Freitag, 7. Juli 2017

About "Kuntergrau"

Hallo!

Es gibt Dinge, die ich nicht ordnen möchte. Nicht in eine Form pressen will, wenngleich es einfacher konsumierbar ist. Aber wenn ich an die Fast-Schluss-Szene von "Kuntergrau" denke, funktioniert keine Ordnung. Zu stark war der Wirbelsturm, der durch meinen Kopf wirbelte. Zu gut geschrieben war der Höhepunkt zweier Staffeln, die eine sind. Der Reihe nach.


"Kuntergrau" ist in mehrerlei Hinsicht ein interessantes Projekt: Die Serie wurde von schwulen Jugendlichen entwickelt und auch die Darsteller sind schwul. Es gibt im Cast einen professionellen Schauspieler, der Rest sind Laien. Das Projekt wurde nicht gefördert, hat sich aber über die Crowdfounding-Plattform "Indiegogo" und Spenden finanziert.

Jetzt kann man sich die Mini-Serie auf Youtube angucken. Ich finde es toll, dass Menschen eine Serie drehen und kostenlos zur Verfügung stellen. Aus den Making-ofs zu "Wishlist" weiß ich, wie aufwändig eine Serienproduktion ist. Und wenngleich es viele Webserien gibt, bin ich sehr glücklich, dass "Kuntergrau" frei zugänglich ist. Denn ich hatte viel Spaß.

Es ist nicht alles Gold, was gay ist. Bei "Kuntergrau" wird (neben der Attraktivität der Darsteller) vor allem angemerkt, dass nicht alle Darsteller gut spielen und dass Probleme wie das Coming-out und Diskriminierung nicht so stark im Vordergrund stehen. Ich kann das verstehen. Ich finde vom Hauptcast "Jan" und "Noah" toll, nicht so gut gefallen haben mir "Marcel" und "Leo". An manchen Stellen hat mich das geärgert, aber oft stand für mich die Geschichte im Vordergrund.

Das Coming-out von Lukas (?) wird thematisiert, die Diskriminierung im "schwulen" Alltag nicht. Ich mag den Ansatz. Ich finde es wichtig, dass man Queere nicht nur als Menschen mit Problemen in der Gesellschaft zeigt, sondern auch, dass sie ähnliche Probleme wie Heteros haben - der Umgang mit SM, Beziehungsprobleme, Eifersucht, Selbstzerstörung. Gemeinsamkeiten zu suchen finde ich einen schönen Weg, um Akzeptanz zu schaffen.

Allerdings habe ich "erwachsene" Probleme vermisst. "Kuntergrau" beschäftigt sich oft mit Beziehungen und die Protagonisten sind ca. 20 Jahre alt. Ich hätte gern gesehen, wie ältere Schwule leben. Ich denke, der Ansatz "Alltagsleben" hat sehr viel Potential!

Als ich "Kuntergrau" sah, musste ich ständig an "Queer as Folk" denken, weil die Freundschaft der Figuren ein Leitmotiv ist. Dem Vergleich kann "Kuntergrau" nicht standhalten. Die Serie ist ziemlich kurz, daher fehlt Platz. Die einzelnen Handlungsstränge standen im Vordergrund, das Gemeinschaftsgefühl hat darunter gelitten - für mich war die Freundschaft nur selten spürbar, auch wenn die Serie prägnante Momente zeigt. Sehr schön fand ich aber, dass ein Mitglied nicht aus der Clique verstoßen wird, weil es einen Fehler gemacht hat.

Die Details

 

Allgemeines


Die erste Staffel "Kuntergrau" hat 5 Folgen, die ingesamt ca. 63 Minuten laufen, die zweite Staffel hat 4 Folgen, die ingesamt 83 Minuten laufen.

Realisiert wurde die Serie vom Filmteam des anyway, einem Kulturzentrum für homo-, bi- und transsexuelle Jugendliche in Köln.

