Freitag, 26. Mai 2017

"Ausgerechnet Muse" von Carola Wolff

Muse - BergHallo!

Als Kunst-Freundin hat mich der Titel sofort angesprochen. Auch wenn Kunst-Schaffen für mich nichts mit einer Muse, sondern einem Trieb nach Ausdruck zu tun hat, wollte ich lesen, wie man das Thema verarbeiten kann. Vielleicht würde für mich der Reiz der Musen spürbar?



 

Allgemeines


"Ausgerechnet Muse" erscheint im Fabulus Verlag und hat 320 Seiten. Die Papierversion kostet 17 EUR, das E-Book 14 EUR.

Ich habe mein Buch als Rezi-Exemplar über Literaturtest erhalten.

Die Autorin


Carola Wolff hat englische Literatur studiert und eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert. Ihre Bücher sind oft tragik-komisch, was auch auf "Ausgerechnet Muse" zutrifft. Und: Zu ihren Lieblingsautoren zählt Ray Bradbury - "Fahrenheit 451" ist auch eines meiner Lieblingsbücher und -filme.

Weitere Infors findet ihr auf der Autorenseite.

 

Das Cover


 Das Titelbild steht für mich im Gegensatz zur Geschichte, weil es sehr kantig wirkt. Mich hat das Cover von Matej Kovacic anfangs sogar abgeschreckt: Zu knallig, zu lila, Grafitti-Schrift. Auf mich wirkte es, als wollte jemand mit dem Cover beweisen, wie rebellisch die Figur ist.

Bei genauerer Betrachtung enthält das Bild aber alles Wesentliche: den Raben, die Lederjacke und die weichen Gesichtszüge der Hauptfigur. Und es ist sehr prägnant.

Ich denke, das Cover weckt Interesse, aber es verschleiert die nachdenklichen und bodenständigen Züge des Buches.

Worum geht es?


Muse - gesamtUm eine Muse wider Willen. Apollina ist Tochter einer Muse und bekommt am Ende der Pubertät ein magisches Tattoo. Wird sie dort berührt, geht sie eine Verbindung mit dem Künstler ein, die diesen inspiriert. Bei ihrer Mutter hat  Apollina jedoch gesehen, dass sich diese Bindung nachteilig auf die Muse auswirken kann. Die Muse opfert sich für den Künstler auf, wird aber von ihm fallengelassen, sobald der Erfolg kommt. Daher steht sie ihrer Fähigkeit skeptisch gegenüber. Nicht besser wird es, als sie den jungen Gitaristen Nick kennenlernt und dessen Muse wird. Aber: Für jedes Problem gibt es eine Lösung, oder?

Charaktere


Apollina Parker ist 17 Jahre alt und möchte mit dem Motorrad durch Schottland fahren und trägt gern eine Lederjacke. Ich empfand sie als "normal" und ziemlich erfrischend. Apollina hat Träume, aber sie will niemandem etwas beweisen. Und sie hat keinen riesigen Sack voller Probleme.Manchmal ist sie etwas naiv, aber das passt.

Nick spielt Gitarre und kommt aus einer schwierigen Familie: Seit der Vater die Mutter verlassen (?) hat, trinkt sie zuviel Alkohol und tyranisiert ihren Sohn. Nur der Butler steht ihm zur Seite. Nicks Mutter möchte, dass er einen soliden Beruf ergreift. Ich hatte befürchtet, dass Nick der Schönling ist, an dem sich die Heldin abarbeitet. Doch dem war nicht so.  Nick genießt die Vorteile der Muse, sieht aber auch den Menschen und begreift, dass er Verantwortung für seine Fähigkeiten trägt.

Lyngx ist Apollinas Wächter und ein Rabe. Anfangs war er ziemlich nervig, weil er Apollinas Fähigkeit unterstützt, obwohl sie das nicht will. Später steht er ihr zur Seite, auch wenn es ihr nicht gut geht. Lyngx ist ein Puffer - er heiterte das Geschehen auf und stellt einen guten Kontrast zu den Menschen dar. Er spricht gern in Zitaten :-)

Für mich hat der Roman ca. 2 Protagonisten, passend dazu 2 Antagonisten mit unterschiedlichen Motiven, einige Helfer der Hauptfiguren und ein paar Nebenfiguren, die nur Berührungspunkte mit den Protagonisten haben und ansonsten "ihr eigenes Ding" machen. Besonderes letztere sorgen immer für Unerwartetes und für viel Humor. Ich finde das Kollektiv gut und effektiv gestaltet, manchmal aber nicht fokussiert genug.


