natur aus Lügner und Huren, die einander entsprechend ihrer evolutionären Programmierung betrügen. […] Die Erbsünde, wie sie im Buche steht.“ (S. 80). Das Buch hat einen negativen Unterton, der sagt "Wir haben recht!" - das ist bei einem solch sensiblen Thema nicht nötig.

Außerdem war ich enttäuscht, dass nicht beantwortet wurde, wie man das lösen kann. Es meine evolutionäre Bestimmung meines Partners (und mir) nicht monogam zu sein - weiche von mir, Eifersucht! So einfach ist das nicht.

Fazit


"Sex - die wahre Geschichte" liefert viele interessante Informationen, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Leider wird die Kernthese sehr schnell deutlich und es fehlt eine klare Linie. Das Buch wirkt oft zu voll und der Schreibstil ist nervig.

Wer sich für die Kernfrage interessiert, muss nicht das ganze Buch lesen. Wer einen guten Überblick über bekannte Evolutionspsychologen und menschenliches Sexualverhalten bekommen will, sollte reinlesen.

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