Handlungsstränge


Jan / Noah: Dieser Handlungsstrang war für mich sehr interessant und er hat nach meinem Empfinden den meisten Raum eingenommen. Jan und Noah führen eine glückliche Beziehung, die schon am Anfang Risse bekommt, weil Jan überlegt, für ein Studium nach Holland zu ziehen. Das größere Problem ist: Noah möchte erniedrigt werden. Was macht man, wenn der Partner auf BDSM steht, aber man selbst nicht? In den romantischen Büchern, die ich gelesen habe, wurde ein Partner an das Thema herangeführt und BDSM (oder ähnliche Formen) wurde zur Erfüllung für beide. Bei "Kuntergrau" ist das nicht so. Jan fühlt sich in der Rolle des dominanten Partners nicht wohl, bekommt von seinen Freunden aber den Ratschlag, es zu probieren. Noah wiederum ist nicht bereit, seine Neigung zu unterdrücken. Obwohl die beiden eine enge Beziehung haben, lässt sich das Thema nicht abschütteln. Ein Machtkonflikt wird deutlich und hat auch mich in seinen Bann gezogen. Ich hatte anfangs Mitleid mit Jan, weil Noah die Beziehung mit seinem Wunsch "zerstört" Später wird klar, dass Noah Verantwortung für die Beziehung trägt, nicht aus Schuldgefühlen, sondern weil er Jan mag.

Interessant fand ich eine Bemerkung, die Noah-Darsteller Daniel Printz in einem Interview mit DBNA äußerte: "Auf der einen Seite steht Noah auf SM und möchte dominiert werden und auf der anderen ist er unglaublich zärtlich und schon fast abhängig von Jans Liebe." Das sehe ich ähnlich.

In der zweiten Staffel baut sich ein weiterer Konflikt auf, der in der Szene mündet, die mich in der Einleitung fesselte.

[Spoiler]

Nachdem Jan Noah bei einer BDSM-Sitzung im heimischen Bett erwischte, trennt er sich von ihm. Und fällt. Er findet einen neuen Freund, ist für diesen jedoch nur eine Affäre. Um sein Gewissen zu beruhigen, gibt er Jan Geld. Anfangs befremdet, bietet sich Jan für Geld im Internet an. Weder seine Freunde noch Noah können ihn davon abhalten. Sein Absturz endet erst, als er von einem Mann gebucht wird, der seinen älteren Freund beim Akt zugucken lassen will. Eine schöne Parallele zu Noah.

Ich finde es toll, dass Jans Weg mit Klischees bricht. Er ist nicht unglücklich, weil er nach der Trennung auf Partys geht und sich durch Köln schläft und feststellt, dass das nicht erfüllend ist. Er war mutig und hat sich getrennt, wird aber von seinem neuen Partner nur als Affäre betrachtet und sogar mit Geld ruhiggestellt. Jan beginnt, sich auf seinen Körper und seinen finanziellen Wert zu reduzieren. Er erniedrigt sich selbst und mit jedem Akt spürte ich als Zuschauer den Schmerz, den er sich zufügt. Wie lange muss man leiden, bis man erlöst wird? Ich weiß nicht, was Jans Wahnsinn stoppt. Ob es die Grenzüberschreitung ist, beim Sex beobachtet zu werden. Oder ob es der Mann ist, der ihm ins Ohr flüstert, dass auch er es nicht genießt, seinem jungen Freund beim Akt mit anderen zusehen zu müssen, weil dieser das toll findet. In der Schlusszene sieht man minutenlang Jans Gesicht, regungslos und angeekelt, während der junge Mann mit ihm "schläft" Grausam anzusehen, toll inszeniert.

In der endgültigen Schlussszene gibt es ein, den Umständen entsprechendes, Happy End.

[Spoiler Ende]

Übrigens: Jan-Darsteller Fabian Freistühler hat mich an Eddie Redmayne erinnert.

Marcel: Diese Figur genießt ihr Leben und schläft gern mit Männern. Er sorgt für viele witzige Momente. Tiefe bekommt seine Figur in der zweiten Staffel, als er sein Geheimnis anspricht. Und einem Mann begegnet, der ihn beeinduckt.

[Spoiler]

Marcel hat HIV, aber gut auf seine Medikamente eingestellt. Trotzdem hat er Angst, dass seine beginnende Beziehung zerbricht. Marcels Partner (?) mag ihn, kann aber nicht mit ihm schlafen. In den Kommentaren unter der Folge wird vermutet, dass der Mann asexuell ist. Die Serie zeigt keinen Grund, aber ich finde die Möglichkeit einleuchtend. Genauso wie beim Thema HIV finde ich es gut, dass die Serie beschreibt, aber nicht extrem deutlich auf das Problem hinweist.

[Spoiler Ende]

Leopold / Lukas: In diesem Handlungsstrang wird die erste (schwule) Liebe erzählt und das Thema "Coming out" aufgegriffen. Während Leopolds Oma entspannt mit seiner Homosexualität umgeht, ist Lukas' Mutter geschockt. Höhepunkt ist ein Gespräch zwischen Oma und Mutter unter Anwendung alkoholischer Flüssigkeiten.

Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Für mich waren sowohl Mutter als auch Oma sehr klischeehaft und ich fand sie nervig. Aus dem Gespräch konnte ich aber viele Gedanken mitnehmen. U.a., dass es auch einer lockeren Oma etwas schwerfällt zu akezeptieren, dass ihr Enkel auf Männer steht. Und dass es der Mutter nicht nur um die sexuelle Orientierung ihres Sohnes geht, sondern auch um dessen Erwachsenwerden. Sie muss loslassen. Ich denke, dass sich die Zuschauer mit diesem Handlungsstrang gut identifizieren können.

Außerdem wird das Thema Eifersucht aufgegriffen, denn es bleibt nicht bei einer Liebe zu zweit.

 

Was hat mir an den Figuren und Handlungen gefallen?


Die Vielseitigkeit. Die Bodenständigkeit. Der Mut, auch ungewöhnliche Themen aufzugreifen.

Die Serie versucht, den Alltag schwuler (junger) Männer zu zeigen, konzentriert sich aber mehr auf die Probleme, anstatt auf die sexuelle Orientierung.

Die Figuren bilden verschiedene Typen ab, mit denen man sich identifizieren kann. "Kuntergrau" überzeichnet manchmal, die geschilderten Probleme sind aber real. Es gefällt mir sehr, dass die Probleme nicht mit Funken und Glitzerstaub in den Vordergrund gerückt werden, sondern die Folgen. Es geht nicht darum, etwas aufzuzeigen, sondern darum, wie man damit umgeht. 


Mir ist aufgefallen, dass es keine nicht-schwulen Freunde innerhalb der Clique gibt, aber ich fand die Figuren so prägnant, dass mich das nicht gestört hat. 

 

Was hat mir nicht gefallen?


Die fehlende Tiefe der Figuren. Ich finde es sehr schade, dass man abseits ihrer Beziehung nichts über die Figuren erfährt. Man weiß nicht, als was Jan oder Lukas arbeiten und leider nicht, was ihre Beziehungen ausmacht. Marcel sieht man bei einer Bank/Versicherung arbeiten, aber das war es. Ich würde die Figuren gern wachsen sehen. Sie beobachten, wie sie Liebe und Beruf vereinen.

Vielleicht fehlte die Zeit, um den Figuren mehr Raum zu geben. Aber ich hätte mich über Details gefreut.

 

Die Erotik


Als ich den Trailer auf Tommys Kanal sah, wusste ich nicht, was mich erwartete. Ich mag Akte, aber ich mag's nicht, wenn sie nur aus Aufmerksamkeits-Gründen eingebaut sind. Dennoch: Ich hatte nicht mit soviel nackter Haut gerechnet.

In "Kuntergrau" sieht man viel nackte Haute, aber nichts Explizites. Die Szenen wirkten auf mich leidenschaftlich und authentisch.

Es gibt keiner Stelle, an der ich die Szenen unnütz fand, aber weniger wäre auch in Ordnung gewesen.

Die Musik


Musik ist Geschmackssache - ich fand sie passend, aber manchmal zuviel. Die Musik in "Kuntergrau" wurde (teilweise) für die Serie komponiert und enthält schönen Gitarrenpop mit Gesang. An vielen Stellen unterstützt die Musik das Geschehen, transportiert sogar Gefühle, die die Bilder und Dialoge nicht darstellen. Ich fand die Lieder, besonders in den Schlusszenen, zu bedeutungsschwer und zu traurig. Es sind schöne Songs, aber .. zuviel für manche Szene.

Die Optik


Die Serie ist schön anzusehen. "Kuntergrau" hat das Niveau eines guten Kurzfilmes, Perspektiven und Ausschnitte fand ich gut gewählt, nur wenige Einstellungen gefielen mir nicht. Man merkt dem Team an, dass es nicht das erste Projekt war.

Außerdem hatten die Macher den Mut, manche Bilder für sich sprechen zu lassen z.B. die Strand-, die Hochhaus- und die Hotelszenen, in denen die Figuren kuschelnd zusammen sitzen. Sie werden nur mit wenigen Dialogen (und Musik...) untermalt.

Fazit


"Kuntergrau" hat mir viel Spaß bereitet. Auch wenn nicht alle Storylines perfekt sind, stimmt die Dramaturgie und die Serie sprichte verschiedene Probleme an. Es gibt viele prägnante Stellen und einige davon haben mich berührt. Dass die schauspielerische Leistung manchmal nicht gut ist und das Freunschaftsmotiv nicht besser eingebaut wurde, ärgert mich. Aber ich würde die Serie noch ein zweites Mal sehen :-)

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