Die Muse - Kreativität und mehr


Musen sind für mich Göttinen der Kreativität und Inspirationsgeberinnen von Künstlern. Zwischen beiden herrscht eine Verbindung, die schwer zu erkären ist und die nicht von Dauer sein muss. Ich dachte, dass Musen existieren, aber keinen Einfluss, keine Macht haben. "Ausgerechnet Muse" widerlegt diese Vorurteile und betrachtet das Thema sehr vielseitig.

Zweiseitige Bindung: Da Musen (meistens) bestimmen können, wer das Tattoo berührt, können sie entscheiden, wessen Muse sie sein wollen. Sie können die Verbindung nicht lösen, aber der Künstler kann die Muse freigeben. Wenn er ihre Kreativität nichtmehr benötigt - oder weil er sie ablehnt. Dadurch kann man den Bund auch einvernehmlich beenden.

Kraft und Gegenkraft: Eine Muse sieht das kreative Potential von Künstlern und kann es entfesseln. Sie macht Menschen Mut. Sie kann die Künstler beschützen, ihre Selbstzweifel festhalten, sie lenken, damit sie in ihrem kreativen Rausch klar sehen können. Eine Muse ist nicht der "schwächere Teil" in der Verbindung. Es gibt sogar Musen, die Künstler ausnutzen, aussaugen und ins Verderben stürzen.

Allerdings benötigt auch die Muse die Energie der Kreativität. Verliert sie ihre Fähigkeit, wird sie wahnsinnig.

[Spoiler]

Als Apollina ihr Tattoo entfernen lässt, kommt sie in einen depressiven Zustand. Sie fühlt sich betäubt, ihre Träume bereiten ihr keine Freude mehr und zum Schluss geht sie zu einem See und überlegt, wie es wäre zu sterben. Mich hat das an die Beschreibung einer Depression erinnert und mir klargemacht: Es geht nicht darum, Großes zu schaffen. Sondern um das Bewusstsein, dass man selbst und seine Umwelt etwas Besonderes ist. Dass alles leuchtet.

[/Spoiler]

Die Kunst: Kunstwerke hängen im Museum und es gibt Action :-)

Ingesamt vermittelt das Buch ein modernes Bild vom Musen-sein und spricht viele Aspekte an. Mir fehlte der Bereich bildende Kunst und stellenweise die Tiefe.

Dramaturgie


Was macht man nach einem Höhepunkt im ersten Drittel? Diese Frage stellte ich mir, denn die Spannung steigt schnell. Bis zum dramatischen Finale dauert es bis zum letzten Drittel und ein Aspekt am Ende wird zu schnell behandelt.

Das Finale ist actionreich, überraschend und einfach filmreif. Sehr gut!

Dennoch fand ich das Buch etwas langatmig. Es gab keine Passagen, die ich gern übersprungen hätte. Aber ich hatte manchmal das Gefühl, nicht schnell voranzuukommen, zu stocken.


Schreibstil


Die Sprache im Buch ist einfach, aber erwachsen. Es gibt keine schicke Jugendsprache, sondern einen "normalen" Stil. Manchmal fand ich die Rhythmik, die Abfolge der Sätze, nicht perfekt, aber naja.

Ich fand es gut, dass der Text nicht übertrieben lustig geschrieben war, sondern mit seinen absurden Figuren besticht.

Fazit


"Ausgerechnet Muse" ist ein Buch, aus dem man viel mitnehmen kann. Es hat eine postive Ausstrahlung und macht Spaß zu lesen und es beleuchtet das Thema vielseitig. Allerdings ist das Buch etwas lang, füllig. Mit etwas mehr Kontrast hätte der Text stärker geleuchtet.

Übriges


Tilly Jones bloggt hat eine Themenwoche zum Buch veranstaltet. Sie hat nicht nur eine Rezi getippt, sondern auch ein Interview mit der Autorin geführt!

Eine schöne Rezi, bei der das Thema "Muse" sehr positiv beleuchtet wird, findet sich bei Rezensioinen mit Herz.

Bei Selinas Kreativlabor gibts Infos zur Gestaltung des Buches und einen Aspekt, der mir nicht aufgefallen ist :-)



Kommentare:

  1. Eine umfassende Buchkritik und mir gefällt, dass du das Buch aus allen möglichen Blickwinkeln beschreibst. Bei deinem Beitrag geht es nicht nur um einen Vorgeschmack oder ein Fazit, viel mehr analysierst du auch die etwas weniger offensichtlichen Aspekte und das gefällt mir.

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