Mittwoch, 8. März 2017

"Wenn die Lichter ausgehen" von Erika Mann

Hallo!

Ich weiß nicht, wie ich diese Rezi einleiten soll, denn das Thema ist sehr komplex. Am Anfang war die Sehnsucht. Die Sehnsucht danach, das Leben der Menschen im Dritten Reich zu ergründen. Während meiner Schulzeit hatte man viel Wert auf Kriegsbilder, Zwei-Fronten-Kriege und das Leid der Opfer gelegt. Wir haben Reden gehört, ergründeten, wie es kam, wie es gekommen ist. Aber mir fehlte ein Puzzelteil: die Menschen. Ich wollte wissen, was für sie wichtig war.

Am Ende stand das Gefühl, nach all den fiktiven Liebes-Geschichten wieder etwas zu lesen, das "anders" ist. Glücklicherweise habe ich auf meinem SuB das Buch gefunden.



Allgemeines




Das Buch wurde auf deutsch verfasst und erschien in englischer Übersetzung 1940 in Amerika. Die deutsche (Rück-)Übersetzung wurde erst 2005 veröffentlicht. Der Übersetzer ist Ernst-Georg Richter.


Wer war Erika Mann?


Erika Mann hat von 1905 bis 1969 gelebt und ist Tochter des Autors Thomas Mann. Sie hatte ein inniges Verhältnis zu ihrem ein Jahr später geborenen Bruder Klaus und realisierte mit ihm zahlreiche Projekte. Liest man Manns Biografie auf Wikipedia und im Nachwort, wird klar: Sie war ein Mensch mit viel Kraft. Sie hatte eine Passion für die Schauspielerei und versuchte während des Krieges, die Menschen aufzuklären. Sie war eine begnadete Journalistin, die (leider) Drogen zugeneigt und am Ende ihres Lebens unausstehlich war.


Worum geht es?


Um Deutschland im Jahre 1938 in einer fiktiven süddeutschen Universitätsstadt. Das Buch beschreibt 10 Begebenheiten, die zwischen 10 und 28 Seiten lang sind. Die Figuren reichen vom Bauernsohn über einen Pfarrer und einen Geschäftsmann bis zum Universitätsprofessor und zum Polizisten. Teilweise sind die Texte miteinander verknüpft.

Die Geschichten sind fiktiv, basieren aber lt. Nachwort oft auf wahren Begebenheiten.

Schreibstil


Der Stil der Geschichten erinnert an eine Reportage - der Erzähler ist spürbar, berichtet aber relativ neutral. Ich hatte erwartet, dass das Buch anklagend, emotional klingt - aber das tat es nicht. Die Autorin lässt die Geschehnisse und die Figuren für sich sprechen.

Drei Geschichten, die mir gefallen haben


[Spoilerwarnung]

"Infolge eines bedauerlichen Irrtums" erzählt die Geschichte zweier Liebender. Marie ist ein Dienstmädchen, das aufgrund andauernder Schwäche vermutet, schwanger zu sein. Ein erster Arzt bestätigt das, doch Marie wird von einem Freund zu einem besseren Arzt geschickt, der eine Unterernährung und Überarbeitung feststellt. Der erste Arzt behaupt aber, Marie habe abgetrieben - was verboten war. Es kommt zu einer Anzeige und der Druck auf die Liebenden wird so groß, dass sie sich umbringen. Am Ende liest man das Urteil: Das Verfahren wurde eingestellt, weil die Behauptung, sie hätte abgetrieben, nicht untermauert werden kann.

Diese Geschichte fand ich sehr traurig, aber faszinierend. Sie handelt von "einfachen" Leuten und zeigt, was Unsicherheit, die erzeugt wurde, anrichten kann. Außerdem widerspricht die Geschichte meinem Vorurteil, dass es im System nur willkührliche Urteile gab.

"Gerichtigkeit ist, was unserer Sache dient" besteht fast nur aus dem Monolog des  Universitätsprofessors Habermann. Er stellt dar, wie widersprüchlich die Aussagen in der Presse sind und hinterfragt die Gesetze des Dritten Reiches. Sowohl Leser als auch Studenten wissen lange Zeit nicht, ob es sich um Sarkasmus handelt. Ich fragte mich außerdem, ob innerhalb der Studenten Denunzianten sitzen, die die Rede unterbrechen. Ich dachte, dass es böse endet. Tatsächlich kommen zum Schluss SA-Männer, die die Studenten zum Arbeitseinsatz auffordern - doch die Studenten unterbrechen die Rede und Habermann dankt den SA-Männern für ihre Ausführungen.

Das Happy End gefällt mir und ich mag den Aufbau der Geschichte. Allerdings ist sie sprachlich komplex und es wird viel erklärt. Ich denke, mit etwas Vorwissen hätte ich die Details besser verstanden.

Ein Landmann flieht in die Stadt / Leidensgenossen beginnt mit einem jungen Mann, der vom Land in die Stadt flieht und geht über in verschiedene Figuren in einer Gefängniszelle.

Ich fand es sehr spannend zu lesen, wie die Lage der Bauern im dritten Reich (wahrscheinlich) war. Landflucht wurde verachtet, gleichzeitig wurde es schwieriger, auf dem Land zu überleben, weil alle Erträge kontrolliert und umverteilt wurden und weil die Löhne gering waren. Davon hätte ich gern mehr gelesen. In der zweiten Geschichte, im Gefängnis, sieht der Leser Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen im Gefängnis sind. Obwohl man als Leser weiß, wie es wahrscheinlich ausgeht, ist der Tonfall nie hoffnungslos. Mit dem SA-Mann, der ins Gefängnis geht, aber routiniert wirkt, hat die Geschichte sogar etwas Amüsantes.

 

Meine Eindrücke


Am meisten überrascht hat mich, dass Antisemitismus kaum eine Rolle spielt. Es gibt zwei Geschichten, in denen der Umgang mit jüdisch-gläubigen Figuren thematisiert wird, aber das wirkte eher exemplarisch. Auf mich wirkte es, als ob die meisten Figuren den Antisemitismus akzeptiert hätten, aber ihre wirtschaftlichen Probleme im Vordergrund stehen.

Die wirtschaftlichen Probleme waren mir davor nie bewusst. Die Mangelwirtschaft. Die Angst. Menschen, die das System ausnutzen. 

Es hat mich gefreut, dass die Texte nicht zu brutal sind. Manches tut weh, aber es wird nicht eklig und nicht alptraum-erregend.

Im Nachwort wird erwähnt, dass Erika Mann die Texte aus dem Exil bewusst für das amerikanische Publikum geschrieben hat. Das merkt man. Die Figuren kommunizieren mehr mit anderen als mit sich, sie leiden (meist) nicht allein und alles wirkt, als sei es für die Theaterbühne geschaffen. Außerdem gibt es ausführliche Erkärungen z.B. zur Landwirtschaft und zum Rechtssystem. Stellenweise wirkt es zu sehr, als wollten die Geschichten etwas mitteilen.


Ich hatte beim Lesen ein beruhigendes Gefühl. Weil es um andere geht. Es geht nicht um den Traum der großen Liebe. Es geht nicht um ironische Kritik an unserer Gesellschaft. Es geht nicht um Selbstoptimierung. Es geht um Menschen, die (in etwa) so gelebt haben. Die Probleme hatten, die wir nicht kennen. "Wenn die Lichter ausgehen" hat mir gut gezeigt, dass es mehr gibt, als ständig über sich und seine Position nachzudenken.

Fazit


Ein guter, literarischer Einblick in die Vorkriegszeit.


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